Schiedsrichter im Mittelpunkt der Aggression

von | 27. Dezember 2019

Beschimpfungen und Beleidigungen gegen den Schiedsrichter arten oft auch in Gewalt aus. Foto: Tobias Nico Boccarius

Die Regeln durchsetzen und für Ordnung auf dem Platz sorgen, ist die Aufgabe der Schiedsrichter. Jedes Wochenende finden in Deutschland bis zu 80.000 Fußballspiele statt. Aber immer wieder kommt es dabei zu hässlichen Vorfällen: Schiedsrichter werden nach strittigen Entscheidungen angegangen, beleidigt und sogar geschlagen.

Hannes musste das bereits am eigenen Leib miterleben. Der 23-jährige ist seit 2010 als Schiedsrichter im Amateurfußball im Einsatz. Nach einer gelb-roten Karte versuchte ihn der betroffene Spieler, mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Ein Mitspieler sprang ihm daraufhin in den Rücken. Hannes brach die Partie ab. 

Solche Angriffe wie auf Hannes sind keine Einzelfälle: In der Saison 2018/19 kam es laut dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu 2906 Angriffen auf Schiedsrichter. 685 Spiele mussten aufgrund einer Störung abgebrochen werden.

Störung

Nach jedem Spiel fertigt der Schiedsrichter einen elektronischen Spielbericht an. Hier werden neben Torschützen, Auswechslungen und Karten auch eventuelle Störungen vermerkt. Als Störung zählen Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle. Der DFB definiert diese folgendermaßen:

Als Gewalthandlung sollen Vorkommnisse gemeldet werden, in denen ein Beschuldigter einen Geschädigten körperlich angreift – beispielsweise durch Schlagen, Treten oder Spucken. Auch Versuche sind zu melden. Zudem ist eine Bedrohung als Gewalthandlung zu werten. Das heißt, die gemeldeten Gewalttaten decken das Spektrum von einer Ohrfeige bis zur schweren Körperverletzung ab. Eine Diskriminierung liegt vor, wenn die Menschenwürde einer Person oder Gruppe verletzt wurde. Dies kann durch eine herabwürdigende Äußerung, Geste oder Handlung in Bezug auf Hautfarbe, Sprache, Religion, ethnische Herkunft, Alter, Geschlecht oder sexuelle Identität erfolgen.”

Seit 2014 erfasst der DFB solche Vorfälle in einer eigenen Statistik. Diese zeigt, dass das Problem seit Jahren existiert und nicht gelöst werden konnte: Waren es in der Saison 2014/15 noch 567 Spielabbrüche, stieg die Zahl 2018/19 auf 685. Dazu sei gesagt, dass pro Saison mehr Spiele über den elektronischen Spielbericht erfasst und damit auch mehr Vorfälle aufgedeckt werden. Trotzdem wurde bisher keine Lösung gefunden, um die Anzahl der Vorfälle zu vermindern.

Föderalismus statt Einigkeit

Die Organisation des Amateurfußballs in Deutschland ist föderalistisch geprägt. Der DFB als Dachverband steht über den fünf Landesverbänden Nord, West, Süd, Südwest und Nordost. Diese setzen sich aus 21 Regionalverbänden zusammen, die wiederum in Bezirke beziehungsweise Kreise gegliedert sind, denen die Vereine mit ihren Mitgliedern angeschlossen sind.

Aufteilung der Landesverbände

Norddeutscher Fußballverband (FV)

  • Bremer FV
  • Hamburger FV
  • Niedersächsischer FV
  • Schleswig-Holsteinischer FV

Westdeutscher FV

  • FLV Westfalen
  • FL Niederrhein
  • FV Mittelrhein

Süddeutscher FV

  • Bayerischer FV
  • Badischer FV
  • Südbadischer FV
  • Hessischer FV
  • Württembergischer FV

FRV Südwest

  • FV Rheinland
  • Südwestdeutscher FV
  • Saarländsischer FV

Nordostdeutscher FV

  • Berliner FV
  • FLV Brandenburg
  • FLV Mecklenburg-Vorpommern
  • Sächsischer FV
  • FV Sachsen-Anhalt
  • Thüringer FV

Quelle: DFB

Die Landesverbände sind nicht nur für die Koordinierung von knapp 165.000 Mannschaften in mehr als 25.000 Vereinen pro Woche zuständig, sondern eben auch für den Einsatz von rund 12.700 Schiedsrichtern. Das betrifft auch den Schutz der eigenen Schiedsrichter. Der DFB teilt medienMITTWEIDA auf Anfrage schriftlich mit: Die Zuständigkeit für den Spielbetrieb und das Schiedsrichterwesen fällt in den Verantwortungsbereich des Landesverbandes. Der DFB unterstützt die Landesverbände in beratender Funktion.” Fünf eigenständige Landesverbände können also ihre eigenen Konzepte entwickeln, während der Dachverband nur berät, aber keine eigenen Richtlinien erlässt. 

Der DFB hat das Problem erkannt

Ende Oktober 2019 erschüttert ein weiterer Gewaltfall die Fußballwelt: Bei einem Spiel in der Kreisliga C zwischen der FSV Münster und dem TV Semd zeigt der Schiedsrichter einem Spieler der Heimmannschaft die gelb-rote Karte. Der Spieler schlägt den Schiedsrichter daraufhin nieder, der Referee verliert für kurze Zeit das Bewusstsein und muss anschließend mit einem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus geflogen werden. Der Spieler wird später vom Dieburger Sportgericht für drei Jahre gesperrt, sein Club wird für sechs Monate vom Spielbetrieb ausgeschlossen und muss eine Geldstrafe von 500 Euro zahlen.

In Münster wurde ein Schiedsrichter brutal niedergeschlagen. Video: YouTube/Hessischer Rundfunk

Die Reaktion der Schiedsrichter ließ nicht lange auf sich warten: In Berlin riefen die Referees zum Streik auf, sämtliche Partien unterhalb der Berlin-Liga (5. Liga) eines gesamten Wochenendes wurden abgesagt. Mit-Initiator des Streiks Ralf Kisting warnte im Deutschlandfunk:

Es darf nicht den ersten toten Schiedsrichter geben, bevor sich etwas ändert.

Ralf Kisting
Schiedsrichter im Berliner Fußballverband

Der DFB zeigte sich schockiert über die Vorfälle. Wenige Tage nach der Attacke von Münster schreibt DFB-Präsident Fritz Keller einen offenen Brief an alle Schiedsrichter und verurteilt die Gewalt:

Die zahlreichen Gewalttaten, Respektlosigkeiten und Übergriffe gegen Schiedsrichter auf den Amateurplätzen schockieren auch uns, wir sind bestürzt, fassungslos und betroffen. Jeder Vorfall ist einer zu viel, jede Form von Gewalt ist nicht akzeptabel. Angriffe auf den Schiedsrichter sind Angriffe auf den Fußball. Und das muss, da gibt es keine zwei Meinungen, aufhören!

Fritz Keller
DFB-Präsident

Konkrete Lösungsvorschläge bleiben allerdings aus. Dies ärgert Schiedsrichter wie Hannes. Der offene Brief habe ihn enttäuscht, er habe das Gefühl, der DFB würde das Problem herunterspielen und den Ernst der Lage nicht erkennen, erklärt er gegenüber medienMITTWEIDA. Außerdem erreiche der Brief nur die Schiedsrichter, aber nicht die Täter.

Die Suche nach den Ursachen

Fußball sei das Spiegelbild der Gesellschaft, heißt es so oft. Hier kommen Arm und Reich, unterschiedliche Nationalitäten und Religionen zusammen, denn sie verbindet eines – die Liebe zum Sport. Der Respekt gegenüber Ordnungsinstanzen habe jedoch in der Gesellschaft generell nachgelassen, beklagt Alexander Rabe vom Sächsischen Fußball-Verband gegenüber medienMITTWEIDA: „Respektlosigkeit ist kein Problem, was sich nur im Fußball wiederfindet, sondern in allen Gesellschaftsbereichen. Fragen Sie doch bei Polizeibeamten, Lehrern, Feuerwehrleuten oder Rettungssanitätern nach, was die bei ihren Einsätzen erleben. Das heißt, dass wir auf allen gesellschaftlichen Ebenen dafür kämpfen müssen, dass der Umgang miteinander wieder sozialverträglich wird.“ DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann antwortet auf der DFB-Website fast wortgleich und ergänzt: „Gewalt gegen Schiedsrichter, Spieler oder wen auch immer ist absolut inakzeptabel. Gegen jeden Täter muss konsequent gehandelt und im Schuldfall streng geurteilt werden.“

Wird ein Schiedsrichter angegriffen, landet der Fall vor dem Sportgericht. Hier wird über die Dauer der Sperre verhandelt. Strafrechtliche Konsequenzen drohen dem Täter in der Regel jedoch erst, wenn der Fall zur Anzeige gebracht wird. Zimmermann rät deshalb „bei körperlichen Übergriffen in besonderem Ausmaß den Vorfall bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige zu bringen.“ Rabe sieht das ähnlich: „Zivilgerichte sollten in solchen Fällen ein Zeichen setzen, um die Urteile der Sportgerichte zu untermauern.” Auch Hannes hat Anzeige wegen Körperverletzung erstattet. Der Prozess vor dem Amtsgericht habe ihm geholfen, endlich mit dem Fall abschließen zu können. Die Ursachen für die Gewalt auf die Verrohung der Gesellschaft zu schieben, erscheint zunächst logisch. Allerdings scheint Gewalt gegen Schiedsrichter ein alleiniges Problem des Fußballs zu sein, das in anderen Sportarten kaum bis gar nicht auftritt.

Blick auf andere Sportarten in Deutschland

Die Deutsche Welle hat eine Umfrage unter den größten deutschen Sportverbänden nach dem DFB (7,1 Millionen Mitglieder) durchgeführt. So sieht es in anderen Sportarten aus:

Verband: Deutscher Handball-Bund (DHB)

Mitglieder: 750.000

Schiedsrichter: 20.000

Vorfälle: vereinzelte Beleidigungen, keine Gewaltvorfälle bekannt

 

Verband: Deutscher Volleyball-Verband (DVV)

Mitglieder: 410.000

Schiedsrichter: 56.000

Vorfälle: Der schlimmste” bekannte Fall sei das Bedrängen eines Schiedsrichters im Kabinengang sowie Tritte gegen seinen Koffer gewesen.

 

Verband: Deutscher Basketball Bund (DBB)

Mitglieder: 210.000

Schiedsrichter: 10.500

Vorfälle: vereinzelte Fälle verbaler Entgleisungen, keine Gewaltfälle bekannt

Was tun gegen die Gewalt?

Aber wie kann man die Schiedsrichter im Amateurfußball vor solchen Vorfällen schützen? Hannes sieht einen Ansatz in der Zahl der Schiedsrichter: „Man könnte versuchen, möglichst viele Spiele im Dreiergespann (bestehend aus einem Schiedsrichter und zwei Assistenten – Anm. d. Red.) anzusetzen.“ Dies dürfte jedoch kaum möglich sein: Bereits jetzt kommen im Meisterschaftsspielbetrieb bundesweit auf eine Mannschaft gerade einmal 0,47 Schiedsrichter, im Westdeutschen FV sogar nur 0,37. Viele Spiele im unteren Kinder- und Jugendbereich finden ganz ohne Schiedsrichter statt. Der Sächsische FV wählt trotzdem den Ansatz von mehr Schiedsrichtern pro Spiel, und zwar im Rahmen eines Patensystems: „Junge Schiedsrichteranwärter werden bei ihren ersten Einsätzen von erfahrenen Referees unterstützt und begleitet“, erklärt Rabe gegenüber medienMITTWEIDA.

Am 5. Dezember hat der DFB eine positive Nachricht für seine Schiedsrichter parat: Erstmals wurde zusammen mit den Regional- und Landesverbänden das Thema Gewalt im Amateurfußball in den Mittelpunkt einer Sitzung gerückt. Am Ende des Tages wurden erste konkrete Maßnahmen beschlossen. So sollen Straftaten auf Fußballplätzen stets auch zur Anzeige gebracht und von den zuständigen Behörden konsequent strafrechtlich verfolgt werden. Außerdem soll die Politik ein flächendeckendes Gewaltpräventionsprogramm anbieten, das die Sportvereine in Anspruch nehmen können. Schiedsrichter sollen künftig im Rahmen ihrer Ausbildung an Deeskalationsprogrammen teilnehmen. Für bereits aktive Schiedsrichter sollen bereits bestehende Angebote gebündelt, bekannter und leichter zugänglich gemacht werden.

Hannes geht das noch nicht weit genug: „Zuschauer und Eltern müssen ebenfalls auf dieses Thema sensibilisiert werden. Dies könnte man zum Beispiel erreichen, indem man in den Vereinen Stellen für Sozialarbeiter schafft.“ Trotz der erneuten Vorfälle will er weiter pfeifen: „Ich habe schon mal daran gedacht aufzuhören. Allerdings habe ich das nicht getan, da die Personen, die zuschlagen, sonst gewonnen hätten – weil sie mir das Hobby genommen hätten.“

Text und Titelbild: Tobias Nico Boccarius

Meinung des Autors

Wann ist ein Problem groß genug, um Chefsache zu werden?

Die Problematik der Gewalt im Amateurfußball ist nicht unbedingt neu. Die Zahlen des DFB zeigen, dass seit 2014 die Anzahl der Gewalttaten nicht zurückgeht. Eine Lösung für das Problem wurde nicht gefunden, der DFB verwies stets auf die Zuständigkeit der Landesverbände. Dass Föderalismus nicht zielführend ist, wissen wir bereits aus dem Bildungssystem. Der DFB muss sich also die Frage gefallen lassen, warum er das Problem nicht schon viel früher in die Hand genommen hat. Anscheinend ist es erst jetzt groß genug, um Chefsache zu werden. 

Der offene Brief von Fritz Keller zeigt, wie überfordert der DFB mit dem Thema ist. Statt konkreten Lösungsvorschlägen bringt der DFB-Präsident Stammtischparolen. „Angriffe auf Schiedsrichter sind Angriffe auf den Fußball.” Bravo, dadurch dürfte es jedem Schiedsrichter gleich besser gehen. Die später beschlossenen Maßnahmen sind ein erster Schritt in die richtige Richtung. Allerdings darf der DFB jetzt nicht wieder in alte Muster verfallen und die Umsetzung den Landesverbänden überlassen. Eine bundesweit einheitliche Schiedsrichterausbildung könnte beispielsweise für einheitliche Strukturen sorgen.

Der Amateurfußball lebt vom Ehrenamt. Sowohl die Trainer, Betreuer, Spieler und eben auch die Schiedsrichter betreiben ihre Tätigkeit als Hobby. Es fehlen so schon Schiedsrichter im Amateurbereich, die ständigen Meldungen über Gewaltvorfälle dürften nicht gerade für eine Bewerberflut sorgen. Ohne Schiedsrichter keine Spiele – die Spieler sollten sich also bewusst sein, dass sie mit ihren Aktionen nicht nur den Schiedsrichtern, sondern auch sich und ihrer Mannschaft das Hobby nehmen.