Folge 1: Gab's in der DDR Widerstand gegen die Musikzensur?
Aufstand der Gammler
28.10.09 07:52 Uhr | Es ist der 31. Oktober 1965: Rund 1.000 Menschen demonstrieren in Leipzig gegen das Verbot der Beatmusik. Polizeiketten und Wasserwerfer greifen ein.
Mit einem Kinder-Stempelkasten erstellten Schüler das Flugblatt, das zur Demonstration aufrief. Foto: Richard Kästner

An diesem Sonntag vor über 40 Jahren, versammelten sich in der Leipziger Innenstadt hunderte Beat-Anhänger. Der Kabarettist Bernd-Lutz Lange, der zum damaligem Zeitpunkt zufällig im Zentrum war, erinnert sich gegenüber medien-mittweida.de: "Grün Uniformierte knüppelten auf demonstrierende Jugendliche ein. Die Bereitschaftspolizei der DDR war im Einsatz. Am Markt standen sogar Wasserwerfer, vor deren Einsatz nicht zurückgeschreckt wurde." Der Staatsapparat ging mit voller Härte gegen die größte nicht angemeldete Demonstration seit 1953 vor.

Angefangen hatte alles ganz harmlos. Zwei Abiturienten hatten mit einem einfachen Kinder-Stempelkasten einige Flugblätter angefertigt und in der Stadt verteilt. Sie wollten auf die vermehrte Diskriminierung der Beatkultur aufmerksam zu machen, die mit Gruppen wie den Beatles und den Rolling Stones die jungen Menschen begeisterte. Der Rat des Bezirks in Leipzig hatte 54 lokalen Bands ein unbefristetes Spielverbot erteilt. "Beat-Freunde! Wir finden uns am Sonntag, den 31.10.1965, 10 Uhr Leuschner-Platz, zum Protestmarsch ein", lautete die Botschaft, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten sollte. Zufällig geriet eines der Blätter im Vorfeld der Demonstration in die Hände der DDR-Staatssicherheit. Lehrer der Leipziger Schulen bekamen daraufhin die Anweisung, ihre Schüler ausdrücklich davor zu warnen, am Protestmarsch teilzunehmen. Doch erst dadurch erfuhren die meisten Beatfans von dem geplanten Marsch.

"Westlich infiltrierter Beat"

Dass dem spontanen Aufruf rund 1.000 Menschen folgen würden, war auch Konsequenz des Kurswechsels in der DDR-Jugendpolitik. Der Rat des Bezirks und die Freie Deutsche Jugend (FDJ) hatten gefordert, dem "westlich infiltrierten Beat und den Amateurgammlern" Einhalt zu gebieten. Englische Bandnamen waren plötzlich verboten, bekannte Gruppen wie Klaus Renfts "The Butlers" erhielten ein unbefristetes Auftrittsverbot. "Das Auftreten ihrer Kapelle steht in Widerspruch zu unseren moralischen und ethischen Prinzipien", formulierte die Bezirksleitung ihren Brief an die Band.

Nach jahrelangem kulturpolitischem Aufbruch fürchtete die DDR-Spitze Mitte der 1960er die westlichen Einflüsse auf die sich entwickelnde Jugendkultur. In einem Erlass des 11. Plenums forderte die Staatsführung, die "Gammler" zu stoppen. Offizieller Anlass waren Ausschreitungen am Rande eines Rolling-Stones-Konzertes im September 1965 in Westberlin. Unter fadenscheinigen Gründen verbot die SED in Leipzig daraufhin 54 Beatgruppen, diffamierte ihre Mitglieder und zerstörte eine ganze Szene. Jeden Widerstand dagegen knüppelte die Staatsmacht brutal nieder. Erich Loest beschrieb in seinem Roman "Es geht seinen Gang" die Erfahrungen seines Protagonisten bei der Demonstration 1965 mit den Worten: "Der Feind stand im Westen, die Amerikaner bombardierten Vietnam und nun biss mich einer unserer Hunde"; das Weltbild war erschüttert.

Angst vor der "abnormen" Jugend

Die Sorgen der SED-Funktionäre waren grotesk. Erich Honecker formulierte in einem Bericht zur 11. Tagung des Zentralkomitees der SED: "Hinzu kam eine fehlerhafte Beurteilung der Beat-Musik. Dabei wurde übersehen, dass der Gegner diese Art Musik ausnutzt, um durch die Übersteigerung der Beat-Rhythmen Jugendliche zu Exzessen aufzuputschen. "Lange Haare behinderten den Blick dafür, wie sich die Welt entwickelt. Die Leipziger Volkszeitung überspitzte die Kritik weiter: "Die langen zotteligen Haare, die sie sich als äußere Kennzeichen ihrer Geisteshaltung zulegen, engen ihren Horizont dermaßen ein, dass sie nicht sehen, wie abnorm, ungesund und unmenschlich ihr Gebaren ist", verunglimpfte sie die Anhänger der Beatbewegung.

Bilanz des 31. Oktobers: Die Bereitschaftspolizei verhaftete ohne Vorwarnung 267 Jugendliche, verlud sie sofort auf LKW, 97 wurden ohne Gerichtsverhandlung direkt in den Braunkohle-Tagebau zur Zwangsarbeit geschickt. Viele schufteten dort drei Wochen ohne das Wissen ihrer Eltern. Werner Stolz erinnert sich gegenüber medien-mittweida.de, dass "die Jungs dort hart angefasst wurden. Einer meiner Schulkameraden kam sogar mit gebrochenem Arm zurück." In der Folge forderten Jugendliche immer wieder die Zulassung der Beatgruppen, durch Inschriften auf Straßen und Häuserwänden - erfolglos.

Ressort: Panorama | Themen: DDR, Geschichte, Musik
Richard Kästner
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