Mittweidas Gaststudenten und ihre Kultur
Weihnachten als Fremdwort
03.12.09 08:00 Uhr | In Mitteleuropa ist Weihnachten für die meisten Menschen der Höhepunkt des Jahres. In anderen Teilen der Welt gibt es das Fest dagegen nicht. medien-mittweida.de stellt zwei Gaststudenten der Hochschule Mittweida vor, die andere Traditionen begehen.
Farbenprächtige Umzüge zum Frühlingsfest in China. Quelle: flickr.com, Foto: ajagendorf25
Sema Colak aus der Türkei

"Ich bin sehr interessiert an Weihnachten. Da gibt es viele Lichter und einen Weihnachtsmarkt", sagt Sema Colak, Maschinenbaustudentin aus Istanbul an der Hochschule Mittweida. Für die 23-Jährige ist das Weihnachtsfest eine neue Erfahrung. Traditionen der christlich-abendländischen Kultur, wie sie in Deutschland weit verbreitet sind, werden seit ein paar Jahren auch in ihrer Heimat durchgeführt. Jedoch ohne dem christlichen Hintergrund Beachtung zu schenken, denn in der Türkei sind mehr als 90 Prozent der Einwohner muslimisch. Daher ist das Weihnachtsfest dort häufig nur ein anderer Begriff für Silvester oder Neujahr. An Weihnachten (türkisch: noel) werden in den Metropolen des Landes Kaufhäuser, Restaurants und Bars mit Weihnachtsbäumen, Lichterketten, Sternen, Kerzen und Figuren geschmückt. Internationale Weihnachtsmusik schallt in den Touristenhochburgen des Landes aus den Lautsprechern. Der 24. Dezember ist für Sema aber eigentlich ein ganz normaler Tag wie jeder andere.

"Ramadan" in Mittweida

Sema Colak
Sema Colak (Foto: privat)
Für muslimische Familien ist der Fastenmonat "Ramadan" (türkisch: Ramazan) der Höhepunkt im islamischen Kalenderjahr. Während der Fastenzeit darf von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts gegessen oder getrunken werden – schon gar kein Alkohol. Der Ramadan fand in diesem Jahr von Mitte August bis Mitte September statt. Für Sema war diese Zeit besonders schwierig, denn sie war bereits in Deutschland. Sie stand jeden Morgen um 4 Uhr auf, um etwas zu essen. Allerdings fand sie im deutschen Supermarktangebot zuerst nicht die geeigneten Brötchen, die sie für den Rest des Tages satt machen konnten.

Den Tag über dürfen Muslime dann nur stilles Wasser trinken - ohne jegliche Geschmacksnoten und ohne Kohlensäure. Zur korrekten Einhaltung der Fastenzeiten musste Sema außerdem die Sonne sehen, um nicht versehentlich schon vor Sonnenuntergang zu essen. Die Wetterlage ließ auch das zum Problem für die Studentin werden, denn der Himmel war oft mit Wolken verhangen. "Es war wirklich hart, dieses Jahr Ramadan zu begehen", sagt Sema. Am Abend darf dann aber geschlemmt werden, zum Beispiel "Hurma". Das sind die Früchte der Dattelpalme. Gerade um die Weihnachtszeit herum liegt dieses süße Trockenobst auch in den Regalen deutscher Supermärkte. Es ist traditionell die Vorspeise eines jeden Abendessens an Ramadan, danach gibt es Oliven, Suppen, Reis, Bohnen, Geflügelfleisch und als Nachtisch Obst.

Zuckerfest und Opfergabe

Während des Fastenmonats, der sich jedes Jahr um circa einen Monat im islamischen Kalenderjahr verschiebt, besuchen Sema und ihre Familie normalerweise Freunde und Bekannte, es gibt kleine Geschenke und gläubige Muslime gehen in die Moscheen, um zu beten. Im Verlauf des Ramadan findet auch das "Zuckerfest" (türkisch: Seker Bayrami) statt. Süßspeisen, Bonbons und Zucker werden traditionell großzügig verteilt. "Das ist gut, um an Ramadan selbst nicht so viel ans Essen zu denken", sagt Sema und spielt damit auf die Versuchung an, der Muslime bei Tag widerstehen müssen.

Am Montag dieser Woche ging das viertägige islamische Opferfest "Kurban Bayrami" zu Ende. Jeder Moslem sei in diesen Tagen bestrebt, Streitigkeiten beizulegen, sagt Sema. Kühe oder Schafe werden geschlachtet und an Ärmere oder Verwandte verteilt. Ein großer Fauxpas wäre es hingegen, Geld zu verteilen, denn das ist nicht im Sinne des islamischen Glaubensfestes. Sema bedauert es sehr, dieses Jahr während des Opferfestes nicht in Istanbul bei ihrer Familie sein zu können. Durch Telefonate mit ihrer Familie weiß sie, dass ihr Onkel auch dieses Jahr wieder einen Ochsen geschlachtet hat.

Yi Fang aus China

Yi Fang
Yi Fang (Foto: privat)
Der 23-Jährige Yi Fang aus Peking, seit 2007 Informatikstudent an der Hochschule Mittweida, vertreibt sich die vorlesungsfreie Zeit über die Weihnachtsfeiertage hier in Deutschland mit ein paar Freunden. Für ihn ist diese Zeit kaum von Bedeutung, denn viele Chinesen sind buddhistisch und feiern somit kein Weihnachtsfest. Unter den jungen Leuten wird dieser westliche Feiertag jedoch zunehmend populärer, obwohl er in ihrer Heimat ein ganz normaler Arbeitstag ist. In den großen Metropolen des Landes sind Weihnachtsmänner (chinesisch: Shengdan Laoren) und künstliche Weihnachtsbäume, die mit blinkenden Lichtern überhäuft sind, längst kein seltener Anblick mehr. In Yis Kultur stellt aber ein anderes Fest den Höhepunkt des Kalenderjahres dar: das Frühlingsfest.

Silvester auf Chinesisch

Nach dem alten chinesischen Kalender ist der 14. Februar 2010 der letzte Tag des alten Jahres. Mit einem pompösen Feuerwerk wird in der Nacht zum 15. Februar dann das neue Jahr begrüßt. Tausende Menschen verfolgen das Spektakel auf dem "Platz des himmlischen Friedens" in Peking. Yi und seine Familie lassen ebenfalls jedes Jahr Raketen in die Luft steigen und machen, wie viele chinesische Familien in dieser Nacht, ihr ganz eigenes Feuerwerk. Kurz zuvor befestigen sie noch das chinesische Zeichen für Glück an ihrer Haustür, denn das neue Jahr soll ein glückliches für Familie und Freunde werden. 2010 ist in China das so genannte "Jahr des Tigers". Am Neujahrstag selbst ist es in Yis Familie dann Tradition, im Kreise der Verwandten zu feiern, mit Fleisch und Gemüse gefüllte Teigtaschen, sogenannte "Frühlingsrollen", zu essen und dazu Reiswein zu trinken. Auch Karaoke ist in China an diesen Festtagen sehr beliebt.

"Unser Frühlingsfest ist wie Weihnachten"

Das chinesische Frühlingsfest schließt sich an den Neujahrstag an und dauert etwa eine Woche lang. "Dann ist in China Pause", sagt Yi. Schulen und Universitäten bleiben für etwa drei Wochen geschlossen. "Am Frühlingsfest sollte man nicht nach China fliegen. Da ist es nicht sehr interessant für Ausländer", sagt Yi im Hinblick auf das traditionelle Erlöschen des öffentlichen Lebens in dieser Zeit. Für ihn ist das Frühlingsfest sehr wichtig, denn dann besucht er zusammen mit seinem Bruder und seinen Eltern Freunde und Verwandte. "Vor zwei Jahren hatte ich eine Prüfung während des Frühlingsfests", bedauert Yi. So konnte er nicht nach Peking fliegen.

Auch dieses Jahr wird es ihm wieder so ergehen. Er tröstet sich damit, die farbenprächtigen Umzüge, die anlässlich der chinesischen Feiertage in Peking stattfinden, am Fernseher mitzuverfolgen. Ein typisch chinesisches Lied in diesen Tagen ist "Ai wo zhong hua" – "Ich liebe China". Außerdem gibt es zum Frühlingsfest kleine Geschenke, wie zum Beispiel Bonbons, Obst oder das beliebte "Frühlingsfestgeld" (chinesisch: ya sui qian"), das die Großeltern traditionell an ihre Enkelkinder verschenken. Auch Yi und sein Bruder erhalten jedes Jahr dieses Geld von ihren Großeltern. Yi hat sich in über zwei Jahren Studium in Deutschland an die Kultur hierzulande und die Traditionen gewöhnt. Für ihn ist Silvester in Mittweida aber immer noch ungewohnt.
Ressort: Campus | Themen: Hochschulleben, Kultur, Weihnachten
Diana Ruder
Über den Autor:
Name:
Diana Ruder
Studiengang:
Medienmanagement 2008


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