Über Hürden zum Ziel

von | 24. April 2020

Reichen gute Noten und Fleiß für den Traumberuf? Titelbild: Christin Post

„Dafür brauchst du aber einen Abischnitt von 1,0.“ So schätzen das wohl viele ein. Doch es gibt verschiedene Optionen, die den Sprung ins Medizinstudium ermöglichen. Insbesondere bei der Zulassung zu diesem Studiengang verändert sich momentan vieles. Nina, Jasmin und Felix befinden sich an ganz verschiedenen Abschnitten auf ihrem Weg zum Traumberuf. Nina studiert im zweiten Semester Humanmedizin in Rostock. Jasmin hingegen studiert in Ungarn und beginnt im Sommer ihr Praktisches Jahr während Felix vor Beginn des Studiums den Abschluss seiner Ausbildung zum Notfallsanitäter anstrebt. Für alle drei war und ist eine genaue Prüfung der jeweiligen Voraussetzungen wichtig, um mit den richtigen Erwartungen in die Bewerbungsphase und das Studium zu gehen.

Nina will Ärztin werden. Als sie nach einem Sturz vom Pferd ins Krankenhaus musste und gesehen hat, wie Ärzte und Schwestern handelten, war sie fasziniert. Da war sie fünf Jahre alt. Als sie 14 war, verstarb ihre Oma an Hautkrebs. Damals fand Nina es schrecklich, zu sehen, dass die Ärzte irgendwann nichts mehr für sie tun konnten. Heute findet sie es wichtig, zu verstehen, dass der Körper nicht bis zum Äußersten künstlich aufrechterhalten werden kann. In der neunten Klasse schließlich absolvierte sie ihr Schülerpraktikum im Krankenhaus auf der Kinderstation, in der sie bereits als Fünfjährige lag. Sie hat die Angst bei den Kindern und Eltern gesehen und wollte ihnen diese nehmen: „Nach dem Praktikum war für mich alles klar. Ich wollte Ärztin werden und helfen, wo es nur geht.“

Diesen oder einen ähnlichen Wunsch hatten im Wintersemester 2019/20 laut Hochschulstart knapp 55.400 Bewerber in den Studiengängen Medizin, Tiermedizin, Zahnmedizin und Pharmazie. Knapp 41.800 Bewerber davon im Studiengang Medizin. Die Zahl der Studienplätze lag in dieser Fachrichtung bei knapp 9.500. Somit kamen auf jeden Studienplatz gut vier Bewerber. Nur elf Prozent der Studierenden brechen ihr Medizinstudium laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) ab. Die Abbruchrate in einem Bachelorstudium über alle Fächergruppen und Hochschularten hinweg liegt durchschnittlich bei 29 Prozent.

 

Quelle: Hochschulstart

Glossar

AdH: Dahinter steckt das Auswahlverfahren der Hochschulen. Über dieses Zulassungsverfahren werden 60 Prozent der Studienplätze vergeben. Dabei kann jeder Studienstandort verschiedene Kriterien vorgeben und diese unterschiedlich wichten. Für die genauen Regelungen sollte man sich direkt bei der jeweiligen Universität informieren.

Approbation: Hierbei geht es um die staatliche Bestätigung/Zulassung, um zum Beispiel als Arzt tätig sein zu dürfen.

HAM-Nat: Beim „Hamburger Naturwissenschaftstest“ handelt es sich um einen Studierfähigkeitstest. Dieser kann beliebig oft wiederholt werden, ist jedoch nur für die Bewerbung an wenigen Standorten relevant.

Hochschulstart: Hierbei handelt es sich um eine Serviceplattform der Stiftung für Hochschulzulassung (SfH). Über hochschulstart.de läuft die Koordinierung von Bewerbungen für grundständige Studiengänge und die zentrale Vergabe von bundesweit zulassungsbeschränkten Studienplätzen in den Fächern Humanmedizin, Tiermedizin, Zahnmedizin und Pharmazie.

NC: Für bestimmte Studiengänge existieren nur eine begrenzte Anzahl von Studienplätzen – sie unterliegen einer Zulassungsbeschränkung. Der Numerus Clausus ergibt sich aus dem Verhältnis der zu vergebenden Studienplätze und der Bewerberanzahl. Er bezeichnet die Abiturdurchschnittsnote des schlechtesten Bewerbers, der im Jahr zuvor noch einen Studienplatz erhalten hat. Umgangssprachlich wird er oft mit der Abiturdurchschnittsnote gleichgesetzt.

TMS: Der „Test für medizinische Studiengänge“ ist ein Studierfähigkeitstest, der insbesondere das Verständnis für medizinische und naturwissenschaftliche Problemstellungen prüft. Der Test ist bundesweit identisch, kann jedoch nur einmal abgelegt werden. Das Ergebnis kann im Auswahlverfahren der Hochschulen berücksichtigt werden – der Umfang der Anrechnung variiert jedoch.

Ninas Wunsch stand früh fest. Deshalb hat sie bereits in der Oberstufe gezielt Leistungskurse gewählt, die bei der Bewerbung für das Medizinstudium vorteilhaft sein können: „Die Zeit des Abiturs war anstrengend und stressig. Ich musste immer zu 100 Prozent bei der Sache sein, schlechte Noten konnte ich mir kaum erlauben. Letztlich habe ich einen Abischnitt von 1,3 erzielt. Trotzdem war die Wunschuni erstmal passé.“

Das alte und das neue Auswahlverfahren

Tatsächlich brauchte man letztes Jahr eine Durchschnittsnote von 1,0 in 14 Bundesländern, um überhaupt die Chance zu haben, über die Abiturbestenquote aufgenommen zu werden. Die Bewerbung für das Medizinstudium erfolgt über Hochschulstart. Ende 2017 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass das bisherige Aufnahmeverfahren teilweise verfassungswidrig ist. Bis dato wurden 20 Prozent der Studienplätze über die Abiturbestenquote vergeben und weitere 20 Prozent über die Wartezeit. 60 Prozent der Studienplätze wurden über das Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) vergeben. Das Urteil sieht einige Veränderungen vor, die insbesondere die Wartezeitregelung, die Durchschnittsnote, das AdH und die Ortspräferenzen betreffen.

Nach Art. 12 Abs. 1 Satz 1 in Verbindung mit Art. 3 Abs. 1 GG haben jede Studienplatzbewerberin und jeder Studienplatzbewerber ein Recht auf gleiche Teilhabe an staatlichen Studienangeboten und damit auf gleichheitsgerechte Zulassung zum Studium ihrer Wahl.

Bundesverfassungsgericht

Leitsatz zum Urteil vom 19. Dezember 2017

Im Zuge dessen hat sich die Kultusministerkonferenz auf den Entwurf eines zwischen den Ländern zu schließenden Staatsvertrags verständigt. Er ist im Dezember 2019 in Kraft getreten. Ab dem Sommersemester 2020 werden nach Abzug der Vorabquoten 30 Prozent über die Abiturbestenquote vergeben. Sie gibt laut Kultusministerkonferenz Aufschluss über allgemeine kognitive Fähigkeiten und persönlichkeitsbezogene Kompetenzen wie Motivation, Fleiß und Arbeitshaltung. Aufgrund der Dauer und des weiten Spektrums der Bewertung wird ihr eine hohe Prognosekraft für den Studienerfolg attestiert.

Über das AdH werden wie gehabt 60 Prozent der Plätze vergeben. Hierbei gibt es einen Katalog mit schulnotenabhängigen und -unabhängigen Auswahlkriterien, der durch das jeweilige Landesrecht konkretisiert wird. Das bisherige „Kriterienerfindungsrecht“ hatte das Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig erachtet. Folglich ist es den Hochschulen künftig untersagt, eigenständig weitere Kriterien für die Zulassung zu erfinden. Außerdem soll der Durchschnittsnote keine alleinige Berücksichtigung mehr zukommen. 

Neu eingeführt wird eine Eignungsquote, über die zehn Prozent der Studienplätze vergeben werden. Für die Auswahl kommen hier nur schulnotenunabhängige Kriterien in Betracht. Die bisherige Wartezeitquote hingegen wird abgeschafft. In einer Übergangsphase von zwei Jahren wird die Wartezeit bei der Eignungsquote berücksichtigt. Viele Betroffene sehen das kritisch. Besonders Langzeitwartende sind besorgt, dass sie nicht mehr alle Wartesemester angerechnet bekommen. Wesentliche Änderungen sind seit diesem Sommersemester in Kraft getreten. Jedoch bleibt zu beachten, dass sich aufgrund von Übergangsregelungen und individuellem Landesrecht – etwa mit einhergehenden Unterquoten – kaum eindeutig sagen lässt, wann genau alle Neuerungen in Gänze zum Tragen kommen.

Für Nina starteten die Bewerbungen im Sommer 2018, nachdem sie für zehn Monate im Ausland war. Allerdings liefen diese zunächst nicht erfolgreich ab. „Den HAM-Nat Test habe ich dreimal geschrieben und wurde auch immer besser, aber gereicht hat es dennoch nicht. Mit jeder Absage platzt natürlich immer wieder ein Stück vom Traum.” Zu den Tests kamen mehrere Vorbereitungs- und Medizinerkurse, die zeit- und kostenintensiv waren. Nebenbei ging Nina arbeiten und wurde finanziell zusätzlich von ihrer Familie unterstützt. Im Mai 2019 schrieb sie den TMS und schnitt gut ab, sodass ihr Abischnitt auf 1,1 aufgewertet wurde. Schließlich hat sie sich erfolgreich in Rostock beworben und studiert dort seit dem Wintersemester 2019/20.

Nina über den Stress während ihrer Bewerbungszeit

„Natürlich liegt noch der Großteil des Studiums vor mir und ich bin für alles offen, aber ich kann es mir sehr gut vorstellen, mich später als Landärztin mit einer eigenen Praxis in meiner Heimat niederzulassen. Ich möchte mir in jedem Fall die Option offenhalten, unabhängig vom Krankenhausbetrieb tätig zu sein.“

Nina

„Der Aufwand hat sich für mich trotz des holprigen Weges absolut gelohnt. Das Studium stellt einen immer wieder vor Herausforderungen, aber wenn man es wirklich möchte, dann sollte man an seinem Traum festhalten. Wenn ich während meiner Praktika meinen späteren Alltag beobachte, freue ich mich wirklich darauf und ich würde meinen Weg immer wieder so wählen.“

Foto: privat

Ärzte aufs Land holen

Für angehende Landärzte kann die gebietsweise bereits eingeführte „Landarztquote“ interessant werden. Sie ist Teil des „Masterplan Medizinstudium 2020“, der bereits im Koalitionsvertrag von 2013 Erwähnung fand und sich mit der Reform des Medizinstudiums beschäftigt. Unter anderem sollen die Praxisnähe, die soziale Kompetenz und die Allgemeinmedizin gestärkt werden. Den Ländern wird es außerdem ermöglicht, die bereits angesprochene Landarztquote einzuführen. Bis zu zehn Prozent der Medizinstudienplätze können vorab an Bewerber vergeben werden, die sich verpflichten, nach Abschluss des Studiums in der hausärztlichen Versorgung in unterversorgten ländlichen Regionen tätig zu sein. Nordrhein-Westfalen hat zum Wintersemester 2019/20 als erstes Bundesland eine Landarztquote eingeführt. In weiteren Bundesländern wurde eine Einführung bereits beschlossen.

Auch Jasmin möchte nach dem Ende ihres Medizinstudiums als Ärztin auf dem Land bleiben. Anders als Nina hat sie sich bereits über ein Stipendium dazu verpflichtet. Jasmin entdeckte nach dem Abitur das Stipendienprogramm der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen und bewarb sich erfolgreich. Mittlerweile studiert sie im zehnten Semester in Pécs, im Süden Ungarns. Im Sommer beginnt sie ihr Praktisches Jahr. „Ich studiere deshalb in Ungarn, weil mir dort über das Stipendium die Studiengebühren bezahlt werden. Mit meinem Abischnitt von 2,3 hätte ich in Deutschland wahrscheinlich sehr lange warten müssen, in Ungarn spielt dieser Schnitt eine untergeordnete Rolle. Ich finde insgesamt, dass diese Durchschnittsnote nicht aussagekräftig ist, was die Motivation oder Befähigung zum Medizinstudium angeht. Die Approbation nach dem Studium ist dann problemlos möglich, da das Curriculum hier dem deutschen sehr ähnlich ist.“

Laut der Bundesärztekammer sind die Approbationsbehörden der jeweiligen Bundesländer die zuständigen Stellen für den Berufszugang. Diese prüfen die Gleichwertigkeit von Ausbildungsnachweisen, die im Ausland erworben wurden. Weiterhin heißt es: „Staatsangehörige eines Mitgliedsstaats der Europäischen Union, des sonstigen Europäischen Wirtschaftsraums und der Schweiz (…) dürfen eine ärztliche Tätigkeit in Deutschland aufnehmen, nachdem sie von der Approbationsbehörde des Bundeslands (…) die Approbation als Arzt/Ärztin auf Antrag erhalten haben.“

Jasmin sieht im Auslandsstudium große Vorteile: „Ich lerne hier eine ganz andere Kultur kennen und schließe internationale Freundschaften. Die Entfernung kann natürlich problematisch werden, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Außerdem verbinde ich Ungarn mit Fleiß und Lernen – Zuhause klappt das nicht so gut. Vorteilhaft für mich ist hier auch, dass die Inhalte auf Deutsch vermittelt werden.“

Jasmin

Ich habe es überhaupt nicht bereut, für mein Studium nach Ungarn gegangen zu sein. Die Zeit hier hat mich einiges gelehrt und das Studium und dessen Inhalte sind wirklich sehr gut. Ein Medizinstudium erfordert viel Fleiß und Disziplin, aber auch dahingehend spüre ich in Pécs einen großen Zusammenhalt.”

Foto: privat

Einen anderen Weg geht Felix. Er macht momentan eine Ausbildung zum Notfallsanitäter und wird diese voraussichtlich im September abschließen. Danach möchte er Medizin studieren. „Mein Abischnitt liegt bei 2,1. Ich habe mich über die Aufnahmekriterien eines Medizinstudiums erkundigt und bewusst entschlossen, die Ausbildung zu machen. So sammle ich Pluspunkte außerhalb des Notenspektrums und gehe mit einer umfassenden Vorbereitung ins Studium. Denn ich will mir sicher sein, dass ich den Beruf für den Rest meines Lebens ausüben möchte und deshalb investiere ich die drei Jahre Ausbildung gerne. Außerdem schaffe ich so eine finanzielle Grundlage für das Studium und wenn es dann soweit ist, kann ich nebenbei geringfügig beschäftigt Geld verdienen.“ Felix erhofft sich bei Anrechnung der Ausbildung einen Vorteil im AdH – auch weil er dann einen Wissensvorsprung in medizinischen und rechtlichen Grundlagen ausspielen kann: „Letztendlich bleibt die Aufnahme ein Wettstreit unter den Bewerbern, der auch durch die begrenzte Kapazität verschärft wird.“

„Es braucht mehr Studienplätze“

Felix ist der Auffassung, bei der Auswahl der Studierenden müssten viele Faktoren eine Rolle spielen: „Am allerwichtigsten finde ich die hochschuleigenen Auswahlverfahren, denn nur so können persönliche Gespräche stattfinden, die Teamfähigkeit, die psychische und physische Belastbarkeit und sogar Fertigkeiten wie Nähen oder Intubieren sowie wirtschaftliches und strategisches Geschick geprüft werden.“ Felix findet, in Deutschland gibt es zu wenige Ausbildungsplätze für Ärzte: „Bewerber gibt es viele. Es mangelt an der Kapazität.“

So sieht das auch der ehemalige Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Der Zuwachs an Ärzten sei zu gering, um den künftigen Bedarf zu decken. „Wenn die Politik nicht endlich mit mehr Studienplätzen in der Humanmedizin gegensteuert, wird der demografische Wandel zu erheblichen Engpässen bei der gesundheitlichen Versorgung führen.“ Wilhelm Achelpöhler, Rechtsanwalt für Hochschulrecht, äußerte sich in einem Spiegel Interview – auch hinsichtlich der Neuerungen im Aufnahmeverfahren – wie folgt: „Das Verfahren wird ein wenig gerechter und transparenter. Am Grundproblem, dass in Deutschland ein eklatanter Mangel an Medizinstudienplätzen herrscht, ändert sich jedoch nichts.“

Felix

„Ich bin sehr froh, diese Ausbildung zu durchlaufen, weil ich lerne, im Team zu arbeiten und für andere Menschen Verantwortung zu tragen, denn neben medizinischem Wissen sind das später wichtige Fertigkeiten. Ich fühle mich in meinem Wunsch, Arzt zu werden, bestätigt. Ich hoffe, dass ich in diesem Jahr meine Ausbildung abschließe und mein Studium antreten kann.“

Foto: privat

Text: Kim Lu Kutschbach, Titelbild: Christin Post, Grafik: Maria Marle