Breitbandausbau

Schnelles Internet kommt nur langsam in Fahrt

von | 2. Dezember 2018

Schnelles Internet ist in Deutschland nicht überall selbstverständlich. Besonders ländliche Regionen haben damit Probleme. Betroffene Personen erzählen von ihren Erfahrungen mit dem Breitbandausbau.

Langsame Ladezeiten, stockende Musik, ruckelnde Videos. Wer denkt, das sind Netz-Phänomene der Nullerjahre, täuscht sich: Gerade in ländlichen Regionen ist das oft noch lästiger Alltag vieler Internet-Nutzer.

Stille. Nur der Wind rauscht durch die Bäume, am Waldrand ein Reh. Hier, im kleinen Dorf Pechtnersreuth, einen Steinwurf entfernt von der tschechischen Grenze, gibt es mehr Vieh als Einwohner. Idylle, Natur pur. Abgeschnitten von der digitalen Außenwelt – klingt romantisch, ist für Landwirt Josef Eckert aber ein großes Problem. Denn die Internetanbindung ist schlecht, nur knapp zwei Megabit pro Sekunde (Mbit/s) kommen an. Nicht zeitgemäß, aber Eckert nimmt es mit Humor. „Für uns ist das schon eine Errungenschaft.“ Denn bis vor kurzem – vor dem Wechsel des Anbieters – sei die Geschwindigkeit noch geringer gewesen, und instabil. „Ohne Internet geht in der Landwirtschaft gar nichts mehr“, erklärt Eckert und fügt an: „Anträge, Geburten und Abgänge von Tieren.“ Das alles müsse gemeldet werden. „Da gibt’s kein Formular mehr auf Papier.“

Josef Eckert ist einer von vielen Leidtragenden, wenn es um eine lahme Internetverbindung geht. In Bayern lag laut Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur die Breitbandverfügbarkeit mit mindestens 50 Mbit/s bei 80 Prozent aller Haushalte (Stand: Ende 2017). Im Vergleich zu anderen Bundesländern liegt der Freistaat im Mittelfeld. Allgemein steigt die Tendenz zur flächendeckenden Verfügbarkeit eines Breitbandanschlusses. Grund dafür ist die staatliche Förderung, die Landkreisen und Kommunen beim Ausbau unter die Arme greifen soll. „Seit 2016 haben wir Fördermittel in
Höhe von 3,5 Milliarden Euro an Landkreise und Kommunen bewilligt“, so Verkehrsminister Andreas Scheuer auf der Website seines Ministeriums. Bei den Kommunen angekommen sind laut einer Regierungsantwort auf eine kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen nur gut 26,6 Millionen Euro, davon in Bayern gut 7,8 Millionen. Scheuer sichert für das Jahr 2018 eine weitere Milliarde Fördergelder zu. Und verspricht für die Zukunft eine noch einfachere Antragstellung und zügigere Zusagen.

Am untersten Rang des bürokratischen Aufwands

Der Bürgermeister der Stadt Waldsassen, Bernd Sommer, konnte schon Erfahrungen mit dem Breitbandausbau sammeln. Das Antragsverfahren habe sich in dieser Legislaturperiode vereinfacht und sei „am untersten Rang des bürokratischen Aufwands“, so Sommer. Der Grund für den schleppenden Ausbau sei nämlich gar nicht die Antragstellung oder eine zögerliche Bewilligung der Mittel. „Alle Gemeinden haben fast zeitgleich ihre Anträge gestellt und jetzt kommen die Baufirmen nicht hinterher. Man braucht also nicht den falschen Schluss ziehen, dass nichts passiert.“

Gerade die Anwohner rund um Waldsassen hatten bislang noch keinen schnellen Zugang ins Netz. „Wir sind dabei, die Dörfer anzuschließen – teilweise sogar mit Glasfaser bis ins Haus.“, erzählt Sommer stolz. Jedes Dorf, jeder Weiler, beispielsweise auch Pechtnersreuth, habe dann eine ausreichende Versorgung. „Das heißt mit mindestens 30 Mbit pro Sekunde. Ein Traum!“, bewertet Sommer diese Entwicklung mit einem Augenzwinkern – besonders für jene, die „momentan noch mit Modem arbeiten“.

Die Fertigstellung war eigentlich für Ende Juni geplant. Doch der Bürgermeister fordert Geduld: „Die Umsetzung draußen im Graben, am Schaltschrank läuft, die kommen einfach nicht hinterher.“ Das sei auch der Grund, warum die Geldmittel nicht abgerufen sind, schlussfolgert Bernd Sommer mit Blick auf die kleine Anfrage der Grünen im Mai diesen Jahres. In Waldsassen wurden 90 Prozent des 750.000 Euro-Projekts gefördert, die restlichen 10 Prozent trägt die 7000-Einwohner-Stadt. „Breitband ist nunmal eine der Hauptinfrastrukturmaßnahmen. Ohne ausreichende Anbindung bekomm’ ich heute nicht mal mehr ein Baugebiet verkauft“, begründet Bernd Sommer die Entscheidung.

Bürgermeister Bernd Sommer kennt die Gründe für den verzögerten Ausbau der Breitbandversorgung. Foto: Johannes Zrenner

Breitbandziel 2025

Bereits seit 2009 setzt sich die Bundesregierung Ziele zum Ausbau der Breitbandversorgung – und verschiebt diese fast jährlich weiter nach hinten. Das EU-weite Ziel, bis 2025 flächendeckend Geschwindigkeiten von bis zu einem Gigabit pro Sekunde zu erreichen, sei in Deutschland mit den aktuell benutzen Technologien „wahrscheinlich nicht zu verwirklichen“, heißt es in einem Prüfbericht des Europäischen Rechnungshofes. Nach Ansicht der EU-Rechnungsprüfer droht Deutschland sogar, den Anschluss zu verlieren. Denn hierzulande setze man nicht auf reine Glasfasertechnologie, sondern weitestgehend auf bestehende Kupfertelefonleitungen und das sogenannte Vectoring, kritisieren die Prüfer.

Der Vorteil bestehe darin, dass es kostengünstiger ist als die Errichtung neuer Infrastruktur. Es gebe jedoch auch Grenzen: die beworbene Geschwindigkeit gelte nur bei einer begrenzten Anzahl von Nutzern: je mehr Nutzer verbunden sind, desto geringer ist die Geschwindigkeit. Und die Vectoring-Technologie sei eine kurzfristige Lösung. Sie ist nicht so zukunftssicher wie Glasfaser und Koaxialkabel. Im internationalen Vergleich liegt die Breitbandversorgung Deutschlands zwar im europäischen Durchschnitt. Bei der Verbreitung reiner Glasfaserverbindungen aber hängt Deutschland deutlich hinterher, so eine aktuelle Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Laut Spiegel Online gelte die Telekom als mächtigster Befürworter der Technologie.

„Der Kupfer-Schmu der Deutschen Telekom“, so titelte bereits 2016 welt.de: Kritisiert wurde jenes Unternehmen, das der Politik die veraltete Kupfertechnik als Hightech-Produkt verkauft hatte. Das Angebot: Millioneninvestitionen in den Breitbandausbau der ländlichen Räume gegen ein Monopol für die Kupferkabel. Die Politik sei gegenüber der Telekom eingeknickt, aus Zeitnot. Denn die Bundesregierung hatte sich ein Ziel gesetzt: Bis 2018 sollte jeder Haushalt einen Internetanschluss mit einer Geschwindigkeit von mindestens 50 Megabit pro Sekunde erhalten können. Die Zeit wurde knapp – und das Breitbandziel 2018 erneut nach hinten verschoben.

Ein kleiner Ort als Vorreiter

Anders in der Gemeinde Neualbenreuth. Mit knapp 1400 Einwohnern sei sie eine der Ersten gewesen, die schnelles Internet bekommen habe, triumphiert Bürgermeister Klaus Meyer stolz. Aktuell werden vereinzelt sogar Haushalte direkt mit Glasfaser versorgt, nicht nur mit Kupferleitung und Vectoring-Technologie. Aus Kostengründen. „Das ist billiger, als für drei Haushalte einen Kabelverzweiger aufzustellen“, erklärt der Bürgermeister. Der koste nämlich 30.000 Euro. Und Strom. Und Wartung.

Alles habe super funktioniert, die Neualbenreuther sind in der dritten Ausbaustufe. Aber auch hier geriet der Ausbau ins Stocken – wohl aus dem gleichen Grund wie in Waldsassen und auch anderswo. Der Termin für die Fertigstellung in der Gemeinde Neualbenreuth war bereits Ende November vergangenen Jahres. „Wir kämpfen jetzt, dass die vertraglich versprochene Fertigstellung vollzogen wird“, erzählt Klaus Meyer und fügt an: „Wir haben die Telekom verklagt.“ Denn er weiß: Schnelles Internet ist ein Standort-Faktor. „Das ist entscheidend, ob sich Menschen oder Unternehmen ansiedeln.“

Zurück auf’s Land

In dieser Hinsicht hat sich der Ausbau für den kleinen Kurort aber schon gelohnt: ein Start-Up-Unternehmen hat sich hier niedergelassen. „Ohne Internetanschluss wären wir gar nicht im Rennen gewesen“, gibt Klaus Meyer zu. Nach mehreren Jahren in Halle, Passau und zuletzt im 50 Kilometer entfernten Weiden kehrte der 32-jährige Werbe-Experte Marco Härtl zurück in seine Heimat. Ganz in der Nähe, schon in Sichtweite: die Grenze nach Tschechien. Strukturschwacher Raum. Für die Werbeagentur „BEWEGTERBLICK“, die sich auf Image- und Werbefilme spezialisiert hat, spielte bei der Entscheidung ein Punkt eine ganz besondere Rolle: schnelles Internet. Alle anderen Faktoren seien in der Branche nicht maßgeblich entscheidend: „Das Auto benutzte ich sowieso ständig, als Dienstleister bin ich oft bei Kundschaft“, erzählt der Geschäftsführer der Firma, während er hinterm Steuer sitzt. Zurück vom Kundentermin, jetzt ins Büro. „Ob ich zehn Minuten übers Land auf die Autobahn fahre oder zehn Minuten im Stadtverkehr feststecke, ist völlig egal.“

Letztes Jahr dann der Umzug in den ehemaligen Pfarrhof des 100-Seelen-Dorfes Wernersreuth, direkt neben Härtls Elternhaus. Erst provisorisch ins Obergeschoss, denn die Räume mussten nach 30 Jahren Leerstand erst noch renoviert werden. Nur die technische Infrastruktur musste auf Anhieb funktionieren: „Das war Voraussetzung. Das kann man nicht mit Geduld wett machen.“ Die Arbeit auf dem Land habe Charakter und Identität. Für ihn und seine Mitarbeiter habe die Arbeit auf dem Land nur Vorteile, versichert der Chef und blickt aus dem Fenster in den großzügigen Garten mit alten Bäumen, die reichlich Schatten spenden. Die Natur und Abgeschiedenheit, kein Autolärm, keine Staus – höchstens die Schafe von nebenan stören die Ruhe. Kreativität und Produktivität, das könne hier mindestens genau so gut geleistet
werden wie in Ballungszentren. „Wenn nicht sogar noch besser!“ Und dann sind da noch die kurzen Dienstwege: „Mit dem Bürgermeister bin ich per Du.“ Der war es, der 2016 den Stein auch ins Rollen gebracht hatte.

Marco Härtl ist mit seiner Werbeagentur auf´s Land gezogen. Einzige Bedingung: schnelles Internet. Foto: Johannes Zrenner

Langsames Internet und die Folgen

Dass sich eine unzureichende Bandbreite negativ auf Unternehmen auswirken kann, zeigt eine Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Dazu wurden rund 480.000 bayerische Unternehmen befragt. Gut ein Drittel nehme negative Folgen für das eigene Unternehmen wahr. Denn rund zwei Fünftel der Unternehmen in Bayern nutzen derzeit noch eine Übertragungsrate von maximal 16 Mbit pro Sekunde. Hochgerechnet verfügen also knapp 70.000 bayerische Unternehmen über vertraglich vereinbarte Datenübertragungsraten von über 50 Mbit/s. Das sind doppelt so viele wie noch im Jahr 2016. Besonders unzufrieden seien jene Unternehmen, bei denen die tatsächliche Übertragungsrate unter der vertraglich vereinbarten Geschwindigkeit liegt. Etwa der Hälfte der bayerischen Unternehmen ist davon betroffen.

Der Bedarf an digitalen Technologien steigt. Gerade deshalb sind leistungsfähige Breitbandanschlüsse von großer Bedeutung. Bei Josef Eckert in Pechtnersreuth geht es vorwärts: die Spezialfirma ist bereits im Ort, die Straßengräben sind aufgegraben, die Maschinen stehen bereit: „Angeblich soll’s im Herbst fertig sein.“ Josef Eckert hofft auf eine schnelle Fertigstellung der Bauarbeiten, allzu große Zuversicht habe er aber noch nicht.

Text: Johannes Zrenner; Fotos: Johannes Zrenner 
<h3>Elisa Raßmus</h3>

Elisa Raßmus

ist 24 Jahre alt. Sie studiert im 5. Semester Medienmanagement mit der Vertiefung Journalismus. Seit 2016 arbeitet sie nebenbei in der Onlineredaktion bei der Freien Presse in Chemnitz. Außerdem hat sie sich für ein Volontariat bei der Mitteldeutschen Journalistenschule entschieden. Dieses läuft seit dem Sommersemester 2018 parallel zum regulären Studium. Seit April 2018 betreut sie das Ressort Story als Ressortleiterin bei medienMITTWEIDA.