Was gibt’s Neues auf dem Campus?

von | 17. Januar 2020

Nicht alle Medien an einer Hochschule sind Studierendenzeitschriften, wie etwa das gezeigte Universitätsjournal, das von der Pressestelle der TU Dresden verlegt wird. Titelbild: Anton Baranenko

Ob in der Mensa, im Flur oder in den Vorlesungsräumen, in manchen Universitäten und Hochschulen liegen sie noch aus: Studierendenzeitschriften. Sporadisch gegriffen oder gleich ganz übersehen, fristet diese Form des Journalismus‘ ein Nischendasein. Dabei steckt in diesen unscheinbaren Blättern weit mehr als nur ein bisschen Unterhaltung während einer langweiligen Vorlesung.

Studierendenzeitschriften sind Zeitungen von Studierenden für Studierende. Meist ehrenamtlich recherchiert und publiziert, werden die Redaktionen als Hobby zusätzlich zu Studium, Nebenjob und Freizeit betrieben. Diese Zeitschriften bereiten die sub-lokalen Hochschulthemen journalistisch auf, wie es kommerzielle Lokal- und Regionalzeitungen nicht leisten könnten. Es geht um den Studierendenalltag, um studentische Projekte und Veranstaltungen oder um Neuigkeiten aus der Hochschulverwaltung.

Dabei müssen „echte“ Studierendenzeitschriften von solchen unterschieden werden, die zwar etwas mit Studierenden zu tun haben, aber nicht ganz zu der eben genannten Beschreibung passen. Das sind zum einen die wirtschaftlich orientierten und von Zeitungsverlagen produzierten Zeitschriften, wie etwa ZEIT Campus oder der erst kürzlich eingestellte UNI SPIEGEL, die von professionellen Journalisten produziert werden. Auch gibt es Hochschulen, die mit der Absicht der Öffentlichkeitsarbeit eigene Zeitschriften verlegen. Diese Zeitschriften fokussieren sich dann aber mehr auf wissenschaftliche Errungenschaften der Institution und Werbung für neue Lehrstellen und Studienangebote. Außerdem gibt es an vielen Medienhochschulen Lehrredaktionen – so wie medienMITTWEIDA – die zwar von Studierenden betrieben werden, jedoch nicht unbedingt dem Zweck „für Studierende“ dienen müssen und als Teil der Lehre nicht auf freiwilliger Basis arbeiten.

„Dein Prof schläft mit deiner Kommilitonin?“

Schlägt man die aktuelle Ausgabe der Jenaer Zeitschrift Akrützel auf, lässt sich der Charakter der „echten“ Studierendenzeitschrift erkennen: Vom Lifestyle-Artikel „Der lange Gang zur Toilette – Willkürlich geklingelt bei Jenaer WGs“ über einen Erfahrungsbericht „Mit Anwalt in den Hörsaal – Um den hohen NC herum: Studienplatzklage“ bis zum Service-Artikel „Alle Jahre wieder – Studierende entscheiden über Preiserhöhung beim Semesterbeitrag“ dreht sich alles um das Studierendenleben.

Mit der provokanten Frage „Dein Prof schläft mit deiner Kommilitonin?“ und der anschließenden Aufforderung, die Redaktion bei kritischen Themen zu kontaktieren, bietet die Zeitschrift auch stets Platz für ungemütliche Themen im Hochschulleben. Denn eine Studierendenzeitschrift kann auch eine kritische und aufklärende Haltung gegenüber Personen, Veranstaltungen und Entscheidungen der Hochschule einnehmen, wenn die Redaktion das will.

Eine andere Studierendenzeitschrift, die CampusZeitung der LMU München (kurz CaZe), schließt die kritische Hochschulbetrachtung jedoch bewusst aus. Lukas Hochgesang, einer der Chefredakteure, bezweifelt im Interview mit medienMITTWEIDA, dass sein Medium dafür das richtige Mittel sei. „Es gibt viele Referate an der Uni, an die man sich wenden kann, die besser geeignet sind, wenn es Probleme gibt, da sie auch mehr in die Hochschulpolitik eingebunden sind und deswegen auch besser etwas dagegen unternehmen können. Etwa das Gleichstellungsreferat.“ Lukas sieht in seiner Zeitung kein Medium, das Probleme aus „der dunklen Ecke zieht.“

Selbstzensur wegen Geldgebern?

Beide genannten Zeitschriften werden nach eigenen Aussagen zum größten Teil über die Studierendenvertretung ihrer Hochschule finanziert. Bei Akrützel wird die Chefredakteurin im Rahmen einer für sie geschaffenen Stelle bezahlt. In beiden Fällen werden die Druckkosten übernommen und Redaktionsräume zur Verfügung gestellt.

Die hochschulinterne Finanzierung wirft auf den ersten Blick die Frage der Abhängigkeit auf, vor allem wenn einmal negativ über die Geldgeber berichtet werden soll.

Die Chefredakteure von CaZe und Akrützel sehen in dieser Finanzierungsform aber die großen Vorteile. Für eine Redaktion, die durch die nur wenige Jahre dauernde Studienzeit und den freiwilligen Charakter einen hohen Personalwechsel hat, ist die finanzielle Sicherheit ein großer Überlebensfaktor. Auch hätten die Chefredakteure nie eine Art der Einschränkung oder Zensur erleben müssen und konnten letztendlich immer das veröffentlichen, was in der Redaktion beschlossen wurde.

Die Form der Finanzierung durch die Studierendenvertretung und somit durch den Semesterbeitrag, den alle Immatrikulierten zahlen, ist ein übliches Finanzierungsmodell dieser Mediengattung. Denn sowohl anzeigenbasierte Blätter, die ständig nach neuen Werbekunden suchen müssen, als auch Redaktionen, die ihre Zeitung an die Leser verkaufen wollen, tun sich schwer, nicht zuletzt durch den einbrechenden Zeitschriftenmarkt und die Konkurrenz im Internet.

Auch der ehemalige Zeitschriftenforscher Hans Bohrmann sieht in der alleinigen Finanzierung durch die Studierendenvertretung den besten Weg: „Man kann Studentenzeitschriften natürlich relativ unabhängig von Geldgebern konstruieren, beispielsweise durch die Schaffung eines Beirats in den Professoren, Absolvierende und Studierende hinein gewählt werden könnten, die für die Unabhängigkeit einer Redaktion eintreten könnten. Aber ob das unter den heutigen Umständen machbar ist, sehe ich kritisch“, sagt Bohrmann medienMITTWEIDA.

Gedruckt ist gedruckt

Es offenbaren sich neben dem Service- und Unterhaltungszweck noch zwei andere Punkte, die Studierendenzeitschriften klar ausmachen. Obwohl bereits die kleinsten Lokalzeitungen online publizieren und die Zielgruppe der Studierenden nur noch wenig Interesse an Printprodukten hat, haben sich die meisten Studierendenzeitschriften bisher nicht von ihrer gedruckten Ausgabe getrennt. Warum?

Akrützel liegt überall in den Mensen, Cafeterien und Bibliotheken aus und man kann sich das einfach mitnehmen und etwas durchblättern. Das nimmt den Fokus von allem anderen weg und man kann auch mal das Handy weglegen. Das ist entschleunigend“, verteidigt Annika Nagel, die Chefredakteurin, das gedruckte Heft gegenüber medienMITTWEIDA. Zwar habe die Redaktion auch eine Webseite und Social Media-Kanäle, die jedoch nur ein zusätzliches Angebot darstellten und auch in Zukunft nicht das Printprodukt ersetzen sollen. 

Ein anderes Argument stellt Lukas von CaZe in den Vordergrund: „Eine gedruckte Zeitung ist das effektivere Mittel, um Erfahrung zu sammeln. Du hast definitive Abgabezeiten, die du berücksichtigen musst und es sieht einfach anders aus, wenn du eine gedruckte Zeitung hast und da ist ein Rechtschreibfehler drin. Du kannst dann nicht mehr auf den Online-Blog gehen und den Fehler korrigieren. Du kannst auch keinen Artikel mehr zurücknehmen.“

Sowohl Lukas als auch Annika sehen neben der berichterstattenden Funktion ihrer Zeitschriften eine große Chance, schon während des Studiums journalistische Erfahrung sammeln zu können. Viele Mitglieder der Redaktionen kommen aus geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studiengängen und möchten nach ihrer Ausbildung journalistisch tätig werden. „Man kann auf einer einfachen Ebene praktische Erfahrung machen und sich ausprobieren. So einfach Erfahrung sammeln, wie in einem Campus-Medium, kann man später nicht mehr,“ fasst Annika zusammen.

Text: Nicolai Hackbart, Titelbild: Anton Baranenko