Ein Stadtrundgang der Angst

18. November 2018

Die Plastik wurde von der Stadt Karl-Marx-Stadt in Auftrag gegeben und 1974 bei der Eröffnung der Stadthalle aufgestellt. Sie wird auch „Würde und Stolz unserer Menschen“ genannt. Foto: Elisa Raßmus

Ein Fest zum 875-jährigen Jubiläum der Stadt, welches Freude und Spaß bringen sollte, endete mit einem tragischen Tod. Die Ereignisse der darauffolgenden Wochen überschlugen sich. „Eine Stadt im Ausnahmezustand“, schrieb Zeit Online, „Szenen aus einer gespaltenen Stadt“ heißt das YouTube-Video von Stern oder „Die Stadt, in der keiner aufgibt“ wie es in der Hannoverschen Allgemeine hieß. Auch weltweit wurde über die Vorkommnisse in Chemnitz berichtet, darunter in The Times, El Mundo und Le Monde. Ob kleiner oder großer Nachrichtensender, Chemnitz war das Hauptthema der vergangenen Wochen. Der Stadtname wurde zu einem Synonym für Gewalt. Alle Augen waren auf die Stadt gerichtet, die so viel Aufmerksamkeit gar nicht gewohnt ist. Eine Unmenge von unterschiedlichsten Darstellungen der Geschehnisse geht durch die Medien. Von anfänglichen Spekulationen über das Tatgeschehen sowie zahlreichen Videos und Erlebnisberichten bis hin zur Berichterstattung über die anschließenden politischen Ausschreitungen. Wie genau sich alles abspielte, können nur diejenigen erzählen, die wirklich dabei waren. Vor allem in Zeiten der Online Medien, wo Falschmeldungen oftmals verheerende Folgen haben können, sind Augenzeugenberichte unverzichtbar.

Angst zum Kaffee

Manju* denkt über seine Zeit in Chemnitz nach. Fünf Jahre hat er hier verbracht und sein Maschinenbaustudium absolviert. Er nennt diese Stadt sein Zuhause, denn so hat er sich hier auch gefühlt. Aus diesem Grund ist er zurückgekehrt, um mit Freunden das Stadtfest zu besuchen, noch einmal durch die altbekannten Straßen zu schlendern und die Jahrmarktatmosphäre zu genießen.

Es ist Sonntag, der 26. August, 15 Uhr Treffpunkt Michaelis Café. Manju sitzt mit einer Freundin vor dem Café. Er bestellt sich einen Kaffee, sie trinkt lieber Cappuccino. Es wird geredet und gelacht – das helle Aufblitzen von Manjus Zähnen wirkt durch seine dunkle Haut noch strahlender. Ursprünglich stammt er aus Indien, er hat in den fünf Jahren schnell Deutsch gelernt, samt Umgangssprache und Slang. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, nicht nur bei ihnen, sondern auch auf dem Festplatz. Schon auf dem Weg vom Bahnhof zum Café konnte er das Dröhnen und Klimpern der Fahrgeschäfte hören, den Geruch nach Lángos und Zuckerwatte genießen. Der Plan, welche Buden später angesteuert werden sollen, steht schon fest. Ab und an hört man ein paar Kinder vor Vergnügen quieken.

„Ausländer raus!“

Doch dann hört Manju plötzlich auch andere Schreie. Weniger vergnüglich, eher panisch. Seit sie bestellt haben, sind erst wenige Minuten vergangen, da sehen sie schon die ersten Jugendlichen aufgelöst an ihnen vorbeirennen. Dunkle Haare, dunkle Augen, dunkle Haut. Rufe verschiedener Sprachen gellen durcheinander über den Platz. Eine weitere Gruppe wirkt gehetzt, mit Angst in den Augen. „Seltsam“, denken sich die beiden, doch nichts weiter. Abermals Schreie, diesmal jedoch anders. Manju schaut um die Ecke des Cafés und erblickt einen schwarzen Mob, ungefähr 15 bis 20 Personen. Seine Augen weiten sich, ein ungutes Gefühl macht sich in ihm breit. Irgendetwas stimmt definitiv nicht. Drei Polizisten stürmen an ihm vorbei in Richtung der Gruppe. Die kurze Erleichterung, die Manju verspürt, währt nicht lange. Die Menschen brüllen „Wir sind das Volk“, „Das ist unsere Stadt“ und „Ausländer raus“. Diese Rufe gehen Manju durch Mark und Bein. Sie sind voller Wut und übertönen die Festgeräusche. Sowas hatte er noch nie erlebt, mit einem Schlag bekommt es Manju mit der Angst zu tun. Er will bloß noch weg.

Manju bittet den Kellner um die Rechnung. Doch dieser fordert die Beiden auf, ihm zu folgen. Irritiert schauen sich Manju und seine Freundin an. Als sie nicht sofort reagieren, verleiht der Kellner seiner Bitte Nachdruck. „Draußen könnte es gleich ungemütlich werden“, meint er. Immer noch irritiert folgen sie dem Kellner in eine Ecke des Cafés, die von außen nicht direkt einsehbar ist. Dann sehen sie die vielen schwarzgekleideten Menschen, wie sie entschlossenen Schrittes an dem Café vorbeimarschieren. Manjus Hände schließen sich fester um seine Tasse. Durch die Angst schärfen sich seine Sinne. Der Geruch des Kaffees, die Schreie der Meute und das Trampeln ihrer Schritte kommen ihm unheimlich intensiv vor. Erst jetzt begreift er den vollen Ernst der Lage. Wer weiß, was passiert wäre, hätten sie ihn mit seiner dunklen Haut da draußen sitzen sehen. Inzwischen gehen sie genau an der Stelle vorbei, an der Manju und seine Freundin saßen.

In der hintersten Ecke im Café saß Manju mit seiner Freundin. Draußen hörten sie den Krawall. Foto: Elisa Raßmus

Nachdem der Mob vorbeigezogen ist, bezahlen Manju und seine Freundin den Kaffee und gehen zügig in Richtung Tietz, wo das Auto von seiner Begleiterin parkt. Als die beiden in der Nähe der Galeria Kaufhof entlanglaufen, hallen wieder Schreie um die Ecke. Dieses Mal sind die Rufe kraftvoller, lauter und irgendwie mehr. Sieben Polizisten erscheinen in Manjus Blickfeld. Hinter ihnen eine gewaltige schwarzgekleidete Menschenmenge. Immer wieder brechen vereinzelt Personen aus und pöbeln Menschen mit dunkler Hautfarbe an. So wie seine. Wut und Hass schlägt Manju und seiner Begleiterin entgegen. Die Menschen um sie herum blicken sie durchdringend an. In diesem Moment fürchtet Manju, dass er und seine Freundin die nächsten Opfer der Angriffe sein könnten. „Ich habe fünf Jahre hier studiert. Ich habe viele Freunde gefunden und wundervolle Erinnerungen gesammelt. Das alles zählte in diesem Moment nicht mehr. Für diese Leute bin ich nur ein Ausländer“, sagt Manju heute.

Die Stimmung ist angespannt, die Polizei eindeutig zahlenmäßig unterlegen. Von der fröhlichen Atmosphäre des Stadtfestes ist nichts mehr übrig, die Buden werden hastig geschlossen. Die Veranstaltung hat anscheinend ein frühzeitiges Ende gefunden. Viele Besucher sind auf dem Heimweg. Die meisten scheinen gleichermaßen verwirrt und verängstigt, wie Manju. Der schwarze Mob rückt unerbittlich näher an die beiden heran. In dem Durcheinander kommt ein älteres Paar auf Manju und seine Freundin zu. Sie lächeln die Zwei beruhigend an. „Alles ok, keine Panik“, sagen sie und stellen sich entschlossen zu ihnen. Ein paar Menschen, die das beobachtet haben, schließen sich ihnen an. Manju schaut sich gerührt um. In diesem Augenblick sind sie nicht mehr allein.

Auf dem Markplatz stellten sich andere Menschen beschützend um Manju und seine Freundin. Foto: Elisa Raßmus

Manju und seine Freundin schaffen es zum Auto und fahren nach Hause. Er hatte Glück, dass Leute sich für ihn eingesetzt haben und denkt an die Anderen, die weniger Glück hatten. Noch immer hört er die Rufe in seinem Kopf: „Ausländer raus! Das ist unsere Stadt.“ Und denkt sich traurig: „Das war auch mal meine Stadt“.

Schiefer Gesang gegen die Angst

Einen Tag später als Manju ist auch Dara* in Chemnitz unterwegs. Sie will zu der Gegendemonstration im Stadthallenpark gehen. Grund ist die groß angekündigte Kundgebung der ProChemnitz Bewegung und anderer ähnlich gesinnter Vereine. Nach den Geschehnissen am Sonntag hat sie Angst um ihre Familie bekommen. Am frühen Nachmittag bringt sie ihre Mutter und ihre Schwester nach Hause. Die Mutter kleidet sich gern farbenfroh und trägt viel Schmuck. Dara befürchtet, dass man ihrer Mutter die bulgarische Herkunft ansehen und sie deswegen ebenfalls Opfer von Anfeindungen werden könnte. Für Dara ist dies Grund genug, auf die Straße zu gehen, Haltung zu zeigen und Stellung zu beziehen. Die in Bulgarien geborene Dara lebt seit 19 Jahren in Chemnitz. Das ist auch ihre Stadt und sie möchte sich für ein tolerantes, vielfältiges und aufgeschlossenes Miteinander stark machen.

Sie bindet ihre langen braunen Haare zurück und positioniert sich mit 100 anderen Menschen gegenüber des Karl-Marx-Monuments. Entschlossen blickt sie zu der anderen Seite. In diesem Moment ertönt die Stimme des Veranstalters. Es ist ein Mann mittleren Alters, der Dara irgendwie leidtut. Er wirkt müde und ausgezehrt, als hätte der Kampf gegen die rechte Gesinnung ihn viel Kraft gekostet. Dara ist keine Anhängerin der Linksradikalen. Sie kann auch nicht verstehen, warum sich neben ihr manche Demonstranten mit Sonnenbrillen und Tüchern vermummen. Dara trägt ganz normale Alltagskleidung. Sie will sich nicht verstecken. Dara will ihr Gesicht zeigen.

Wie Laute aus dem Tierreich

Sie steht in der Menge relativ weit vorne. Sie kann deutlich erkennen, wer ihnen da eigentlich gegenübersteht. Sie sieht kahlgeschorene Köpfe, schwarze Jacken und angsteinflößende Fratzen. Beide Seiten versuchen sich gegenseitig zu übertönen. Rufe wie: „Wir sind die Mauer und das Volk muss weg!“, grölt sie leicht amüsiert mit. Von der anderen Seite tönt es: „Das ist unsere Stadt“, „Wir sind das Volk“ und „Lügenpresse“. Das Brüllen der Leute kommt ihr vor wie Laute aus dem Tierreich.

Ganze drei Stunden vergehen und Dara beschließt sich zurückzuziehen. Sie hat ihren Standpunkt vertreten und möchte nach Hause gehen. Doch plötzlich sieht sie wie mehrere Flaschen von der Gegenseite auf ihre Mitstreiter niedergehen. Die Geschosse fliegen zum Teil mit solch einer Kraft, dass sie an den Wänden des Terminal 3 zerschellen. Um sie herum breitet sich Panik aus. Leute sind verletzt oder verängstigt. Alle wollen so schnell wie möglich den Platz verlassen. Sie sieht wie die Polizisten von der Gegenseite bedrängt werden. In diesem Moment wird ihr klar, dass der einzige Schutz vor diesen offenbar gewaltbereiten Mitmenschen allein von den Polizisten gehalten wird. Alle Menschen rennen los. Die Demonstranten um Dara zerstreuen sich. Vereinzelt kehren sie an den ursprünglichen Veranstaltungsort im Stadthallenpark zurück. Auch Dara sucht dort Schutz.

Die Flaschen flogen gegen das Terminal 3 und die Menschen wichen in den Park zurück. Foto: Elisa Raßmus

„Passt auf euren Nachbarn auf!“

Die Geräusche und Schreie von der anderen Seite werden lauter. Dara schaut sich um und sieht viele junge, furchtvolle Gesichter. Sie ballt die Hände zu Fäusten. Sollte die Barriere von Polizisten die Gegenseite nicht abhalten können, müsste sie kämpfen. Noch nie in ihrem Leben war Dara so angespannt und gleichzeitig so verängstigt. Jemand ergreift das Mikrofon und brüllt hinein: „Bildet Menschenketten! Passt auf euren Nachbarn auf.“ Dara schaut zu ihren Nachbarn. Niemand, den sie anschaut, ist wirklich bereit zu kämpfen. Neben ihr sind Studenten oder Schüler, die vereinzelt im Stadthallenpark stehen. Keine Rufe, keine Parolen mehr, nur noch die der Gegenseite, die langsam näherrücken. Die Stimmung ist erdrückend. Dara hört ihr eigenes Herz wie wild schlagen und weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Auf einmal erklingt mit der schiefen Stimme einer Frau:

„Imagine there’s no heaven. It’s easy if you try. No hell below us. Above us only sky. Imagine all the people living for today.“

Der Song „Imagine“ von John Lennon schallt über den Stadthallenpark. Die Frau am Mikrofon kann zwar nicht singen, aber sie kann alle irgendwie beruhigen. Dara stimmt in das Lied mit ein. Wenn sie den Liedtext nicht weiß, summt sie einfach mit. Alle Menschen in dem Park rücken näher zusammen, viele singen mit. Es gibt nicht mehr nur Gebrüll von der anderen Seite, sondern nun auch Gesang. Nacheinander gehen immer mehr Menschen zum Mikrofon. Sie singen oder erzählen etwas. Eine Frau performt spontan einen Poetryslam. Eine andere erzählt von ihren Erfahrungen mit einer Flüchtlingshilfe und ihrer eigenen Flucht aus dem Libanon. Ein afghanischer Junge ergreift das Mikrophon und sagt einfach nur „Dankeschön“. Nach all der Angst ist das ein unglaublich berührender Moment für Dara. Immer mehr Menschen schreiten zum Mikrofon und wollen Mut machen. Langsam kann Dara wieder lächeln.

Als sich die Lage etwas beruhigt hat, wird die Veranstaltung im Stadthallenpark schleppend aufgelöst. Der Veranstalter verspricht, dass Demonstranten aus anderen Städten Geleitschutz zum Bahnhof bekommen. Die Chemnitzer bekommen nichts. Dara schaut sich hilfesuchend um. Jetzt ganz allein durch die Stadt zu laufen ist ihr unheimlich. Sie findet eine kleine Gruppe, die auch zurück zum Campus der Technischen Universität fahren will. Dara schließt sich ihnen an und gemeinsam gehen sie durch die Stadt. Als sie auf dem Marktplatz sind, sehen sie noch einmal eine größere Gruppe Vermummter. Alle bleiben sofort stehen. Dara spürt wieder, wie das Adrenalin durch ihren Körper fährt. Jede Sekunde kann Dara weglaufen, wenn es notwendig werden sollte. Doch die Gruppe beachtet sie nicht weiter.

Endlich sitzt Dara in der Bahn. Sie fährt aus dem Innenstadtbereich heraus. Der Spuk scheint vorbei zu sein. Keine Rufe mehr. Keine schwarzgekleideten Personen. Aber das Gefühl der Angst bleibt. Sie schaut sich unsicher in der Bahn um. Dieses eigenartige Gefühl in ihrem Kopf verschwindet nicht. Sie blickt den Leuten in die Gesichter und fragt sich, wo sie gerade waren. Standen sie in schwarzen Jacken und mit Sonnenbrille auf ihrer Seite? Oder standen sie gegenüber und haben Flaschen geworfen? Haben sie laut geschrien „Wir sind das Volk“ und Plakate hochgehalten mit „Ausländer raus“? Als die Gedanken sie zu überrollen scheinen, fängt sie an mit summen. Automatisch ist ihr „Imagine“ in den Sinn gekommen. Dieses Lied wird sie immer mit dem Montag und den Demonstrationen verbinden. Und vielleicht wird es sie trösten, wenn sie wieder einmal solche Angst hat.

*Die Namen der Protagonisten wurden von der Redaktion geändert.

Text: Elisa Raßmus; Fotos: Elisa Raßmus