Wenn die Predigt medial wird

von | 14. Juni 2019

Christfluencer nutzen ihre Reichweite, um christliche Werte zu vermitteln. Titelbild: Marie Kühnemann

Die Kamera ist an, das Setting ist perfekt ausgeleuchtet – alles scheint wie ein normales Youtube-Video. Doch das Thema ist nicht Make-Up, eine Produktrezension oder eine Challenge. Nein, heute geht es um Gott.

Durch den Satiriker Jan Böhmermann erhielt das Thema „Christfluencer” in den letzten Wochen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Der Beitrag „Christfluencer klären auf: Darum sind Pornos schlecht!“ aus seiner Satire-Show Neo Magazin Royale, erreichte fast eine Millionen Klicks auf Youtube und sorgte für Diskussionen. In dem Video analysiert Böhmermann einen Clip des Kanals GIVICI Youth (GIVICI = Global Video Church), indem die Youtuberin Li Marie und ein Freund die Schädlichkeit von Pornos für den Menschen thematisieren. Dabei werden fragwürdige Statistiken genannt. Unter anderem, dass das Schauen von Pornos das Risiko pädophil zu werden um das sechsfache steigere. Nicht zuletzt fällt dabei auch das Wort „GIVICI“, welche sich in letzter Zeit vermehrt im Internet, besonders auf Social Media, präsentiert.

Durch circa eine Millionen Klicks bekam das Video und somit auch die GIVICI eine Menge Aufmerksamkeit. Video: Neo Magazin Royale

Videos und Werbung im Namen Gottes

Christfluencer ist ein Neologismus und beschreibt Personen, die als Influencer (aus dem Englischen für influence = beeinflussen) agieren und somit auf Social Media aktiv sind. Sie teilen ihre Erfahrungen und haben aufgrund ihrer starken Präsenz eine hohe Reichweite und kommen somit als Träger für Werbung infrage. Ihre Inhalte sind jedoch christlich, was sie zu anderen Influencern unterscheidet. Christfluencer wollen ihren christlichen Glauben an ihr vorwiegend junges Publikum weitertragen und ihnen ihre Werte mit auf den Weg geben. Eine der erfolgreichsten Christfluencer ist Li Marie. Die freikirchliche Youtuberin verzeichnet circa 10500 Abonnenten und spricht in ihren Videos offen über Themen wie: Kein Sex vor der Ehe, Abtreibung oder allgemeine christliche Werte. Doch auch die üblichen Youtube-Formate findet man auf ihrem Kanal, unter anderem Do-It-Yourselfs, Reisetagebücher oder Tipps und Tricks für den Alltag. Li Maries Kanal entstand jedoch nicht aus eigenem Ermessen, hinter ihren Videos steht die GIVICI.

Kirche auf Youtube

„Kirche für jedermann. Zu jederzeit. Überall“, heißt es auf der offiziellen Website der Global Video Church. Mit Videopredigten auf zwei Youtube-Kanälen (GIVICI Adults und GIVICI Youth) möchte die Gemeinde eine möglichst große Reichweite generieren und viele Menschen zum christlichen Glauben informieren. Die GIVICI setzt sich auf ihrer Website große Ziele: „Wir werden in Zukunft Videopredigten in jeder Sprache haben und in jedem Ort auf der ganzen Welt mindestens eine GIVICI-Hauskirche gründen.“ Diese Hauskirchen sollen lebenspraktische Videopredigten einmal in der Woche vermitteln und im Wohnzimmer, im familiären Rahmen, stattfinden. Inga Haase, die in Bingen ein theologisches Seminar ins Leben rief, wo sie auch auf Li Marie traf, gründete die GIVICI in Deutschland, nachdem sie mit ihrer eigenen theologischen Ausbildung unzufrieden war. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk (BR) erklärt sie, dass sie über Youtube-Predigten Werbung für die Hauskirchen mache und Li Marie, sowie viele weitere junge Christen, helfen ihr dabei.

In Li Maries Video „Was ist GIVICI? Wofür schlägt unser Herz“ beschreibt sie, dass sie Christen im zeitgemäßen Look ansprechen wolle, dabei gehe sie wie erfolgreiche Franchise Unternehmen (eine Kooperationsform, sowie Vertriebsform, in der rechtlich selbstständige Unternehmen zum Zwecke der gemeinschaftlichen Expansion zusammenarbeiten) vor: „Wir haben etwas gemacht, was wahrscheinlich für eine Gemeindegründung sehr, sehr untypisch ist. Und zwar haben wir Coca Cola, McDonald’s, Audi, all diese Firmen, uns zum Vorbild genommen. Warum? Weil jeder sie kennt.“

GIVICI gleicht einer Sekte

Laut dem BR, wirke die GIVICI von außen modern, jedoch von innen sehr konservativ. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich die Global Video Church deutlich gegen Abtreibung, Pornos, Trans- und Homosexualität oder auch Sex vor der Ehe ausspricht. „Jährlich werden über 100000 Kinder in Deutschland abgetrieben. Das ist Massenmord, der da jährlich geschieht und das nur weil Menschen Spaß haben wollen und dann keine Folgen tragen“, äußert sich Li Marie im Video „Kein Sex vor der Ehe 1 | Warum wir warten“. Bernd Dürholt, Ansprechpartner für neue religiöse Bewegungen der evangelischen Kirche in München, sagt im Interview mit dem BR: „Theologisch würde ich diese Gemeinschaft zu den neo-charismatischen Gemeinschaften zählen, an der einen oder anderen Stelle habe ich aber durchaus fundamentalistische theologische Ansätze entdeckt.“ Besonders problematisch sehe er dabei den Glauben an die Besessenheit und Dämonen, denn GIVICI gebe konkrete Anweisungen zum Exorzismus, so Dürholt. Die Kritik gegenüber der Gemeinde häuft sich. Laut dem BR werfe man ihnen religiöse Verblendung und sektiererische Züge vor. Zudem sehe man den Aufruf zur Spende in vielen der Videos als bedenklich. Der Gründerin Inga Haase werde vorgeworfen, sich an ihrer neumodischen Kirche bereichern zu wollen, was sie jedoch dementiere.

Auch Sektenforscher und Journalist Hugo Stamm, der sich seit den 1970er Jahren mit Sekten und neureligiösen Bewegungen beschäftigt, einen Sektenblog betreibt und sich aus Recherchezwecken zeitweise der Sekte Scientology angeschlossen hat, sieht in der Gemeinde eine sektiererische Gefahr: „Sie besteht aus radikaler Heilslehre und dem Gruppendruck, der auf die Mitglieder ausgeübt wird. Die Gläubigen werden normiert und konditioniert. Das alles geschieht vermeintlich auf freundliche Art, was aber die Abkehr erschwert”, so Stamm im Interview mit medienMITTWEIDA, „Der Lockvogel sind die attraktiven jungen Leute, die einen ansteckenden Enthusiasmus verbreiten. Dabei ist für Uneingeweihte schwer zu erkennen, dass sie vereinnahmt werden und letztlich in einer intoleranten Glaubensgemeinschaft landen, die sektenhafte Züge in sich trägt.“ Laut ihm sei die Vision, die die GIVICI verfolgt, eine völlig unrealistische Zielsetzung, die Ausdruck einer maßlosen Überschätzung darstellt. „Das ist für mich Etikettenschwindel und Verführung junger Menschen“, meint Hugo Stamm im Interview mit medienMITTWEIDA.

Laut Bundeszentrale für politische Bildung, gilt eine Glaubensgemeinschaft erst als eine Sekte, wenn eine gewisse Abhängigkeit und Manipulation zwischen den Führern der Gemeinschaft und den Mitgliedern stattfindet. Meist handelt es sich dabei um eine Abspaltung von einer größeren Gemeinschaft. Da das Wort „Sekte“ heutzutage eine negative Konnotation hat, gebraucht man, um einen schlechten Eindruck zu vermeiden, oft auch Bezeichnungen wie „neureligiöse Gemeinschaft” oder „religiöse Sondergemeinschaft“.

Gemäßigte Positionen haben es schwer im Netz

Dass die Kirche ein Nachwuchsproblem hat, zeigt eine Statistik der deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die Anzahl der Konfirmationen und Erstkommunionen in Deutschland sanken von 2002 bis 2015 um -28,2 Prozent bei den evangelischen Konfirmationen und um -36,6 Prozent bei den katholischen Erstkommunionen. Aus einer weiteren Umfrage der DBK und EKD geht ebenfalls hervor, dass die Anzahl der Mitglieder der evangelischen Kirche von 25,84 Millionen im Jahr 2003 auf 21,54 Millionen im Jahr 2017 in Deutschland sank. Bei der katholischen Kirche sanken die Zahlen von 25,99 Millionen Mitglieder im Jahr 2004 auf 23,31 Millionen im Jahr 2017.

Laut Hugo Stamm müsse sich die Kirche radikal modernisieren, um für junge Leute wieder attraktiv zu werden. Die GIVICI macht den Anfang, die Frage ist nur, ob die Art und Weise passend ist. Eins ist aber gewiss: Aufmerksamkeit ist der Gemeinde sicher. Die Deutschlandfunk-Redakteurin für Religion und Gesellschaft Christiane Florin erklärt gegenüber Deutschlandfunk Nova, dass Christfluencer mit radikalen Thesen Gehör fänden. Das Provokante und Anstößige liefe gut. Schwerer hätten es jedoch diejenigen, die differenziert über ihren Glauben berichten. Die Global Video Church ist damit nicht die erste Gemeinde, die ihr Glück auf Social Media versucht. Auch die evangelische Kirche probiert mit dem Youtube-Kanal „Jana glaubt“ an die jüngere Gesellschaft anzuknüpfen. Die Videos erregen jedoch nicht so viel Aufmerksamkeit, wie die der GIVICI und bekommen nur wenige tausend Aufrufe. Vielleicht bewährt sich also das von Li Marie genannte Prinzip der Franchise Unternehmen zukünftig, denn auf Social Media fällt die Global Video Church mit ihrer Präsenz bereits auf und das nicht zuletzt durch Jan Böhmermanns Christfluencer Video.

Text: Diane Wellert, Video: Neo Magazin Royale, Titelbild: Marie Kühnemann

Meinung des Autors

Die Global Video Church hat sicherlich einige gute Ansätze und innovative Ideen, wie man die Kirche im digitalen Zeitalter den Menschen wieder näher bringen kann. Sie haben einen Weg gefunden, christliche Inhalte effektiv an ein junges Publikum zu bringen und somit Gehör zu finden. Dies gelingt nicht jeder Gemeinde so gut wie der GIVICI. Und eins ist sicher, die Kirche ist auf Nachwuchs angewiesen. Grundsätzlich spricht auch nichts dagegen, wenn junge Leute über ihren Glauben vor der Kamera reden. Jedoch sollte man auch hier die Videos kritisch hinterfragen und prüfen, ob die Inhalte überhaupt zeitgemäß sind. Denn von außen wirkt diese Gemeinde vielleicht modern, innen ist sie allerdings sehr konservativ. Das Prinzip der Hauskirchen ist an sich keine schlechte Idee. Die Kirche braucht eine gewisse digitale Aufrüstung in der heutigen Zeit. Doch der gezielte Einsatz von Medien und Werbung überspielt gekonnt die konservativen Sichtweisen der Gemeinde, womit ein Trugbild entstehen kann oder wie Hugo Stamm es im Interview mit medienMITTWEIDA bezeichnet: Etikettenschwindel”. Die Trans- und Homophobie, sowie der Glaube an die Besessenheit und Dämonen ist nicht das einzige Problem, welches bei der GIVICI auffällt. Auch die andauernden Aufrufe zur Spende am Ende von Li Maries Videos sind als problematisch zu betrachten. Diese können von dem eher jungen Publikum als Druck empfunden werden. Falsche Entscheidungen können getroffen werden, man lässt sich eventuell auf etwas ein, über das man sich als Zuschauer nicht im Klaren ist. Die GIVICI gilt noch nicht als Sekte, aber sie weist sektiererische Aspekte auf, die man mit Vorsicht genießen sollte. Der Enthusiasmus der Christfluencer steckt eben förmlich an und für Uneingeweihte ist es schwer, sich ein objektives Bild über die Gemeinde zu machen. Und sollte das nicht gegeben sein, wenn man Teil von einer Gemeinde werden möchte und diese gegebenenfalls auch finanziell unterstützen will? Letztlich muss jeder für sich entscheiden, wem oder was er glauben schenken will. Wichtig ist es jedoch, immer ein kritisches Auge darauf zu werfen.