Fluch oder Segen für den Journalismus?

von | 5. Juni 2020

Obwohl die Nachfrage nach hochwertigem Journalismus stieg, sanken die Umsätze der deutschen Zeitungs-Verlage. Foto: Anton Baranenko

Seit Beginn der Corona-Krise hat die gesamte Mediennutzung in Deutschland deutlich zugenommen, doch die deutschen Verlage sind trotzdem ökonomisch stark unter Druck geraten. Wie passt das zusammen?

Dieser Beitrag ist Teil unserer Beitragsreihe: Journalismus in der Corona-Krise. Wir beschäftigen uns mit den ökonomischen Auswirkungen, journalistischen Arbeitsweisen und der Kritik an der Corona-Berichterstattung.

Auf den ersten Blick schien die Corona-Krise für die deutsche Medienlandschaft ein Segen zu sein.  So berichtete Quotenmeter Anfang April, dass die Berliner Morgenpost, die im Februar noch auf etwa 700.000 Views pro Tag kam, in den ersten Wochen der Corona-Krise bis zu elf Millionen Klicks erzielte. Ähnlich verhielt es sich mit dem Münchner Merkur, der seine Online-Aufrufe in diesem Zeitraum mehr als verdoppeln konnte. Focus Online legte von 19 Millionen auf durchschnittlich 31 Millionen Views zu. Die BILD konnte sich am 22. März über 93 Millionen Seitenaufrufe freuen. Es war der Tag, als Bundeskanzlerin Merkel das Kontaktverbot aussprach. Im Februar, vor dem Ausbruch der Corona-Krise, erreichte die Bild rund 53 Millionen Seitenaufrufe pro Tag. Auch Markus Heinker, Professor für Medienwirtschaft an der Hochschule Mittweida, bestätigt gegenüber medienMITTWEIDA: „Durch die Krise hat die Mediennutzung deutlich zugenommen.“

Der Journalismus erhält Zuspruch wie nie zuvor

Auch der SPIEGEL profitierte von dem gestiegenen Interesse der Nutzer. Auf Anfrage von medienMITTWEIDA teilt Anja zum Hingst, Leiterin für Kommunikation und Marketing des SPIEGEL-Verlags, mit, dass der Journalismus derzeit einen Zuspruch erhalte wie selten oder gar nie zuvor. Das sei beim SPIEGEL besonders am starken Wachstum von SPIEGEL+, aber auch an den Verkäufen im Einzelhandel, sichtbar. So liege Der SPIEGEL im Einzelverkauf derzeit mit einem Plus von über zehn Prozent deutlich über den Absätzen der Hefte vom Jahresanfang. Mehr noch profitiert das Onlinegeschäft vom stark gestiegenen Interesse der Nutzer.

Seit Beginn der Corona-Krise haben wir bei SPIEGEL.de wiederholt Rekorde bei den Zugriffszahlen aufgestellt. Die vergangenen Wochen zeigen eine bewegte Reichweitenentwicklung. Ein Peak lag zum Beispiel am 15. April – Update der Bundes- und Landesregierungen zu den Corona-Maßnahmen – bei 6,41 Millionen Unique Usern.

Anja zum Hingst

Leiterin für Kommunikation und Marketing, SPIEGEL-Verlag

In der Krise stieg die Mediennutzung digital stark an – Für die Verlage eine große Chance? Foto: Christin Post

Seit Beginn der Corona-Krise, so Frau Hingst, lägen die täglichen Nutzerzahlen zwischen 4,40 und 4,60 Millionen unterschiedlichen Nutzern konstant auf hohem Niveau.

Auch der Tagesspiegel berichtet, dass durch Corona die digitalen Reichweiten der gesamten Zeitungsbranche sprunghaft gestiegen seien. Besonders das Interesse an regionalen Nachrichten sei wesentlich stärker ausgeprägt gewesen, wovon besonders regionale Zeitungen profitieren konnten. Marc Hippler, Mitglied der Chefredaktion der Sächsischen Zeitung, teilt medienMITTWEIDA mit, die Reichweite von Sächsische.de habe sich verdoppelt, an einigen Tagen sogar verdreifacht. Er glaubt, dass die Corona-Krise die Stärken lokaler Nachrichten sichtbar gemacht habe.

Wie viele Infektionen gibt es in meiner Region? Wie läuft es in den Kitas meiner Stadt? Welche Geschäfte haben auf? Welche Regeln gelten in Bussen? Das war ja nicht nur nach Bundesland, sondern selbst zwischen Kommunen innerhalb eines Bundeslandes verschieden.

Marc Hippler

Mitglied der Chefredaktion, Sächsische Zeitung

Nachfrage steigt, Einnahmen sinken

Warum den Verlagen trotzdem nicht nach Jubel zumute ist, weiß Herr Heinker. Der Professor für Medienwirtschaft ist auch Präsident des Medienrates der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien. Gegenüber medienMITTWEIDA erklärt er das Geschäftsmodell von Zeitungen und Zeitschriften. Diese, so Markus Heinker, finanzieren sich etwa zu zwei Dritteln aus Vertriebserlösen und zu etwa einem Drittel aus Werbeeinnahmen. Besonders die Erlöse aus Werbeeinnahmen seien eingebrochen. „Die Finanzierung durch Werbung steht stark unter Druck. Die Lobbyverbände berichten von Einbrüchen von mindestens 20 Prozent, stellenweise aber sogar bis zu 80 Prozent”, so Markus Heinker.

Das Restaurant, das geschlossen bleibt, wird nicht auf die Spargel-Wochen hinweisen und nach dem Shutdown auch nicht mehr über die Mittel verfügen, Werbung zu machen.

Markus Heinker

Professor für Medienwirtschaft, Hochschule Mittweida

Wie der SPIEGEL auf Anfrage von medienMITTWEIDA mitteilt, wird intern erwartet, dass die Gesamterlöse für dieses Geschäftsjahr um 20 Millionen Euro sinken. Deshalb, so teilt es Kommunikationsleiterin Anja zum Hingst medienMITTWEIDA mit, habe man ein Sparprogramm in einem Umfang von zehn Millionen Euro geplant.

In der Medienbranche sind derzeit zwei Effekte in der Corona-Krise zu beobachten: Werbeerlöse bleiben aus, weil Anzeigen storniert oder Projekte nach hinten verschoben werden. Zugleich steigt die Nachfrage nach Journalismus, vor allem im Digitalen. Nach und nach werden in Medienhäusern die absehbaren Folgen der Corona-Krise etwas deutlicher vor allem der schwächelnde Werbemarkt bringt Einbrüche.

Anja zum Hingst

Leiterin für Kommunikation und Marketing, SPIEGEL-Verlag

Die Auswirkungen trafen auch die Sächsische Zeitung. In den Monaten April und Mai seien die Werbeerlöse erheblich gesunken, so Marc Hippler.

Wie geht es nach der Corona-Krise weiter: Sind online Bezahl-Angebot die Rettung der Verlage? , Foto: Christin Post

Liegt in der Krise eine Chance?

Wie sich die Medienlandschaft nach der Corona-Pandemie gestaltet, ist noch unklar. Markus Heinker zeichnet ein düsteres Bild: „Selbst wenn die unmittelbar krisenbedingten Maßnahmen nun zu Ende gehen, bleibt die Wirtschaft erheblich geschwächt und die Mittel für Werbeausgaben werden für eine längere Zeit unter dem Niveau der Vorjahre bleiben. Das schwächt die Verlage weiter.“

Wir müssen davon ausgehen, dass die Erlöseinbrüche nicht nur das Ergebnis dieses Jahres belasten, sondern nachhaltig auf unsere Geschäftsentwicklung in den kommenden Jahren wirken werden. Ein Teil der Erlöse wird zurückkommen, unser Umsatzniveau wird sich zukünftig aber deutlich nach unten absenken.

Anja zum Hingst

Leiterin für Kommunikation und Marketing, SPIEGEL-Verlag

Deshalb befürchtet der Medienökonom Markus Heinker, dass weitere Einsparungen nötig werden. „Diese werden wohl auch den ohnehin geschwächten redaktionellen Bereich betreffen. Das hat zur Folge, dass – jedenfalls im Bereich der aktuellen Berichterstattung – Einschränkungen zu erwarten sind, mit möglicherweise nachteiligen Folgen für die Qualität der öffentlichen Debatte.“

Ob in der Krise auch eine Chance liegt, wird sich zeigen müssen. Fabian Riedner analysiert bei Quotenmeter, dass die Verlage nun neue Leser langfristig binden können.

Die Corona-Krise ist für viele Verlage eine Chance. Die schrecklichen Nachrichten aus Deutschland und dem Ausland sind bei den Lesern beliebt. Mit Hintergrundgeschichten abseits der Breaking News haben die Unternehmen die Möglichkeit, ihre Leser an sich zu binden.

Fabian Riedner

Geschäftsführer, Quotenmeter.de

Der Spiegel-Verlag kann eine hohe Nachfrage für das Bezahlangebot Spiegel+ verbuchen. Und teilt freudig mit: Es zeige sich, dass die Kunden den Probemonat, den viele in der Corona-Krise abgeschlossen haben, auch in das Bezahlmodell umwandeln. Die Wandlungsquote liege bei über 40 Prozent, sodass der Bestand an zahlenden Kunden spürbar ansteige. Im konsequenten Ausbau dieser Angebote sehe man eine Chance, die Verluste langfristig wettzumachen. Auch die Sächsische Zeitung, so Marc Hippler, habe die PayWall nicht aufgeweicht. Im Gegenteil: „Den kostenlosen Probemonat haben wir abgeschafft und machen damit sehr gute Erfahrungen.”

Beitragsreihe: Journalismus in der Corona-Krise

Text: Moritz Schloms, Titelbild: Anton Baranenko, Beitragsbilder: Christin Post