Die Welt wird nicht mehr die gleiche sein

von | 8. Mai 2020

Das Virus stellt unser Leben auf den Kopf. Wie wird ein Alltag nach Corona aussehen? Bild: Christin Post

Die Welt, wie wir sie kennen, löste sich in den vergangen Wochen teilweise auf. Ängste dominierten die Medienlandschaft. Die Stadtzentren in Deutschland und der Welt glichen Geisterorten. Die Schutzmaßnahmen trafen das gesamte Spektrum unserer sozialen Kontakte. Neben der Einschränkung unserer Freiheit bedrücken auch Zukunftsängste die Gesellschaft. Es sind noch immer die allgegenwärtig beherrschenden Emotionen, die so frustrierend auf unsere seelische Gesundheit wirken. Es scheint sogar, dass die seelischen Folgen schlimmer sind, als die Angst, an Corona zu erkranken. Seit ein paar Tagen geben die ersten Lockerungen Hoffnung auf Normalität. Doch eine Ende ist noch in weiter Ferne. Wie könnte die Zukunft aussehen? Und vor allem: Wer werden wir nach dieser Krise sein? Ein Essay.

Alarmstufe Rot?

Die Angst vor der Zukunft hat uns fest im Griff. Das Virus nagt an unserer Psyche und löst ein Gefühl der Unsicherheit vor dem Ungewissen aus. Woher kommt diese Machtlosigkeit? Die Angst kommt immer dann, wenn sich eine Gefahr auftut, welche neu und unbeherrschbar scheint. Diese Empfindung entsteht in unserem Gehirn, in der Amygdala, auch bekannt als der Mandelkern. Ihr wird eine wichtige Funktion bei der Emotionsverarbeitung zugesprochen. Sie dient dem Mensch als Alarmanlage für die Selbsterhaltung. Genau diese Angst-Blockade trennt uns oft von der Vorstellung an eine friedliche Zukunft. Es scheint leichter, pessimistische Horrorszenarien zu befürchten, als optimistisch in die Zukunft zu blicken. Geben wir uns doch einmal dem Gefühl einer geglückten Überwindung unserer Angst-Blockade hin. Wie könnte eine positive Zukunft nach Corona aussehen?

Blick in die Glaskugel

Es fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Wir werden erkennen, dass „Social Distancing“ nicht zur Vereinsamung geführt hat. Im Gegenteil: Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, freundschaftliche Bindungen gestärkt, die schon lange vernachlässigt worden sind. Die Familie ist näher zusammengerückt. Puzzle- oder Filmabende sind zur neuen Routine geworden. Auch wenn das anhaltende Aufeinanderhocken für viele Familien nervenaufreibend gewesen ist und zu Streitigkeiten geführt hat, werden wir gern auf die „Quality time“ zurückblicken.

Wir werden erkennen, welches Glück wir hatten, digitale Kommunikationskanäle nutzen zu können. Telefon- und Videokonferenzen sind auf die Probe gestellt und zum Tageshighlight geworden. Diese stellten sich als durchaus praktikabel heraus. Das Home-Office und das damit verbundene Zeit-Jonglieren mit anderen Haushaltsaufgaben oder der Kinderbetreuung sind für viele Menschen zu einer tagtäglichen Selbstverständlichkeit geworden. Wir haben wieder gelernt, wirklich zu kommunizieren, lassen niemanden mehr zappeln oder Nachrichten unbeantwortet. Wir haben durch die Krise die Verbindlichkeit gespürt, da nur so der Kontakt erhalten bleiben konnte.

Nicht nur die Natur atmet auf – auch für uns als Gesellschaft bietet die Krise eine Chance auf Transformation. Bild: Christin Post

Wir werden erkennen, wie heilsam die Natur für uns ist. Abseits von den öffentlichen Plätzen sind die Wälder intensiv für Spaziergänge genutzt worden, um Menschenansammlungen in den städtischen Parks zu vermeiden. Menschen, denen es schwergefallen ist, innerlich zur Ruhe zu kommen, haben sich ausgiebig bewegt und tägliche Spaziergänge unternommen. Es ist Achtsamkeit geübt worden, um mental und körperlich unsere volle Energie wahrzunehmen und alles um uns herum zu vergessen. Nicht nur der Aufenthalt in der Natur ist Kult geworden. Nein, auch das Kochen und ausprobieren neuer Backideen gewann wieder zunehmend an Beliebtheit. Die gewonnene Zeit in den vier Wänden ist sinnvoll und produktiv genutzt worden. Lästige Aufgaben, die sonst gern aufgeschoben worden sind, wie das Ausmisten alter Kleidung oder Gegenstände, standen weit oben auf der To-Do-Liste. Sie haben uns geholfen, dem Lagerkoller zu entkommen.

Wir werden erkennen, dass das Coronavirus seine Spuren hinterlassen hat. Das werden nicht nur Videos der musizierenden Italiener auf den Balkonen sein. Wir werden erkennen, wie wichtig gesellschaftlicher Zusammenhalt ist. Dass wir Krisen, welche die ganze Welt auf Trab halten, nur gemeinsam meistern können. Nur wenn alle Generationen am selben Strang ziehen. Junge Menschen haben ihr Leben massiv eingeschränkt, um die Alten und Kranken zu schützen. Hilfsbereitschaft und das gesellschaftliche Miteinander ist durch den Virus wieder in den Vordergrund gerückt, nachdem wir es in den vergangenen Jahren zunehmend vermisst hatten. Ist uns vielleicht sogar schon längst klar gewesen, dass die Welt nicht unverändert hätte bleiben können?

Corona hat den Reset-Knopf gedrückt

Die Zeit danach wird kommen, wenn die Krise ausgestanden ist. Wir werden uns frisch und wie neugeboren fühlen – werden plötzlich voller Tatendrang sein. Voller Stolz, diesen schwierigen Abschnitt in unserem Leben gemeistert zu haben. Die Dinge ändern sich im Fluss der Zeit. Wir werden in der Lage sein, die Veränderungen anzuerkennen und eine neue Normalität erleben. Unsere Einstellungen gegenüber dem Leben werden wir durch Corona anpassen und Prioritäten lernen, anders zu setzen. Es ist extrem wichtig, mit einem gesunden Fatalismus dem gegenüber zu stehen. Denn wir werden uns durch diese turbulente Zeit umprogrammieren. Der neuartige Alltag mit Corona wird uns dazu zwingen, neue Wege und Lösungen zu
finden, um unser Leben zu bewältigen. Wir müssen erkennen, dass genau darin das Potential steckt, um gesellschaftlich und persönlich zu wachsen. Damit die Zukunft sich wieder glänzend entwickeln kann. Denn die Welt wird nicht mehr die Gleiche sein. Wir werden sie mit anderen Augen sehen.

Text: Christin Post, Titelbild/ Foto: Christin Post