Couchkritik im Februar

von | 15. Februar 2019

Ein überforderter Schauspieler; eine Mannschaft, auf einer Reise in den Wahnsinn; eine Crew, die mit einem neuen Captain klar kommen muss und eine Großstädtlerin, die während einer Zeitschleife zu sich selbst findet: Vier Serien zeigen, dass das größte Mysterium wir selbst sind. Fotos: Netflix | © 2018 Amazon.com Inc. Or its affiliates. | 2018 Syfy Media, LLC | © 2018 CBS Interactive. All Rights Reserved. Montage: Lena von Heydebreck

Was macht einen Menschen zu dem, was er ist? Was macht ihn aus, was fürchtet er und auf welche Dinge kommt es im Leben an? Ob in den dunklen Weiten des Weltalls, gefangen in einer Zeitschleife oder inmitten einer Chaosfamilie. Unsere Serien-Empfehlungen für den Februar bieten zwar einen bunten Mix verschiedenster Genres, haben aber thematisch eine Gemeinsamkeit: Jede unserer Handlungen bestimmen unseren Charakter. In den folgenden Serienempfehlungen seht ihr, wie unterschiedlich das passieren kann.

Nightflyers – Staffel 1 – seit 1. Februar auf Netflix

Mitten im dunklen, lautlosen Weltraum schwebt das Raumschiff „Nightflyer“, ausgesendet, um Kontakt mit der außerirdischen Lebensform namens „Volcryn“ aufzunehmen. Doch dass diese Mission scheitert, zeigen bereits die ersten fünf Minuten. Bevor der durchgedrehte Rowan (Angus Sampson) seine Kollegin Dr. Agatha Matheson (Gretchen Mol) mit einer Axt töten kann, ist diese gerade noch so in der Lage, eine Warnung abzusenden, bevor sie sich selbst mit einer Säge den Hals aufschneidet. Inhalt der Warnung: Niemand solle die Nightflyer je wieder betreten, geschweige denn zur Erde zurück bringen. Nightflyers basiert auf einer Novelle von George R.R. Martin (Game of Thrones), dessen Handschrift unschwer zu erkennen ist. Vielschichtige Charaktere, die meist mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen haben, eine wahnsinnig gewordene K.I., welche stark an Kubrick’s 2001: Odyssee im Weltraum erinnert, und viel Blut gehören zum Grundrezept der Science-Fiction-Serie. Zwar bietet die Serie einen guten Look und mit David Ajala, Maya Eshet und Eoin Macken auch ein gutes Darsteller-Ensemble, doch das Thema rund um eine Crew, die durch mysteriöse Vorfälle den Verstand verliert, bietet nun wirklich nichts Neues. Wer den Film Event Horizon schon einmal gesehen hat, kann kaum noch überrascht werden. Nightflyers bleibt trotz Schwächen bis zum Ende hin unterhaltsam, aber ob man vom Psycho-Trip danach noch mehr sehen will, ist Geschmacksache.

Star Trek Discovery – Staffel 2 – seit 18. Januar auf Netflix

Nicht nur das pure Böse oder der Wahnsinn liegt in den dunklen Tiefen des Alls. Mit dem Zusammenhalt einer Mannschaft, jeder Menge Mut und allem, was die Menschheit ausmacht, kann man jedem Mysterium im Universum gegenübertreten. In der zweiten Staffel von Star Trek Discovery geht die Reise dorthin weiter, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Discovery ist der sechste Serien-Ableger im Star Trek-Universum und spielt weit vor den originalen Abenteuern um Kirk, Spock und Scotty. Zu Beginn der neuen Staffel trifft die Crew der Discovery auf die U.S.S. Enterprise unter dem Kommando von Christopher Pike (Anson Mount), der direkt das Brücken-Zepter von Saru (Doug Jones) übernimmt. Auf Befehl der Sternenflotte soll Pike sieben mysteriösen Signalen nachgehen, die zeitgleich verstreut über die Galaxie erscheinen. Ihm zur Seite steht auch Michael Burnham (Sonequa Martin-Green), die auf ein Wiedersehen mit ihrem Halb-Bruder Spock (Ethan Peck) hofft.

Mit Discovery haben Alex Kurtzman und Bryan Fuller einen gelungenen Ableger erdacht, der in Witz, Tempo und Optik auch dem Star Trek Film-Reboot von J.J. Abrams ähnelt. Während der ersten Staffel kamen durch die vielen Wendungen und dem hohen Tempo leider viele Charaktere zu kurz, so dass der Zuschauer kaum eine emotionale Bindung zu ihnen aufbauen konnte. Die zweite Staffel schafft es aber gekonnt, die Schwächen der Vorgängerstaffel zu beseitigen, so dass man sich als Zuschauer mit Spannung auf die neuen Abenteuer der Discovery freut. Auch die grandiose Optik auf Kino-Niveau kann sich sehen lassen. Zwar schöpft Discovery noch nicht das volle Potenzial des Star Trek-Universums aus, aber mit der neuen Staffel schlägt die Serie die richtige Richtung ein. Nicht mehr so düster, nicht mehr so ernst wie im ersten Jahr und alte Bekannte sorgen für Wiedersehensfreude – nicht nur bei den Fans.

Matrjoschka  – Staffel 1 – ab 1. Februar auf Netflix

In Matrjoschka, im englischen Original Russian Doll, steckt mehr drin, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Ähnlich wie in den schachtelbaren, russischen Puppen zeigt sich der wahre Kern erst weit im Inneren. Zu Beginn der achtteiligen Serie feiert die junge, zynische Nadia (Natasha Lyonne) ihren 36. Geburtstag. Als sie am selben Abend noch ihr Haus verlässt, wird sie von einem Auto angefahren und stirbt. Aber damit endet die Serie nicht, sondern Nadia findet sich danach sehr lebendig auf ihrer Party wieder. Dabei erklingt immer wieder im Hintergrund Harry Nilssons „Gotta Get Up“. Damit beginnt die erst monoton wirkende, an Und täglich grüßt das Murmeltier erinnernde Story. Vergeblich versucht sie, den nächsten oder übernächsten Tag zu überleben und einen Sinn hinter den Ereignissen zu finden. Erst als sie den Leidensgenossen Alan (Charlie Barnett) trifft, ändert sich für beide alles. Anfänglich wirkt die Serie dank der egoistischen und narzisstischen Sichtweise sehr langatmig oder schwer nachvollziehbar für Menschen, die nicht in einer Großstadt aufgewachsen sind. Doch je mehr Nadia den Kern ihrer Seele ergründet, desto spannender wird die Serie. Es beginnt ein Kreislauf, welcher sich immer mehr in die Materie windet und auch immer tiefer unter die Haut geht. So beginnt Matrjoschka anfänglich als Vergangenheitsbewältigungsdrama und endet mit parallel stattfindenden Realitäten, Zeitebenen und milden Brainfucks. Es steckt viel Substanz und Mehrwert in der Serie, welche aber über die zu sehr auserzählte Grundprämisse nicht hinwegtrösten kann.

Pastewka – Staffel 9 – seit 26. Januar auf Amazon Prime Video

Gefangen auf einem fahrenden Autotransporter, welcher mitten auf der Autobahn unterwegs ist, leistet Bastian Pastewka heldenhaft erste Hilfe bei der Geburt des Kindes seiner verhassten Schwägerin – und halb Deutschland schaut live dabei zu. Fernseh-Deutschland feiert ihn, was seinem angebrochenen Image nur zu Gute kommen kann. Dies ist aber keine reale Schlagzeile über den Comedian Bastian Pastewka, sondern war das Finale der achten Staffel Pastewka. Darin spielt der Komiker nur den fiktiven komischen Typen aus dem Fernsehen. Und das seit 25. Januar bereits in neun Staffeln innerhalb von 14 Jahren. Die Comedyserie ist leicht angelehnt an die HBO-Show Curb Your Enthusiasm von Larry David, in welcher sich der Seinfeld-Erfinder fiktiv selbst spielt. In der Serie geht es um die Alltags-Widrigkeiten, vor denen Pastewka steht, seinen Beziehungsproblemen mit seiner Freundin Anne (Sonsee Neu), dem Zwist mit seiner Nachbarin und späteren Schwägerin Svenja Bruck (Bettina Lamprecht) sowie allerlei Familienprobleme rund um seinen Bruder Hagen (Matthias Matschke) und dessen Tochter Kimberley-Jolante (Christina do Rego), genannt „Kim“. In der aktuellen neunten Staffel muss Bastian weiterhin das Aus mit seiner jetzigen Ex-Freundin Anne verdauen und neben einem Arzt in einer neuen Krankenhausserie den Patenonkel für Svenjas und Hagens Tochter Mafalda spielen. Dazu lebt er vorübergehend  auf deren Naturguthof, was zu einigen Komplikationen, nicht nur vor Ort, sondern auch am Set mit Kollegin Katja Woywood, führt.

Auch wer kein Fan von Bastian Pastewka ist, wird mit dieser Serie viel Spaß haben. Der Wechsel von SAT 1 zu Amazon Prime als Anbieter ab 2018 hat der Serie merklich gut getan, gerade auf qualitativer Ebene. Weiterhin treten illustre, bekannte Gesichter des deutschen Fernsehens auf, unter anderem Chris Tall, Annette Frier, Anke Engelke und Heino Ferch. Die Serie blickt humorvoll in die deutsche TV-Industrie. Allein der Vorspann von Pastewkas neuer Serie, welche wie ein Kind zwischen Sturm der Liebe und In aller Freundschaft wirkt, ist ein Highlight. Bei all den Peinlichkeiten, in die sich Bastian hinein manövriert, zeigt die Serie, was Familie bedeutet und wie man erhobenen Hauptes auch im größten Schlamassel eine gute Figur macht. Pastewka wurde bereits um eine zehnte Staffel verlängert, welche gleichzeitig im Jahr 2020 das Ende der Serie sein soll.

Text: Michael Born, Fotos: Netflix | ©2018 Amazon.com Inc. Or its affiliates. | 2018 Syfy Media, LLC | © 2018 CBS Interactive. All Rights Reserved. Montage: Lena von Heydebreck