Unzählbare Tweets, Posts, Videos und Kommentare sammeln sich tagtäglich und weltweit im Internet. Jeder einzelne Eintrag kann seine eigene Geschichte erzählen. Zusammenhänge zwischen einzelnen Plattformen herzustellen, war bisher oft zeitaufwendig. Abhilfe schafft hier der auch für Journalisten interessante Social Media-Aggregator „Storify“.

Storify ist zwar kein neues Phänomen, aber selbst für viele Web-Profis noch ziemliches Neuland. Bereits 2009 kreierte Mitbegründer Xavier Damman das Konzept unter dem Namen „Publitweet“. Als er weder in Frankreich noch in Belgien Geld für die Umsetzung seiner Idee auftreiben konnte, versuchte er sein Glück in San Francisco. Mit der Vision, Stimmen aus Social Media-Plattformen zusammenzutragen, die es verdient haben, eine breitere oder gemeinsame Öffentlichkeit zu erlangen, lernte Damman letztlich Mitbegründer Burt Herman kennen. 2010 gründete sich das Unternehmen schließlich in Kalifornien, zunächst nur als private Beta-Version. Seit 2011 ist der Social Media-Aggregator für die breite Öffentlichkeit unter dem Namen „Storify“ zugänglich.

Das Mysterium um den Namen

Der Name erinnert an den beliebten Musik-Stream „Spotify“. Zurückzuführen ist er allerdings auf das Verb „to storify“, was soviel bedeutet wie „eine Geschichte aufbauen oder erzählen“. Burt Herman stieß während seiner Arbeit als Korrespondent bei „The Associated Press“ auf den Begriff, denn hier wurde „storify“ ständig von den Redakteuren verwendet. Auch im deutschen Raum ist das Buzzword „Storytelling“ Journalisten wie auch PR-Fachleuten geläufig.

Die Chancen des Webdiensts

Ulrike Langer, Spezialistin für digitale Medieninnovationen, beschreibt Storify als „ein Tool, um unkompliziert Stimmungen, Meinungen und Informationen aus dem Netz zu kuratieren, zu präsentieren und teilbar zu machen“. Die integrierten Embed- und Sharing-Funktionen sorgen zusätzlich für eine schnelle Verbreitung im Netz, erklärt Langer weiter.

Besonders interessant wird der Social-Media Aggregator im Zusammenhang mit brandneuen Geschehnissen, die weltweit Menschen beschäftigen, wie zum Beispiel das Hochwasser in Teilen Deutschlands im Frühsommer 2013. Die Canadian Broadcasting Corporation, kurz CBC, nutzte Storify im vergangenen Jahr, um die Aufstände in London festzuhalten. Im aktuellen Fall um den Whistleblower Edward Snowden bietet das Portal vor allem die Möglichkeit, Reaktionen, Meinungen und Unterhaltungen zur Thematik PRISM und Tempora zusammenzutragen. Die Einschätzungen von Social Networkern weltweit können so in einem lesbaren Kontext gebündelt werden.

Das Potential in Deutschland

Die Möglichkeit, Stimmen aus dem „Untergrund“ zu sammeln, so der Claim des Webdienstes, etabliert sich auch langsam in deutschen Medien. BILD macht es vor, ebenso die immer wieder durch hohe Social Media-Affinität auffallende Rheinzeitung. Auch medienMITTWEIDA hat bereits seit 2012 einen eigenen Storify-Kanal und veröffentlicht hier (derzeit noch in unregelmäßigen Abständen) Storys aus dem Netz, wie beispielsweise zur Stimmvergabe an Journalisten während des NSU-Prozesses, zu einem mittleren Eklat während des tazlabs im April 2013 oder zu unserer wöchentlichen Reihe „Akademischer Dialog“ an der Hochschule Mittweida, unter anderem mit dem Radiojournalisten Achim Himmelrath.

Lucas Gruhl, Mitarbeiter des Social Media-Teams von medienMITTWEIDA, erklärt, warum auch wir als studentisches Portal das Potenzial von Storify nutzen müssen: „Dem Leser eröffnet der Zusammenhang verschiedener Social Media-Inhalte in chronologisch geordneter Reihenfolge eine völlig neue Sichtweise auf gewisse Themen und die Resonanz im Netz.“ Das bietet gerade einem Onlinemedium grundlegend neue Perspektiven auf das Netz.

Neue Wege im Onlinejournalismus?

In sozialen Netzwerken findet ein Großteil der internationalen Kommunikation statt. „Für Onlinejournalisten besteht nun die Aufgabe darin, aus dieser Masse an Inhalten den passenden für seine Geschichte zu filtern“, erklärt der Social Media-Fan Lucas über die Herausforderungen von Storify. Laut Ulrike Langer würde das Potenzial dieses Dienstes hierzulande jedoch noch immer zu wenig genutzt, um den Onlinejournalismus nachhaltig zu prägen. „Im besten Fall können Onlinejournalisten mit Storify das oft geforderte Umdenken – weg vom Predigen, hin zum Anzapfen des Wissens der Nutzer – leichter umsetzen“, wünscht sich Langer. Dennoch sei Storify am Ende nur ein Tool unter vielen und somit nur ein möglicher Mosaikstein eines in Zukunft möglichen zeitgemäßeren Onlinejournalismus.

Text: Laura Berghold. Video: Steven Busch.