„Digitalisierung ist ein großes Thema in der Medizin“

von | 21. April 2019

Digitale Sprechstunde ohne Wartezeit und Anfahrt in die Praxis. Titelbild: HELIOS Kliniken, Thomas Oberländer

Dr. Danny Nummert-Schulze ist Facharzt für Innere Medizin und hausärztliche Versorgung in Hartha und seit einigen Monaten auch digitaler Mediziner. Eine Sprechstunde ohne anwesenden Patienten – für ihn nichts Ungewöhnliches. In einem Interview mit medienMITTWEIDA erklärt er, wie wichtig es für die Medizin ist, mit der Digitalisierung zu gehen. 

Wie kamen Sie auf die Idee, Videosprechstunden in Ihrer Praxis anzubieten?

Wir sind eine sehr moderne Hausarztpraxis und dauernd bemüht, uns den neuen technischen Möglichkeiten anzuschließen. Wir nutzen schon seit Eröffnung keine Papierakten mehr, sondern digitale Patientenakten. In der Einführung der Videosprechstunde habe ich den Vorteil gesehen, meinen Patienten ein Stückchen mehr Service zu bieten und gleichzeitig meine Abläufe in der Praxis vereinfachen zu können.

Dr. med. Danny Nummert-Schulze ist einer von 21 Ärzten des „Helios“-Verbundes, die die Sprechstunde via Video nutzen. Foto: HELIOS Kliniken, Thomas Oberländer

Nachdem feststand, dass Sie die Videosprechstunde in Ihren Praxisalltag integrieren wollen: Wie verlief der Weg bis zur fertigen Umsetzung?

Die kassenärztliche Vereinigung hat voriges Jahr den Weg frei gemacht, die Videosprechstunde in der normalen Hausarztsprechstunde anzubieten und sozusagen keinen direkten Arzt-Patienten-Kontakt mehr zu benötigen. Die Voraussetzungen für das Einführen einer Videosprechstunde sind gar nicht so schwer, wie anfangs gedacht. Das Angebot einer Videosprechstunde ist eine von der kassenärztlichen Vereinigung genehmigungspflichtige Leistung. Ich musste einen Antrag stellen, damit ich dieses Angebot in mein Portfolio aufnehmen durfte. Aus technischer Sicht wird lediglich ein Internetanschluss und ein PC oder Tablet mit einer Kamerafunktion benötigt – das sollte für jeden Hausarzt machbar sein. Außerdem unterstützt der „Helios“-Konzern – zu dem meine Praxis in Hartha dazu gehört – die Digitalisierung im Gesundheitswesen und hat das Projekt „Videosprechstunde“ mit vorangetrieben.

Kassenärztliche Vereinigung Sachsen

Räumliche und apparativ-technische Voraussetzungen:

  • Kamera
  • Bildschirm (Monitor, Display)
  • Bildschirmdiagonale mindestens drei Zoll
  • Auflösung mindestens 640×480 px
  • Bandbreite: mindestens 2000 kbit/s im Download
  • Mikrofon und Tongeschwindigkeit müssen vorhanden sein

Wie funktioniert der digitale Arztbesuch?

Die Patienten machen sich, wie bisher auch, einen ganz normalen Termin. Zu dem vereinbarten Zeitpunkt schicke ich dem Patienten einen PIN per SMS oder E-Mail. Diesen kann der Patient auf seinem Endgerät anklicken. Daraufhin öffnet sich die Videosprechstunde auf einer Internetseite. Eine App oder ein Programm muss nicht installiert werden.

Welchen Vorteil hat die Videosprechstunde für den Patienten?

Wer ist die Zielgruppe der Videosprechstunde?

Das sind vor allem jüngeren Leute, die jeden Tag weite Wege zur Arbeitsstelle auf sich nehmen und keine Möglichkeiten haben, zu den Sprechstundenzeiten beim Hausarzt zu erscheinen. Sie haben durch die Videosprechstunde die Chance, auch mal von der Arbeitsstelle aus einen Arzttermin wahrnehmen zu können. Außerdem ist die Videosprechstunde ein Vorteil für Angehörige, die Patienten betreuen. Sie kann ich zum Thema häusliche Pflege beraten, ohne dass sie in der Praxis erscheinen müssen. Die Videosprechstunde setzt momentan noch vielen älteren Bürgern hingegen Limitierungen. Viele sind noch nicht so versiert mit der digitalen Technik.

Wozu kann die die Videosprechstunde eingesetzt werden?

Es dient nicht primär dazu, akut Erkrankte zu behandeln. Ein Infekt oder eine Wunde muss auch weiterhin bei einem Arzt persönlich abgeklärt werden. Nachbesprechungen von Untersuchungsbefunden oder Behandlungsberichten von Fachärzten und Wundnachkontrollen können über die digitale Sprechstunde erfolgen. Beratungen aller Art, wie Impfberatung, Reiseberatung oder Beratungen zu Pflegethemen können über die Videosprechstunde abgehandelt werden.

Berufsordnung der Sächsischen Landesärztekammer

Paragraph 7 Absatz 4

Der Arzt berät und behandelt den Patienten im persönlichen Kontakt. Er kann dabei Kommunikationsmedien unterstützend einsetzen. Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien ist im Einzelfall erlaubt, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Aufklärung, Beratung und Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird.

Wer übernimmt die Kosten für die Videosprechstunde?

Die Videosprechstunde ist für die Patienten kostenlos. Die Abrechnung dieser Leistung ist momentan noch nicht wirtschaftlich und nicht kostendeckend. Der Arzt erhält eine Aufwandsentschädigung, die von den Kassen zur Verfügung gestellt wird.

Welche Hürden birgt die digitale Sprechstunde?

Es gibt eine Hürde, die in Sachsen existiert: Die Patienten müssen sich im laufenden Quartal mit ihrer elektronischen Gesundheitskarte in unserer Praxis angemeldet haben, um die Videosprechstunde nutzen zu können. In anderen Bundesländern ist das nicht mehr notwendig. Dahingehend würde ich mir eine Veränderung der Regelungen wünschen. Natürlich sollte der Arzt in Australien nicht nur Patienten aus Deutschland behandeln – das macht keinen Sinn. Aber es gibt Patienten, die längerfristig unterwegs sind und lediglich eine Beratung benötigen. Ein Hausarzt sollte seine Patienten dann so gut kennen, dass er eine Hilfestellung geben kann, während der Patient verreist ist. Weitere Hürden werden zukünftig der zunehmende Personalmangel und die Überalterung der Bevölkerung sein, die uns vor neue Herausforderungen stellen werden. Ein limitierender Faktor ist außerdem die schlechte Internetverbindung bei Ärzten in ländlicheren Regionen. Dort ist die Videosprechstunde leider nicht anwendbar.

Dr. Danny Nummert-Schulze zur Digitalisierung

Wie wird der Datenschutz der Patienten gewahrt?

Die Videosprechstunde wird von verschiedenen Software-Entwicklern angeboten. Die kassenärztliche Vereinigung fordert, dass die Videosprechstunde nirgendwo gespeichert werden darf und abhörsicher sein muss. Das müssen die Anbieter sicherstellen. Die Videosprechstunde ist eine reine Peer-to-Peer-Verbindung und geht auch nicht über amerikanische Server, sondern ausschließlich über deutsche Netzwerke.

Das Grundproblem „Ärztemangel“ besteht weiterhin: Welches Problem löst die Videosprechstunde?

Der Ärztemangel ist da und wird auch weiter fortschreiten. Der Personalmangel macht sich vor allem in den ländlichen Regionen bemerkbar. Dort werden die Patienten, die auf einen Arzt kommen, immer mehr. Die Bevölkerung wird immer kränker und immer älter. Die Videosprechstunde dient dazu, ein besseres Zeit-Leistungs-Verhältnis herzustellen. Sie dient vorrangig dazu, Wege zu ersparen und Abläufe zu vereinfachen. Die Anwendung der Videosprechstunde in Zusammenarbeit mit Pflegeheimpersonal erspart dem Arzt Hausbesuche, die einiges an wertvoller Zeit in Anspruch nehmen. Ich kann nur einladen, dass sich möglichst viele ärztliche Kollegen diesen digitalen Wegen öffnen.

Dr. Danny Nummert-Schulze zur Zukunft der digitalen Sprechstunde

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der digitalen Sprechstunde?

Patienten, bei denen die Videosprechstunde möglich ist, reagieren durchweg positiv darauf und nutzen sie auch weiterhin. Ich führe jede Woche etwa zwei bis drei Videosprechstunden – Nachfrage steigend. Es gab auch schon Enttäuschungen, da die Datenübertragungsrate bei einigen Patienten nicht ausgereicht hat, um eine gute Videosprechstunde zu ermöglichen.

Haben Sie sich während Ihres Studiums schon solche Möglichkeiten der Digitalisierung vorstellen können?

Mein Studienbeginn ist jetzt 19 Jahre her. Damals war diese Entwicklung überhaupt nicht absehbar. Während des Studiums haben sich vor allem bei der Behandlung von Patienten technische Möglichkeiten entwickelt, aber die Rasanz der digitalen Möglichkeiten ist schon bemerkenswert.

Text: Michelle Kayser, Titelbild und Foto: HELIOS Kliniken, Thomas Oberländer, Audiobearbeitung: Annika Braun