Hören und Sehen – die wichtigsten Sinne, die vor allem im digitalen Zeitalter immer bedeutender werden. Chatten, Skypen und Mailen machen unsere Kommunikation aus. Doch wie gehen Menschen damit um, denen genau diese beiden Sinne fehlen? Ein spezieller Handschuh soll ihnen helfen zu kommunizieren.

Es gibt bis zu 6000 Taubblinde in Deutschland. Sie sind permanent auf Unterstützung angewiesen, denn das Gesellschaftssystem ist nicht direkt auf Menschen ausgerichtet, die sowohl blind als auch taub sind. Für Menschen ohne Gehör-und Sehsinn ist die freie Orientierung im Raum sehr schwierig und sie sind eher auf ihren Tastsinn angewiesen. Um mit anderen kommunizieren zu können, müssen besondere „Sprachen“ erlernt werden.

Mit der taktilen Gebärdensprache können sie Gebärden mit ihren Händen formen. Ebenfalls stark verbreitet ist das sogenannte Lorm-Alphabet, bei dem jedem Buchstaben dabei eine Berührung in der Handinnenfläche zugeordnet wird. Trotzdem können sich Taubblinde nur untereinander verständigen und unterhalten. Und genau darin liegt das Problem. Regina Berg vom Deutschen Taubblindenwerk erklärt: „Der Verlust eines Fernsinnes kann nicht durch den anderen Fernsinn kompensiert werden.“

 Vom Auslesegerät über Pad zum Handschuh

Genau an dieser Stelle setzen digitale Hilfsmittel an. Sie sollen den Taubblinden ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.

Die Braillezeile – ist ein Computerausgabegerät, welches das „Lesen“ am Computer ermöglicht. Erreicht wird dies durch die Umwandlung der Schrift vom Bildschirm in Braillezeichen. Das ist eine Blindenschrift, die aus zu ertastenden Punktmustern besteht. Somit kann der Taubblinde sich die Informationen „erfühlen“.

Das Haptipad der Firma Hapticom ist im Gegensatz dazu dafür ausgerichtet, dass der Taubblinde aktiv kommunizieren kann – und zwar sowohl mit anderen Taubblinden als auch mit „normalen“ Menschen. Dabei werden Braillezeichen eingetippt und über eine Internetverbindung an das Haptipad einer anderen Person gesendet, welche diese dann erfühlen kann. Außerdem besteht die Möglichkeit, mittels einer App die Zeichen als Text an entsprechende Endgeräte Sehender, z.B. Laptop oder Smartphone, zu senden.

Mobile Lorm Glove – Ähnlich ging es das Team vom „Design Research Lab“ der Universität der Künste in Berlin an. Die Mitarbeiter des Forschungsbereichs „Soziale Innovation“, beschäftigen sich u.a. mit den technischen Möglichkeiten im Bereich von Inklusion und Nachhaltigkeit. Der von Ihnen entwickelte „Mobile Lorm Glove“ ist ein mit Sensoren ausgestatteter Handschuh. Teamleiter und Designforscher Tom Bieling erklärt:

„Die Interaktion basiert auf dem Lorm-Alphabet. Normalerweise wird diese Sprache nur von Hand-zu-Hand übertragen. Das setzt voraus, dass Gesprächspartner physisch anwesend sein und das Lorm-Alphabet auch beherrschen müssen. Der Handschuh wandelt nun mit Hilfe von kleinen Ein- und Ausgabesensoren die taktilen Informationen in digitalen Text um, z.B. SMS oder Emails.“

Das funktioniere auch umgekehrt: Auf der Rückseite des Handschuhs befinden sich kleine Vibrationsmotoren, die Nachrichten empfangen und auslesen können. Bieling meint dazu: „Es handelt sich also um eine Art Simultan-Dolmetscher. Taubblinde können somit mit jeder beliebigen Person kommunizieren, ohne dass eine gemeinsame ,Sprache gesprochen‘ werden muss.“

Die Entwicklung des Tools erfolgte unter enger Zusammenarbeit mit Taubblinden selbst und befindet sich mittlerweile in der vierten Prototypengeneration. Das folgende Video veranschaulicht die Benutzung des Handschuhs noch einmal in Bildern.

Ein weiterer Schritt in die Zukunft, ist die 2013 ergänzend entwickelte „LormHand“. Auf ihr getippte Lormnachrichten werden als Post an Twitter und Facebook gesendet. Dies ermöglicht Taubblinden die Kommunikation in Sozialen Netzwerken.

Keine gesetzliche Anerkennung

Gebremst werden die innovativen Entwicklungen durch die Rechtslage in Deutschland, die Taubblindheit nicht konkret anerkennt. So gibt es kein eigenes Kennzeichen im Schwerbehindertenausweis. Stattdessen werden Taubheit und Blindheit einzeln gewertet, was insbesondere bei den Krankenkassen zu Problemen führt, wie Regina Berg vom Deutschen Taubblindenwerk berichtet: „Es gibt Hilfsmittel für Hörgeschädigte, die beispielsweise mit Blitzsignalen oder Licht arbeiten und nicht zu ertasten sind oder es gibt Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte, die zunehmend über Sprache arbeiten und ebenfalls nicht mehr zu ertasten sind – wie oft hat schon eine Krankenkasse ein Vorlesesystem für eine taubblinde Person bewilligt, die aber ineffektiv ist, weil diese Person gar nicht hören kann.“

Da die speziellen Hilfsmittel meist sehr teuer sind, können sie sich viele Taubblinde ohne Zuschuss der Krankenkasse gar nicht leisten. Diese übernehmen aber immer nur einen Teil der Summe. Das Team von Tom Bieling arbeitet daran, den Taubblinden ein besseres Leben zu ermöglichen. In Zukunft soll der „Mobile Lorm Glove“ um eine Sprachein- und -ausgabe ergänzt werden – Gesprochenes wird in das Lorm-Alphabet umgewandelt und umgekehrt. Auch sollen sich E-Books und Hörbücher demnächst damit ertasten lassen. Ein weiterer Schritt in Richtung der gesellschaftlichen Teilhabe.

Text: Ann-Kathrin Bertenrath. Bilder: Tom Bieling, Design Research Lab.