Corona-Auflagen

Das Studium ist die beste Zeit im Leben?

von | 18. Dezember 2020

Zwischen sozialer Isolation, Erklärvideos und Hotel Mama. Das bedeutet das hybride Semester für Erstis.

Erstsemesterparty, gemeinsames Mittagessen in der Mensa, Hochschulsport – all das sind Dinge, die Paula nur aus Erzählungen älterer Semester kennt. Es ist Montagmorgen. An diesem Tag darf sie endlich mal zu einer Präsenzveranstaltung auf den Campus. Aufgeregt betritt sie den Hörsaal. Ihr erstes Semester läuft nun schon seit fünf Wochen, trotzdem blickt sie in lauter fremde Gesichter. Ähnlich wie Paula geht es momentan vielen Studienanfängern.

In den vergangenen Monaten stieg die Anzahl der Corona-Infizierten laut RKI stark an. Um die Infektionsketten einzudämmen, stellten die Universitäten und Hochschulen in Mitteldeutschland daher auf ein hybrides Semester um. Das heißt, es finden nur die nötigsten Veranstaltungen in Präsenz statt. An vielen Universitäten Mitteldeutschlands werden die Seminargruppen erneut in sogenannte Kohorten aufgeteilt, um zu gewährleisten, dass sich während der Vorlesungen eine möglichst niedrige Zahl an Studierenden gleichzeitig in den Hörsälen aufhält. Dazu kommen strikte Abstandsregeln und Maskenpflicht. Die meisten Veranstaltungen finden jedoch digital statt. Wer eine Lehrveranstaltung hat, schaltet den Laptop ein.

Digitaler Einzug in die Hochschulfamilie

Bereits Ende September begannen die Universitäten und Hochschulen Mitteldeutschlands, mit den ersten Planungen für die kommenden Erstsemesterveranstaltungen. „Uns war es, gerade in der aktuellen Situation, besonders wichtig, die neuen Studis angemessen und mit offenen Armen in die Hochschulfamilie aufzunehmen“, berichtet Maximilian Benda, Studienberater an der Hochschule Mittweida und verweist damit auf die Angebote der Hochschule gegenüber medienMITTWEIDA. Frühzeitig sollte den rund 2000 Studienanfängern der Einstieg in ihr erstes, hybrides Semester erleichtert werden. Genauso wie die verschiedensten Corona Schutzverordnungen gravierende Unterschiede aufweisen, sind auch die Maßnahmen und Angebote für Erstsemester an den Hochschulen und Universitäten von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Mittweida wurden die traditionellen Infotage der Erstsemester in diesem Jahr ins Digitale verlegt. „Alle Informationen, die sonst in Vorträgen oder den Campusführungen vorgestellt wurden, fanden virtuell auf YouTube statt. So konnten die Erstis Informationen orts- und zeitunabhängig abrufen und sich von zu Hause auf ihr Studium vorbereiten“, erzählt Benda. Mit einem deutlichen Mehraufwand, der Erarbeitung eines umfangreichen Hygienekonzeptes und zusätzlichen Kosten – konnten in diesem Semester dennoch das Ersti-Grillen und ein Kinoabend durch den Studentenrat durchgeführt werden. Hinzu kommt die Immatrikulationsfeier, welche als Open-Air Event auf dem Technikumplatz stattgefunden hat.

Trotz der verschiedenen Einführungsveranstaltungen ist die Sorge vieler Erstsemester, keinen richtigen Anschluss zu finden, groß. Schon vor Semesterbeginn erreichten die Studienberatung und auch den Studentenrat von Mittweida viele E-Mails, die im Zusammenhang mit Corona standen, wie Gordon Guido Oswald medienMITTWEIDA berichtet. Fragen wie: „Brauche ich überhaupt eine eigene Wohnung in Campusnähe?” und „Wie gestaltet sich der digitale Ablauf meines Studiums?”, beschäftigten die zukünftigen Erstsemester am häufigsten. Doch auch die Unsicherheit und der Umgang mit dem „System Hochschule“ bereitete große Sorge.  „Studierende kennen viele Ansprechpartner noch nicht. Sie wissen nicht, wo sie bei Fragen oder Problemen hingehen können“, meint Oswald. Den Wegfall sozialer Kontakte sieht er hierbei als besonders dramatisch. Normalerweise bietet gerade die traditionelle Pragfahrt einen informellen, persönlichen Raum und die Zeit, in welcher die Studienanfänger bereits erste, neue Freundschaften knüpfen können. Die Fahrt musste in diesem Jahr ausfallen und dadurch fiel auch die erste Möglichkeit weg, die zukünftigen Kommilitonen kennenzulernen.

Soziale Isolation und Generation „Nesthocker“?

Paula lebt in einer Wohngemeinschaft. Ihre derzeitigen Kontakte zu anderen Studenten kann sie an einer Hand abzählen. Dazu zählen zwei ehemalige Mitschüler aus ihrer Abiturstufe, die sich zufälligerweise für den gleichen Studiengang beworben haben, wie sie. Ihre neuen Kommilitonen kann sie nur schwer kennenlernen. Untypisch für sie. „Normalerweise gehe ich in einen Raum und nach fünf Minuten kenne ich neunzig Prozent der Menschen darin“, sagt sie nachdenklich. „Vermutlich ist es gerade das – sonst kann ich physisch in einen Raum hineingehen. Doch das geht jetzt halt nicht. Du kannst spazieren gehen, dir einen Kaffee holen und das wars dann. Wie soll man so neue Leute kennenlernen?“ Die Balance zwischen digitalen Vorlesungseinheiten und den Aktivitäten außerhalb der eigenen vier Wände zu finden, stellt sich in diesem Jahr als ungemein schwierig dar. Der Wegfall von kulturellen Veranstaltungen und Sporteinrichtungen – gerade universitäts- beziehungsweise hochschulintern – verstärkt diesen Effekt. Hinzu kommt, dass in diesem besonderen Jahr weniger Studierende als sonst das Elternhaus verlassen haben und in eine eigene Wohnung gezogen ist. Was auf der einen Seite eine finanzielle Entlastung für den Studenten darstellen kann, da keine Miete für eine eigene Wohnung oder ein Zimmer im Wohnheim zu zahlen ist, kann auf der anderen Seite die Familie in der Heimat belasten. Experten befürchten, dass sich so eine neue Generation von sogenannten Nesthockern entwickeln könnte. Das Streben nach Selbstständigkeit verzögert sich. Der Student lernt aus dem Kinderzimmer.

Neben den bekannten „Hörsaal Problemen“, wie einer Vorlesungseinheit neunzig Minuten aufmerksam zu folgen, kommen im virtuellen Lehrbetrieb massive Ablenkungen dazu. Aktive Partizipation in digitalen Lehreinheiten ist, wenn nicht aktiv vom Lehrenden gefordert, leider in vielen Fällen nur die Ausnahme. Die meisten Studenten haben in den derzeit bekannten Zoom Meetings ihre Kamera ausgeschaltet und verstecken sich hinter schwarzen Kacheln, die nur mit deren Namen oder einem Foto bestückt sind. Ob der Student tatsächlich am Laptop sitzt, oder sich vielleicht doch gerade einen Kaffee kocht, bleibt für den Dozenten unersichtlich. Was für den einen möglicherweise neu gewonnene Zeit bedeutet, da er sich die Wege zur Hochschule sparen kann, stellt einen anderen vielleicht vor technische Herausforderungen. Stabile Internetverbindungen sind in diesen Zeiten essenziell. Wer möchte schon alle fünf Minuten aus einem Zoom-Meeting herausfliegen?

Sind diese augenscheinlichen Probleme überwunden, bleibt immer noch die räumliche Distanz durch die technische Instanz zwischen Lernenden und Lehrenden bestehen. Hinzukommen die Punkte: Zeitmanagement und Selbstorganisation. Gerade Erstis fällt es zu Beginn des Studiums schwer, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Wenn sich die Dozenten entscheiden, Module asynchron anzubieten, wird es für die Studienanfänger zusätzlich kompliziert. „Ich glaube, in einem normalen Semester wäre die Situation ebenso überfordernd, aber man könnte diese zumindest mit seinen Kommilitonen teilen und Lehrinhalte besprechen“, sagt Paula.

Trotzdem geht sie keineswegs mit einem negativen Gefühl an ihre Uni Aufgaben. Mit zahlreichen Lichterketten und Kerzen in ihrem Zimmer, versucht sie sich eine entspannte Lernatmosphäre zu schaffen. Auch wenn der Berg an neuen Herausforderungen schier immens scheint und ihr im virtuellen Lehrbetrieb der Bezug zu den Kommilitonen fehlt, bleibt sie optimistisch. Oftmals sind es nur die kleinen Kommentare am Rande von ihren Professoren, die eine ganze Zoom Einheit auflockern und sie in ihrem gewählten Studium bestärken. „Schlussendlich finde ich es unglaublich spannend, zu beobachten, wie sich mein Unialltag durch die Pandemie entwickeln wird“, sagt sie. Auch Experten mahnen, dass man sich nicht von der aufkommenden „Corona-Müdigkeit“ anstecken lassen sollte. Es ist gerade der Optimismus, der uns durch diese schwierige Zeit bringen wird. Neben ihren zahlreichen Uni Aufgaben versucht Paula genügend lernfreie Phasen in ihren Alltag einzubauen. Durch kleine Sporteinheiten im Wohnzimmer, Telefonate oder Skype-Konferenzen mit Familie und Freunden oder einem kurzen Spaziergang in der Natur, tankt sie neue Energie. Sie freut sich auf die kommenden Semester. Lachend meint sie: „Es kann nur besser werden.“

Text: Tanja Michel, Grafik: Josy Schreier

<h3>Tanja Michel</h3>

Tanja Michel

ist 21 Jahre alt und studiert derzeit im dritten Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA engagiert sie sich als Assistentin der Ressortleitung im Ressort Campus.