Acht Mittweidaer Studenten haben einen Dokumentarfilm über rechte Strukturen in Chemnitz produziert. Jetzt erhielt der Film „RECHTSzuhause“ den Chemnitzer Friedenspreis.

Gestern verliehen mehrere Chemnitzer Organisationen dem Film den ersten Preis des Chemnitzer Friedenspreises, dotiert mit 300 €. In der Begründung der Jury heißt es unter anderem: „Eine hervorragende Recherche bildet die Grundlage einer kompakten Filmarbeit zur Chemnitzer Naziszene und deren Wahrnehmung in der Bevölkerung. Die Studenten bleiben nicht bei kritischen Fragestellungen stehen, sondern finden Antworten in der Vielfalt.“ In dem Dokumentarfilm kommen in 45 Minuten politische Gegner, Opfer rechter Gewalt und Menschen auf der Straße zu Wort.

Chemnitzer Neonazi-Szene ist national und international vernetzt

Das Musik-Label „PC Records“ ist der in Deutschland kommerziell erfolgreichste Förderer rechtsextremer Musik – und hat seinen Sitz in Chemnitz. Erst am Tag der Premiere wurde das letzte Urteil gegen Inhaber Yves Rahmel mit dem Vorwurf der Volksverhetzung durch das Landgericht Sachsen bestätigt. Auch Chemnitzer Neonazi-Bands wie „Blitzkrieg“ stehen bei ihm unter Vertrag.

Den Filmemachern geht es aber auch darum, den Alltagsrassismus als Schlüssel zu rechtsextremen Gedankengut zu zeigen. „Gerade in bildungsschwachen Gebieten ist es so, dass es starke Vorbehalte gegenüber Asylsuchenden gibt. Das nutzte die NPD aus und inszenierte Kundgebungen vor den Heimen“, berichtet Samantha. Vieles würde auch verschwiegen oder schlichtweg ignoriert. „Ein Vater, der ursprünglich von der Elfenbeinküste kommt, erzählte, dass er und seine Tochter bereits von kleinen Kindern auf dem Weg zum Kindergarten zu hören bekommen: ‚Mama, guck mal den Neger an!‘“

Das Team von RECHTSzuhause (von links nach rechts): Michel Espig, Lukas Fritzsch, Florian Barth, Christopher Gaube, Produzent Maximilian Embert, Regisseurin Samantha Günther und Sebastian Goetze.

Das Team von RECHTSzuhause (von links nach rechts): Michel Espig, Lukas Fritzsch, Florian Barth, Christopher Gaube, Produzent Maximilian Embert, Regisseurin Samantha Günther und Sebastian Goetze.

Mehr als ein studentisches Kurzfilm-Projekt

Ende Dezember 2012 wurde die Produktion inklusive eigens komponierter Musik fertiggestellt. Auftraggeber war die Gewerkschaft IG Metall, die über den Lokalen Aktionsplan der Stadt Chemnitz zusammen mit den Studenten eine Förderung für das Projekt erreichen konnte. Nun werden in erster Auflage 500 DVDs produziert, die unter anderem an demokratische Verbände gehen. Zudem wird es Vorführungen an Schulen, bei Lehrerseminaren und Unternehmensworkshops geben.

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Auch der studentische Lokalradiosender 99drei Radio Mittweida hat über die Premiere von RECHTSzuhause berichtet.

Die Medienstudenten um Samantha und Max sprachen in ihrem Film mit dem Preisträger des deutschen Fernsehpreises, David Wnendt, über weibliche Neonazis, mit dem letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz Justin Sonder und mit Fabian Wichmann von der Neonazi-Aussteigerhilfe „EXIT-Deutschland“.

Die Premiere musste aufgrund von Sicherheitsbedenken an einem anderen Ort als geplant stattfinden. Die neuen Einladungen wurden hauptsächlich im Freundes- und Bekanntenkreis ausgesprochen – dennoch war der Vorführungssaal vollends gefüllt. Auf die Frage, ob Samantha nicht auch manchmal Angst während des Drehs oder auch jetzt hätte, antwortet sie: „Öffentlichkeit schützt. Wir zeigen unsere Gesichter offen und bekennen uns zu unserem Film. Und man darf auch nicht vergessen: die auf der anderen Seite sind auch nur Menschen.“

Text: Marcus Jänecke. Aktualisiert am 4. März 2013. Video: RECHTSzuhause, Foto: Marcus Jänecke, Bearbeitung: Nicole Schaum, Audio: Walter Schulz für 99drei Radio Mittweida.