Freiwilligenarbeit als Tourismusgeschäft

von | 16. November 2018

Viele junge Menschen entscheiden sich nach ihrem Schulabschluss für Freiwilligenarbeit im Ausland. Foto: Maria Khaychuk
Die Schulzeit ist beendet, du willst endlich rauskommen aus deiner Stadt, die Welt entdecken, am besten ganz weit weg und gleichzeitig noch was Gutes tun. Was könnte sich da besser eignen als Kindern und Jugendlichen Englisch beizubringen in Sri Lanka oder in Ghana das Waisenhaus bei der Betreuung zu unterstützen?
Freiwilligenarbeit im Ausland, vor allem in Entwicklungsländern, ist ein beliebtes Thema, mit dem sich viele Schulabgänger auseinandersetzen. Besonders dann, wenn die Entscheidung zu fällen ist, wie es nach dem Abschluss weitergehen soll. Diese Möglichkeit bieten ihnen Voluntourismus-Angebote. Entfernte Länder zu erkunden und dabei noch ein Teil einer gemeinnützigen Organisation zu sein, scheint verlockend. Was die meisten aber nicht wissen ist, dass viele dieser Einsätze mehr Schaden anrichten können, als tatsächlich zu helfen.

Was bedeutet Voluntourismus?

Wie zu erkennen, ist der Begriff eine Zusammensetzung aus Volunteering, zu Deutsch Freiwilligenarbeit und dem Wort Tourismus. Eine Fusion aus beidem, die bedeutet,  dass Volunteers für kurze Zeit in Entwicklungsländern Freiwilligenarbeit leisten. Meist geschehen solche Einsätze über einen Vermittler. Dieser kümmert sich oft auch um eine Unterkunft, Vorbereitung und die Wünsche der Freiwilligen. Die Volunteers zahlen im Gegenzug Geld.

Angebote von Freiwilligendiensten kommerzieller denn je

Der Aufwand, der mit einem längeren Freiwilligendienst im Ausland einhergeht, ist für viele junge Menschen nicht realisierbar. Studium und Job, sowie die intensive Vorbereitung auf ein unbekanntes Umfeld stellen ein Hindernis für viele dar, die sich gerne sozial engagieren würden.
Deswegen sind die kurzzeitigen Freiwilligeneinsätze immer beliebter und immer mehr Reisekonzerne, so unter anderem auch die TUI-Group oder STA-Travel, setzen auf dieses Geschäft.

Im Policy Paper von Brot für die Welt-Tourism Watch wurden 44 Voluntourismus-Angebote verglichen, die in Deutschland buchbar sind. Laut dessen bieten Veranstalter eine sehr flexible Aufenthaltsdauer. Die kürzeste Zeitspanne liegt bei einer Woche, die meisten fordern eine Dauer von mindestens zwei Wochen. Der kurze Aufenthalt stellt aber, vor allem für Projekte mit Kindern, ein Risikopotenzial dar. Der Kinderpsychiater John Bowlby stellte 1951 fest, dass oft wechselnde Bezugspersonen, emotionale Traumata auslösen und negative Effekte auf die kindliche Entwicklung mit sich bringen können.

Die Waisenhaus-Lüge

Um solche Missstände zu vermeiden, versucht die Better Volunteering Better Care Initiative sich dafür einzusetzen, Informationen über die Auswirkungen der internationalen Freiwilligenarbeit in stationären Waisenhäusern zu verbreiten und für die negativen Auswirkungen zu sensibilisieren. Die Initiative klärt auf ihrer Website auf, wie Volunteering in Waisenheimen einen Markt für Waisenkinder schafft. Ebenfalls beschreibt die Organisation die „Orphanage Myth“. Bei vielen handelt es sich gar nicht um Waisen, sondern um Kinder aus armen Familien. Mehr als 80 Prozent der Kinder, so beschreibt es die Initiative, sollen noch lebende Elternteile haben. Doch die Aussicht auf Gesundheitsvorsorge, Bildung und Essen lässt Eltern ihre Kinder in die Obhut von Waisenhäusern geben.

Diese haben die Notlage vieler Familien natürlich erkannt und nutzen Kinder aus armen Verhältnissen aus, um den Bedarf nach mehr Waisenhäusern zu decken. Im Policy-Paper zu Voluntourismus, herausgegeben von Brot für die Welt und weiteren gemeinnützigen Organisationen, wird beschrieben, das Waisenhäuser oft nicht im besten Interesse der Kinder betrieben werden. Sondern um Einnahmen zu erzielen, oft von Privatpersonen durch Spenden. Das Interesse von Touristen oder Freiwilligen an Besuchen und Unterstützung in Waisenhäusern soll die Nachfrage nach Waisen steigern und kann somit unbeabsichtigt Korruption fördern.

Zur richtigen Wahl eines Freiwilligendienstes

Wenn also der Wunsch nach sozialem Engagement im Ausland besteht und man nur begrenzt Zeit aufwenden kann, sollte man ein paar Faktoren beachten, um nachhaltig Hilfe leisten zu können.

Der Informationsdienst Tourism Watch empfiehlt für Reisende und Interessierte einige Punkte an die man sich halten sollte. Einerseits sollten sich Freiwillige bei der Wahl der Reise nach einem seriösen Veranstalter umsehen und nach einer Organisation, die nicht initiiert wird, um für Freiwillige ein Angebot zu schaffen. Bevorzugt sollte sich der Veranstalter einer unabhängigen Überprüfung unterzogen haben und Nachhaltigkeitsengagement betreiben. Die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung sollten bei den Projekten im Vordergrund stehen und die Aufenthaltsdauer erhöht werden. Die ganzheitliche Vermeidung von kurzzeitigen Einsätzen mit Kindern ist gleichermaßen bedeutend.

Ebenfalls ist die Vorbereitung der Freiwilligen sehr wichtig. Es empfiehlt sich dabei inhaltlich neokoloniale Klischees wie Armut oder Unterentwicklung zu meiden und die eigene Erwartungshaltung zu reflektieren. Nachdem der Einsatz absolviert wurde, sollten Volunteers mit der Organisation, mit der sie zusammengearbeitet haben, weiterhin in Kontakt bleiben und sie unterstützen, um auch von der Heimat aus noch anhaltend Positives zu bewirken.

Sowohl Freiwillige als auch Hilfsorganisationen können von Voluntourismus-Angeboten profitieren, wenn die Umsetzung nachhaltig durchdacht ist und auf beiden Seiten nicht der Profit im Vordergrund steht, sondern die Hilfe, die zu leisten ist.

Text und Titelbild: Maria Khaychuk