“Hauptregel ist: keine toten Tiere in der WG”

von | 25. Januar 2019

Wie sieht der Alltag in einer funktionalen Wohngemeinschaft aus? Titelbild: Lydia Pappert

Pia* ist 20 Jahre alt, lebt in Berlin und wohnt seit ein paar Monaten in einer funktionalen Wohngemeinschaft. In einem Interview mit medienMITTWEIDA erklärt die Studentin, wie sich ihr Alltag in der WG gestaltet und wie sie mit ihren Mitbewohnern auf die Idee gekommen ist, eine Wohngemeinschaft zu gründen. Funktionales Wohnen bedeutet, dass der eigene Besitz aufgeteilt wird und die Räume nicht nach Personen in der Wohnung, sondern nach Funktionen organisiert sind.

medienMITTWEIDA: Wie sieht deine aktuelle Wohnsituation aus?

Pia: Wir wohnen in einer Vier-Zimmer-Wohnung zu siebt. Wir haben ein Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer und einen Kreativraum, welcher gleichzeitig als Liebeszimmer funktioniert, und ein Wohnzimmer. Dazu kommen noch eine Küche und zwei Bäder. Wir teilen uns all diese Räume nach ihren Funktionen. Aber es ist oft so, dass nur drei bis vier Menschen zuhause sind. Viele von uns sind oft unterwegs, auch zu verschiedenen Zeiten.

Ich wohne trotzdem noch autonom und individuell, im Sinne davon, dass ich komplett allein entscheide, wann ich Abendbrot oder Frühstück esse. Mein Tagesablauf schränkt sich nicht durch das funktionale Wohnen ein, weil es nicht so eng ist, wie ein Familienbündnis zum Beispiel.

Nach welchen Regeln und Prinzipien lebt ihr?

Da wir alle die Gründerinnen und Gründer der WG sind, haben wir, bevor wir die WG gegründet haben, unseren eigenen Regel-Katalog aufgestellt. Der gilt auch heute noch. Bis jetzt gab es damit auch noch keine großen Probleme oder Meinungsverschiedenheiten, weil dieser direkt von uns aus dem Konsens entschieden wurde.

Hauptregel ist: Keine toten Tiere in der WG, also vegan essen und kochen, gerade bei einem Plenum, wenn wir nur ein Essen kochen für alle. Allerdings ist es in Ordnung, wenn manche Personen manchmal nur vegetarisch essen.

Außerdem ist WG-Konsens, dass wir fast alles teilen, allerdings auf freiwilliger Basis. Man kann selbst entscheiden, was man teilen möchte an Kleidung, Essen und Elektronik. Viele krasse Regeln gibt es aber eigentlich nicht, denn Regeln bedeuten für uns auch, dass man sich gegenseitig kontrolliert, dass eine Hierarchie da ist. Was passiert, wenn jemand gegen die Regeln verstößt? Oder gibt es Strafen und wer spricht diese aus? Wir leben sozusagen danach, dass jede Person selbstbestimmt entscheiden darf, wie er oder sie leben möchte.

Weiterhin versuchen wir Diskriminierung in unserer WG und auch Hierarchie und Patriarchalismus weitestgehend zu vermeiden. Bezüglich Hausarbeiten und Einkauf gibt es keine klare Aufgabenverteilung. Trotzdem versuchen wir uns alle daran zu beteiligen, je nach unseren Zeit- und Ressourcen-Kapazitäten.

Unsere Regeln können sich aber auch jederzeit ändern. Da wir aktuell neue Mitbewohner suchen, sind wir bereit, auch neue Vorschläge oder Änderungen aufzunehmen. Nur weil wir die Gründer der WG sind, wollen wir nicht so eine Hierarchie haben, dass alles schon festgelegt ist und es dann für immer so sein muss.

Wie kam die Gründung der WG zustande?

Zwei Personen haben sich das ausgedacht, sich zum Thema belesen und Lust bekommen, das mal auszuprobieren. Die beiden dachten sich, jetzt wo sie noch jung sind und noch nicht so viele Verpflichtungen haben, wäre es der richtige Zeitpunkt, um eine funktionale Wohngemeinschaft umzusetzen. Danach haben die beiden eine Anzeige im Internet ausgeschrieben, auf wg-gesucht.de zum Beispiel. Dann hat eine Freundin von mir diese gefunden und mir Bescheid gegeben. Später haben wir noch andere Menschen gesucht, teilweise aus unserem Freundeskreis, teilweise über die Ausschreibung. Es gab ein WG-Casting und danach waren wir zu siebt und erstmal komplett.

Wie sieht es mit dem finanziellen Aspekt bezüglich der Wohnung aus?

Das mit der Wohnungssuche ging zum Glück leicht, da wir finanziell relativ flexibel sein konnten, weil wir so viele Menschen sind, die alle zahlen können für die Miete. Bei der Gründung war es uns aber noch wichtig, der Hausverwaltung erstmal nicht von so vielen Menschen zu erzählen. Sondern wir haben maximal von sechs Personen gesprochen. Wir hatten ein bisschen Angst, dass wir deswegen ausgeschlossen werden könnten.

Wie teilt ihr euren Privatbesitz auf?

Wir haben zwei Kleiderschränke, die wir komplett teilen. Meine eigenen persönlichen Sachen sind eigentlich nur meine Unterwäsche und mein Handy. Der Rest wird irgendwie geteilt. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass alle ihren Privatbesitz haben, aber viele Menschen haben da keine Lust darauf und wollen einfach ihre Sachen kollektiv teilen. In unserem Viertel in Berlin gibt es auch ein Nachbarschaftskollektiv, wo man Sachen wie Bohrmaschinen oder Leitern teilen kann. Das heißt, wir wollen auch unsere WG dafür öffnen, um noch mehr von unseren Dingen, die wir nicht täglich benutzen, in der Nachbarschaft zu teilen.

Welche Vorteile siehst du in diesem Wohnkonzept?

Ich sehe auf jeden Fall, dass ich an meiner Kommunikation arbeite, indem ich den ganzen Tag damit konfrontiert bin, meine Bedürfnisse zu äußern. Und auch wie ich sie äußern kann, ohne Anschuldigungen zum Beispiel. Ich lerne, wie ich in Konfliktsituationen reagiere und wie wir solche Situationen lösen können. Für mich hat das funktionale Wohnen viele Vorteile, weil ich daraus Kompetenzen erlerne wie Frustrationstoleranz und Geduld, die ich später in vielen Bereichen nutzen kann.

Außerdem habe ich eine Art Familie. Ich habe in diesem riesigen Berlin, was irgendwie total unübersichtlich, groß und schnell ist, ein Zuhause, wo ich mich wohl fühle. Ich habe Menschen, von denen ich Unterstützung bekomme, mit denen ich mein Leben teilen kann, auch wenn es mir psychisch nicht so gut geht oder ich einen schlechten Tag hatte.

Und welche Nachteile fallen dir auf?

Nachteile sehe ich, wenn zum Beispiel jemand einen festen Partner hat und diese Person kein eigenes Zimmer in Berlin hat. Wir haben eben nur einen Kreativ-/Liebesraum und wenn dieser besetzt ist, ist er halt besetzt. Dann muss man sich danach richten.

Als nachteilig sehe ich auch noch, dass ich und viele andere in der WG ab und zu doch mal Phasen haben, in denen wir komplette Ruhe brauchen. Das funktioniert eben auch nicht immer.

Es ist zudem kompliziert, dass sich manche nicht legitim wohnrechtlich bei der Hausverwaltung anmelden können, da wir zu viele Personen sind. Wir haben das Problem aber untereinander vorher abgesprochen.

Also die Nachteile kurz zusammengefasst: keine oder fehlende Intimität, fehlende Privatsphäre und das manchmal nötige Unterordnen im Kollektiv.

Ich bin aber auf jeden Fall noch immer total begeistert von der Wohnform und kann mir gut vorstellen, ehrlich gesagt, noch die nächsten zwei Jahre in dieser Wohnform zu leben, weil für mich die Vorteile eindeutig überwiegen.

*Name von Redaktion geändert

Text: Maria Khaychuk, Titelbild: Lydia Pappert