Gewalt vs. Schwangere: Zensur bei Facebook

Gewalt vs. Schwangere: Zensur bei Facebook

Facebook behauptet oft, dass es ein Sprachrohr der einfachen Menschen ist und jeder auf der Plattform seine Meinung ausdrücken darf. Doch entspricht das wirklich der Realität? 

Zensur auf Anweisung des Staates

In den Facebook-Grundsätzen wird ganz klar formuliert, dass „Nutzer die Freiheit besitzen sollen, alle Informationen, die sie teilen möchten, in jedem Medium oder Format mit anderen teilen zu können“. Als vor circa einem Monat die Anschläge auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ in Paris stattfanden, postete Mark Zuckerberg, dass die Meinungsfreiheit auch in Zukunft religiösem Fanatismus nicht zum Opfer fallen wird. Es kommt jedoch oft vor, dass das Soziale Netzwerk ihrer versprochenen Meinungsfreiheit ein Ende bereitet und unbequeme Inhalte zensiert. Im Januar musste Facebook der Aufforderung eines Gerichts in der Türkei nachkommen und Seiten mit Mohammed-Karikaturen löschen. Dieses Verfahren ist auch in anderen Ländern wie Indien und Pakistan bekannt, wo Bilder, Videos und Texte zensiert werden, weil die jeweiligen Regierungen gegen die Verbreitung vorgehen wollen. Dies geschieht nicht selten, wie in dem „Government Requests Report“ zu lesen ist – in Indien wurden knapp 5.000 und in Pakistan sowie der Türkei je 2.000 Inhalte zensiert.

Sexualisierte Bilder werden gelöscht

Facebook zensiert jedoch auch ohne Anweisung eines Staates bei seiner Meinung „pornografischen Inhalten“. Wie bei psalm1.at zu lesen ist, antwortete Facebook mit folgendem Text auf das Bild von Michelangelo „Gottvater erschuf den Menschen“, das das Cover des Werkes „Psalm 1 – Die Wege Gottes und der Menschen“ ziert: „Deine Werbeanzeige wurde abgelehnt, weil das Bild nicht unseren Werberichtlinien entspricht. Werbeanzeigen dürfen keine übermäßig sexualisierten Bilder einsetzen, den Eindruck von Nacktheit erwecken, viel Haut bzw. Dekolleté zeigen oder sich unnötigerweise auf bestimmte Körperteile konzentrieren. Dies gilt auch für die Bilder auf deinen Seiten.“ Die Nachricht kam von einer Facebook-Moderatorin, diese haben die Möglichkeit anstößige Inhalte zu filtern und zu löschen. Dies passierte nicht zum ersten Mal, Bilder von stillenden Müttern wurden schon vor sechs Jahren als „obszön, pornografisch oder sexuell eindeutig“ eingestuft, wie damals Welt.de berichtete.

Stephan Mayer ist Blogger (socialmedia-blog.net), Social Media-Training Specialist für die Online-Werbeagentur „adkunden“ und verfügt über mehrjährige Erfahrungen im Medienbereich. Er kann nachvollziehen, dass mit der Zensur bei Facebook viele deutsche Nutzer nicht einverstanden sind.

„Als Nutzer bekommt man schon hin und wieder den Eindruck, dass Facebook versucht, uns amerikanische Wert- und Moralvorstellungen aufzuzwingen. Viele Arten der Gewaltdarstellung lässt man bei dem Konzern problemlos durchgehen, aber alles, was auch im entferntesten mit Nacktheit zu tun hat, wie Fotos von stillenden Müttern, wird zensiert.“

Martin Fuchs, Politik- und Digitalberater und unter anderem Blogger unter hamburger-wahlbeobachter.de, vergleicht die Nutzungsbedingungen mit den „Hausordnungen eines Clubs“.

„Prinzipiell bin ich kein Freund von Zensur. Aber jeder Nutzer stimmt den Nutzungsbedingungen des privaten Unternehmens Facebook zu. Und wenn man gegen diese verstößt, dann kann Facebook die Handlungen sanktionieren. Jeder, der dies nicht gut heißt, sollte Facebook nicht nutzen“.

Gewalt ist in Ordnung, Drogen nicht

Publik geworden sind viele der Zensur-Richtlinien durch den Marokkaner Amine Derkaoui, der ein Jahr im Auftrag von „oDesk“ Facebook-Einträge gescannt hat. oDesk ist eine Firma, die für die Evaluation von Sozialen Netzwerken zuständig ist. Im Interview mit dem US-Magazin Gawker erzählte er von seinen Erfahrungen. Bilder von gebrochenen Schädeln, abgetrennten Gliedmaßen und Blut entsprechen demnach den Facebook-Richtlinien. Der Konsum von Drogen und Hass-Reden wäre verboten, es sei denn, die Aussagen würden sich im humoristischen Bereich bewegen. Social Media-Experte Fuchs, der auch Kolumnist des Fachmagazins „politik & kommunikation“ ist, hat klare Vorstellungen davon, wann Zensur von Nöten ist.

„Wenn Menschen persönlich herabgesetzt werden und Mobbing betrieben wird, sollten diese Umtriebe unterbunden werden. Zudem gibt es je nach Land kulturelle Besonderheiten, auf die man achten sollte. In Deutschland gehört dazu zum Beispiel das Verbot von verfassungsfeindlichen Symbolen. Dies muss geahndet werden, Facebook unterliegt zwar nicht dem deutschen Gesetz, sollte aber nicht außerhalb des Gesetzes stehen.“

Papstkritische Posts werden gelöscht

Doch nicht nur „kritische“ Bilder und Beiträge werden gelöscht, wie 2013 medienwirksam durch den nun fast ehemaligen WDR-Talker Jürgen Domian zu lesen war. Domian warf Facebook vor, einige seiner Beiträge sowie die dazugehörigen Kommentare gelöscht zu haben. In seinem Post ging es um den damals noch neuen Papst. „Manche Menschen wachsen mit und in ihrem Amt. Und so werden wir uns vielleicht noch über Franziskus wundern. Hoffen wir es! Geben wir ihm eine Chance! In einem halben, spätestens einem Jahr wissen wir mehr.“ Für Facebook war dieser Beitrag nicht tragbar, da er nicht den Richtlinien entspreche. Auf Nachfrage durch die Süddeutsche Zeitung kamen nur wenige Worte. Es sei „ärgerlich und bedauernswert“ am Ende der Nachricht entschuldigte sich die Sprecherin allerdings.

Dies ist allerdings keine Garantie, dass Facebook keine Beiträge mehr löscht. Die Richtlinien sind immer noch gleich, nur bleibt die Hoffnung, dass sich Facebook daran hält. Schließlich heißt es im zweiten Absatz auch: „Nutzer sollten Eigentümer ihrer Daten sein. Sie sollten die Freiheit besitzen, sie mit den gewünschten Personen zu teilen, sie überall mit hinzunehmen und sie von Facebook wieder löschen zu können.“

Text: Chris Hanisch. Beitragsbild und Bearbeitung: Louisa Bandura.