Google News Initiative

Keine Zeit für Eitelkeiten

von | 11. Dezember 2020

Google fördert Zeitungsverlage mit Millionenpaketen. Sollten Verlage das Geld annehmen? Ja! Ein Kommentar.

Man darf Google ruhig für das pure Böse auf der Welt halten, darf glauben, dass Google kritischen Journalismus ersticken will, dass die deutschen Verlage für die Google-Millionen ihre Unabhängigkeit verkaufen. Man kann aber auch die Augen aufmachen: Die Förderprogramme der Suchmaschine sind kaum an Gegenleistungen gebunden, die Konditionen sind günstig und die Konkurrenz groß.

Dieser Beitrag ist Teil des Medien-Dossiers zum Thema „Finanzierung von Journalismus – was ist uns Unabhängigkeit wert?“. Im Rahmen zweier Kommentare wird die Frage kommentiert, ob Verleger die Förderprogramme von Google annehmen sollten. Ein Bericht über die Google News Initiative soll als Grundlage für die Diskussion dienen.

Journalismus kostet Geld – Geld, das kleinen wie großen Verlagen an vielen Stellen fehlt. Die Zeitungen stecken in der Krise doch ein Großteil der Deutschen ist noch immer nicht willig, für Nachrichten im Netz zu bezahlen. Die Verlage brauchen Alternativen, sie brauchen Geld.

Google verschenkt Millionen ohne nennenswerte Gegenleistungen. Gefördert werden vor allem Projekte in den Gebieten Digitalisierung und Monetarisierung. Bereiche, die die Verlage jahrelang vernachlässigt haben. Google gibt den Verlagen damit eine Zukunft. Denn: Google fördert Kongresse, Institute für wissenschaftliche Forschung und Nachwuchs. Viele junge Menschen, die sich für Journalismus interessieren, wählen häufig einen anderen Karriereweg. Die Gründe: Die Einstiegschancen im Journalismus sind unattraktiv, die Bezahlung grottig, die Berufssicherheit für viele freie Mitarbeiter problematisch. Gerade in diesen Bereichen muss investiert werden. Und sollten große Verlagshäuser aus Stolz und Arroganz auf attraktive Gelder verzichten? Nein.

Die Medien werden oft als „vierte Gewalt“ betitelt. Doch das ist nicht selbstverständlich. Journalismus ist von Geld abhängig. Journalistische Unabhängigkeit kann es somit nur geben, wenn der Journalismus insgesamt ein nachhaltiges Finanzierungsmodell hat. Doch eine Umstrukturierung ganzer Verlage ist riskant und teuer. So teuer, dass viele Medienhäuser fortschrittliche Wagnisse scheuen: Die Konkurrenz ist groß, die Wirtschaftslage angespannt. Wer kann es ihnen verübeln? Ohne die Zuwendung von Google würden viele Verlage vielleicht nicht in der Lage sein, in naher Zukunft noch Nachrichten zu produzieren. Bereits heute gibt es in Amerika sogenannte „News Deserts“, ganze Gemeinschaften, die nicht mehr in den Nachrichten behandelt werden. Auch in Deutschland ist diese Zukunft denkbar, wenn nicht jetzt gehandelt wird.

Die Unabhängigkeit des Journalismus ist für unsere Demokratie essenziell. Und sie ist durch die Google-Gelder auch nicht in Gefahr. In Gefahr ist der Journalismus allerdings dadurch, dass es die Verlagshäuser jahrzehntelang versäumt haben, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wenn der Journalismus den Schritt ins digitale Zeitalter nicht schafft, stirbt er mit den Zeitungen.

Guter Journalismus muss sich finanzieren. Solang die Google-Gelder an keine Gegenleistungen geknüpft sind, sollten die Verlage diese nicht ausschlagen, um wirklichkeitsfremden Idealen nachzueifern. Nur aus Angst vor einer gefühlten Abhängigkeit den Fortschritt zu verweigern – das kann nicht der richtige Weg sein.

Dossier: Finanzierung von Journalismus – was ist uns Unabhängigkeit wert?

Text: Leon Heyde; Bild: Anton Baranenko

Disclaimer

Die Redaktion von medienMITTWEIDA hat im Mai dieses Jahres an einem virtuellen Training von NMT Netzwerk Medien-Trainer teilgenommen. NMT ist ein langjähriger Partner der Google News Initiative. Die Trainer selbst seien von Google ausgebildet und zertifiziert worden, so NMT. Inhalt des Trainings war die Nutzung von Google-Tools für die Recherche und Darstellung datenjournalistischer Themen. Einen Einfluss auf unsere unabhängige Themensetzung gab es nicht. Nach Veröffentlichung der im Beitrag erwähnten Studie, „Medienmäzen Google“, sind wir auf die Tragweite dieses Förderprogramms aufmerksam geworden. Infolgedessen hat sich die Redaktion kritisch und vor allem selbstkritisch mit dem Thema auseinandergesetzt.

<h3>Leon Heyde</h3>

Leon Heyde

ist 20 Jahre alt und kommt aus Leipzig. Er studiert Medienmanagement an der Hochschule Mittweida mit der Vertiefung Media and Business. Bei medienMITTWEIDA engagiert er sich als Ressortleiter im Ressort Medien und Redakteur.