Das Ende einer kurzen Fußballromanze

von | 26. April 2019

Imke Wübbenhorst agiert auch an der Seitenlinie des Platzes als Profi-Trainerin leidenschaftlich und energisch. Symbol-Foto: Christin Post

Die wohl bekannteste Pionier-Geschichte im deutschen Profifußball endet nach nur einem halben Jahr. Für Imke Wübbenhorst ist somit der große Traum vom Trainergeschäft im Männerbereich vorerst vorbei. Sie war eine der ersten deutschen Trainerinnen einer Männermannschaft in einer der Top fünf Fußball-Ligen Deutschlands. Ihre Geschichte sorgte, nicht nur aufgrund ihrer Arbeit, für ein mediales Echo.

Ruhig ist es geworden im Oldenburger Münsterland. Die Glanzzeit des BV Cloppenburg ist vorbei. Mit dem sportlichen Rückschritt fiel auch das mediale Interesse am einstigen Regionalligisten, der wie viele andere Vereine aktuell um das wirtschaftliche Überleben kämpft. Eine historische Trainerverpflichtung sorgte zuvor dafür, dass der Verein und sein Umfeld noch einmal häufig in den Schlagzeilen erwähnt wird: Mit Imke Wübbenhorst verpflichtete der Verein im Dezember 2018 die erste Trainerin im deutschen Profifußball. Für den Verein eine günstige finanzielle Alternative, für die Trainerin selbst ein Fuß in der Tür, von der sie immer geträumt hat.

Sechs Monate danach scheint der große Traum vom Trainergeschäft im Männerbereich jedoch vorerst vorbei zu sein. Für die gebürtige Auricherin ist das Kapitel bereits am Ende der Saison wieder zu Ende. Über die Gründe wurde in den Medien heiß spekuliert. Allein perspektivische Gründe sollen die Ursache für die frühe Trennung sein, so der Verein auf Nachfrage.

Imke Wübbenhorst – eine Pionierin der besonderen Art

Ihrem Traum geht Imke Wübbenhorst dabei, auch zur Skepsis ihrer Freunde, von Beginn an akribisch und ehrgeizig nach. Das fußballerische Einmaleins lernte die Ostfriesländerin beim SV Wallinghausen. Schnell merkte sie, dass sich eine große Leidenschaft fürs runde Leder entwickelte. Nach einer Zwischenstation beim Zweitligisten SuS Timmel gelang ihr schließlich beim Bundesliga-Dino in Hamburg der große Durchbruch. Mit dem Aufstieg in die Frauenbundesliga feierte sie 2013 einen ihrer größten sportlichen Erfolge. Von 2004 bis 2008 durchlief sie jeweils die Junioren-Nationalmannschaften des deutschen Fußballbundes, mit denen Sie 2006 und 2007 Europameister wurde. Nach einem kurzen Aufenthalt in Andalusien, beim spanischen Pokalsieger Sporting Huelva, kehrte sie 2016 in ihre Heimat zurück. Als spielende Co-Trainerin betreute sie bis 2018 die Zweitligafrauen des Ballvereins Cloppenburg, ehe sie Mitte vergangenen Jahres den Cheftrainerposten übernahm.

Die aus Aurich stammende Wübbenhorst weiß, dass das Fußballgeschäft ein schnelllebiger Wirtschaftszweig ist. Neben dem Profifußball setzt sie auf ein zweites Standbein. Nachdem sie ihr Sportstudium erfolgreich absolvierte, entschied sich die 30-Jährige, im Lehramt tätig zu werden. Die studierte Sportpädagogin unterrichtet nun, genauso akribisch und intensiv wie auf dem Fußballplatz, Sport und Biologie am Gymnasium in Bad Zwischenahn. Im Alltag versucht sie, parallel beide Aufgaben zu meistern. Ihr Tagesablauf wird neben den aktuellen Abiturprüfungen ihrer Schüler von Videoanalysen, Taktikschulungen sowie vier mal wöchentlichem Training komplettiert. Ein straffer Zeitplan, bei dem sie wohlwollend durch ihren Schulleiter unterstützt wird.

„Das ist jetzt meine persönliche Chance.“

Den Glauben an einen Trainerposten im Oberhaus des deutschen Männerfußballs hatte die Wübbenhorst bereits verloren. Auch mit der zweithöchsten Trainerlizenz und der nötigen Trainererfahrung erhielt sie reihenweise Absagen von verschiedenen Vereinen. Immer wieder war ihr Geschlecht ausschlaggebend. Ihr größter Traum, Trainerin einer Männermannschaft zu werden, schien somit in weite Ferne zu rücken. Das gerade ihr finanziell angeschlagener Verein den Schritt in die richtige Richtung ebnen würde, nahm sie anfangs selbst sarkastisch entgegen. Gegenüber dem Cloppenburger Vorstand äußerte sie witzelnd: „Wenn ihr niemand findet, mach ich es halt.“ Dabei nimmt sie Bezug auf die Lage des Vereins, der auf den Abgang des ehemaligen Trainers Olaf Blancke reagieren musste. Wegen der finanziellen Schieflage suchte man nach einer vereinsinternen Lösung. Mit Imke Wübbenhorst bot sich dem Verein eine finanziell günstige und problemlose Alternative. Schließlich verfügt die Ostfriesländerin über die A-Lizenz, die nötige fachliche Qualifikation, das Wissen über den Verein, die Mannschaft und das Cloppenburger Umfeld.

Dass ihre erste Station als Trainerin im Männerbereich keine einfache wird, war Wübbenhorst bereits bei Amtsantritt klar. An der Friesoyter Straße kämpft sie gemeinsam mit dem Verein im 100. Vereinsjahr um die Existenz des Traditionsclubs. Der Abstand zum rettenden Ufer betrug zu Beginn der Rückrunde sechs Punkte. Keineswegs eine aussichtslose Situation. Doch der Respekt vor der sportlichen Aufgabe war groß, denn die Bedingungen waren alles andere als ideal. In der Winterpause mussten einige Abgänge verkraftet und adäquater Ersatz konnte aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage nicht gefunden werden. Zudem stellt der BV Cloppenburg einen der jüngsten Kader der Liga, da die personellen Abgänge überwiegend mit U-19 Akteuren ersetzt wurden. Dennoch gab sich Wübbenhorst bei Amtsantritt kämpferisch. Ihre Arbeit schien Früchte zu tragen. Wübbenhorst arbeitete mit modernen Trainingsmethoden, legte viel Wert auf die Auswertung per Videoanalyse und sorgte in den ersten Wochen für Gegenwind gegen die drohenden Auflösungserscheinungen. Ihr professioneller Umgang sowie ihre sportliche Fachkompetenz schienen auch ihren Trainerkollegen nicht verborgen zu bleiben. Nachdem die U19-Europameisterin überraschend zum Rückrundenauftakt beim Tabellenzweiten HSC Hannover punkten konnte, lobte HSC-Trainer Martin Polomka seine Trainerkollegin in höchsten Tönen: „Kompliment an Cloppenburg. Die Mannschaft war wirklich sehr, sehr gut inhaltlich eingestellt. Und das hat mit dem Geschlecht gar nichts zu tun. Das war einfach Qualität“, so der Trainer vor 200 Zuschauern durchs Stadionmikrofon. Ihre qualitativ hochwertige Arbeit sowie ihr kompromissloses und ehrgeiziges Auftreten sorgte, auch innerhalb der Mannschaft, schnell für Ruhe und Akzeptanz. Auch seitens des Vorstands erhielt Wübbenhorst Zuspruch: „Ich bin positiv überrascht und hochzufrieden. Mit der Leistung der Mannschaft und auch mit dem, was Imke da jetzt schon geschaffen hat“, so Vize-Präsident Daniel Plate. Innerhalb weniger Wochen schaffte sie es, die Kritiker verstummen zu lassen und durch ihre Expertise den nötigen Respekt und die Anerkennung, die ihr Wochen zuvor nicht zugetraut wurden, zu erlangen.

Ein medialer Aufschrei

Dass ihr Trainer-Engagement in Cloppenburg derart die mediale Werbetrommel rüttelte, hatte sie anfangs nicht erwartet. Zahlreiche Medienvertreter erschienen bei ihrem Trainerdebüt, unzählige Interviewanfragen erhielt sie im Nachgang. Die einstige Abwehrchefin reagierte ebenso kompromisslos und schlagfertig wie bei ihren Auftritten als Spielerin. Ein einziger Spruch auf eine dumpfe Frage eines Bekannten sorgte dafür, dass ihr Name weltweit aufgerufen wurde. Auf die Frage, wie sie sich bemerkbar machen würde vor dem Betreten der Umkleidekabinen, damit ihre Spieler noch die Hosen überstreifen könnten, antwortete sie: „Du kennst mich doch – ich bin Profi. Ich stelle nach Schwanzlänge auf.“ Ein Spruch, der viral durch die Decke schoss. Im Anschluss bekam sie Interviewanfragen aus Brasilien und anderen Winkeln der Welt. Internationale Medien-Größen wie CNN oder BBC äußerten ihre Interviewwünsche, die jedoch unbeantwortet blieben, denn die Kehrseite des medialen Interesses wurde Wübbenhorst schnell bewusst.

Als Cheftrainer gegen alle Widerstände

Einige Medienvertreter und User der sozialen Netzwerke vertraten zusammenhangslos die Antwort Wübbenhorsts. Sie sah sich schnell der bekannten Sexismusdebatte ausgesetzt. Zwölf Jahre nach der Aussage des Ex-FIFA Präsidenten Sepp Blatters: „Die Zukunft des Fußballs ist weiblich“, scheint immer noch kein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden zu haben. Dies bewiesen vereinzelte User-Kommentare auf die Beiträge des Reporters der Nordwest-Zeitung Stephan Tönnies, der den Club begleitet. Dieser berichtete von unqualifizierten Kommentaren bezüglich der Cloppenburger Trainerin. „Machst Du Witze?“ oder „das kann nicht dein Ernst sein, was du schreibst“, seien beispielhafte Rückmeldungen gewesen.

Ein Zustand der sie sehr verärgerte, „schließlich wollen die wenigsten über Fußball reden“, so Wübbenhorst. Die Männer-Frauen-Debatte scheint Vielen interessanter zu sein, als ihre eigentliche Arbeit sowie ihre fachliche Kompetenz. Denn die sei laut Wübbenhorst geschlechtsneutral. Mittlerweile sei sie es leid, ähnliche Fragen und Aussagen hören zu müssen. Nach dreimonatiger Amtszeit ist Imke Wübbenhorst ihr öffentliches Interesse bewusst, sie geht behutsamer in Interviews vor, ohne dabei auch einen Hauch ihrer Authentizität zu verlieren. Schließlich macht sie genau diese in der Mannschaft beliebt.

Der Traum vom Trainerjob

Die Arbeit in Cloppenburg macht ihr dennoch weiterhin großen Spaß. Es ist eben ihre Art, leidenschaftlich, emotional und selbstkritisch mit den Spielern zu arbeiten, Kritikern zu trotzen und sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie erkannte keinen Unterschied an der Umgangsweise zwischen Frauen und Männern. Schließlich brennt jeder für die eine Sache, die er liebt – Fußball”, so Wübbenhorst. Bis Ende Mai verbleiben der 30-Jährigen nur noch wenige Wochen, um das Unmögliche möglich zu machen. Denn gerade, als es etwas ruhiger wurde im Oldenburger Land, verkündete der Verein die Trennung am Saisonende. Für ihren großen Trainertraum hat sich Imke Wübbenhorst beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) für den Lehrgang zum Fußballlehrer beworben. Eine verpflichtende Zusage sei jedoch noch ausstehend. Für den Verein sei die perspektivische Planungssicherheit existenziell wichtig gewesen. Diese sah die Führungsetage des Vereins durch die mögliche Weiterbildung Wübbenhorsts nicht gewährleistet. Der sportliche Aspekt soll dabei, auch bei einem möglichen Abstieg, kein Kriterium für die frühzeitige Trennung gewesen sein. Im Umfeld des Vereins werden Differenzen in der Einschätzung der Trainingsbedingungen vermutet. Wübbenhorst äußerte immer wieder ihre Unzufriedenheit gegenüber dem Vorstand. Dem Tagesspiegel äußerte sie sich jedoch solidarisch gegenüber ihrem aktuellen Arbeitgeber: „Ich habe doch schon gesagt, ich bin loyal. Kein schlechtes Wort über den Verein.“ Seitens der Mannschaft erhält sie Zuspruch und herzliche Worte bezüglich ihrer Zukunft.

Ihre Geschichte scheint dennoch einen erfolgreichen Einfluss auf die Männerdomäne Fußball zu haben. Denn mit der Verpflichtung von Ex-Weltmeisterin Inka Grings folgte der Regionalligist SV Straelen dem gesellschaftlichen Wandel im Fußball. Eine Pioniergeschichte mit Erfolg.

Text: Nico Götze, Foto: Christin Post