„Die krasse Realität dürfen wir nicht zeigen“

Während des „RTL“-Drehs: „Schulermittlerin“ Sarah Liu spricht über kuriose Fan-Treffen, den Begriff Fließbandarbeit und darüber, was sie an Laienschauspielern fasziniert.

Sarah Liu sitzt in ihrem Hotelzimmer, irgendwo in Deutschland. Sie ist viel unterwegs, auf Drehs, gibt Seminare, gerade wartet sie. Sie wartet, bis die Dreharbeiten starten. Ab 27. August wird die ausgebildete Schauspielerin und studierte Pädagogin wieder in der quotenstarken Scripted Doku „Die Schulermittler“ als Sozialarbeiterin zu sehen sein – und dabei „den betroffenen Teenagern einen Ausweg aus der Gewaltspirale zeigen“, wie in der „RTL“-Pressemitteilung formuliert. Das Team musste sich anfangs etwas eingrooven, sagt sie; die kommende Staffel des 17-Uhr-Formats wird von „Hi-Five TV“ produziert.

Mittlerweile ist die Hälfte der neuen Staffel abgedreht, Drehpause bis zum 12. August.

Doch die frühere „Ehrensenf“-Moderatorin ist anders als sie der „RTL“-Zuschauer vielleicht kennt, irgendwie lockerer, sie lacht viel. Sarah hat parallel eine Ausbildung zum Business- und Personal-Coach abgeschlossen, engagiert sich für „wünschdirwas“ und ist ehrenamtliche Sprecherin für die „Tönende Illustrierte“. Trotzdem wird sie für viele „Die Schulermittlerin“ bleiben.

Bist du privat so wie in deiner Rolle als Sarah Lee?

Ich habe auf jeden Fall viele Anteile von ihr. Ich habe auch so ein kleines Helfersyndrom, aber bei der Sarah Lee ist das ja doch sehr ausgeprägt – das habe ich nicht. In der Realität bin ich aber noch ein bisschen taffer!

Noch taffer – geht das?

Wie, geht das? Ich bin doch total nett und emotional und so was! (lacht) Also: Ich habe grundsätzlich nicht die Neigung, jeden den ich sehe, in den Arm zu nehmen.

Was fasziniert dich am „Schulermittler“-Dreh?

Am meisten beeindruckt mich, dass ich so viele unterschiedliche Leute kennenlerne. Wir arbeiten ja mit echten Menschen zusammen, also mit Laiendarstellern. Und ich finde es immer ganz spannend, wie du die Leute einschätzt und was sie dann in der Realität machen.

Und was machen Laiendarsteller im echten Leben?

Das ist ganz unterschiedlich. Wir hatten in der letzten Staffel einen, der früher mal als Porno-Darsteller gearbeitet hat und mir ausführlich von seinem Job erzählt hat.

Hier frage ich jetzt besser nicht nach, oder?

Nein, besser nicht! (lacht) Er hatte eine Tiger-Unterhose an. Die Rolle passte also zu ihm! Es ist immer spannend zu schauen, ob die Leute einen Hintergrund haben, der zu ihrer Rolle passt. Gerade haben wir einen, der einen unterdrückten, verschlossenen Vater spielt. Der ist im echten Leben Außendienstler – quasi das komplette Gegenteil.

So ein Drehtag ist ja aber auch Fließbandarbeit…

Ich bin dagegen, zu sagen, dass wir Fließband machen! Wir drehen jeden Tag an einer anderen Location und haben ein Team, das sich sehr, sehr viel Mühe gibt. Wo auch jede Story wichtig ist! Wir machen aber keinen „Tatort“. Wir haben ein sehr begrenztes Budget und nur zwei Tage für 23 Minuten. Insofern muss es schon schnell gehen, das erfordert Konzentration, Spontanität.

Euer Format ist auch in einige Länder verkauft worden, „Die Schulermittler“ laufen aktuell auch in Frankreich. Hast du das denn schon mal gesehen?

Nein! (schockiert) Ich habe das noch nicht gesehen. Wenn mir irgendjemand das besorgen kann, dann her damit! Und ich muss unbedingt hören, wie meine Stimme synchronisiert klingt. Wenn ich mir das schon vorstelle: Wenn du meinen Kollegen Heck hast, und die Franzosen sprechen ja das H nicht, dann geht das die ganze Zeit so „Sarah Lee et Monsieur Eck“… Das muss ich unbedingt sehen!

Ist das nicht ein komisches Gefühl?

Es ist auch ein komisches Gefühl, sich auf Deutsch zu sehen! Man denkt oft: „Oh Gott, was machst du denn da?“ Es gibt glaube ich niemanden, der sich selbst im Fernsehen sieht und denkt: „Boah, ich bin so toll, sehe ich super aus!“

Und was denkst du, wenn du dich selbst siehst?

Da bin ich ziemlich kritisch. Klar bin ich manchmal ganz oberflächlich unzufrieden mit meinem Aussehen, wir arbeiten ja ohne Licht und haben auch keine Maske. Das wichtigste ist aber, dass ich mir selber glaube. Und wenn ich Momente sehe, die ich gespielt finde, dann ist das definitiv etwas, woran ich lerne und wachse.

Was hättest du denn als Schülerin gedacht, wenn plötzlich so ein „Schulermittler“ in deine Klasse geplatzt wäre?

Kommt darauf an, was er will. In den Fällen ist es meist so, dass sich Jugendliche an uns wenden und Unterstützung einfordern. Ich meine, es gibt „Schulermittler“ in der Form nicht, aber es gibt Sozialarbeiter, Jugendzentren, Ämter – es gibt Anlaufstellen, die Jugendlichen helfen, wenn sie nicht weiterwissen. Das ist ja auch das, was wir mit dem Format vermitteln wollen: Hol dir Hilfe! Das ist ein ganz wichtiger Aspekt der Sendung und der Grund, warum sie so erfolgreich ist: Weil es wirklich Menschen gibt, die sich kümmern.

Ihr fangt aber auch Leute vom Schulhof, die gerade im Supermann-Kostüm rumspringen und meinen, die Welt retten zu müssen.

Diese Sendung habe ich nicht gedreht.

Hättest du so etwas gedreht?

Ja, wahrscheinlich mit Kommentar, was das jetzt gerade für einen Sinn macht.

Generell schwächeln bei RTL einige ehemalige Quotengaranten – auch am Nachmittag. Drückt das nicht auf die Stimmung am Set der „Schulermittler“?

Nö, null. Wir können nichts tun außer so gut wie möglich unseren Job zu machen, so spannende Fälle wie möglich umzusetzen und das so authentisch wie möglich zu drehen.

Es soll trotzdem Veränderungen geben. Sind vielleicht gerade vor dem Hintergrund die Storys emotionaler oder krasser geworden?

Nein, da sind wir vom Jugendschutz her sehr gebunden. „Die Schulermittler“ sind eine sehr verharmloste Form von dem, was tatsächlich an den Schulen abgeht. Wir können Themen nur ansprechen, aber: Die krasse Realität, wie sie an den Schulen stattfindet, dürfen wir nicht zeigen.

Welche krasse Realität?

Wir hatten auch bei den Drehs schon brenzlige Situationen, die zu hart wären um sie bei uns jemals in einer Folge vorkommen zu lassen. Wir drehen an echten Schulen, mit echten Schülern. Wir bekommen die Dramen natürlich mit. Wenn sich Gangs mit Butterfly-Messern gegenüberstehen, überlegst du dir auch als Erwachsener drei Mal, wie du damit umgehst. Das ist bei uns alles sehr verharmlost.

Meinst du, ihr könnt mit eurer Serie etwas verändern?

Das hoffe ich. Aber kann man mit einer Sendung wirklich etwas verändern? Ich glaube, das kann nicht durch eine Serie passieren. Ich freue mich aber sehr, dass sich die Zuschauer durch uns unterstützt fühlen. Wenn einige durch die Sendung den Mut aufbringen, sich professionelle Unterstützung zu holen, dann haben wir viel erreicht. Außerdem finde ich es toll, dass der Sender ab dieser Staffel auch mehr Verantwortung übernimmt, das ist mir sehr wichtig.

Wo übernimmt der Sender mehr Verantwortung?

Was es auf jeden Fall in der neuen Staffel geben wird, ist von RTL-Seite aus eine Homepage, wo echte Adressen und Ansprechpartner drauf sind. So dass es für die Jugendlichen nicht nur die Sendung gibt, sondern nach diesen 23 Minuten auch die Möglichkeit, sich zu informieren: An wen kann ich mich wenden? Wo bekomme ich die Hilfe, die ich brauche?

Du bist mittlerweile auch viel als Coach unterwegs. Gab’s denn da schon mal Reaktionen wie „Wuah, ich kenne dich aus dem Fernsehen“?

Ja, das gab’s schon. Es ist aber viel unangenehmer, wenn du in einen Laden gehst. Ich bin schließlich viel unterwegs.

Und dann bin ich irgendwo in, wo war das denn letztens, wo war denn das… In Ratingen-Stadt. Und ich hatte ein bisschen Zeit und dachte: Ich brauche mal neue Schuhe. Und die Verkäuferin: „Ach, Sie waren schon paarmal öfter hier!“ Und dann stehe ich da: „Nee, noch nie!“ – „Doch, natürlich, wir kennen uns doch!“ Dann bin ich in der Bredouille, was soll ich denn sagen? „Kennen Sie mich aus dem Fernsehen?“ Ist ja total peinlich, das würde ich nie machen. Ich weiß in solchen Momenten nicht, wie ich damit umgehen soll.

Und außer dem Schuhladen?

Die schlimmste Situation war, als ich und mein Freund, er ist Sänger, in Goslar waren. Auf einem Konzert. Und der Moderator kündigte seine Band an, in dem Moment fingen ganz viele Mädels an zu kreischen. Und die Jungs haben sich total gefreut: „Ja cool, wie die alle reagieren!“ Und dann haben sie sich umgedreht. Da lief ich gerade, und die Mädels kamen auf mich zu gestürmt und schrien „Sarah Lee, Sarah Lee!“ Das war ein bisschen unangenehm, aber das Konzert war trotzdem super. (lacht)

Das Interview führte Marcel Fröbe. Bilder: Setkarte Sarah Liu, Fotograf: Janine Guldener, Bearbeitung: Nicole Schaum