Ein Leben in ständiger Gefahr

3. März 2019

Laut Reporter ohne Grenzen ist der Beruf des Journalisten in Europa gefährlicher geworden. Vor allem in einigen Ländern. Foto: Lydia Pappert

Sie werden bedroht, entführt, gefoltert und ermordet – Weltweit hat die Gewalt gegen Journalisten zugenommen. Nicht nur in autoritären Regimen sondern auch in Demokratien wie Deutschland hat sich die Lage für Journalisten verschlechtert. Täglich sind sie bei der Suche nach der Wahrheit Anfeindungen, Drohungen und Gewalt ausgesetzt.

Mächtige Feinde

Im Oktober 2017 wurde auf Malta die Journalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe getötet. Galizia hatte mächtige Feinde, denn in ihrem Blog „Running Commentary“ berichtete die 53-Jährige über Korruption und Geldwäsche auf Malta, über einen Premierminister, der maltesische Pässe an reiche Russen verkauft und ranghohe Politiker, die Offshore-Firmen besitzen. Wie die tagesschau in einem online Artikel berichtete, gab Galizia im Oktober 2017 einer Wissenschaftlerin vom Europarat ein letztes Interview. Sie erzählte von den Anfeindungen, die sie jeden Tag erfährt. Davon, dass man zweimal versucht hatte, ihr Haus anzuzünden, ihrem Hund die Kehle durchschnitt und ihr nachts in einer Tiefgarage den Weg versperrte. Sie wurde am Telefon beschimpft und erhielt Morddrohungen. Dann am 16. Oktober 2017 schlugen die Mörder zu.

Doch Galazia ist nicht die einzige Journalistin, die Ihre Arbeit mit dem Leben bezahlte. Auch der 27 jährige Journalist Ján Kuicak aus der Slowakei wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Wie Welt in einem online Artikel  berichtete, erschossen am 21. Februar 2018 unbekannte Täter den jungen Mann und seine Verlobte in dessen Haus in der Nähe von Bratislava. Kuciak arbeitete als Journalist für die Onlinezeitung Aktuality.sk. Er enthüllte Korruption, Misswirtschaft und Beziehungen zwischen Politikern und dubiosen Geschäftsleuten und recherchierte, ob die Regierungselite Kontakte zur italienischen Mafia unterhält.

Immer mehr Hetze gegen Journalisten in Europa

Die Morde an den Journalisten Daphne Caruana Galizia auf Malta und Ján Kuciak in der Slowakei sind dramatische Einzelfälle, machen aber deutlich, dass Reporter auch innerhalb Europas großen Gefahren ausgesetzt sind, und dass nur weil sie ihren Beruf ausüben. In keiner anderen Weltregion hat sich die Lage der Pressefreiheit im vergangenen Jahr so stark verschlechtert. Das zeigt die Rangliste der Pressefreiheit 2018, die das Netzwerk „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlichte. Vier der fünf Länder, deren Platzierung sich in der neuen Rangliste der Pressefreiheit am stärksten verschlechtert hat, liegen in Europa. Stärkster Absteiger ist Malta, das sich innerhalb eines Jahres um 18 Plätze auf Rang 65 verschlechterte. Der Mord an der Investigativjournalistin und Bloggerin Daphne Galizia hat sich bemerkbar gemacht. Jedoch ist zu beachten, dass die Lage in Malta vor derartigen Vorfällen deutlich besser war. In Regionen wie China, Nordkorea, Afrika und der Türkei ist die Lage für Journalisten von Grund auf schlimmer und die Pressefreiheit stärker eingeschränkt.

Deutschland hat sich im Vergleich zu den letzten beiden Jahren nur um einen Platz verbessert. „Reporter ohne Grenzen“ registrierte erneut eine hohe Zahl an tätlichen Übergriffen, Drohungen und Einschüchterungsversuchen gegen Journalisten, insbesondere bei den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017.

Auch in Deutschland nehmen die Anfeindungen zu

In den letzten Jahren haben die Repressalien gegenüber Journalisten und Medienschaffenden in Deutschland zugenommen. Besonders im Osten Deutschlands kommt es vermehrt zu Anfeindungen. Im Jahr 2015 wurden bei einer Pegida-Demonstration in Dresden zwei Journalisten angegriffen. Wie der Tagesspiegel berichtet, sei ein MDR-Reporter getreten- und ein Kollege der Lokalzeitung „Dresdner Neueste Nachrichten“ ins Gesicht geschlagen worden. Zuvor habe der Redner Lutz Bachmann die Stimmung aufgeheizt. Der Vorfall bei der Pegida-Demonstration ist aber kein Einzelfall. Der Journalist Michael Stellner von der Tageszeitung Freien Presse schildert mir einige Vorfälle die sich in den letzten Jahren in Sachsen ereignet haben. Herausheben möchte er dabei vor allem den Angriff auf die Lokalredaktion in Glauchau. Im Jahr 2015 warfen Unbekannte sechs Ziegelsteine in die Redaktion und in die Geschäftsstelle, während zwei Redakteure noch an der Montagsausgabe der Freien Presse Glauchau arbeiteten.

Zum Zeitpunkt der Tat arbeitete Stellner selbst als Redakteur. Die Täter konnten bis zum heutigen Tag nicht ermittelt werden. Man kann nur spekulieren, was der Grund für den Angriff gewesen sein könnte. „Vor allem macht man sich Gedanken, wenn man, wie ich damals, seinen Schreibtisch unmittelbar neben einem Fenster im Erdgeschoss stehen hat. Natürlich fragt man sich, was passieren könnte, wenn abends aus der Dunkelheit jemand einen Ziegelstein durch das geschlossene Fenster werfen würde“, so Stellner.

Eine Journalistenkollegin die für ein anderes Medium arbeitete, stellte ihm damals die Frage, ob man nach so einem Ereignis mit Angst zur Arbeit geht. „Ich habe darüber nachgedacht, ob ich Angst empfinden sollte, oder ob ich gegebenenfalls bei Recherchen vorsichtiger vorgehen müsste. Ich habe das für mich verneint. Aber allein, dass ich und andere Kollegen sich diese Fragen stellen mussten, ist eine Erfahrung, mit der man sich in der Regel nicht auseinandergesetzt hat, wenn man den Beruf ergreift“, so Stellner. Ihm selbst sei schon mehrfach körperliche Gewalt angedroht worden. Zu keinem Zeitpunkt hatte er aber das Gefühl, dass es bei seinen aggressiven Gesprächspartnern zu mehr als bloßen Drohungen kommen würde. Trotzdem, so sagt er, kann man sich als Journalist dadurch durchaus eingeschüchtert fühlen, wenn man die Situation oder das von den Personen ausgehende Gefahrenpotenzial anders einschätzt.

Ein weiterer Fall, den er mir beschreibt, ist aus dem Jahr 2016. Als in diesem Jahr die ersten Flüchtlinge in der Stadt Meerane in Sachsen ins Erstaufnahmeheim gebracht wurden, gab es Proteste. Stellner fuhr hin, um sich selbst ein Bild zu verschaffen und führte ein Gespräch mit Asylgegnern. Ein Gegner des Erstaufnahmeheims rief „In der Freien Presse würden nichts als Lügen stehen“, so Stellner. Ein anderer Mann habe sich vor ihm gestellt, bellte Fragen und habe diese gleich selbst beantwortet. Stellner konfrontierte ihn mit der Frage, ob er diskutieren oder nur Dampf ablassen will. „Wenn ich Dampf ablasse, dann würdest du nicht mehr hier stehen“.

Viermal drohte er Stellner in dem kurzen Gespräch Schläge an, erzählt er. Neben diesen Vorfall beschreibt Stellner auch andere Zwischenfälle, bei denen Kollegen von Angst gesprochen haben. So wurde in einem Fall eine Redakteurin und ein Fotoreporter von aufgebrachten Personen durch die Straßen verfolgt, nachdem sie über den Einzug von Flüchtlingen in die Erstaufnahmeeinrichtung in einem früheren Baumarkt berichtet hatten. Die Kollegen ließen sich daraufhin von ihrem Redaktionsleiter mit dem Auto aus einem Versteck abholen, erklärt er. In einem anderen Fall fühlte sich eine Kollegin belästigt und bedroht, nachdem sie von ausländerfeindlichen YouTubern während eines Stadtteilrundgangs mit der Oberbürgermeisterin angefeindet wurde. Die Kollegin wurde danach auf YouTube verunglimpft, so Stellner. Das Video sei bis heute im Netz zu sehen.

Die Anfeindungen hinterlassen Spuren

Die Folgen derartiger Zwischenfälle könnten, laut Michael Stellner sein, dass Kollegen darum bitten, zu entsprechenden Terminen nicht mehr eingesetzt zu werden. Das sei auch in einigen Fällen vorgekommen. Zeitweise hätten die Redaktionen so gearbeitet, dass zu kritischen Terminen stets zwei Reporter geschickt wurden. Auch die Sächsische Zeitung habe zeitweise die Regelung, stets zwei Reporter zu Pegida-Demonstrationen zu schicken, erzählt er. Außerdem würden Hassmails und Drohanrufe mittlerweile zum Alltag vieler Journalisten gehören. Laut Stellner, seien die Drohanrufe und Hassmails allerdings nicht so harmlos, wie man vielleicht denken würde. Nicht, weil man ernsthaft um seine Sicherheit fürchten müsse, sondern weil diese Rückmeldungen Spuren hinterlassen würden.

Spätestens wenn Journalisten bestimmte Termine nicht mehr wahrnehmen, bestimmte Themen nicht mehr recherchieren, im Wissen, dass man sich im Anschluss vor Anfeindungen nicht mehr retten kann, gerät die Pressefreiheit in Gefahr, erklärt er. Er betont außerdem, dass ein aggressiver Grundton herrscht, der erst durch Pegida und später auch durch Trump in die öffentliche Debatte eingezogen ist. Diesen Ton hätten längst auch schon Sprecher übernommen, die sich vorher in Zurückhaltung geübt haben.

Das Gefühl, Journalisten jetzt einmal endlich gehörig die Meinung sagen zu können, sei weit verbreitet. „Selbst Politiker etablierter Parteien, Bürgermeister oder Geschäftsführer großer (teils sogar kommunaler) Unternehmen nehmen teils kein Blatt mehr vor den Mund und beschimpfen Journalisten als Fake-News-Produzenten, Lügner und dergleichen. In der Regel dann, wenn Berichterstattung nicht in ihrem Sinne verläuft und sich Journalisten erdreisten, Pressemitteilungen nicht einfach nur abzudrucken, sondern selbst zu recherchieren und auch kritische Themen aufzugreifen“, so Stellner.

Für wie gefährlich Journalisten ihre Arbeit empfinden, ist subjektiv. Jedoch ist klar, so Stellner, dass man durch permanente Anfeindungen auch relativ banalen Dingen plötzlich Bedeutung zuschreibt. Ein Kollege von ihm habe kürzlich Anzeige bei der Polizei erstattet, nachdem sich ein Autoreifen auf der Autobahn gelöst hatte. Der Kollege könne für sich persönlich nicht ausschließen, dass jemand ihm die Reifen gelockert haben könnte, erklärt er. Ein anderer Kollege habe seine private Wohnung mit zusätzlichen Sicherheitsschlössern versehen lassen.

Aus der persönlichen Sichtweise des Freie Presse Journalisten haben die Anfeindungen gegenüber Journalisten und den Medien in Deutschland in den letzten Jahren zugenommen. Vor allem im Winter 2015/16 sei es zu einer Vielzahl an Vorfällen gekommen. Sowohl hinsichtlich körperlicher Gewalt, Gewaltandrohungen, Hassmails als auch Drohanrufen. „Ich kann mich an einen Tag, wahrscheinlich im Frühjahr 2016, erinnern, an dem ich abends nach Hause gekommen bin und meiner Frau gesagt habe: Heute war ein guter Tag. Kein einziger Anruf, keine Mail. Es muss der erste Tag seit Monaten gewesen sein.“

Text: Larissa Behnke; Foto: Lydia Pappert