Die Berichterstattung über den „Mega-Streik“ der Lokomotivführer verkommt immer mehr zur Hetzjagd gegen GDL-Chef Claus Weselsky. Mit ordentlichem Journalismus hat das kaum noch etwas gemein, kritisiert medienMITTWEIDA-Redakteur Sebastian Schmidt.

Für die Verantwortlichen der GDL-Website ist es zurzeit gar nicht so einfach, positive Medienberichte zu den Streiks der Lokführer zu finden, um sie auf der eigenen Internetpräsenz zur Schau stellen zu können. Wenigstens in der ZDF-Politsatire „Die Anstalt“, erkannten die Presseleute der Gewerkschaft der Lokführer am vergangenen Dienstag zumindest indirekten Beifall für die Streikenden und deren Anführer:

„Erst privatisiert man und gibt den Beschäftigten ein Streikrecht und dann wenden sie es an. Und dann gibt es einen Streik, der etwas bewirkt.“

Ansonsten haben sich Deutschlands Medien inzwischen ganz überwiegend auf die streikenden Lokführer und vor allem auf den Chef ihrer Gewerkschaft GDL eingeschossen. BILD hatte Claus Weselsky schon vor Tagen zum „Bahnsinnigen“ abgestempelt und in der Mittwochsausgabe die eigenen Leser aufgefordert, im Büro des Gewerkschafters anzurufen – die Telefondurchwahl wurde sogar auf der Titelseite abgedruckt. FOCUS Online, seit Monaten darum bemüht, noch unterhalb des BILD-Niveaus abzutauchen, ließ Reporter in Leipzig so lange herumschnüffeln, bis sie Weselskys privates Domizil, „nur wenige hundert Meter vom Leipziger Hauptbahnhof entfernt“, aufgestöbert hatten und dort „Ärger vor der eigenen Haustür“ provozieren konnten. Geradezu trophaenartig wurden Bilder von der Front eines Mehrfamilienhauses „hinter dieser Fassade wohnt der GDL-Chef“ und dem Briefkasten der „Fam. Weselsky“ abgebildet. Das Briefkastenschild hinderte die Schmähartikelverfasser allerdings nicht daran, ihren Beitrag mit „So versteckt lebt Deutschlands oberster Streikführer“ zu überschreiben.

Nein, was da in BILD, FOCUS und anderswo zurzeit „läuft“, hat mit ordentlichem Journalismus überhaupt nichts gemein. Gegenüber Meedia.de wertete der bekannte Medienanwalt Ralf Höcker diese Praktiken zurecht als „schwerwiegenden Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Gewerkschaftsführers.“  Bei allem Verständnis für Ärger über ausfallende Bahnverbindungen in den kommenden Tagen, Wut über geplatzte Wochenendheimfahrten und zum Teil ernsten Problemen in ganzen Wirtschaftsbereichen – für Hetzjagden in unseren Medien gibt es keine Rechtfertigung. Die Streiks der Lokführer sind grundgesetzlich legitimiert. Auch daran sollten wir 25 Jahre nach dem „Mauerfall“ gelegentlich denken.

Text: Sebastian Schmidt. Bild: Screenshot ZDF heute, 5. November 2014, 19.00 Uhr.