Die Frage nach dem „Wie“

von | 6. Dezember 2019

Wie wird sich der Journalismus zukünftig entwickeln? Titelbild: Christin Post

Alles ist und war schon immer eine Frage der Perspektive. Wenn wir uns klarmachen, dass nur ein winziger Teil unserer Weltanschauung durch uns bestimmt ist und wir vor allem durch die Augen anderer sehen, dann haben wir viel verstanden. Dann können wir begreifen, welchen Anteil der Journalismus an unserer Wahrnehmung hat und wohin er sich entwickeln muss. Ein Essay.

Überkommt nicht jeden von Zeit zu Zeit das Gefühl, die aktuelle Berichterstattung sei einseitig und vorrangig negativ geprägt? Überall Kriege, Attentate, Überfälle? Nun ja, nicht jeder Tag muss mit diesen Horrormeldungen gespickt sein, doch der Eindruck bleibt. Auch ein Journalist will am Ende des Tages Geld verdienen. Ulrik Haagerup, Gründer des „Constructive Institute“, meint dazu in einem MEEDIA Interview: „Es macht einen gehörigen Unterschied, ob ich Geld verdiene, um guten Journalismus zu machen, oder ob ich Journalismus mache, um Geld zu verdienen.“ Um in irgendeiner Weise mit dem Journalismus Geld zu verdienen, braucht es Nachrichten und Geschichten, die sich verkaufen. Und in diesem Punkt liegt eine wichtige Erkenntnis verborgen – Stichwort: Negativitätsbias.

Das mediale Spiel mit der Angst

Wir können nichts für unsere angeborenen und evolutionär bedingten Reflexe, aber sie helfen im Ansatz zu verstehen, warum „Only bad news are good news“ und „If it bleeds, it leads“ bis heute wichtige Wegweiser im Journalismus zu sein scheinen. Auf den bereits angesprochenen Negativitätsbias wird dabei immer wieder verwiesen. Er beschreibt im Wesentlichen, dass sich negative Erlebnisse und Gefühle viel stärker auf die Psyche auswirken als neutrale oder positive. Vor tausenden Jahren war dieser Effekt überlebenswichtig, heute wohl eher weniger. Allerdings hängt er uns immer noch an und trübt in gewisser Weise die Sicht auf das Weltgeschehen. Auf Negatives reagieren wir schneller und intensiver, kein Wunder also, dass sich diese Meldungen besonders einprägen und den bleibenden Eindruck bestimmen. Und, dass sich solche Geschichten besonders gut verkaufen.

„Medien entscheiden, welche Themen relevant sind oder eben nicht“, äußert Medienwissenschaftlerin Susanne Günther gegenüber medienMITTWEIDA. „Wirklich relevant ist für mich die subjektive Einstellung jedes Rezipienten. Welche Medien nutze ich, um Informationen zu bekommen? Wie verorte ich mich politisch? Welche Medien passen zu meinen Einstellungen beziehungsweise berichten meinen Positionen entsprechend? Hier findet bewusst und unbewusst eine Auswahl statt. Und das, was ich dann rezipiere, das beeinflusst mich natürlich auch.“ Hierbei ist der Übergang zur Filterblase wohl fließend. Fragt sich nur, ob jeder mit seiner persönlichen Blase Teil einer großen, grau-pessimistischen Blase ist.

Guter Journalismus bedeutet, die Welt mit beiden Augen zu sehen.

Ulrik Haagerup

Gründer und CEO vom „Constructive Institute"

Fest steht: Zu viel Angst ist auch nicht gut und führt nicht nur zu gesundheitlichen Problemen, sondern auch zu Misstrauen bis hin zum Abwenden vom Verursacher. Und der Verursacher heißt oft genug „Journalist“. Aus dem Digital News Report 2019 geht hervor, dass 32 Prozent der Befragten oft oder manchmal bewusst Nachrichten vermeiden. In Deutschland trifft das auf jeden Vierten zu. 39 Prozent meinen, die Medien würden insgesamt zu negativ berichten.

Soll nicht heißen, dass über negative Ereignisse nicht berichtet werden soll, nur um den Nutzern am Frühstückstisch ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ganz und gar nicht. Die Frage ist doch viel mehr – wie und von welcher Seite wird berichtet? Wir stellen den Skandal, die Tragödie ins journalistische Scheinwerferlicht und merken nicht, dass dieser Fleck nur ein ganz kleiner ist. Wir ignorieren das Dunkel drum herum, wissen kaum etwas damit anzufangen. Das Gesamtbild verzerrt sich Stück für Stück. Genau dieser Verzerrung hat sich der mittlerweile verstorbene Medizinprofessor Hans Rosling mit seinem Team der Stockholmer Stiftung Gapminder gewidmet. Im Gapminder Test kann jeder in wenigen Minuten herausfinden, wie pessimistisch die eigene Weltanschauung mittlerweile ist.

Die positive Seite

Diese Entwicklung ist vielen Menschen zuwider. Ein Wandel bahnt sich an. Es entstehen Webseiten, die auf ausschließlich positive Nachrichten setzen, so etwa nur-positive-nachrichten, goodnewsnetwork oder gute-nachrichten. Solche Seiten versuchen, bewusst einen Gegenpol zur negativen Berichterstattung zu legen. Manchmal mit mehr, manchmal mit weniger journalistischem Hintergrund, jedoch mit einer ordentlichen Portion Ehrgeiz. Kann das die Lösung sein? Es ist zumindest eine ganz andere Perspektive, mit der der Journalismus zum Teil fremdelt. Doch einige Medienschaffende richten mittlerweile eigene Rubriken für positive Nachrichten ein, wie etwa die Huffpost, die News-WG oder FOCUS Online.

Positive Meldungen, grenzt das nicht an Katzenvideo-Niveau? Sind die überhaupt nachrichtentauglich? Auf jeden Fall. Es muss doch möglich sein, positiven Entwicklungen ebenso einen Raum zu geben wie der üblichen Berichterstattung. Sie können genauso gut die Themen- und Nachrichtenfaktoren erfüllen und wenn man davon ausgeht, dass Journalisten möglichst perspektivisch – Objektivität ist und bleibt eine Illusion – berichten sollen, dann gehört diese Seite der Medaille mehr denn je in die Berichterstattung. Es bleibt die Frage nach dem „Wie“.

Konstruktivität wird zukunftsweisend für den Journalismus sein. Foto: Christin Post

Der Journalismus entwickelt sich, lernt und wächst ständig. Aus dem War- und Ist- Zustand kann und muss ein Wird-Zustand werden. Spätestens an dieser Stelle muss der Begriff des konstruktiven Journalismus‘ fallen. Per Definition bedeutet konstruktiv laut DUDEN „aufbauend“ und „entwickelnd“. Konstruktiver und lösungsorientierter Journalismus werden häufig synonym verwendet. Der Deutsche Fachjournalisten Verband schreibt dazu: „Lösungsorientierter Journalismus setzt sich für eine Veränderung in der Nachrichtenauswahl und in der Zielrichtung von Recherchen ein.“ Er könne als „Berichterstattung über Versuche, soziale Probleme zu lösen“, beschrieben werden.

Was kann konstruktiver Journalismus?

Das Ziel von konstruktivem Journalismus ist es demnach, nicht nur auf das Problem und seine Ursachen zu blicken, sondern auch auf mögliche Lösungsansätze. Laut Haagerup, der als Verfechter des konstruktiven Journalismus‘ gilt, seien alle W-Fragen der klassischen Berichterstattung rückwärtsgewandt. Der konstruktive Journalismus ergänze diese W-Fragen nun um das „Was jetzt?“. Ein revolutionärer Gedanke, wenn man überlegt, dass klassischer Journalismus vor allem Bestandsaufnahmen abbildet.

Journalismus ist jedoch nicht festgefahren. Er kann den Finger in die Wunde legen und Missstände aufzeigen, jedoch gleichzeitig auf positive Entwicklungen verweisen. Wer diesen Part nicht als Teil seiner Arbeit ansieht – weil Journalisten schließlich nicht dazu da sind, Probleme zu lösen – der hat den Kern noch immer nicht begriffen. Es geht nicht darum, selbst Lösungen zu finden, sondern über sie zu berichten. Mutmacherei stellt die Fragen auf seiner Website unter anderem so: Welche verschiedenen Ansätze und Wege gibt es, das Problem zu bearbeiten? Was wurde schon von wem probiert? Was waren die Ergebnisse? Was davon hat funktioniert, was nicht? Ausführlich aufgezeigt, wo die zahlreichen Probleme liegen, wurde auch in diesem Artikel der Freien Presse – Lösungsansätze? Eher Mangelware.

Die Intention von konstruktivem Journalismus dürfte klar sein, doch sie wird immer noch missverstanden. So etwa von Heribert Prantl, ehemaligem Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung. Er könne mit der Forderung, Journalismus müsse konstruktiver werden, nichts anfangen, so Prantl gegenüber dem NDR. „Konstruktiv heißt dann wohl: Der Journalismus soll positiver berichten, er soll nicht so kritisch sein, er soll sich an die schönen Dinge halten, er soll die Leute möglichst nicht aufregen und nicht aufbringen.“ Nein, das heißt konstruktiv dann wohl nicht. Auch Claudia Spiewak, NDR Hörfunk-Chefredakteurin und Programmchefin von NDR Info hält dagegen und spricht von einem Umdenken.

Wir stellen die alte DeviseOnly bad news are good news“ auf den Prüfstand, denn sie ist kein guter Wegweiser für den Journalismus der Zukunft.

Claudia Spiewak

Chefredakteurin des NDR Hörfunks

Liefert Herr Prantl nicht selbst die beste Vorlage für konstruktiven Journalismus, wenn er sagt: „Die Hauptaufgabe des Journalismus ist es, die Menschen zu befähigen, sich ein richtiges Bild von der Welt zu machen.“? Wie kann eine solche Befähigung erfolgen, wenn die möglichen Lösungen nicht offen diskutiert werden? Und wie soll ein vermeintlich „richtiges“ Bild ohne die Chancen und Möglichkeiten der Zukunft entstehen? Ebenso skeptisch gegenüber dem konstruktiven Journalismus steht der Schweizer Journalist Kurt W. Zimmermann. Er schreibt unter anderem: „Die Medien bleiben, wie sie immer waren: Der ‚konstruktive Journalismus‘ ist gescheitert.“ Die übelste Schwachstelle aber wäre, dass konstruktiver Journalismus das Gegenteil von kritischem Journalismus sei.

Offenbar ist immer noch nicht klar genug, dass konstruktiver Journalismus zum Ziel hat, sich seine kritische Funktion zu behalten. Anregen und weiterdenken heißt die Devise. Auch über das berichten, was gut läuft. Wunderheiler, die unkritisch PR-Material abdrucken, sind an anderer Stelle besser aufgehoben. Beim Thema Berichterstattung und wie sie auszusehen hat, werden immer die Emotionen hochkochen. Die einen überdramatisieren, die anderen beschönigen. Worte sind die Waffe eines jeden Journalisten. „Sprachlich werden alle Ereignisse zu Katastrophen, zumindest aber tragischen, besorgniserregenden oder kontroversen Ereignissen stilisiert. Und das bleibt dem Rezipienten natürlich eher im Kopf hängen“, meint Günther. Wer zukünftig journalistisch aufbauend – also konstruktiv – wirken will, muss sprachlich zumindest stückweise abbauen, sich seiner Waffe bewusst sein und sie einzusetzen wissen.

Alles war und ist schon immer eine Frage der Perspektive. Wenn wir uns klarmachen, was Journalismus zukünftig leisten kann, dann haben wir viel verstanden. Dann können wir begreifen, dass die Antwort auf das „Wie“ das „Was jetzt“ ist.

Text: Kim Lu Kutschbach, Titelbild und Foto: Christin Post