Verhütung

Nicht schwanger, aber traurig

von | 11. Dezember 2020

Die Pille ist das beliebteste Verhütungsmittel. Doch die Nebenwirkungen können verheerend sein.

„Ich hatte das Gefühl, dass mein eigenes Leben wie ein Film an mir vorbeizieht. Als würde ich als Außenstehende zuschauen und nicht mehr ich selbst sein. Ich hatte keinen Antrieb, war grundlos traurig und konnte mich zu nichts aufraffen. Ich konnte weder Freude noch Trauer empfinden, da war einfach nichts.“ So erinnert sich Jana (28) an die sechs Jahre, als sie die Antibabypille, den meisten besser bekannt als Pille, genommen hat. Bereits vor Einnahme der Pille hatte sie mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen, doch durch das Verhütungsmittel haben sich diese zu einer richtigen Depression entwickelt und Janas Leben stark beeinträchtigt.

Damit ist sie nicht allein. Immer mehr junge Frauen wenden sich von der Pille ab. „Das kann mit einem stärkeren Bewusstsein dafür zu tun haben, dass die Pille kein Lifestyle-Präparat ist, sondern in den Hormonhaushalt eingreift und auch Nebenwirkungen haben kann“, meint Eike Eymers, Ärztin im Stab Medizin des AOK-Bundesverbandes. Diese können unter anderem von Depressionen bis hin zu verstärkten Suizidgedanken führen. Auch Frauenärztin Anja Kneller kann das bestätigen. Es komme durchaus vor, dass Frauen die Pille aufgrund der oben genannten Nebenwirkungen absetzen würden.

Laut einer Analyse der AOK ist der Anteil junger Frauen, welche mit einem sogenannten Ovulationshemmer verhüten, seit einigen Jahren rückläufig. Während im Jahr 2010 noch 46 Prozent der gesetzlich versicherten Frauen die Pille verschrieben bekommen haben, waren es 2019 nur noch 31 Prozent. Ein besonders starker Rückgang ist dabei ab dem Jahr 2015 zu erkennen. Immer häufiger greifen Frauen stattdessen zu hormonfreien Verhütungsmethoden, von der Kupferspirale bis hin zum Temperaturmessen.

Quelle: AOK

Nebenwirkungen inklusive

Die Pille hat viele mögliche Nebenwirkungen, welche allesamt in der Packungsbeilage aufgelistet sind. Direkt zu Beginn wird auf das besonders stark erhöhte Risiko für Thromboembolien hingewiesen. Dabei handelt es sich um ein Blutgerinnsel in den Arterien – das ist eine der gefährlichsten möglichen Begleiterscheinungen. Die Nebenwirkungen werden zudem in verschiedene Kategorien wie „Häufig“, „Gelegentlich“ oder „Selten“ aufgeteilt. Häufig treten Kopf- und Brustschmerzen auf, gelegentlich unter anderem Schwindel, Haarausfall und Gewichtsveränderungen. Auch depressive Verstimmungen sind unter dem Reiter „Gelegentlich“ aufgeführt, doch auf diese wird meist von den Ärzten selbst nicht direkt hingewiesen. Bei ihrem ersten Frauenarztbesuch – Jana war damals 16 Jahre alt – bekam sie die Pille verschrieben, wurde jedoch nicht über diese Risiken aufgeklärt. „Die Ärztin hat mir hauptsächlich die positiven Aspekte aufgeführt, von Depressionen war nie die Rede.“ Erst Jahre später wurde sich Jana, beim Gespräch mit einer Freundin, den weiteren möglichen Nebenwirkungen bewusst. Diese hatte selbst die negativen Auswirkungen zu spüren bekommen und erzählte Jana von ihren Erfahrungen. „Erst ab da habe ich mich selbst mal intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt und viel recherchiert.“

Eine Arbeitsgruppe aus Dänemark hat sich ebenfalls mit dem Thema Depressionen und Suizidrisiko in Verbindung mit oralen Kontrazeptiva, zu denen auch die Pille gehört, beschäftigt. Laut dieser besteht ein Zusammenhang zwischen Ovulationshemmern und Depressionserkrankungen. Dabei fällt besonders auf, dass 80 Prozent junger Mädchen und Frauen zwischen 15 und 19 Jahren, welche die Pille einnahmen, ein erhöhtes Risiko zur Verordnung eines Antidepressivums hatten. Seit kurzer Zeit wird nun auch im Beipackzettel ein Warnhinweis gedruckt, der auf das erhöhte Selbsttötungsrisiko hinweist.

Anzeichen von Depressionen

Jana hatte bereits vor der Einnahme mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen, doch unter dem Einfluss der Pille verstärkten sich diese zunehmend. Doch darauf, dass es in ihrem Fall eine Nebenwirkung der Pille war, ist sie nicht gekommen. „Ich dachte, dass es eben nur schlimmer geworden ist. Man denkt doch nicht, dass sowas von der Pille kommen würde.“ 

Depressionen zu erkennen, ist tatsächlich nicht immer einfach. Sie äußern sich zum Beispiel durch Antriebs- und Interesselosigkeit sowie Traurigkeit. Besonders Frauen kennen solche Gefühle in Verbindung mit Stimmungsschwankungen gut. Dies sind unter anderem Symptome des Prämenstruellen Syndroms (PMS), welches bei bis zu 75 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter auftritt. Diese können bis zu 14 Tage vor der Regelblutung auftreten und somit über einen längeren Zeitraum physische und psychische Beschwerden hervorrufen. Dadurch kann ein Übergang von PMS zu ernsthaften Depressionen meist nur schwer erkannt werden. Viele Frauen kennen das: Oftmals wird eine schlechte Stimmung oder Gereiztheit mit Sätzen wie „Ach, das sind die Hormone“, „Das Wetter schlägt mal wieder auf die Psyche“ oder Ähnlichem abgetan. Man schiebt es auf den Zyklus oder andere individuelle Dinge. Es wird gar nicht daran gedacht, dass dahinter eine ernsthafte Krankheit stecken kann und dass diese dazu noch von der Pille ausgeht.

Auch Jana hatte anfangs mit den typischen Symptomen wie Interesse- und Antriebslosigkeit, zu kämpfen. Mit der Zeit kamen jedoch auch extreme Traurigkeit und Appetitlosigkeit hinzu. Besonders die Antriebslosigkeit wurde schlimmer. „Ich konnte mich zum Teil kaum aufraffen, das Bett zu verlassen. Manchmal habe ich auch ein paar Tage nicht geduscht.“ Sie wusste zwar, was das Problem ist, konnte sich aber einfach nicht motivieren, etwas dagegen zu tun.

Hormone, Hormone, Hormone

Was genau der Grund für die Entstehung von Depressionen durch die Pille ist, wurde noch nicht abschließend geklärt. Klar ist jedoch, dass durch die Einnahme der Pille sowie der „Pille danach“, stark in den natürlichen Hormonhaushalt eingegriffen wird. Auch Frau Kneller meint: „Da es bei allen möglichen Kombinationspräparaten vorkommen kann, sind Nebenwirkungen wie depressive Verstimmungen und Depressionen sicherlich auf die Hormone selbst zurückzuführen.” Diese starke Veränderung des Hormonhaushalts wird schon alleine am Beispiel des verbesserten Hautbildes, nach Einnahme der Pille, deutlich. Viele junge Mädchen und Frauen haben in der Pubertät mit Hautunreinheiten zu kämpfen. Manche Präparate dienen neben der Verhütung auch der Behandlung von Akne, weshalb einigen die Pille nur zur Behandlung dieser verschrieben wird. Da die Talgproduktion durch die zugeführten Hormone reduziert wird, ist ein verbessertes Hautbild oft schon nach wenigen Wochen zu erkennen. Was die Depressionen angeht, ist das nicht ganz so einfach. In den meisten Fällen kommt es auf den jeweiligen Typ Mensch an. Manche neigen eher zu depressiven Verstimmungen, andere nicht. Auch laut Frau Kneller kommt es darauf an, wie die individuelle Patientin reagiert. Fakt ist jedoch, dass durch die Pille die Eireifung unterdrückt wird und es somit nicht zum Eisprung kommen kann.

Mittlerweile gibt es über 40 verschiedene Präparate, alle in verschiedene Kategorien unterteilt und aus unterschiedlichen Zusammensetzungen bestehend. In allen Fällen ist ein Risiko für Depressionen vorhanden, welches jedoch nicht auf einen bestimmten Inhaltsstoff zurückgeführt werden kann.

Welche Hormone stecken in der Pille?

Die Pille wird nach verschiedenen Wirkstoffen und Wirkstoffkombinationen eingeteilt:

Einphasenpillen: Diese enthalten jeweils die gleichen Mengen an Östrogen und Gestagen. Meist enthalten sie 21 Degrees, nach deren Einnahme eine einwöchige Pause folgt. Der Zyklus ist somit 28 Tage lang.

Zwei- und Dreiphasenpillen: Hier ist die Menge an Östrogen und Gestagen unterschiedlich konzentriert. Sie werden dem weiblichen Zyklus angepasst und sind genauso sicher wie Einphasenpillen.

Minipille: Diese Pille besteht nur aus dem Hormon Gestagen. Um eine sichere Verhütung zu gewährleisten, muss sie jeden Tag zur selben Uhrzeit eingenommen werden.

Östrogen: Dabei handelt es sich um weibliche Hormone, die eine wichtige Rolle im Zyklus der Frau, dessen Steuerung und in der Schwangerschaft spielen. Produziert werden sie bei Frauen vor allem in den Eierstöcken und wirken unter anderem auch auf den Stoffwechsel und auf die Knochenbildung ein. Die Östrogene in der Pille sind, im Gegensatz zu den natürlichen Hormonen, chemisch etwas anders aufgebaut.

Gestagen: Hierbei handelt es sich um weibliche Sexualhormone, die zur Entstehung und Erhaltung einer Schwangerschaft dienen. Zusammen mit Östrogen bewirkt es während des Menstruationszyklus’ eine charakteristische Veränderung im Gesamtorganismus, dem Geschlechtstrakt und besonders an der Gebärmutterschleimhaut.

Es gibt Alternativen

Mittlerweile gibt es neben der Pille noch viele andere Verhütungsmethoden. Wer bei der hormonellen Verhütung bleiben möchte, kann auf die Hormonspirale zurückgreifen. Diese wird in die Gebärmutter eingesetzt und kann dort je nach Verträglichkeit bis zu fünf Jahre bleiben. Eine hormonfreie Alternative ist die Kupferspirale, die ebenfalls in die Gebärmutter eingesetzt wird. Diese kann im besten Fall ebenso bis zu fünf Jahre dort verweilen und bietet, sofern sie richtig sitzt, einen genauso guten Schutz vor einer Schwangerschaft wie die Pille. Alternativ können auch die Kupferkette oder der Kupferball verwendet werden. Beide gleichen in Wirkung, Schutz und Verweildauer der Kupferspirale. Auch das Kondom stellt eine hormonfreie Verhütungsmethode dar. Zudem kann es als einziges Verhütungsmittel vor der Übertragung von Geschlechtskrankheiten schützen.

Anja Kneller meint, es sei deutlich zu spüren, dass Frauen sich mehr nach hormonfreien Verhütungsmethoden erkundigten, vor allem nach der Kupferspirale. Auch die Hormonspirale sei eine Alternative, da sie wesentlich geringer dosiert sei als eine Pille und vor allem lokal wirke. Jedoch solle selbst hier auf die mögliche Nebenwirkung – Depression – hingewiesen werden. Möchte man also gerne die Pille absetzen, aber trotzdem noch einen permanenten Schutz zur Empfängnisverhütung haben, so gibt es gute Möglichkeiten, auf die man zurückgreifen kann. In allen Fällen sollte jedoch ein Aufklärungs- und Informationsgespräch mit einem Frauenarzt stattfinden.

Auch Jana nimmt die Pille mittlerweile nicht mehr und ist auf die Kupferspirale umgestiegen. „Nachdem ich mit der Pille aufgehört habe, ging es mir langsam besser. Es ist ein langer Prozess gewesen, der mir nochmal viel abverlangt hat. Mit dem Aufhören der Pille muss der Körper erstmal selbst wieder lernen, den Hormonhaushalt zu regulieren. Im Vergleich zu damals geht es mir heute jedoch viel besser“ sagt sie. Jana ist mittlerweile 28 Jahre alt und lebt glücklich – und ohne extreme Traurigkeit oder Stimmungsschwankungen – mit ihrem Freund zusammen.

Text: Carina Holl; Titelbild: Carina Holl 

<h3>Carina Holl</h3>

Carina Holl

ist 24 Jahre alt und kommt aus München. Sie studiert derzeit im dritten Semester Medienmanagement in der Vertiefung Economics und unterstützt medienMITTWEIDA im Team Lektorat.