Zu wenig helfende Hände

von | 20. September 2019

Pflege ohne Balance. Die Zahlen von Pflegebedürftigen und Pflegekräften weisen gegensätzliche Entwicklungen auf. Titelbild: sabinevanerp, CCO

Es ist noch früh am Morgen, die Sonne blinzelt gerade erst durch die Fenster.
Alles ist ruhig, nur ein konsequentes Piepen ist zu hören. Es sind keine Vogelstimmen, die einen neuen Tag einläuten, sondern ein wichtiges Signal: Ein Hilferuf! Das Geräusch wird immer lauter, ertönt bald im Kanon. Eine junge Frau hetzt über lange Flure, ihre Schuhe quietschen auf dem Boden. Jede Minute zählt, der Zeitdruck ist ihr ständiger Begleiter. Sie muss nach ihrem Bauchgefühl entscheiden, zu welchem der fünf Zimmer sie zuerst eilt und wer als Erstes ihre Hilfe bekommt. Dabei bräuchte die Altenpflegerin selbst dringend Unterstützung.

Stress gehört zum Alltag vieler Pflegekräfte. Darüber hinaus sind körperlich schwere Arbeit, schlechte Bezahlung und geringe soziale Anerkennung die Herausforderungen dieses Berufs. Das hat massive Auswirkungen. Viele Fachkräfte fühlen sich überlastet, arbeiten in Teilzeit oder geben ihren Job ganz auf. Außerdem gibt es kaum Nachwuchs für den Pflegesektor. Deutschland gilt deshalb seit Jahren als Pflegenotstandsgebiet, denn der wachsende Pflegebedarf kann kaum gedeckt werden. Ein Überblick über die Gründe und Zusammenhänge soll den Personalmangel in der Pflege genauer erklären.

Fehlendes Gleichgewicht

Nach Ermittlungen des Statistischen Bundesamtes müssen in Deutschland aktuell zirka 3,4 Millionen Menschen gepflegt werden. Vor zehn Jahren lag die Zahl der Pflegebedürftigen dagegen bei rund 2,2 Millionen. Erklären lässt sich die steigende Entwicklung mit der immer höheren Lebenserwartung. Der Fortschritt der Medizin gilt dafür als Hauptgrund. Insbesondere die Forschung und Entwicklung zur Prävention und Behandlung klassischer Altersleiden wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, tragen laut dem Deutschen Ärzteblatt zur Erhöhung der Lebenserwartung bei. Prognosen zufolge wird sich die steigende Tendenz der Pflegebedürftigen deshalb auch in Zukunft nicht ändern. Schätzungen gehen davon aus, dass 2050 rund 4,5 Millionen der Deutschen auf Pflege angewiesen sein werden.

Durch den steigenden Pflegebedarf ergibt sich zwangsläufig auch eine wachsende Nachfrage an Pflegekräften. Dies ist der Knackpunkt, denn die Zahlen des Pflegepersonals zeigen einen massiven Rückwärtstrend. Studien der Bertelsmann Stiftung rechnen deshalb bis 2030 mit einem Mangel von 500.000 Vollzeitpflegekräften.

Perspektive: Ausgepflegt

Die gegensätzliche Entwicklung zwischen Pflegebedürftigen und Pflegekräften beobachtet auch Jeanette Claus seit Jahren. Sie ist Leiterin des sächsischen Altenheimes „Katharinenhof“ in Hartenstein und trägt die Verantwortung für alle Bereiche der Pflegeeinrichtung. „Früher hatte ich stapelweise Bewerbungen von Pflegefachkräften und konnte darunter wirklich auswählen“, erinnert sie sich. Wenn Jeanette Claus heute eine Stelle ausschreibt, dauere es meistens Wochen, manchmal sogar Monate, bis sich überhaupt ein Interessent meldet. Darüber hinaus werde der Notstand an Fachkräften auch oftmals von den Bewerbern selbst ausgenutzt, erzählt die Einrichtungsleiterin: „Wenn sich heutzutage jemand bewirbt, dann oft mit einer Vielzahl an Bedingungen. Zum Beispiel wird mehr Urlaub gefordert oder nur nach bestimmten Schichten verlangt.“ Das trage nicht gerade zur Verbesserung des Personalmangels bei. 

Die Knappheit an Pflegefachkräften erklärt sie sich so: „Ich gehe einfach davon aus, dass der Markt so gut wie leer ist. Nur noch wenige wollen als Altenpfleger arbeiten.“ Als Grund dafür sieht Jeanette Claus vor allem die Anforderungen, die der Beruf mit sich bringt. Dabei versuche ihre Einrichtung die Arbeitsbedingungen so gut wie möglich zu gestalten. Das Pflegepersonal werde beispielsweise mit Hilfsmitteln wie Liften beim Bewegen der Patienten unterstützt. Durch gemeinsame Ausflüge soll außerdem die Team-Atmosphäre gestärkt werden. „Wir versuchen hier intern alles zu machen, um unseren Pflegekräften ihre täglichen Arbeit zu erleichtern. Trotzdem ist und bleibt es ein anstrengender Job“,  findet die Einrichtungsleiterin. Es sei ein Teufelskreis, erklärt Jeanette Claus weiter: „Viele verlassen den Beruf, weil sie körperlich überlastet sind. Dadurch müssen sich die Pflegekräfte, die noch da sind, aber um immer mehr Bewohner kümmern.“ Die Heimleiterin sei sich sicher, dass dieser Zustand auf Dauer nicht funktionieren kann.

Der Schlüssel des Problems

Das Deutsche Ärzteblatt bewertet die Relation zwischen Pflegepersonal und Pflegebedürftigen als wichtigen Indikator für die Qualität der Arbeitsbedingungen und der daraus resultierenden Pflegequalität. Das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Pflegekräften und Bewohnern eines Altenheimes ist in Deutschland allerdings nicht gesetzlich geregelt. Die Personalausstattung wird stattdessen über Verträge zwischen Heimen, Landesregierungen und Pflegekassen bestimmt. Der dabei entstehende Mitarbeiterschlüssel richtet sich nach der Anzahl der Bewohner und ihrem jeweiligen Pflegebedarf. Mit steigendem Pflegegrad sinkt dabei die Anzahl der Bewohner, um die sich eine einzelne Pflegekraft kümmern muss. Allerdings kann sich die Bedürftigkeit der Heimbewohner sehr schnell verändern, beispielsweise in Folge einer Krankheit. Das erschwert die Anpassung der Personalstärke maßgeblich.

Forscher, Berufsverbände und Mediziner vertreten nach Angaben von Gesundheitsberater Berlin überwiegend die Meinung, dass die Personalanzahl in vielen deutschen Pflegeheimen zu gering sei. Ein Vergleich der Heime ist allerdings schwierig, da die Personalschlüssel zwischen den Bundesländern variieren. Der Pflegeexperte und Journalist Gottlob Schober fordert deshalb einen bundeseinheitlichen Personalschlüssel, um die Pflegekräfte deutschlandweit zu entlasten. Danach sehnt sich auch das Pflegepersonal selbst. Das ergab eine aktuelle Studie der Gesellschaft für Marktforschung cogitaris GmbH. Demnach erachten 75 Prozent der befragten Pflegefachkräfte einen einheitlichen Personalschlüssel als notwendige Maßnahme zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. 

Wenig Anerkennung für kräftezehrende Arbeit

Bessere Bedingungen für ihren Beruf wünscht sich auch Nadja Fritz. Sie ist seit über zehn Jahren Altenpflegefachkraft. Doch sie gibt offen zu, ihre Jobwahl hin und wieder bereut zu haben – „einfach weil es so anstrengend ist.“ Der Beruf fordere sie nicht nur körperlich, sondern verlange auch von der Psyche einiges ab. Besonders die Anzahl der Patienten mit einer Demenz-Erkrankung habe in den letzten Jahren stark zugenommen. „Die Ausprägungen dieser und anderer psychischer Krankheiten können dabei ganz unterschiedlich sein. Wir haben zum Beispiel Bewohner, die nicht mehr richtig reden können, dafür schreien sie den ganzen Tag, um zu kommunizieren“, erzählt Nadja.

Das erfordere nicht nur starke Nerven, sondern auch viel Geduld, Verständnis und Kraft. Die größte Herausforderung in ihrem Job sei es deshalb, nicht abzustumpfen. „Ich glaube es ist vielleicht auch normal, dass du nach einer gewissen Zeit abhärtest. Aber gerade in diesem Beruf ist es ganz entscheidend, immer wieder zu reflektieren. Das darfst du nicht verlernen.“ Deshalb sei es für Nadja sehr wichtig, dass bei allem Stress und Zeitdruck das Zwischenmenschliche nicht auf der Strecke bleibt. Das ginge aber nur mit ausreichend Personal, erklärt sie. „Wir bräuchten eindeutig mehr Pflegekräfte, um den alten Leuten und ihren verschiedenen Bedürfnissen wirklich gerecht zu werden. Denn auch wenn wir alles tun was geht, wir kommen echt an unsere Grenzen.“ Trotz der anstrengenden Arbeitsanforderungen, treibe die Gewissheit, „etwas Gutes und Wichtiges zu tun“ Nadja aber jeden Tag an. Die Pflegeheimbewohner gäben ihr viel zurück: „Die Leute sind dankbar und zeigen das auch. Da reicht manchmal schon ein aufrichtiges Lächeln und ich weiß wieder, warum ich das alles tue.“

Traurig sei Nadja dagegen über die Wahrnehmung des Pflegeberufes in der Gesellschaft. „Wir geben jeden Tag unser Bestes, aber wir werden nicht richtig wahrgenommen. Wir sind da, aber für viele leider unsichtbar“, schildert sie. Deshalb fordert Nadja mehr Wertschätzung für ihren Job – auch finanziell. „Wir leisten jeden Tag wichtige Arbeit. Warum werden wir dann nicht auch dementsprechend bezahlt?“ fragt sich die Altenpflegerin kopfschüttelnd.

 

Finanzierung des Pflegesystems – ein Pflegefall für sich?

Nach Angaben des Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit, verdient eine Altenpflegefachkraft in Deutschland durchschnittlich 2621 Euro brutto im Monat. Dabei hängt das Gehalt einerseits davon ab, ob es sich um eine private, öffentliche oder kirchliche Pflegeeinrichtung handelt. Auch die Dauer der Berufsausübung spielt eine Rolle. Zusätzlich variiert der Verdienst zwischen den einzelnen Bundesländern. Diese Gehaltsunterschiede sind bei Pflegedebatten ein wesentlicher Kritikpunkt. Aber auch die Finanzierung der Pflege ist in Deutschland stark umstritten. Experte Gottlob Schober bewertet den Personalmangel deshalb in einem Film des SWR als „Ausdruck einer Krise des gesamten Pflegesystems.“

Die Pflegeversicherung ist in Deutschland Pflicht und soll gegen das finanzielle Risiko der Pflegebedürftigkeit absichern. Somit ist jeder, der eine gesetzliche oder private Krankenversicherung besitzt, automatisch pflegeversichert. Bei Pflegebedarf wird nach Grad der Einschränkung ein entsprechender Pflegesatz zugesprochen. Dieser setzt sich in der stationären Pflege aus Kosten für Personal, Unterkunft und Verpflegung zusammen. Grundsätzlich deckt die Pflegeversicherung aber nur einen Teil der anfallenden Kosten und zahlt lediglich eine festgelegte Pauschale für die Pflegeleistungen. Alle weiteren Kosten müssen von den Pflegebedürftigen oder ihren Angehörigen selbst getragen werden. Dabei liegt die Eigenbeteiligung nach Angaben der Diakonie zwischen 900 und 2.000 Euro im Monat.

Der jeweilige Pflegesatz wird allerdings nicht willkürlich von den Altenheimen festgelegt, sondern in Verhandlungen mit Pflegekassen und Sozialhilfeträgern ermittelt. Dabei können die Pflegeeinrichtungen auch höhere Löhne für ihre Mitarbeiter fordern. Problem: Die Pauschale der Pflegekassen bleibt trotzdem gleich. Somit wirkt sich eine höhere Vergütung des Pflegepersonals immer auf die Eigenbeteiligung der Pflegebedürftigen aus. Ein Großteil kann sich die steigenden Pflegeheimbeiträge aber kaum leisten. Trotzdem ist ein Leben im Altenheim für viele Senioren unumgänglich. Das beweist auch die steigende Zahl der Pflegeeinrichtungen in Deutschland. Nach Ermittlungen des Statistischen Bundesamtes gab es 2007 circa 11.000 Pflegeheime. Heute liegt die Zahl bei rund 14.500 Pflegeeinrichtungen, Tendenz steigend. Grund dafür scheinen mitunter die Veränderungen innerhalb der Familien zu sein. Verschiedene Generationen leben nur noch selten zusammen. Darüber hinaus können sich viele Familien aufgrund starker beruflicher Einspannung nicht mehr selbst um ihre Angehörigen kümmern.

Pflege als Schicksalsfrage der Gesellschaft

Ähnlich geht es auch Marianne Feneis. Die 88-Jährige sitzt im Rollstuhl und lebt seit sieben Jahren im Pflegeheim. Ihre Kinder wohnen weit weg und können sie nur selten besuchen. Trotzdem fühle sie sich wohl in der Pflegeeinrichtung, beschreibt das Heim selbst als ihr Zuhause. „Es bleibt einem ja auch gar nichts anderes übrig“, sagt die Rentnerin und lächelt. Sie sei froh, im Alter nicht alleine zu sein. „Hier ist immer jemand da und die Pfleger kümmern sich gut um mich. Dadurch ist auch meine Familie beruhigt, denn sie wissen, ich werde ordentlich versorgt.“, erzählt Feneis. Den Personalmangel bemerke aber auch sie: „Das Pflegepersonal gibt wirklich sein Bestes. Manchmal würde ich mir aber mehr Zeit zum Erzählen wünschen, denn ich bin so eine Plappertasche, die gerne redet. Meistens müssen die Pfleger aber schnell weiter, die haben ja viel zu tun.“ Darüber sei Frau Feneis aber nicht enttäuscht, denn sie habe Verständnis für den straffen Zeitplan des Pflegepersonals.

Sorgen mache sie sich eher um die jüngeren Generationen. Als Frau Feneis ins Heim einzog, hätte es noch einige Auszubildende in der Einrichtung gegeben. Über die Jahre seien es aber immer weniger Jugendliche geworden, die sich zur Altenpflegefachkraft ausbilden ließen. Das mache Frau Feneis nachdenklich. Deshalb beschäftigt sie besonders folgende Frage: „Wenn niemand mehr Pflegefachkraft werden will, wer kümmert sich denn dann mal um meine Kinder oder um meine Enkel, wenn die so alt sind wie ich?“

 

Antwort der Regierung

Diese Frage stellt sich auch die Politik. Deshalb startete die Bundesregierung erst kürzlich eine Werbekampagne, um mehr Interessenten für Pflegeberufe zu gewinnen. „Wir wollen mit der Ausbildungsoffensive Pflege bis 2023
die Zahl der Auszubildenden um zehn Prozent steigern“, verkündete Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) auf einer Pressekonferenz Ende Januar. Ein umfangreicher Katalog aus über 100 Maßnahmen soll dabei helfen, den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Eine dieser Bestimmungen ist die Abschaffung des Schulgeldes. Darüber hinaus erhalten Pflege-Auszubildende fortan ein Gehalt. Außerdem sollen bis Mitte diesen Jahres Richtlinien entstehen, um vermehrt ausländische Fachkräfte für den Pflegeberuf zu gewinnen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) stellte zusätzlich Forderungen für einen verbindlichen Tarifvertrag. Die Finanzierung dafür ist bisher unklar. Sozialverbände äußerten bereits erste Bedenken, dass Pflegebedürftige und ihre Angehörigen noch stärker belastet werden könnten. Aufgrund der absehbar steigenden Kosten, strebt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) deshalb eine Grundsatzdebatte über die Finanzierung des Pflegesystems an. Um eine Beitragserhöhung zu verhindern, müssen seiner Ansicht nach verschiedene Finanzierungsmodelle in Betracht gezogen werden.

Die Pflege in Deutschland hat viele Mängel: Zu wenig Personal, Zeit und Geld. „Genau deshalb müssen wir endlich anfangen, dem Pflegeberuf die Hilfe und Wertschätzung entgegen zu bringen, die er braucht und verdient“, findet Pflegeheimleiterin Jeanette Claus. Dafür müsse es ihrer Meinung nach zu einem grundlegenden Umdenken in der Gesellschaft kommen: „Wir werden alle mal alt. Und da braucht jeder Unterstützung und helfende Hände. Wir müssen deshalb jetzt dafür sorgen, dass es die dann später auch gibt. “ Die Leiterin werde sich deshalb weiterhin für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Entlohnung der Pflegekräfte einsetzen – in der Hoffnung, zukünftig mehr Bewerbungen auf ihrem Schreibtisch zu finden.

Text: Lisa Müller, Titelbild: Sabine Van Erp (sabinevanerp), CCO