Party ohne Alkohol

Eine Nacht, die mich verändert

28. September 2019

Trinken oder nicht trinken? Für unsere Protagonistin war diese Frage früher schnell beantwortet. Titelbild: Free-photos, CCO, Bearbeitung: Anton Baranenko

Ich sitze in meiner Wohnung. Mein Herz schlägt schnell. Ich erinnere mich an die letzten Jahre, in denen ich Panikattacken bekam, bevor ich hinaus in die Nacht ging. Heute weiß ich, dass ich sicher bin. Keine Attacken, diese Zeit liegt hinter mir.

Ausbruch aus der Comfort Zone

Heute hat man mich eingeladen, um feiern zu gehen. Es sind Menschen außerhalb meiner Comfort Zone. Es ist das erste Mal, dass ich aus meiner Einsamkeit ausbreche. Zwei Menschen kenne ich ein bisschen besser. Das beruhigt mich, sie wollen wirklich etwas mit mir machen. Jahrelang redete mir meine Depression ein, mich würde niemals jemand mögen können.

In meinem Kleiderschrank befinden sich allerdings keine Klamotten zum Feiern. Früher war das anders: Es gab den Teil im Schrank für Partys und den für Alltags-Klamotten. Damals hätte ich niemals alleine in meinem Zimmer gesessen, bevor ich feiern ging. Da saß man zusammen, hat sich betrunken, um fit und aufgedreht tanzen gehen zu können. Vortrinken machen die Menschen heute Abend auch, ich habe mich aber ausgeklinkt. Vor einem Jahr hörte ich auf zu trinken, weil es mir nicht mehr gut tat. Doppelte Belastung also. Das erste Mal nach der depressivsten Zeit meines Lebens nachts raus gehen, Feiern mit fremden Menschen und dann auch noch nüchtern. Perfekte Kombination.

Es ist soweit, ich ziehe langsam und mit gleichmäßigen Atemzügen meine Schuhe an. Mein Herz pocht schnell, aber gleichmäßig. Ich fühle mich der Situation gewappnet. In meine Gürteltasche packe ich meine Notfalltabletten. Einfach nur, falls etwas passiert. Angespannt verlasse ich das Haus und begebe mich Richtung Wohnung, in der sich die Leute befinden. Die Spannung steigt, mein Atmen wird kürzer, zügiger. Ich spüre meinen Herzschlag, während ich die Klingel drücke. Das Summen der Tür erleichtert und beengt mich zugleich. Ich laufe durch den Hausflur in die Wohnung. Auf dem Boden liegt ein Berg weißer Schuhe, lautes Gelächter ist aus dem Nebenraum zu hören. Ich ziehe meine schwarzen Schuhe aus und betrachte die offensichtliche Auffälligkeit. Schwarz auf weiß.

Eine Chance für die Menschheit

Drei Menschen kommen aus dem lauten Raum und begrüßen mich, zwei weitere folgen. Sie sind liebevoll, als würden wir uns schon immer kennen. Alkohol erwärmt Menschen immens. Ich fühle mich wohl, auch wenn ich weiß, dass die meisten im Raum nicht ansatzweise meine Lebenseinstellung teilen. Ich versuche meinen Menschenhass, den ich über die depressiven Jahre entwickelt habe, abzulegen. All die Wut, die ich auf die hedonistische, selbstbezogene Gesellschaft habe, versuche ich wegzudrängen. Ich probiere, Menschen eine Chance zu geben.

Die Gespräche sind oberflächlich, laut und in mir kommt der leichte Drang auf, mich zu betrinken. Würde ich jetzt trinken, wäre der Abend ein Reinfall. Mit aller Wahrscheinlichkeit würde ich aggressiv werden, alle um mich herum verurteilen und sie anschreien. Die Folgen wäre ewige Scham und ich würde mich wieder verstecken, vor der Welt und den normalen Menschen. Ich bleibe stark, lasse die Vernunft siegen und langsam bewegen wir uns in die Richtung des Clubs, der für den Abend geplant ist.

Tanz der Menschlichkeit

Der Pegel der Menschen wird immer höher und ich irgendwie entspannter. Ich fühle mich ein wenig überlegen, da ich vollends die Kontrolle über mich habe. Gleichzeitig fange ich auch an, die Geschichten lustig zu finden, die erzählt werden. Am Club angekommen, verstecken sie ihre Getränke an ihrem gewohnten Platz. Tiefgründige Gespräche über die Welt, das Sein und Ungerechtigkeiten die passieren entstehen. Ich bin begeistert und schäme mich innerlich, vorschnell geurteilt zu haben. Ich freue mich, dass meine Gedanken Anklang finden und zum Nachdenken anregen. Es ist mir mittlerweile egal, dass
eigentlich niemand, außer mir, nüchtern ist.

Endlich begeben wir uns in den Club und beginnen zu tanzen. Ich sehe wie unsicher meine Mitmenschen sich bewegen. Wenn ich tanze, dann ist mir alles um mich herum egal. Ich spüre jeden Klang und bewege mich, ohne nur einen Gedanken an meine Unsicherheit zu verschwenden. Tanzen macht mich glücklich und ich frage mich, wieso die anderen trotz ihrer
erhöhten Promillezahl, so unsicher sind. Ich bemerke, wie wichtig es ihnen wird, dass ihre Partner an der Seite stehen und wie diejenigen ohne romantische Beziehung über ihr Singleleben klagen. Sie schmiegen sich aneinander oder umarmen sich freundschaftlich. Der Gruppenzusammenhalt wird immer stärker und ich bin fast gerührt von soviel Herzenswärme.

Ich frage mich, ob Menschen meinen generellen Hass verdient haben. Ob ich zu schnell urteile, weil ich unsicher bin und nur in meinem Hass sicher sein kann. Gegen Ende des Abends kommt das wahre Gesicht der Menschen zum Vorschein: Eigentlich wollen sie nur Liebe geben und geliebt werden. Die Oberflächlichkeiten, mit denen sie sich beschäftigen, dienen scheinbar nur der Ablenkung ihrer Bedürfnisse nach Nähe. Am Ende des Tages wollen wir alle nur Liebe, das macht uns menschlich und das haben wir gemeinsam.

Friedlich verabschiede ich mich aus der Runde und bedanke mich für den schönen Abend. Ich meine, was ich sage. Heute Nacht konnte ich viel über mich lernen und werde noch eine Weile über die Geschehnisse und Eindrücke nachdenken. Alles scheint wie ein Neustart für mich und den Umgang mit Menschen zu sein. Ich fühle mich offener. An Panik oder meine Depression denke ich nicht. Ich freue mich über die Menschlichkeit.

Text: Miriam Krischok, Titelbild: Free-photos, CCO, Bearbeitung: Anton Baranenko