Fast Fashion für kleines Geld

Welchen Preis zahlt die Umwelt?

von | 4. Januar 2019

Aufgrund von Fast Fashion werden jeden Tag Massen an Kleidung produziert. Die zahlreichen Umweltbelastungen werden oft erst auf den zweiten Blick sichtbar. Illustration: Corinna Saegeling

Kleidung ist von Gebrauchs- zu Verbrauchsware geworden. Die billigen Preise der Fast Fashion machen es möglich und außerdem setzen ständig neu erscheinende Kollektionen verschiedener Marken den ständigen Neukauf quasi voraus. Die Seite der Verlierer der schnelllebigen Modewelt ist jedoch groß. Neben ausgebeuteten Arbeitern in den Produktionsländern, muss besonders die Umwelt unter dem Ballast der immensen Nachfrage leiden.

Die durchschnittliche Lebensspanne eines Kleidungsstücks in Deutschland wird immer kürzer. Jugendliche tragen ihre Klamotten circa ein Jahr, bevor sie aussortiert werden, berichtet eine  Greenpeace Studie. Gegen die Lücken im Kleiderschrank hilft neu shoppen am besten. Rund 60 Kleidungsstücke erwirbt ein Deutscher durchschnittlich pro Jahr. Allerdings wird nur die Hälfte davon auch wirklich getragen. Der Rest verbringt sein Leben im Kleiderschrank und wird selten bis nie genutzt. Bei Preisen von Fast Fashion Ketten wie H&M, Zara oder Primark ist das auch nicht weiter schlimm. Von Geldverschwendung kann wohl kaum die Rede sein, wenn ein T-Shirt für unter fünf Euro nach dem einmaligen Tragen aussortiert wurde, weil es doch nicht so gut passt, wie zuerst angenommen.

Eine Tatsache bleibt vielen Anhängern der schnelllebigen Mode allerdings verborgen: das T-Shirt für den kleinen Preis hat einen langen Weg hinter sich. Der Rohstoff musste produziert, das eigentliche Kleidungsstück genäht, gefärbt und verarbeitet werden. Darauf folgt der weite Weg aus den Produktionsländern, wie China, Bangladesch oder Vietnam in die Geschäfte. Kaufen, waschen, einmal Anziehen und ab in den Müll. Jede Station, die das Shirt durchlaufen hat, stellt eine Belastung für die Umwelt dar. Jedes weitere Kleidungsstück sorgt für zusätzliche Strapazen. Diese betreffen allerdings nicht nur die Natur, sondern auch die Menschheit, die abhängig von ihrem Lebensraum ist.

Chemie hautnah

Wenn man das Etikett eines Kleidungsstücks betrachtet, so denkt man, dass darauf Informationen über das Kleidungsmaterial zu finden sind. Angaben wie 100 Prozent Polyester, 95 Prozent Baumwolle und 5 Prozent Elasthan oder Ähnliches schmücken nämlich die kleinen Schilder. Vieles verschweigen sie allerdings: Bis zu einem Fünftel des Gewichts eines Kleidungsstücks kann sich aus den verschiedenen Chemikalien zusammensetzen, mit denen dieses während der Produktion behandelt wurde. Deren Nutzung wird mit dem Verlangen nach gefärbter, funktionaler und schimmelfreier Kleidung gerechtfertigt. Die Folgen können aber für Mensch und Umwelt verheerend sein. Sowohl beim Waschen der Kleidung als auch bei der Herstellung können die Giftstoffe direkt in den Wasserkreislauf gelangen. Aufgrund der Ausgliederung der meisten Textilfabriken ins Ausland, haben die Produktionsländer am meisten unter den Schäden der westeuropäischen und amerikanischen Fast Fashion Industrie zu leiden. So sind zum Beispiel, laut Greenpeace, über zwei Drittel der chinesischen Gewässer als verschmutzt deklariert. Als Folge haben circa 320 Millionen Chinesen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. In Indien gibt es Flüsse, die zu jeder Tageszeit eine andere Farbe haben. Grund sind die textilen Färbemittel. Aber auch bei uns sind Auswirkungen spürbar, denn die Chemikalien bauen sich über die Jahre hin weiter auf. Später sind sie dann im Boden und in Organismen ansässig und können somit über weite Entfernungen transportiert werden. Begünstigungen von Krebserkrankungen sowie Veränderungen des Hormonsystems sind nur zwei der Konsequenzen, die diese giftigen Chemikalien mit sich bringen.

224 Milliarden Bäume

Rund 1,2 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) werden jährlich durch die Textilproduktion verursacht: das ist mehr, als alle internationalen Flüge und die maritime Schifffahrt zusammen verbrauchen. Laut einer Studie der Otto Group, die bereits im Jahr 2009 veröffentlicht wurde, stößt ein 220 Gramm schweres Baumwollkleidungsstück während seines Lebens im Durchschnitt elf Kilogramm CO2 aus. Es handelt sich um das 50-fache seines Eigengewichts. Der Großteil wird dabei in der Gebrauchsphase abgegeben. Trockner, Waschmaschinen oder Bügeleisen sind Schuld an den hohen 31 Prozent vom Gesamtverbrauch.  An zweiter Stelle folgt die Produktion mit 28 Prozent. Hier sind besonders das Spinnen und Färben, sowie die Stromversorgung durch Erdgas Gründe für den hohen Verbrauch.

Durch die Fast Fashion Industrie und das daraus resultierende, ständige Produzieren von neuer Kleidung soll der CO2-Verbrauch weiterhin stetig ansteigen. Für das Jahr 2030 wird mit 2,8 Milliarden Tonnen Ausstoß gerechnet. Es handelt sich um eine 60-prozentige Steigerung innerhalb von 15 Jahren. Zum Vergleich: Eine Buche bindet pro Jahr circa 12,5 Kilogramm des Treibhausgases. Für die Kompensation einer Tonne CO2 müssten dementsprechend 80 neue Bäume gepflanzt werden. Für die Kompensation von 2,8 Milliarden Tonnen wären es somit 224 Milliarden neue Bäume, um die Erderwärmung zumindest im Bezug auf die Textilindustrie zu stoppen.

Die Grafik zeigt die CO2 Emissionen eines 220 Gramm schweren Baumwolleoberteils. Grafik: Corinna Saegeling, Datenquelle: Otto Group

Vom Geschäft direkt auf den Teller

Mikroplastik ist ein Begriff, der in letzter Zeit außergewöhnliche mediale Präsenz erlangte. Österreichische Forscher fanden im Oktober 2018 erstmals Mikroplastik in einem menschlichen Darm. Eine mögliche Ursache könnte der Verzehr von Fisch sein, welcher die kleinen Teilchen zuvor ebenfalls zu sich genommen hatte. Ein Großteil der mikroplastischen Vorkommnisse aus dem Meer, circa 35 Prozent, stammen aus synthetischen Textilien, verkündet der BUND. Dabei handelt es sich um Kunststoffteilchen, kleiner als fünf Millimeter und biologisch nicht abbaubar. Wenn Kleidung aus künstlichen Textilien, wie Fleece, Acrylfaser oder Polyester nun gewaschen werden, kommt es unvermeidbar zu Abreibung und Ausfall zahlreicher künstlicher Fasern, die somit direkt ins Abwasser gelangen. Diese sind so klein, dass sie bei der Wasserreinigung in einer Kläranlage nicht erfasst werden können und daraufhin unvermeidlich Teil des Wasserkreislaufs werden.

Laut der International Union for Conservation of Nature werden aufgrund der Fast Fashion Industrie jährlich ungefähr 42 Millionen Tonnen synthetische Textilfasern produziert. Seit 1992 ergibt dies eine Steigerung um 300 Prozent. Dieser immense Anstieg fördert selbstverständlich auch die Abgabe von Mikroplastik in die Umwelt, zumal sich die meisten Fasern immer beim allerersten Waschgang lösen, sodass jedes neue Kleidungsstück eine zusätzliche Belastung darstellt. Als Folge sehen Wissenschaftler ein überdimensionales Ungleichgewicht. Schon im Jahr 2050 soll sich in den Meeren mehr Plastik als Fisch befinden. Klar, dass dieses dann auch unausweichlich in der Nahrungskette und somit unseren Bäuchen landet.  

50 Prozent Baumwolle, 50 Prozent Polyester

Elasthan, Polyester, Baumwolle, Viskose: woraus bestehen unsere Kleidungsstücke eigentlich? Über die Hälfte aller Kleidungsstücke enthalten Kunstfasern. Diese werden zunächst in zellulosische und synthetische Chemiefasern unterteilt. Besonders die synthetischen Fasern belasten die Umwelt enorm, denn sie werden aus fossilen Brennstoffen, wie Kohle, Erdöl oder Erdgas hergestellt. Mit Hilfe von chemischen Prozessen werden so Stoffe wie Polyester, Polyamid, Elasthan oder Polyacryl hergestellt. Problematisch bei der Herstellung ist die Begrenztheit des Rohstoffes, die energieintensive Aufbereitung und der hohe Wasserverbrauch bei der Verarbeitung.

Ein großer Teil der Menschen bevorzugt natürliche Fasern, aber die künstlichen Stoffe überzeugen mit ihrem geringem Preis. Grafik: Corinna Saegeling

Wird die Nutzung von natürlichen Fasern betrachtet, ist die Baumwolle ein bekanntes Material. Neben den Problemen der genmanipulierten Baumwolle, zeichnet sie sich während des Anbaus durch einen sehr hohen Wasserverbrauch aus. Der WWF fand heraus, dass für die Produktion eines Kilogramms Baumwolle circa 22.000 bis 25.000 Liter Wasser benötigt werden. Die Herstellung von chemischen Fasern verbraucht im Gegensatz wesentlich weniger Wasser. Problematisch ist besonders, dass Baumwolle meistens in Gebieten angebaut wird, in denen sowieso schon Wasserknappheit herrscht. So verringerte sich das Wasservolumen des Aralsees in Usbekistan um 90 Prozent. Schuld ist das annähernd vollständige Auspumpen der beiden Zuflüsse für die Bewässerung von Baumwollfeldern. Das Austrocknen des Sees gehört zu den größten vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen.

Trotz der zahlreichen umweltbelastenden Produktionsschritte und -materialien geht die Menschheit sehr verschwenderisch mit Textilien um. In dem Report „Pulse of the Fashion Industry“ von der Global Fashion Agenda & The Boston Consulting Group aus dem Jahr 2017 wird die Entwicklung des Textilmülls dargestellt. Im Jahr 2015 fielen bereits 92 Millionen Tonnen Müll in der Modebranche an, bis zum Jahr 2030 soll sich diese Zahl bis auf 148 Millionen Tonnen ausweiten. Der Müll landet auf Deponien oder wird verbrannt. Nur 20 Prozent aller Klamotten werden recycelt. Bereits jetzt sind die natürlichen Ressourcen unseres Planeten weitgehend ausgeschöpft und stark belastet. Ein Fast Fashion Label bringt pro Jahr bis zu 24 neue Kollektionen heraus. Eine neue Erde hat noch niemand erfunden.

Text, Grafiken (mit Daten der Otto Group) und Illustration: Corinna Saegeling