Ehrenamtliches Engagement

„Wenn man den ersten Schritt wagt, werden alle anderen mitgerissen“

von | 7. Januar 2020

Besonders erste Hilfe ist eine Aufgabe der Malteser, die sich in vielen Bereichen ehrenamtlich und hauptberuflich engagieren, Titelbild: Verena Sack

Egal ob beim Katastrophenschutz, im Einsatzdienst, bei den Schulsanitätern, in der Hospizarbeit oder auch bei der Flüchtlingshilfe: Die Malteser sind überall mit dabei. Sie helfen, wo sie können und gerade junge Menschen haben bei ihnen viel Raum und Möglichkeiten, sich zu engagieren. Auch die zwanzigjährige Alicja Kucewicz ist schon seit vier Jahren offiziell dabei und erzählt medienMITTWEIDA, wie sie es schafft, ihr Studium mit der ehrenamtlichen Arbeit zu vereinen.

Frau Kucewicz, wie sind Sie dazu gekommen, den Maltesern beizutreten?

Alicja Kucewicz: In meiner alten Schule haben sie ganz dringend Schulsanitäter gesucht. Da bin ich das erste Mal darauf aufmerksam geworden, fand es klasse und wollte mich engagieren. Ich wollte auch schon immer etwas in dem Bereich machen und finde es wichtig, für andere Menschen da zu sein. Während meiner Arbeit als Schulsanitäterin wurde ich auf die Veranstaltungen bei den Maltesern – hauptsächlich bei der Jugend – aufmerksam gemacht und kam dann selbst über die Jugendgruppe rein. Von da an bin ich bei den Maltesern geblieben.

Malteser

Die Malteser sind eine internationale, katholische Hilfsorganisation, die bereits seit 950 Jahren besteht und in Deutschland durch fast 50.000 Ehrenamtliche unterstützt wird. Sie sind hierzulande einer der größten Arbeitgeber im Gesundheits- und Sozialwesen.

Was sind Ihre Aufgaben bei den Maltesern?

Kucewicz: Ich bin eigentlich in mehreren Bereichen involviert. Ich kam zu den Maltesern über den Schulsanitätsdienst und dort arbeite ich immer noch als Ausbilderin. Später bin ich dann zu den Einsatzdiensten und zum Katastrophenschutz gegangen. In denen arbeite ich ebenfalls immer noch und bin Gruppenführerin. Zusätzlich leite ich eine Jugendgruppe, die „Sanitätsjugend“ und seit Neuestem bin ich auch sozusagen zur Diözesanjugendsprecherin gewählt worden. Bei uns gibt es Jugendsprecher auf Orts-, Diözesen- und Bundesebene. Die Aufgaben sind da sehr breit gefächert. Die Diözese kommt von der Kirche, weil die Malteser in ihren Wurzeln katholisch sind. Diese Regionseinteilung haben wir immer noch. Aber das bedeutet nicht, dass man katholisch sein muss, um sich bei uns zu engagieren.

Diözese

Diözesen, auch genannt Bistümer, sind Amtsgebiete ehemaliger Bischöfe. Das Wort Diözese kommt aus dem lateinischem „dioecesis“ und bedeutet Verwaltung; Haushalt. In Deutschland gibt es derzeit 27 Diözesen.

An welche Momente während Ihrer Arbeit erinnern Sie sich besonders gerne zurück?

Kucewicz: Ich glaube, die schönsten Momente sind die, in denen ich als Ausbilderin oder Gruppenleiterin sehe, wie die Entwicklung der Jugendlichen ist. Diese Momente darf ich auch immer wieder erleben. Selbst in dem Schulsanitätsdienst sind immer wieder Leute, die am Anfang Angst vor Blut hatten, sehr schüchtern waren. Mit der Zeit wurden sie plötzlich ganz extrovertiert. Sie hatten keine Angst mehr, vor einer Gruppe zu stehen oder davor, Blut zu sehen.

Ich hatte eine Situation in meiner Jugendgruppe, da kam eine Person eher aus einer Problemschule, in der sich die Schüler nicht wirklich engagiert haben. Sie wurde selbst von dieser Einstellung mitgerissen, aber mittlerweile ist sie bei unserer Jugend und engagiert sich klasse. Sie hat Freundinnen und Freunde gefunden und das ist einfach ein Moment, in dem ich mir denke: Deswegen mache ich das hier und deswegen bin ich bei den Maltesern, um so etwas zu erleben.

Ich habe an meiner eigenen Haut erlebt, dass die Hilfeleistung manchmal nicht so schnell kommt. Aber wenn man den ersten Schritt wagt und hilft, dann werden alle anderen Personen mitgerissen. Genau das finde ich einfach super, das öffnet mein Herz.

Alicja Kucewicz

Alicja Kucewicz

Alicja Kucewicz ist 22 Jahre alt, studiert Umwelttechnik und arbeitet als Malteserin. Bereits 2014 trat sie den Schulsanitätern bei und wurde dann 2015 offizielles Mitglied in der Organisation. Nun engagiert sie sich auch während ihres Studiums als Ehrenamtliche. Sie wird dabei sowohl als Ausbilderin als auch Ersthelferin eingesetzt.

Foto: Alicja Kucewicz

Sie haben gesagt, Sie haben selbst die Erfahrung gemacht, dass Hilfe nicht so schnell kommt: War das ein persönliches Erlebnis?

Kucewicz: Einmal bin ich in der Öffentlichkeit bewusstlos geworden und hatte nur eine Freundin dabei, die noch nie einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hatte und nicht wirklich wusste, was sie machen musste. Ich wurde auf dem Boden wach, in komplett verkehrter Lage. Es wurde kein Rettungsdienst verständigt und sie saß nur an meinen Beinen, total in Panik.

Sie erzählte mir dann, wie lang sich der Moment für sie angefühlt hatte. Sie hat um Hilfe geschrien, aber niemand hat etwas unternommen. Erst als sie eine Person direkt angesprochen hatte, hat diese reagiert. Da musste sie am eigenen Leib erfahren, wie wichtig es ist, was wir auch in unseren Erste-Hilfe-Kursen sagen: Man muss Personen direkt ansprechen, weil leider in der Regel keiner oder nur sehr wenige reagieren, wenn man nur die Menge anspricht. Sie haben einfach Angst vor der Situation.

 

Man muss einfach den Willen haben, sich zu engagieren.

Alicja Kucewicz
Ehrenamtliche bei den Maltesern

Ist es schwer, Ihr Studium und die Arbeit bei den Maltesern unter einen Hut zu bringen?

Kucewicz: Ich habe erst im September angefangen zu studieren, also ist es noch nicht so lange her. Ich studiere Umwelttechnik und da habe ich am Anfang schon gemerkt, dass es tatsächlich ziemlich viel wurde. Also habe ich meine Kollegen um Hilfe bei meinen Aufgaben bei den Maltesern gebeten. Und das schätze ich an ihnen so sehr. Man ist nie auf sich allein gestellt, selbst wenn man eine verantwortungsvolle Aufgabe hat. Man kann sich auf die Anderen verlassen und auch sagen: „Das wird mir gerade zu viel mit dem Studium.Alles ist noch ziemlich neu, ich ziehe mich ein bisschen zurück.“ Das wird überhaupt nicht schlecht aufgenommen.

Die anderen Ehrenamtlichen und auch Hauptberuflichen unterstützen dich und helfen dir von jeder Seite, damit du wirklich alles schaffst. Als ich ganz neu bei den Maltesern war, wurde mir beigebracht, dass die Malteser so etwas wie eine Familie sind und in solchen Momenten spüre ich das auch. Ich wurde erst vor ein paar Monaten in meine neue Position als Sprecherin gewählt und da muss ich ein bisschen vorausschauend planen, aber ich bin da ganz positiv eingestellt. Tatsächlich denke ich, dass ich das alles hinbekommen werde.

Können Sie sich vorstellen, auch später noch bei den Maltesern mitzuhelfen, nachdem Sie Ihr Studium abgeschlossen haben?

Kucewicz: Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, dass ich noch eine Weile Teil der Malteser bleiben werde, weil sie mir einfach so ans Herz gewachsen sind. Ich glaube, wenn einem etwas wirklich wichtig ist und nahe geht, dann findet sich immer zumindest ein bisschen Zeit, sich zu engagieren. Auch unsere Helfer, die nicht mehr in Hamburg wohnen und in ihrem Berufsleben viel zu tun haben schaffen es trotzdem, alle paar Monate zum Sanitätsdienst zu kommen. Ich glaube, das kann ich auch schaffen. Ich möchte es zumindest.

Text: Clara S. Eckhardt, Titelbild: Verena Sack, Foto: Alicja Kucewicz