Reign

Mary Stuart: Jung, naiv, Königin von Schottland

von | 27. Juli 2018

Stachelig, widerstandsfähig und doch irgendwie schön – die Nationalblume Schottlands hat mit seiner Herrscherin einiges gemeinsam. Foto: Lena von Heydebreck

Das Geschichtsbuch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch, das Mädchen hat ihren Kopf daraufgelegt. Leise schnarcht sie in die Kerbe zwischen zwei Seiten, während ein Tropfen Speichel sich langsam an ihrem Kinn abseilt und auf das Wort „Mary“ tropft. Der Lehrer betet vor der Tafel weiter monoton Geschichtsdaten herunter. Ab und an schaut er durch die staubigen Brillengläser zu ihr hin und seufzt.

Kein seltener Anblick und verursacht durch trockenen Daten und veraltete Namen. So werden leider die vielen dramatischen und aufregenden Geschichten, genau wie die von Mary, meist überlesen. Doch die Serie „Reign“ hat sich die Vergangenheit als Vorbild genommen und sie in aufwendiger Umsetzung in die Gegenwart katapultiert. In vier Staffeln wird die Geschichte von Mary Stuart, Königin von Schottland, erzählt. Die während ihrer Zeit am französischen Hof einiges erlebt.

Denn Marys Leben ist durch die Rivalität zur englischen Königin Elisabeth stets in Gefahr. Ein Konflikt, den eigentlich weder Mary noch Elizabeth wünschen, der aber trotzdem immer wie ein Damoklesschwert über jedem ihrer Schritte hängt. Doch die starke schottische Königin hat viele Verbündete am französischen Hof, die sie unterstützen. Denn Mary ist es seit ihrer Kindheit vorbestimmt, den zukünftigen König von Frankreich zu heiraten um Schottland zu stärken. Falls Frankreich jedoch einen Nachteil aus der Heirat ziehen würde, wäre die Verlobung gelöst. Deshalb versuchen sowohl Francis, Kronprinz von Frankreich, als auch Mary die aufkeimenden Gefühle füreinander zu unterdrücken. Denn ein Herrscher sollte zuerst an sein Land denken.

Es war einmal…

Die Geschichte von Mary Stuart bildet in „Reign“ eine gute Rahmenhandlung für Liebe, Mysterien, Intrigen, Pest und alles, was im Mittelalter nicht fehlen darf. Allerdings ohne Minnesang und Harfen – Denn die musikalische Umrahmung, wurde modern umgesetzt, was die Geschichte aus dem 16. Jahrhundert in die Gegenwart holt.

Die Charaktere in „Reign“ gewinnen zunächst mit gutem Aussehen und dann mit Charakter die Herzen des Publikums. Die Geschichte der Serie wird besonders durch starke Frauen geprägt. Megan Follows als Catherine de‘ Medici spiegelt zwar moralisch fragwürdige Werte wieder, doch kämpft sie zu jeder Zeit wie eine Löwin für das königliche Geburtsrecht ihrer Kinder. Auch Adelaide Kane überzeugt in der Rolle als willensstarke, schottische Königin Mary mit Temperament und zunächst gutem moralischen Kompass. Doch wie Mary muss auch ihre Hofdame Greer, gespielt von Celina Sinden, erleben, dass besonders für eine Frau im Mittelalter Aufstieg und Fall nur eine Buchseite voneinander entfernt sind.

…oder doch nicht?

Ein so dünnes, mit Tinte beschriebenes Blatt Pergament, wie die Seite eines Buches, kann zu großen Problemen führen, Leben retten, oder beides zugleich. Diese Wahrheit müssen alle Charaktere in „Reign“ mehrmals erfahren. Ohne Aufzeichnungen und Bücher, übersäht mit trockenen Daten und veralteten Namen, wüsste man heute nicht wer Mary Stuart, Königin von Schottland, überhaupt war und könnte nicht von ihr erzählen. Obwohl in Marys realem Leben nicht alles so geschehen ist wie in der Serie, hat „Reign“ wie jede gute Geschichte einen wahren Kern.

Text: Julia Scholl, Foto: Lena von Heydebreck