Tote Mädchen lügen nicht

Dreizehn Kassetten zwischen Leben und Tod

von | 27. Juli 2018

Ob Polaroids oder Kassetten – es gibt immer wieder einen neuen Aspekt der Geschichte zu lüften. Foto: Lena von Heydebreck

Kassetten. Manch einen mögen sie an Kindertage erinnern, als man mit dem Walkman den Abenteuern seiner Lieblingshelden lauschte. In der Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ spielen sie jedoch eine andere Rolle: Die High-School Schülerin Hannah Baker dokumentiert darauf die Gründe für ihren Selbstmord. Doch wie viele Gesichter hat die Wahrheit?

Die Liberty High wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische amerikanische High-School. Es gibt die typische Stereotypen – von hübschen Cheerleaderinnen über die Normalos bis hin zu Außenseiter-Nerds ist alles dabei. Mittendrin die neue Schülerin Hannah Baker (Katherine Langford) alias das nette Mädchen von Nebenan.

Sie ist der Typ Mädchen, der sich für andere aufopfert: Stets hilfsbereit, freundlich und mutig. Hannah spricht Probleme immer offen an, ohne sich dabei selbst als etwas Besonderes zu sehen. Dass sie sich trotzdem anders wahrgenommen fühlt, machen die Audiokassetten klar, die kurz nach ihrem Tod auftauchen. Darauf gibt das Mädchen dreizehn Gründe für ihren Selbstmord an und ordnet diese Personen aus ihrem Umfeld zu, die alle nacheinander die Kassetten zu hören bekommen. Clay Jensen (Dylan Minnette) ist einer von ihnen und wird dabei begleitet, wie er schockierende Tatsachen erfährt und den dunklen Geheimnissen seiner Mitschüler auf die Schliche kommt.

Auf diesem Grundstein baut das starke Storytelling der Serie, das sich aus zwei parallelen Handlungssträngen zusammensetzt, auf. Einerseits liefern Flashbacks in Hannahs Vergangenheit und Situationen, die sie zu ihrem Suizid bewegt haben, dem Zuschauer die nötigen Informationen und geben Orientierung. Auf der anderen Seite versucht Clay – der den traurigen Hundeblick übrigens in Perfektion beherrscht – seine Mitschüler mit den Kassetten zu konfrontieren. Dadurch wird wiederholt deutlich, dass einige der Protagonisten sich aus der Verantwortung ziehen und ihren Teil der Geschichte vertuschen wollen, aus Angst vor den Konsequenzen.

Totgeschwiegene Realität wird knallhart dargestellt

Somit wird schnell klar, dass es sich hier um keine normale Teenie-Serie handelt: Es geht nicht nur um pubertäre Tücken des Erwachsenwerdens oder Luxusprobleme und Machtspielchen. Vielmehr ist „Tote Mädchen lügen nicht“ eine Serie, die nichts vorspielt, sondern versucht, die Realität möglichst genau abzubilden. Eine Realität, die leider oft verschleiert und totgeschwiegen wird. Themen wie Mobbing, sexuelle Gewalt, Stalking, Gerüchte und Lügen stehen im Vordergrund. Es geht auch darum, dass oft der eigene Vorteil im Vordergrund steht, dass Gerechtigkeit und Wahrheit eben keine universellen Konstanten sind. Die Serie versucht, für das Handeln der einzelnen Charaktere Bewusstsein zu schaffen und dem Zuschauer somit einen Spiegel vorzuhalten. Auch in Staffel 2, die den Gerichtsprozess um Hannah behandelt, wird diese Thematik vertieft. Gleichzeitig werden Situationen aus der ersten Staffel mit zusätzlichen Szenen ergänzt – insgesamt eine gelungene Fortsetzung.

Dramaturgisch ist die Handlung in beiden Staffeln sehr gut aufgebaut: Es wird Spannung erzeugt und die Geschichten der einzelnen Charaktere haben Verbindungen miteinander, die aber nicht von Beginn an abzusehen sind. Man wird emotional in die Serie hineingezogen und die realistisch dargestellten und zum Teil wirklich krassen Szenen regen zum Nachdenken an. Es bleibt allerdings fraglich, ob die Serie für Menschen empfehlenswert ist, die selbst akut mit psychischen Problemen zu kämpfen haben.

Text: Lisa Müller, Foto: Lena von Heydebreck