Musikdownload direkt am Grab

QR-Codes sind nun auch auf deutschen Friedhöfen zu finden.

QR-Codes sind auch auf deutschen Friedhöfen zu finden.

QR-Codes sind Teil des Werbealltags und von den Nutzern akzeptiert. Für ein „Social-Life“ über das eigene Ableben hinaus, sind sie mittlerweile sogar auf Grabsteinen zu finden.

Fast jeder Smartphone-User kennt sie: Die kleinen schwarz-weißen Kästchen, die gegenwärtig auf allen Werbeträgern aufgedruckt und angeklebt sind. „In Deutschland werden QR-Codes von Smartphone- und Tabletbesitzern gescannt, die im Schnitt über einen hochwertigen Bildungsabschluss, eine hohe Internetaffinität und eine überdurchschnittliche Kaufkraft verfügen“, schreibt die Unternehmensberatung „Hive New Media Cosulting“ auf ihrem Internetauftritt. Diese Zielgruppe kaufe über dreimal soviel im Netz wie der Durchschnittsbürger. Auch deshalb sei der QR-Code ein so attraktives Werbemedium.

Geschäftemacherei bis nach dem Tod

QR-Codes können richtig eingesetzt und mit Inhalten, die sinnvoll an mobile Endgeräte angepasst sind, eine Brücke zwischen Web und Print schlagen. Doch soll dieses Martketing-Instrument auch über den eigenen Tod hinaus bestehen? „Vor allem bei verstorbenen Prominenten ist dies denkbar“, sagt der Mediensoziologe Willi Hetze, Doktorand an der Universität Erfurt. Dass das Bedürfnis des Gedenkens auch den Absatz von Erinnerungsartefakten fördert, sei bekannt: „Man könnte bei einem Musiker gleich einen Link zur Downloadbörse schalten“, erklärt Hetze. Ob das mit Pietätsgefühlen vereinbar bleibe, entscheide sich oft am genauen Zweck, meint Hetze: „Wenn sich die Angehörigen mit den Vermarktungseinnahmen der Songs die Taschen füllen, wird das öffentlich anders wahrgenommen, als wenn die Einnahmen einem gemeinnützigen Projekt zufließen, für das sich der Verstorbene vielleicht zu Lebzeiten eingesetzt hat.“

In den USA und in Japan ist es schon seit Jahren üblich, QR-Codes in Form von aufklebbaren Platten auf Grabsteinen anzubringen. Diese leiten den Nutzer dann auf eine wahlweise passwortgeschützte Homepage über den Verstorbenen, sein früheres „Facebook“-Profil oder „Wikipedia“-Einträge weiter. So könne der Verstorbene – zumindest laut amerikanischen Werbevideos – besser in Erinnerung behalten werden.

QR-Codes auch auf deutschen Friedhöfen

Mittlerweile ist dieses Phänomen auch in Deutschland angekommen. Bisher gibt es hierzulande nur eine Steinmetzerei, die QR-Codes auf klassischem Wege direkt in den Grabstein eingraviert. Der Friedhof sei nicht mehr der einzige Bereich, in dem ein Umgang mit Trauer und Erinnerung stattfinde, sagt Steinmetz Andreas Rosenkranz: „Der klassische Friedhof in unserer postmodernen Welt befindet sich in Auflösung.“ Doch steht unsere Gesellschaft damit vor einer neuen Dimension der Trauerkultur, gar einem Trend wie in den USA oder in Japan? Für Rosenkranz sei dies eindeutig der Fall, die Technik sei schließlich vorhanden und auch Smartphones werden immer alltäglicher.

Internet als virtueller Trauerraum

Es lässt sich darüber streiten, wie sinnvoll es für die Angehörigen ist, die meist sehr persönlichen Informationen über den Verstorbenen mit allen Friedhofsbesuchern zu teilen. Ist das Abscannen des Codes von einem Grabstein wirklich eine alternative Form der Trauerbewältigung? Rosenkranz sieht im QR-Code am Grabmal eine praktikable Möglichkeit, den tatsächlichen Ort der Ruhe mit den Erinnerungsorten im virtuellen Raum zu verknüpfen: „Der QR-Code an Grabsteinen ist das Bindeglied zwischen dem tatsächlichen, vorhandenem Grabmal und dem virtuellen Trauerraum im Internet.“

Mediensoziologe Willi Hetze sieht das anders. Es sei schwer vorstellbar, dass Friedhofsbesucher wildfremder Menschen gedenken: „Die meisten Menschen besuchen Gräber, weil sie jemanden betrauern wollen, den sie gut kannten.“ In diesem Falle wären zusätzliche Informationsangebote via QR-Code kaum nötig. Für viele erscheine ein QR-Code auf dem Grabstein wenig sinnvoll, wenngleich dieser durchaus das Bedürfnis befriedigen könne, über den eigenen Tod hinaus wahrgenommen zu werden. Auch könnten Angehörige über eine „virtuelle Grabpflege“ ihre Trauer teilen und verarbeiten.  Vielleicht sind QR-Codes am Grab also doch eine neue Dimension der Trauerkultur.

Text: André Krautschick. Bild & Bearbeitung: Nathalie Gersch.

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