„Ich will keine Ökodiktatur“

von | 27. Dezember 2019

Reinhold Messner war in früheren Zeiten selbst politisch aktiv. Titelbild: Armin Huber  

Reinhold Messner hat  sich von 1999 bis 2004 für Bündnis 90/Die Grünen engagiert. Im exklusiven Interview mit medienMITTWEIDA spricht er über den Klimawandel, warum er sich vor einer „Ökodiktatur“ fürchtet und was er von Greta Thunberg und der Fridays-for-Future Bewegung hält.

Sie haben sich zeitweise bei den Grünen politisch engagiert und sind früher auch häufiger geflogen. Was sagen Sie heutzutage zu einer 14-jährigen Demonstrantin, die Ihnen deshalb überspitzt gesagt den Kopf abreißen möchte?

Reinhold Messner: Die ganze Situation ist inzwischen so verfahren, dass sie unangenehm, wenn nicht sogar gefährlich wird. Ich will keine Ökodiktatur. Wir müssen uns eingestehen, dass einiges schiefgelaufen ist. Aber wir können nicht nur den Politikern die Schuld geben. Die Politiker, die eindeutige Forderungen haben und etwas bewegen möchten, um den Klimaschutz voranzutreiben, die werden abgewählt. Ich bin gespannt, ob es Greta Thunberg schafft, ins Parlament zu kommen, eventuell Ministerpräsidentin zu werden.  Nur so kann sie den Klimaschutz voranzutreiben und in geordnete Bahnen lenken. Es ist in der Tat so, dass der Mensch einen wesentlichen Einfluss auf das Klimaproblem hat. Aber es ist nicht der Mensch alleine. 

Was muss aus Ihrer Sicht passieren?

Messner: Es gibt nur einen Weg für den Klimaschutz und der führt ausschließlich über demokratische Auseinandersetzungen. Mir ist die ganze Diskussion zu oberflächlich und aus dem Ruder gelaufen. Es ist keine Frage, dass wir etwas zu tun haben, aber nicht um jeden Preis. Wer heutzutage den Flughafen von München sieht und glaubt, dass man das Fliegen verbieten kann, wer auf der Brennerautobahn von Südtirol nach Innsbruck fährt und glaubt, man kann sich nur auf den Bahnverkehr verlassen, der hat die Welt nicht gesehen. Ich bin im Moment ziemlich verzweifelt, was das demokratische Selbstverständnis des Westens angeht. Nicht nur in Amerika, sondern auch bei uns in Europa, wird sehr viel Populismus betrieben.

Wie beurteilen Sie Protestbewegungen wie Fridays-for-Future (FFF)? Ist Greta Thunberg für Sie ein Vorbild oder eine Verblendete?

Messner: Weder noch. Zu Beginn habe ich interessiert zugeschaut, auch wie meine Tochter zu einer FFF-Demo ging. Aber als Greta Thunberg kürzlich in den Staaten mit einer Art Hassexplosion aufgestanden ist und ihre Rede in eine Sprache gesetzt hat, die mich an andere Zeiten erinnert hat, da ist mir gedämmert, dass das Ganze gefährlich werden kann. Ich will jetzt keinen Bürgerkrieg haben, der auf ökologischen Differenzen beruht. Wir können uns gerade in dieser Situation keinen Bürgerkrieg erlauben. Die Kriege, die im Orient und im Nahen Osten geführt werden, verursachen so viele ökologische Schäden, dass dies allein ein Grund ist, die Themen aus der Überheblichkeit in die Sachlichkeit zu stellen. Wenn wir auch noch in Europa einen Bürgerkrieg heraufbeschwören, zwischen fundamentalistischen Ökologen und ängstlichen Bürgern, die nur über die Runden kommen wollen, dann geht uns der ganze Kontinent den Bach runter. Dann brauchen wir uns auch nicht mehr um die Ökologie kümmern, dann machen wir uns gegenseitig alle.

Ab Januar sind Sie nicht nur in den Bergen unterwegs, sondern auch deutschlandweit auf Tournee, unter anderem in Dresden. Was erwartet die Zuschauer dort, geht es auch um den Klimawandel?

Messner: Nein, der Klimawandel wird nicht im Vordergrund stehen. Ich erzähle in den Vorträgen aus meiner Welt. Natürlich geht es auch darum, weil ich sehe dass die Gletscher schmelzen und wie der Permafrost schwindet. Wir Bergsteiger merken früher, was in der Welt passiert, weil die Klimaerwärmung am Berg deutlichere Signale sendet. Es wird aber vor allem um meinen Schicksalsberg gehen, den Nanga Parbat.

Text: Niklas Niendorf, Titelbild: Armin Huber