Stadtgeschichte

Als Chemnitz nicht mehr Chemnitz hieß

von | 17. Februar 2019

Chemnitz hat eine vielfältige Stadtgeschichte. Kriege, Industrie, DDR - sie alle haben ihre Spuren hinterlassen. Darunter musste auch der Stadtname leiden.

Die Stadt Chemnitz feiert in diesem Jahr 875 Jahre Bestehen. Doch für Jahrzehnte trug sie einen anderen Namen. Eine Geschichte, die sowohl die Bewohner als auch die Stadt selbst geprägt hat. 

Chemnitz, 2018, Roter Turm

Das aus roten Steinen viereckig hoch gebaute Gebäude mit dem geschwungenen, schwarzen Dach steht heute im Zentrum der Stadt, umgeben vom Stadthallenpark und der Galerie Roter Turm. Der Rote Turm hat die ersten Jahrzehnte des wachsenden Chemnitz erlebt.

Schon ab dem späten 12. Jahrhundert bewachte er die umliegenden Siedlungen und schließlich eine ganze Industriestadt. In dieser Zeit hatte er verschiedene Aufgaben: zu Beginn als Bergfried und später, bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, als Gefängnis. Er erlebte, wie das „sächsische Manchester“ als eine der reichsten Städte Deutschlands durch die Textilherstellung und den Maschinenbau aufstrebte, das enorme Bevölkerungswachstum, aber auch viele Kriege, das Dritte Reich und die DDR.

Der Rote Turm war sogar dabei, als die Stadt Chemnitz nicht mehr Chemnitz hieß.

Bergfried, Gefängnis, Fit-Flaschen-Inspiration. Der Rote Turm in Chemnitz hat eine interessante Geschichte hinter sich. Foto: Elisa Matthey

Chemnitz, 1945

Nach dem zweiten Weltkrieg sah man dem Turm die schwere Zeit an: Das Dach komplett zerstört, die Gemäuer ausgebrannt. Während der Turm erst 1957 restauriert wurde, begann man rund um ihn mit dem Aufbau der nahezu vernichteten historischen Innenstadt von Chemnitz. Doch nicht nur die Stadt veränderte sich drastisch nach dem Vorbild der neu gegründeten DDR, auch die Benennung der Straßen und Plätze wurde entsprechend angepasst. So änderte man beispielsweise den Straßennamen “Am Hauptbahnhof” in der DDR zu “Otto-Grotewohl-Straße”, benannt nach dem Ministerpräsidenten.

Das Karl-Marx-Jahr 1953

„1953 soll anläßlich* der 70. Wiederkehr des Todestages und der 130. Wiederkehr des Geburtstages unserem Karl Marx gewidmet sein.” So steht es in einem Brief an den Verwaltungsbezirk I der Industriestadt Chemnitz vom 12. Januar 1953. Zur Krönung der Jubiläen sollte eine Stadt in Karl-Marx-Stadt umbenannt werden. Ursprünglich wurde dafür eine neu entstandene sozialistische Wohnsiedlung in Brandenburg, nahe der polnischen Grenze, ausgewählt.

Im März verstarb allerdings Josef Stalin. Zu seinen Ehren wurde dieses Wohngebiet kurzerhand Stalin-Stadt getauft. Der Name Karl-Marx-Stadt sollte allerdings trotzdem vergeben werden. Die Wahl fiel auf die Industriestadt Chemnitz. Und das, obwohl Karl Marx nie einen Fuß hinein gesetzt hatte. Ein freiwilliges Stadtratsmitglied rechtfertigte später in einem Brief an den Stadtrat die Umbenennung damit, dass die Stadt durch den zweiten Weltkrieg zu zwei Dritteln zerstört wurde und durch den sozialistischen Aufbau ein neuerer und schönerer Ort sei. Zudem würde die Regierung die fleißigen Aufräumarbeiten, die geleistet wurden, durch eine Umbenennung anerkennen.

Laut dem Stadthistoriker erfuhren die Chemnitzer erst Mitte April von der Stadtumbenennung. „Einwohner unserer Industriestadt!”, verkündete ein Flugblatt der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands: „Am 10. Mai 1953 beginnt für unsere Heimatstadt ein neuer Abschnitt ihrer Geschichte. [..] Das ist eine große Auszeichnung und Ehre für alle Einwohner, daß* unsere Stadt den Namen des größten Sohnes des deutschen Volkes, Karl Marx, erhält.” Die Bewohner sollen am 10. Mai zur Großkundgebung auf dem Stalinplatz erscheinen.

Weitere Städte, deren Namen geändert wurden

Chemnitz und Stalinstadt waren nicht die einzigen Städte, deren Namen in der DDR geändert wurden. So wurde beispielsweise die brandenburgische Stadt Guben 1961 mit dem Zusatz Wilhelm-Pieck-Stadt versehen, um den einzigen Staatspräsidenten der DDR zu ehren. Doch nicht nur die Führung der DDR führte Stadtumbenennungen durch. Ein prominentes Beispiel ist Istanbul, die türkische Stadt hatte in ihrer fast zweitausendjährigen Geschichte drei Namen – Byzanz, Konstantinopel und Istanbul.

Chemnitz, 10. Mai 1953, 12 Uhr, Roter Turm

Der Rote Turm schaute auf 180.000 Menschen, die sich vor ihm versammelt hatten. Alle Generationen waren vertreten, ein Meer aus langen Mänteln, aus Köpfen mit Hüten und Kopftüchern. Er schien fast der einzige unbehütete zu sein, sein Dach fehlte ihm seit dem Krieg immer noch. Zwischen den vielen Menschen standen fast genauso viele Fahnen, die die Menge überragen. Die Blicke waren auf die riesige Bühne gerichtet, die direkt vor dem Roten Turm aufgebaut waren. Sechs große Fahnen standen auf der Bühne, die, je drei rechts und drei links, einen großen Kreis fächernd umrandeten. Was auf dem Kreis abgebildet war, wurde durch Stoff verhüllt, später erkannte man einen Karl-Marx-Kopf darauf.

Die Bühne, auf der hochrangige Regierungsvertreter stehen, war zusätzlich mit einem Banner geschmückt, auf dem „Karl-Marx-Stadt” steht. Umbenannt wurde die Stadt vom Ministerpräsidenten Otto Grotewohl höchstpersönlich: „Ich vollziehe den feierlichen Akt der Umbenennung dieser Stadt und erkläre: Von nun an trägt diese Stadt den stolzen und verpflichtenden Namen: Karl-Marx-Stadt.“

Karl-Marx-Stadt

Sämtliche Briefköpfe Hugo Blanks waren noch bis in den Mai hinein mit „Industriestadt Chemnitz“ versehen. Nun stand auf ihnen selbstverständlich Karl-Marx-Stadt. Der freiwillige Mitarbeiter des Stadtratbezirkes I berichtete in einem Brief an das Stadtverordneten-Kollegium im Oktober 1953, dass sich viele Orte in der Republik dem Staatsakt angeschlossen und auch ihre alten Chemnitzer Straßen in Karl-Marx-Stadt-Straßen umbenannt hätten. Doch nicht alle hätten laut Hugo Blank die administrative Umbenennung der Stadt einfach akzeptiert. „Mit Bedauern beobachte ich die Entwicklung, daß die Einwohner unserer Stadt immer mehr dazu übergehen, unseren alten statt den neuen Namen unserer Stadt zu gebrauchen und bemerken, daß es im Volksmunde immer noch Chemnitz heißen würde.”

Einige Einwohner versuchten den neuen Namen, der der Stadt aufgedrückt wurde, zu umgehen. So sagten einige nur noch „die Stadt”, andere protestierten indirekt gegen die Stadtumbenennung, indem sie das im Schriftverkehr oft benutzte Kürzel „Kmst” als „Chamz” aussprachen, das an den alten Stadtnamen erinnerte. Ein weiteres Synonym wurde die „Stadt mit den drei O” – herbeigerufen durch den Chemnitzer Dialekt, bei dem sich die Aussprache eher nach „Korl-Morx-Stodt” anhörte.

1971 bekam die Stadt dann erstmals überhaupt Karl Marx in physischer Form zu sehen – in Form des riesigen Karl-Marx-Monumentes. Mehr als sieben Meter groß ist „Der Nischel”, wie ihn die Karl-Marx-Städter fortan spöttisch nannten. Der riesige Kopf mit dem ausgeprägten Bart und den Geheimratsecken schaute nun von einem großen Steinblock streng in die Richtung des Roten Turm. Die beiden trennen gerade einmal 200 Meter.

Karl-Marx-Stadt, 1989-1990

Nicht mal zwei Jahrzehnte stand der Karl-Marx-Kopf an seinem Platz, als sich das Bild der Stadt um ihn herum erneut ändert. Im Herbst 1989 fingen die Einwohner der DDR an, gegen die Diktatur vorzugehen. “Wir sind das Volk!” riefen viele, viele Menschen auf den Montagsdemonstrationen – auch in Karl-Marx-Stadt.

Und das mit Erfolg: Die Wende kam, die ehemaligen Teile Deutschlands näherten sich wieder an. Doch die Karl-Marx-Städter wollten noch eine Veränderung: Ihr Chemnitz wieder. In der Zeitung „DIE UNION“ vom 1. Januar 1990 forderte die Initiative „Für Chemnitz” in einem offenen Brief auf, die Bewohner per Volksentscheid über den zukünftigen Namen entscheiden zu lassen. Die Initiative begründete ihren Wunsch damit, dass die Namensgebung 1953 administrativ erfolgt war und dabei die überwiegende Mehrheit der Bewohner ausgeschlossen wurde.  

Aus allen Altersgruppen beteiligten sich Menschen an Unterschriftenlisten, Ende Januar berichtete DIE UNION von mehr als 20.000 Zuschriften an die Behörden. Die Post tolerierte ab Januar 1990 beide Namen, als die Diskussion noch in vollem Gange war.

Im April war es endlich so weit: Die Karl-Marx-Städter durften in einem recht unkonventionellen Verfahren mit per Post zugesandten Stimmkarten über den Namen ihrer Stadt abstimmen. Über 190.000 der 251.000 wahlberechtigten Bürger nahmen an dem Volksentscheid teil. Mit mehr als 75 Prozent wurde das Alte wieder neu: die Stadt hieß wieder Chemnitz. Als jedoch die Ortseingangsschilder getauscht werden sollten, gab es laut dem Stadthistoriker Uhlmann, kein einziges mehr. Souvenirjäger hatten die Schilder bereits abmontiert.

Zu Wendezeiten gab es durchaus Überlegungen, den Riesenkopf loszuwerden. Foto: Elisa Matthey

Chemnitz, 2018, Roter Turm, nahe des Karl-Marx-Monuments

Auch in diesem Jahr gibt es wieder ein Karl-Marx-Jahr, sein Geburtstag jährt sich zum 200. Mal. In Chemnitz wird gefeiert, aber vorrangig nicht wegen des Marx-Jubiläums. Die Stadt ist in diesem Jahr Teil eines ganz eigenen Festjahres – anlässlich ihrer eigenen Geschichte. 875 Jahre Chemnitz werden gefeiert, wobei man eigentlich präzisieren müsste: 838 Jahre Chemnitz und 37 Jahre Karl-Marx-Stadt.

Der abgewählte Name erlebt tatsächlich seit einigen Jahren wieder einen Aufschwung bei der jüngeren Generation, hervorgerufen durch Chemnitzer Bands wie Kraftklub, die ihn in ihren Texten verwenden. Sie haben dem alten Namen der Stadt sogar ein ganzes Lied gewidmet. „Ich komm aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer Baby, original Ostler“ singen sie darin. Und weiter: „Ich cruise Banane essen im Trabant um den Karl-Marx-Kopf“, womit auch der Nischel seinen Platz im Song gefunden hat.

Mittlerweile meinen die Chemnitzer das Wort Nischel aber eher liebevoll. Als eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten steht er im Zentrum von Chemnitz, in der Nähe der Marktpassagen, des Stadthallenparks und dem Roten Turm. Er ist allerdings nicht das einzige Andenken an Karl-Marx-Stadt. Zehntausende Stadtbewohner tragen den Namen immer als Geburtsort in ihrem Pass. Sie wurden in Karl-Marx-Stadt geboren und sind dort aufgewachsen.

*alte Rechtschreibung

Text: Elisa Matthey; Fotos: Elisa Matthey

<h3>Elisa Raßmus</h3>

Elisa Raßmus

ist 24 Jahre alt. Sie studiert im 5. Semester Medienmanagement mit der Vertiefung Journalismus. Seit 2016 arbeitet sie nebenbei in der Onlineredaktion bei der Freien Presse in Chemnitz. Außerdem hat sie sich für ein Volontariat bei der Mitteldeutschen Journalistenschule entschieden. Dieses läuft seit dem Sommersemester 2018 parallel zum regulären Studium. Seit April 2018 betreut sie das Ressort Story als Ressortleiterin bei medienMITTWEIDA.