Ein Bund fürs Leben?

von | 22. November 2019

In einer Studentenverbindung zählen Freundschaft und Zusammenhalt. Titelbild: Joseph Redfield Nino, Pixabay-Lizenz

Das Mischpult wird aufgebaut, rote Plastikbecher sind neben Rum und Wodka auf den Regalen aufgereiht. Das Zeichen der Verbindung leuchtet an der Wand auf: Delta Psi Beta. Langsam füllt sich das riesige Haus mit Massen an Studierenden. Das Ziel für diesen Abend? Eine so legendäre Party veranstalten, dass sich die Gruppe einen Platz an der Wand verdient, an der die Ehrungen ihrer Verbindungsbrüder hängen.

Viele Hollywood Filme, wie in dieser Szene „Bad Neighbors“, aber auch „Everybody wants some“ oder „House Bunny“ erzählen Geschichten von dem „ultimativen“ Studentenleben. Wilde Partys, viel Alkohol und noch mehr leicht bekleidete Frauen scheinen dort in jeder Studentenverbindung gang und gäbe zu sein. Auf der anderen Seite wird in Filmen wie „The Riot Club“ auch gerne die konservative, strenge und düstere Welt von Studentenbrüdern gezeigt, zu denen sich nur die absolute Elite der Gesellschaft zählen darf. Rituale, Verschwörungen und Gewalt untereinander, aber auch gegen andere, sind hier ebenso Teil der Tagesordnung wie die Traditionen und Bräuche, nach denen sich alle zu richten haben. Gerade für Jugendliche können diese Blockbuster den Standard und die Erwartungen daran setzen, wie das Leben in einer Verbindung aussieht. Wenn sie dann selbst in das Alter kommen, wählen zu können, ist es wichtig, dass sie wissen, was tatsächlich hinter dem Begriff der Studentenverbindung in Deutschland steckt. 

Erster Kontakt

Auch Malte, ein Student aus einer Marburger Verbindung, der anonym bleiben will, wusste zunächst nicht, was ihn erwarten würde. „Ich bin eingezogen, weil ich erstmal eine Wohnung brauchte“, berichtet Malte, über seinen ersten Kontakt mit derselben. Er habe recht kurzfristig mit der Wohnungssuche begonnen und da der Wohnraum in Verbindungshäusern in der Regel auch sehr günstig sei, wäre dies für ihn zu dem Zeitpunkt die beste Option gewesen. „Verbindungen haben immer ein Nachwuchsproblem, wegen ihres schlechten Rufs in den Medien.“ Darum sei es für ihn auch kein Problem gewesen einen Platz in einer derselben zu bekommen. 

„In den meisten Verbindungen ziehst du erst einmal ein und dann hast du in der Regel ein Semester lang Zeit, in dem du die Leute kennenlernst und etwas über die Verbindung erfährst.“ So der 21-Jährige.

Bei vielen Verbindungen folge nach diesem Semester erst einmal der Einritt in den sogenannten Fuchsenstatus und erst daraufhin die eigentliche Aufnahme in die Verbindung. Wie lange dieser Prozess dauere und ob er überhaupt auf diese Weise stattfinde, sei von Verbindung zu Verbindung unterschiedlich. 

In Maltes Verbindung gebe es keinen Fuchsenstatus und er selbst stehe dem Konzept kritisch gegenüber. „Wenn du dann der Fuchs bist, bist du sozusagen der Arsch vom Dienst“, so seine Auffassung. Oftmals seien die Füchse dafür zuständig, ihren Senioren Bier zu holen oder aufzuräumen. „Ich hätte jetzt auch keine Lust gehabt, für andere Leute Bier zu holen, nur weil die schon länger in der Verbindung sind.“ Darum sei er froh, in einer Verbindung zu sein, die diese Tradition nicht pflege. Doch auch in dieser Handhabung müsse man zwischen den einzelnen Studentenverbindungen differenzieren. „Es gibt ein super breites Spektrum an Studentenverbindungen.“ 

Und jede derselben folgt verschiedenen Bräuchen und Regeln. Allein in Deutschland gebe es laut uniturm.de um die 1.000 verschiedene Bünde, die mehrere Verbindungen umfassen und wiederum in 30 Dachverbänden zusammengeschlossen sind. Insgesamt existieren demnach in Deutschland zwischen 1.500 bis 2.200 Studentenverbindungen, die etwa ein Prozent aller Studierenden ausmachen. 85 Prozent der Verbindungen sind immer noch nur für Männer zugänglich, doch auch die Zahl weiblicher Verbindungen steigt.

Verschiedene Facetten

Bei diesem breiten Spektrum gibt es natürlich nicht nur einen Verbindungs-Typus, es kann unterteilt werden in Corps, Sängerbünde, Turner- sowie Burschenschaften, katholische und christliche Verbindungen und weitere. Jede dieser Gruppierungen ist geprägt durch unterschiedliche Ursprünge und wird von verschiedenen Dachverbänden vertreten. Es gibt nur zwei Gemeinsamkeiten, die sich zwischen beinahe allen Verbindungen knüpfen lassen: Zum einen das Conventsprinzip. Nach diesem sind alle Studentenverbindungen basisdemokratisch aufgebaut. Und das Lebensbundprinzip, welches besagt, dass jedes eingetretene Mitglied sein Leben lang Teil der Verbindung bleibt und auch nach Einstieg ins Berufsleben diese noch finanziell unterstützt. Jedoch ist diese Regelung nicht verbindlich.

Auch Malte weiß von einigen Fällen, in denen Studenten aus Verbindungen ausgetreten sind „Du kannst jederzeit austreten, aber es wird halt nicht gerne gesehen.“ Es sei in der Regel nicht der Fall, dass ein Studierender austrete und danach noch immer mit seinen Freunden aus der Verbindung Kontakt habe, sagt er dazu gegenüber medienMITTWEIDA.

Vorurteile, dass es zum Beispiel nicht ohne Probleme möglich sei, aus Verbindungen auszutreten oder dass der Großteil von Studentenverbindungen politisch in die rechte Sparte einzuordnen seien, entstehen oftmals durch den Mangel an Differenzierung zwischen den einzelnen Verbänden in den Medien. So werden vor allem Burschenschaften oftmals mit dem Begriff der Studentenverbindung gleichgesetzt, die am häufigsten wegen rechtswidrigem und national orientiertem Denken und Handeln in der Presse abgezeichnet sind. Sie verkörpern jedoch nicht die Gesamtheit der Studentenverbindungen. 

Freundschaft auf Lebenszeit

Auch Fritz Löwentraut, ein „alter Herr” des Corps „Transrhenania” in München, steht Burschenschaften skeptisch gegenüber. „Davon grenzen wir uns ganz, ganz stark ab“, meint der 74-Jährige im Gespräch mit medienMITTWEIDA. „Wir Corps-Studenten pflegen nach unseren Konstitutionen das sogenannte Toleranzprinzip.“ Jeder könne demnach Mitglied des Corps werden, unabhängig von Nationalität, Religion oder Hautfarbe, wenn man sich der Konstitution und den Prinzipien der Verbindung unterwerfe. Dies ist auch eines der ausschlaggebenden Alleinstellungsmerkmale von Corps. Für ihn seien beim Eintritt auch gerade das offene und familiäre Denken und die Möglichkeit, Freundschaften zu schließen, ausschlaggebend gewesen. „Diese Freundschaft, die man in einer Studentenverbindung schließt, ist eine Freundschaft auf Lebenszeit“, sagt Löwentraut. Er selbst habe sich später sogar zusammen mit einem Verbindungsbruder selbstständig gemacht.

Die Frage, ob sich für ihn durch das Corps neue Berufschancen aufgetan hätten, verneint er. „Ich bin nicht irgendwo in einem große Konzern untergekommen, weil mich ein „alter Herr“ protegiert hat. Das ist heutzutage unüblich geworden.“ Klar sei es möglich, einen Philister (ein inaktives Mitglied oder auch „alten Herrn”) nach Praktika oder Hilfestellung beim Berufseinstieg zu fragen, nur müssten hierbei auch die Noten stimmen. Löwentraut sagt dazu: „Das mag vor 50 Jahren noch anders gewesen sein, aber heute gilt überall das Leistungsprinzip.“ Seiner Meinung nach sei inzwischen dieser Leistungsdruck und das Arbeitspensum für Studierende höher als zu seiner aktiven Zeit. „Dieser Druck, der heutzutage von den Universitäten und Hochschulen auf die Studierenden ausgeübt wird, heißt ja auch, dass sie nicht mehr so viele Freiräume haben, das Corps-Studentenleben so auszuüben, wie wir es vielleicht damals gemacht haben.“ Diese Umstände würden auch dazu führen, dass sich einige der Traditionen und vor allem die Häufigkeit der Veranstaltungen verändern würden.

 

Bleibende Bräuche

Eine Tradition, die dem Zahn der Zeit standgehalten habe, seien die sogenannten Mensuren, also das Fechten, das namensgebend ist für die „schlagenden“ Verbindungen wie seine. Von diesen müsse man während seiner aktiven Zeit in dem Corps fünf Pflicht-Mensuren geleistet haben, um am Ende in den Status als inaktiver Chorbursche zu wechseln. „Wenn man sein Studium abgeschlossen hat und seine Partien geschlagen hat, nach etwa zwei Jahren, wird man in der Regel inaktiviert, aber man bleibt dem aktiven Corps noch zugehörig. Wenn man aber sein Studium abgeschlossen oder eine gesicherte Lebensstellung erreicht hat, wird man philistriert und damit automatisch „alter Herr“, erklärt der 67-Jährige. 

Weitere Veranstaltungen, die immer noch gerne in der Verbindung stattfänden, seien Vortrags- und Musikveranstaltungen, Tanzabende sowie Tanzunterricht und sogar ein Ball zur Faschingszeit. Das größte Event, das es bei ihnen jedes Jahr in der Pfingstzeit wieder gebe, ist das Stiftungsfest, das sowohl von den jungen Studentenbrüdern, als auch einigen aus dem Vorstand der Philister organisiert wird. Genau diese Traditionen seien es auch, die Löwentraut noch immer an seinem Corps schätze. „Wenn einer zehn Jahre nicht in München zum Stiftungsfest war und kommt dort hin, ist es, als wäre die Zeit nie fortgeschritten. Das ist für mich immer wieder begeisternd.“

Differenzierung bleibt notwendig

Es gibt ein weites Spektrum an Studentenverbindungen. Jedem Studierenden, der überlegt, einer Verbindung beizutreten, bleibt zu raten, sich nicht nur über die Historie der ausgewählten Verbindung zu informieren, sondern auch die potentiellen Verbindungsbrüder oder -schwestern vorher näher kennenzulernen. Letzten Endes ist jede Verbindung einzigartig – im positiven oder negativen Sinne.

 „Ich liebe dich, Mann, und jetzt geh!“ Die Verbindungsfeier im Film „Bad Neighbors“ ist eskaliert, die Polizeisirenen ertönen bereits im Hintergrund und die beiden Verbindungsbrüder trennen sich. Während Pete die anderen herunterruft, damit sie gemeinsam wegrennen können, bleibt Teddy, der Präsident der Verbindung, zurück, um sich der Polizei zu stellen, die die Party auflöst und ihn abführt. Er übernimmt die Verantwortung für den Ärger, den er mitverursacht hat und schützt damit seine Freunde. Denn es ist so, wie Pete es bereits zu Anfang des Films gesagt hat: „Wir sind die Familie, die man sich aussuchen kann und wir lassen uns nicht scheiden.“

Text: Clara Sophie Eckhardt, Titelbild: Joseph Redfield Nino, Pixabay-Lizenz