Was überlebt

23. Dezember 2018

„Paulinum“ nennen es die einen, „Universitätskirche St. Pauli“ die anderen. Der offizielle Name ist ein Mix und verweist auf die jahrelangen Querelen: „Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli“.  Foto: Ellen Schulze

Vor 50 Jahren wurde die Universitätskirche in Leipzig dem Erdboden gleich gemacht. Eine Kirche, die beide Weltkriege unversehrt überstand und in der Martin Luther gepredigt hatte, passte nicht in das sozialistische Bild. Eine Kirche, die für zwei Studentengemeinden und für die Theologische Fakultät Heimat und Treffpunkt war, musste unter dem SED-Regime fallen. Ein Schlag gegen die Kirchen, der trotz Protesten nicht verhindert werden konnte.

Donnerstag, 30. Mai 1968, 9.58 Uhr. Leipzig, Karl-Marx-Platz.
Stille. Nur Kirchenglocken in der Ferne. Ein leichter Wind weht durch die Straßen. Plötzlich ein lautes Krachen, eine Explosion zerreißt die Luft. Dynamit detoniert in mehr als 500 Sprenglöchern. Stein bricht, Glas zerbirst, Staub wirbelt auf. Nach ein paar Sekunden ist alles ruhig. Ohnmächtiges Schweigen legt sich über die Menschenmenge. Kein Applaus für eine gelungene Sprengung, kein Jubel. Die riesige Staubwolke verzieht sich, die Absperrungen werden aufgelöst. Nur wenige Stunden später beginnen Bagger, die Trümmer der gesprengten Paulinerkirche abzutransportieren.

Im Zweiten Weltkrieg riskierten mutige Menschen ihr Leben, um Brandbomben auf dem Dachboden der Kirche zu löschen. Sie überstand den Krieg inmitten der Zerstörung unversehrt. 23 Jahre später wird sie nach dem Beschluss des SED-Politbüros gesprengt. Eine intakte Kirche, lebendig, genutzt und gebraucht, wird dem Erdboden gleich gemacht. Weil sie nicht zum Bild eines sozialistischen Platzes passt.

Im Jahre 1240 als Teil eines Dominikanerklosters geweiht, wurde die Paulinerkirche 1543 an die Universität Leipzig übergeben. Seitdem wurde das Gebäude als Aula, Gotteshaus und für Universitätsveranstaltungen der Theologischen Fakultät genutzt. Sie nahm Gläubige beider Konfessionen auf, katholische und evangelische Christen. Aber auf dem Augustusplatz, der seit Gründung der DDR den Namen Karl-Marx-Platz trug, war kein Platz für eine Kirche. Dieser Ort sollte ein sozialistisches Gesicht haben.

Ich stehe an der Stelle, an dem sich die Sprengung vor 50 Jahren abspielte, blicke die Fassade eines Gebäudes hinauf und frage mich, was von der alten Kirche übrig geblieben ist. Nach all den Jahren ist hier eine neue Kirche entstanden, die zugleich modern aussieht, aber unverkennbar an die Paulinerkirche erinnert. “Paulinum – Aula und Universitätskirche St.
Pauli” ist ein Name, der zeigt, dass Religion und Wissenschaft in einem Haus stattfinden können. So wie damals, als die alte Paulinerkirche noch stand.

“Ich habe am 30. Mai gesagt: Wir haben es nicht für möglich gehalten. Aber die haben das durchgezogen”, erzählt Dr. Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Paulinervereins. Wir sitzen gemeinsam in dem neuen Paulinum. Über uns ein Kreuzrippengewölbe, ein paar gotische Bögen, die an die einstige Kirche erinnern. Das Kirchenschiff säumen leuchtende Glassäulen. An den Wänden hängen alte Gemälde und Epitaphien, die vor der Sprengung gerettet werden konnten. Der Altar wirkt in der schlichten und kühlen Kirche wie ein Juwel.

Vor diesem Altar stand im Jahr 1545 Martin Luther, predigte und widmete die Kirche zur Universitätskirche. Aber trotz des Wirkens Martin Luthers, trotz der Musik Bachs und Mendelssohns in diesem Gotteshaus, wurde im Mai 1968 dessen Sprengung entschieden. Ich möchte herausfinden, wie es so weit kommen konnte. Will erkunden, warum dieses Stück Leipziger Kultur dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Mit Baukosten von 117,3 Millionen Euro wurde es doppelt so teuer wie geplant und ist nach dem Dresdner Schloss das zweitteuerste Bauprojekt in Sachsen seit 1990. Foto: Ellen Schulze

„Das Ding muss weg!“

Die Überlegungen zur Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes liefen schon ab 1960, wie ich in dem mir von Ulrich Stötzner empfohlenen Buch „Vernichtet, vergraben, neu erstanden – Die Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“ erfahre. Demnach sollte zunächst eine Rückversetzung der Universitätskirche um etwa 50 Meter erfolgen. Doch noch im selben Jahr zeigte eine Ausstellung mit Modellen des Platzes keine Kirche mehr. “Das Ding muss weg”, soll Walter Ulbricht gesagt haben, als er auf dem Balkon der neuen Oper stand und seinen Blick über den Platz schweifen ließ. Doch das war nur die Bestätigung eines längst gefassten Entschlusses.

Das erste Halbjahr 1964 war zunächst als Termin für die Sprengung vorgesehen, jedoch führten Probleme im Bauwesen zu einer Verzögerung. Trotz Geheimhaltung wurden Nachrichten von der akuten Gefährdung der Universitätskirche bekannt. Doch auch ein Gutachten zur Erhaltung des Gebäudes half nicht. Ende 1967 wurde ein Ideenwettbewerb für einen Universitätsneubau ausgeschrieben. Nur ein nicht ausgezeichneter Entwurf enthielt die Universitätskirche als Bauwerk.

Am 7. Mai 1968 entschied in Berlin das SED-Politbüro über den Universitätsneubau. Damit war der Abriss des über 700 Jahre alten Kirchenhauses besiegelt. Auch der Senat der “Karl-Marx-Universität” gab schließlich seine Zustimmung. Ausgerechnet an einem kirchlichen Feiertag, am 23. Mai 1968, Christi Himmelfahrt, stimmte der Stadtrat Leipzig mit nur einer Gegenstimme für den Abriss der “Altsubstanz”, wie es hieß. Neben der Kirche gehörte dazu das Augusteum und das Albertinum. Ein Teil der Bevölkerung war begeistert, da anstelle der Unikirche ein neues, schöneres Universitätsgebäude entstehen sollte.

Doch es gab Widerstand. Der regte sich vor allem in der Theologischen Fakultät der Universität und der Leipziger Bevölkerung. Bertram Viertel war damals Student der Theologie in Leipzig. Er ging regelmäßig in die Paulinerkirche zu den Akademischen Gottesdiensten, bei denen die Professoren predigten und hielt selbst eine Predigt auf der Kanzel. Als er von der geplanten Sprengung erfuhr, war das ein Schockmoment für ihn. „Wir haben versucht zu zeigen: diese Kirche ist in Benutzung. Und wir halten die Kirche in Schuss. Wir haben den Kreuzgang wieder richtig mit Wasser, Lappen und Scheuerbürste sauber gehalten, noch eine Woche vor der Sperrung. Mehr konnte man nicht tun“, erinnert sich der Pfarrer, der nun im Ruhestand ist.

Am 23. Mai gegen 19.30 Uhr war die letzte katholische Messe angekündigt. Für die katholische Propsteigemeinde war die Unikirche die Hauptkirche geworden, nachdem ihre im Krieg zerstört worden war. Aus Zeitzeugenberichten erfahre ich, dass an diesem Himmelfahrtstag das Gebäude bis auf den letzten Platz gefüllt war. Die Atmosphäre war aufs Äußerste angespannt. Nach dem Ende der Messe räumt die Polizei das Gebäude sowie den Platz.

Was kann gerettet werden?

Ab Samstag, nicht einmal 48 Stunden nach dem Beschluss des Stadtrates, wird begonnen, die Universitätskirche zu durchlöchern. Über 500 Sprenglöcher müssen geschaffen werden.

Vor der Kirche entstehen spontane Aktionen: Menschen werfen Blumen über die Absperrungen – die vom Staatssicherheitsdienst sofort beseitigt werden. Menschenmengen finden sich zu stummen Demonstrationen zusammen. „Wir haben draußen auf der Straße demonstriert. Still, ohne etwas zu sagen, haben wir beieinander gestanden“, erklärt mir Pfarrer Bertram Viertel.

Schließlich löst die Volkspolizei die Versammlung auf. Bertram Viertel wird mit den anderen zu einem Kontrollpunkt geführt. Ausweis zeigen. Seine Daten werden erfasst, bearbeitet, danach darf er wieder gehen. Als er nach der Wende seine Stasi-Unterlagen anfordert, erhält er ein Karteikartenblatt: „Da stehen mein Name und meine Daten und darunter steht nur: ‚Universitätskirche. Ausrufezeichen‘.“

Währenddessen laufen in der Kirche unentwegt die Arbeiten. Steinmetze werden gerufen und sollen unterirdische Grabstätten finden. Unter dem Kreuzgang sollen sich laut Augenzeugen rund 800 Tote befunden haben. Die Gräber werden ausgeräumt, dabei interessieren nur die Wertgegenstände, weniger die Gebeine. Auch die Kunstwerke, knapp 100 an der Zahl, wie ich aus Literatur erfahre, werden geborgen. Nicht alles kann gerettet werden, viele Schätze fallen der Sprengung zum Opfer. Die große Mende-Orgel wurde nicht ausgebaut.

Am 29. Mai werden die Sprengung sowie die Sicherheitsmaßnahmen bekanntgegeben. Im Umkreis von 300 Metern schafft die Volkspolizei eine Sperrzone, Lkw umstellen den Platz, um das Fotografieren zu verhindern.

Am 30. Mai ist Bertram Viertel nicht vor Ort. Er will sein Studium nicht aufs Spiel setzen, schließlich wurde er schon durch die Polizei kontrolliert. “Ich habe in meiner Studentenbude am Völkerschlachtdenkmal gebetet. Ich hab den Knall, die Explosion gehört”, erzählt er mit belegter Stimme. Eine mittelalterliche Kirche musste der Machtdemonstration einer Regierung fallen.

Die gestalterischen Vorstellungen des Architekten Erick van Egeraat sind für die Verzögerung der Bauzeit mitverantwortlich, so erwies sich beispielsweise die Konstruktion der Stalaktitlampen als besonders kompliziert. Foto: Ellen Schulze

Kein spontaner Entschluss

Warum konnte die Kirche nicht gerettet werden? Warum hielt die SED so sehr und kontinuierlich an ihrem Vorhaben fest? „Zuerst ging es um die Platzgestaltung. Es sollte ein sozialistischer Platz entstehen – da passte keine Kirche hin“, erläutert Dr. Ulrich Stötzner. Das Opernhaus war neu errichtet worden, später sollten neue Universitätsgebäude hinzukommen. Der Platz sollte ein einheitliches Gesicht bekommen. Natürlich sollte mit den alten Gebäuden auch der alte Geist, den es an der Universität noch gab, verschwinden. Und ohne Frage war die Sprengung ein Schlag gegen die Kirchen. Gegen die evangelische genauso wie gegen die katholische. Diese konnten nichts gegen die Vernichtung ausrichten, da die Kirche der Universität gehörte und es, so legte die SED es aus, damit eine reine Staatsangelegenheit war, was mit ihr geschah. “Am Ende war es einfach eine Machtdemonstration: Wir ziehen das jetzt durch, trotz Protesten”, schließt Ulrich Stötzner.

Viele Faktoren spielen in die Zerstörung der Paulinerkirche hinein und es sind weitaus mehr Menschen beteiligt als nur Walter Ulbricht oder SED-Bezirkschef Paul Fröhlich. Involviert sind die SED-Führungen in Berlin und Leipzig, aber auch die Leitungsgremien der Stadt Leipzig. Die Blockparteien sind gefügig, die Universitätsleitung fordert einen Neubau der Universität und setzt sich nicht für den Erhalt der Kirche ein. Schließlich überschatten die stürmischen Entwicklungen in der Tschechoslowakei und der Prager Frühling die Ereignisse in Leipzig, sodass die Aufmerksamkeit für das Schicksal der Universitätskirche gering bleibt.

Trotz all dieser Geschehnisse, trotz der Sprengung steht heute eine neue Universitätskirche auf dem Augustusplatz. Im Dezember 2017 wurde das Paulinum eingeweiht, nach einem Entwurf des niederländischen Architekten Erick van Egeraat erinnert es an die Geschichte.

„Unsere Arbeit ist im Grunde getan“, sagt Ulrich Stötzner mir unter den hellen Bögen der Kirchendecke. „Jetzt muss Ihre Generation ran. Wir haben das Gebäude hierhin gestellt. Und nun macht was draus.“

Text und Fotos: Ellen Schulze

Elisa Raßmus

Elisa Raßmus

ist 24 Jahre alt. Sie studiert im 5. Semester Medienmanagement mit der Vertiefung Journalismus. Seit 2016 arbeitet sie nebenbei in der Onlineredaktion bei der Freien Presse in Chemnitz. Außerdem hat sie sich für ein Volontariat bei der Mitteldeutschen Journalistenschule entschieden. Dieses läuft seit dem Sommersemester 2018 parallel zum regulären Studium. Seit April 2018 betreut sie das Ressort Story als Ressortleiterin bei medienMITTWEIDA.
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