Medientage Mitteldeutschland

Was bewegt die Medienwelt?

von | 8. Mai 2018

Viele Experten, Meinungen und Themen erwarteten die Besucher bei den Medientagen Mitteldeutschlands. Foto: Julia Scholl

Das blaue Banner „MTM 2018” ist schon von Weitem zu sehen. Wir parken unser Auto, nebenan stehen die schwarzen Limousinen, aus denen Herren in gebügelten Hemden und geputzten Schuhen aussteigen. Die Temperatur sinkt um ein paar Grad, als wir endlich durch die Drehtür schreiten. Unser Selbstbewusstsein steigt, sobald wir unsere Namensschilder befestigt haben. Auf der Suche nach Expertenmeinungen geht es für uns los in das erste Panel – Willkommen auf den Medientagen Mitteldeutschlands.

Zum zwanzigsten Mal treffen sich in der „media city leipzig” mehr als 200 Experten aus Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft, um über Themen zu diskutieren, die die Medienwelt gerade bewegen. Die einzelnen Veranstaltungen, sogenannte Panels, drehen sich um verschiedene Schwerpunkte. Im Jahr 2018 unter anderem um Fake News, die „millenials“ und Kulturmangel. Wir waren bei den Referenten auf Stimmenfang und haben im Anschluss die spannendsten Panels zusammengefasst.

Die Frage: „Was bewegt die Medienwelt?“

Anne Hähnig, vom Leipziger Büro der "ZEIT", setzt sich mit den "Lügenpresse"-Vorwürfen auseinander.

Thomas Pfaffe, Landesbüroleiter Ost bei der dpa, findet am Medienberuf spannend, dass kein Tag thematisch gleich ist.

Johannes M. Fischer, Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, wünscht sich mehr Kommunikation.

Matthias Walter, Nachrichtenchef bei RTL II News, setzt sich mit Streaming- und Social Media-Anbietern auseinander.

How to catch the millenials? – mit mehr als nur Cat-Content

 

 

Es ist eine Herkulesaufgabe, Menschen zum richtigen Moment auf der richtigen digitalen Plattform abzuholen”, eröffnet Cornelia Holsten von der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) das Panel. Die „millenials“, also die 14-29-Jährigen, „sind immer online und wollen mehr als cat-content.”
Axel Dammler vom Institut für Jugendforschung sieht vor allem zwei Chancen für das lineare Fernsehen: Event und „Bügelfernsehen“. Das berüchtigte Bügelfernsehen ist ein Grundrauschen, das nebenbei läuft und von dem hin und wieder etwas aufgeschnappt wird. Zusätzlich locken eben Events wie „der Bachelor“ oder die Übertragung eines Champions League Halbfinales die Jugend vor das TV-Gerät.

An den Eventcharakter knüpft auch Matthias Walter, Nachrichtenchef bei RTL II News, an. Sein Sender versuche, während des Unterhaltungsprogramms die Nachrichten anzuteasern und dann die breite Zuschauermasse nach der Sendung in den Informationsblock mit mitzunehmen: „Dann haben bei uns die Nachrichten die besten Quoten.“ Wichtig bei der Nachrichtenaufbereitung sei, an die Nutzerperspektive zu denken. Die Nachricht mit jungen Protagonisten und Einstieg zu gestalten, sowie am Ende des Nachrichtenblocks einfachere Themen zu platzieren.

In der Diskussion mit Maren Lamersdorf von Sat. 1 prangert Matthias Walter vor allem die mangelnde Regulierung an: „Unten brechen uns die Zeitungen weg, oben werden uns Strategien von Unternehmen aufgezwungen, ohne Regulierung von Facebook haben wir keine Chance.“ Deshalb sei es wichtig, mit den Jugendlichen zu kommunizieren, ihnen durch Facebook Live-Videos aus der Regie zu zeigen, wie gearbeitet wird. Das verlorene Grundvertrauen zurückzuerlangen sei zentral. Das probiere man bei Sat. 1 mit jungen Mitarbeitern und neuen Ansätzen. „Wir versuchen gerade, eine Instagram-Sprache zu finden und wir betreiben aktives Fail and Learn, setzen zum Beispiel uns gänzlich unbekannte Influencer ein.“

Das Fazit zieht Maren Lamersdorf: „Wir müssen sie da aufgreifen, wo sie sind, und nicht alles auf Teufel komm raus linear ausstrahlen“, denn exklusiver Online-Content sei genauso wichtig. Trotz aller Kritik und Sorgen: Fernsehen werde es in 15 Jahren noch geben, sagte Axel Dammler. Aber es muss sich neu ordnen.

Matthias Walter vermisst Nachrichten bei Streaming-Diensten

„Das Fremdbild war für Journalisten nie günstig”

 

 

Im Panel zu den Arbeitsbedingungen im Journalismus werden aktuelle Probleme für Journalisten diskutiert. Laut Reporter ohne Grenzen hat sich die Pressefreiheit in Europa massiv verschlechtert. „Das Fremdbild war für Journalisten nie günstig”, sagte Horst Röper vom FORMATT-Institut, aber die Angriffe auf Journalisten in Deutschland nähmen schärfere Züge an. Die Geschichten von Johannes M. Fischer von der Thüringer Allgemeinen ließ alle sprachlos in ihre Stühle sinken. Tierblut und Tierköpfe in der Redaktion, von Rechtsextremisten eskortierte Reporter auf Demos – das sind keine weit entfernten Ereignisse mehr, sie passieren um die Ecke.

Unter den Referenten war auch Anne Hähnig von der ZEIT. Ihrer Meinung nach muss die Kommunikation von Leser zu Journalist wiederhergestellt werden, um den Angriffen entgegenzuwirken. Es sei wichtig, den Kontakt zu suchen und hier auch die AFD nicht zu vernachlässigen, erklärte Hähnig. Wenn das Vertrauen in die Berichterstattung zurückerobert werden soll, müssen die Karten auf den Tisch, denn Transparenz schaffe Vertrauen, genauso wie eine ausgewogene Berichterstattung. Mit Bluffen komme der Journalismus nicht weiter, denn das Problem der Fake News ziehe sich besonders durch die sozialen Medien, so das Fazit aus der Runde.

Ein weiteres Problem sei die katastrophale Bezahlung der angestellten Redakteure und besonders der freien Journalisten. „Es gibt zwar die Möglichkeit, den Mindestlohn einzuklagen, damit schneiden sich die Redakteure aber ins eigene Fleisch.“, sagte Hähnig. Dieser Umstand macht es Journalisten schwer, von ihrer Arbeit zu leben. Frank Werneke von ver.di verdeutlichte, dass es keinesfalls an der fehlenden Bereitschaft der Journalisten läge, ihre Rechte einzufordern, denn die Beteiligung an Protesten sei sehr gut, es läge vielmehr an der fehlenden Unterstützung der Regierung. Unter den Entlassungen leide schließlich letztendlich die Qualität der Produkte. Doch auch die Nutzer müssen in Zukunft ihren Beitrag wieder leisten. Das alte Modell zur Finanzierung von Zeitungen durch Werbung ist nicht mehr tragbar. Zu diesem Punkt sagte Hähnig: „[Eine] Bezahlschranke wird nicht akzeptiert, das ist bitter. Ich gehe ja auch nicht zum Bäcker und frage, warum das Brötchen nicht kostenlos ist!” Doch viele Leser seien eben nicht gewillt, für das Produkt zu zahlen.

Das Fazit: Die Teufelsspirale aus zu wenig Personal, Bezahl-Frust bei den Lesern und schwindendem Vertrauen muss unterbrochen werden, um den Journalismus wieder zu stärken, wie das gelingen soll, ist eine andere Frage.

Anne Hähnig zu Social Media im journalistischen Alltag

Johannes M. Fischer gibt Tipps für Volontariats-Bewerber

„Hass muss eigentlich vor Gericht und nicht einfach gelöscht werden“

 

Meinungsfreiheit oder Hasskommentar – löschen oder nicht löschen – und wenn ja, wer soll das übernehmen? Das sind die wesentlichen Fragen im Panel „Netzwerkdurchsetzungsgesetz – wirksam gegen Hass im Netz?“. Das Gesetz trat zu Beginn des Jahres in Kraft. Demnach sind Anbieter sozialer Netzwerke wie Facebook, Twitter und YouTube unter anderem verpflichtet, offensichtlich rechtswidrige Inhalte innerhalb eines Tages zu entfernen.

Zufrieden mit dem Gesetz ist in der Talkrunde niemand, aber die Politik habe eine Änderung angekündigt, so Mike Mohring von der CDU. Für ihn geht die Debatte, wo die Grenzen des Löschens zu setzen sind, vollständig an den „Opfern“ der Hasskommentare vorbei. Für Markus Beckedahl, Gründer der Plattform netzpolitik.org, reicht das Gesetz nicht aus: „Die Plattformen sind eine neue Öffentlichkeit, wo daher auch Grundrechte gelten. Das heißt, Hass muss eigentlich vor Gericht und nicht einfach gelöscht werden!” Die Löscharbeit übernehmen zum jetzigen Zeitpunkt Redakteure, in Zukunft aber Algorithmen. „Das ist eine Gefahr der Demokratie, wenn künstliche Intelligenz das übernimmt.“ Vor allem bei Meinungsäußerungen müsse immer ein Redakteur drüber schauen, sagt Beckedahl.

Kritisiert wird in der Runde außerdem die unzureichende Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern und die fehlenden Mittel der Staatsanwaltschaft. Außerdem sei unklar welcher Anbieter dem Gesetz in welchem Maße unterstehe. Für alle gibt es nun drei unterschiedliche Standards: Die Nutzungsbedingungen der Plattform, den medienrechtlichen Rahmen der Länder und zusätzlich nun den strafrechtlichen Rahmen des Gesetzes. Wer wann zuständig ist, sei unklar, so Mohring.

Fazit: Das Gesetz muss überarbeitet werden, denn es ist unter anderem mehr Zusammenarbeit nötig: Zwischen Bund und Ländern und zwischen den Ländern der EU, vor allem auf Justizebene. Angemerkt wurde zum Schluss, dass man vor allem die ältere Bevölkerung in Medienkompetenz schulen müsse, denn meistens sind die Verfasser von Hate Speech nicht mehr jugendlich.

 

„Kultur ist keine Nische!“

 

Klare Worte von Claire Isambert, Leiterin der Kulturabteilung bei ARTE. Dafür erntet sie kritische Blicke aus der Runde. Aber ist Kultur wirklich keine Nische? Das Panel „Kultur für alle! Wie erreichen Medien das große Publikum?“ diskutierte genau diese Frage. Wo startet Kultur und wo hört sie auf? Eine wirkliche Antwort hat auf die Frage keiner parat. Jeder der Anwesenden wirft von seinem Stuhl aus ein beeindruckendes Zitat in die Runde. So sagt Nathalie Wappler Hagen vom MDR: „Wer eine Badewanne hat, hat Zivilisation, wer sie benutzt, hat Kultur“, aber eine eindeutige Definition konnten sie daraus nicht ableiten.

Mit dem losen Begriff Kultur hangelte sich der Moderator Michael Sahr also weiter am Thema entlang.
Ein großes Problem für den Rundfunk sei die Auslagerung des Kulturkonsums auf andere Medien. Das Internet spiele dabei eine große Rolle. Um in diesem Umfeld überleben zu können, müssen sich die klassischen Medien an das neue Konsumverhalten anpassen, so die allgemeine Auffassung der Experten. Mit kürzeren Beiträgen und Formaten wie Video on demand, könne man das Programm an die Gewohnheiten anpassen. Der Kanal ARTE wurde hierfür als fortschrittliches Beispiel genannt. Auch schlugen die Referenten vor, bereits produzierte Beiträge mehrfach zu verwenden.

Fazit: Um die Kultur wieder an den Mann und die Frau zu bringen, werden neue Konzepte sowohl für den Inhalt als auch für die Verbreitung benötigt.

„Wir arbeiten nicht mit Fake-News!“

 

Thomas Pfaffe, Landesbüroleiter Ost der Deutschen Presse Agentur (dpa), sagt gleich zu Beginn: „Das Wort ‚Fake-News‘ kann Stefan nicht mehr hören.“ Stefan Voß, Leiter der Abteilung Verifikation bei der dpa, antwortet energisch: „Wir arbeiten nicht mit Fake-News! Es gibt Fake-Behauptungen in sozialen Netzwerken, das sind aber keine News.” Damit diese falschen Behauptungen nicht als Tatsachen von den Kunden der dpa weitergegeben werden, überprüft Voß sie vorher. Das, was er in den folgenden eineinhalb Stunden zeigt, solle eigentlich Handwerkszeug eines jeden Journalisten sein, vor allem der Jungjournalisten. Von den Tools der dpa und Hinweisen haben aber die Wenigsten gehört – obwohl 90% der Zuhörer zur jungen Zielgruppe zählt.

Bei der Foto-Verifikation gibt es einige einfache Möglichkeiten, Hinweise auf dessen Ursprung zu finden: Ort des Geschehens verifizieren, das heißt im Hintergrund nach Hinweisen schauen, Perspektive mit Google Street View vergleichen, Vegetation beachten und die Google-Rückwärts-Suche. Dabei klickt man im Chrome-Browser mit Rechtsklick auf das Foto und dann auf „mit Google nach Bild suchen”. Das Tool zeigt an, ob es ähnliche Fotos schon gibt.

Will man ein Video verifizieren, ist vor allem darauf zu achten, ob die Szene nachgestellt und wie das Umfeld der Szene ist. Wenn zum Beispiel eine Baustelle zu sehen ist, kann man diese durch Nachfragen vor Ort verifizieren. Zudem ist auf die Ausrüstung der Polizisten, auf Perspektiven und auf Schatten achten. Dies kann man mit der Webseite sonnenverlauf.de genau nachprüfen. Auf YouTube kann man sich außerdem durch den YouTube Data Viewer ansehen, wann das Video genau hochgeladen wurde, um ein Original leichter zu finden.

Um zum Beispiel nachzuprüfen, ob gerade an einem bestimmten Ort wirklich etwas Außergewöhnliches, beispielsweise ein Terroranschlag, passiert, gibt es kostenlose Tools wie Twitter Deck oder Crowdtangle, mit welchen man Posts zu bestimmten Hashtags oder virale Posts sich anzeigen lassen kann.

Das Fazit des Panels zieht Voß selbst: „Es ist immer leichter, Dinge zu falsifizieren, als sie zu verifizieren.” Denn trotz aller Verifikations-Tools, die nicht anschlagen: Am Ende steht der Journalist vor der Entscheidung: Veröffentlichen oder nicht.

Thomas Pfaffe über die Zusammenarbeit der Nachrichtenagenturen

Julias Fazit zur Veranstaltung:

Die Atmosphäre auf den Medientagen Mitteldeutschlands empfand ich, sowohl beim Essen als auch in den Interviews, stets freundlich und kollegial. Durch die vielfältigen Diskussionen konnte ich von anderen Blickwinkeln auf Probleme blicken und mich weiterentwickeln. Allerdings hat, was den Grad an neuen Informationen betrifft, die Qualität in den Panels stark variiert. Der Vortrag, der mir am deutlichsten im Gedächtnis geblieben ist, war über die Verifikation von Informationen. Er war innovativ und interessant gestaltet. Ich bin sicher klüger raus als rein. Ich komme wieder!

Zitat des Tages: „Pressefreiheit muss man sich erkämpfen.“ (Johannes M. Fischer)

Annikas Fazit zur Veranstaltung:

Die Medientage Mitteldeutschlands waren für mich ein Hauptgewinn. Mein Favoriten-Panel war „how to catch the millenials”, weil mir da bewusst wurde, dass die älteren Fernsehmacher sich wirklich Gedanken machen, wie sie unsere Generation wieder vor den TV locken können. Schade war, dass nach den Diskussionsrunden kaum Zeit war, mit den Referenten ins Gespräch zu kommen, weil der Zeitplan sehr knapp war. Man muss brennen, für das, was man tut und genau das ausstrahlen. Das ist mir in den Gesprächen mit den unterschiedlichsten Medienmachern nochmal deutlich geworden. Ich komme wieder!

Zitat des Tages: „Wer beliebt sein will, darf kein Journalist werden.” (Anne Hähnig)

Text und Fotos: Julia Scholl & Annika Braun