Mittweida ist politisch aktiv – auch in der Flüchtlingsdebatte. Doch mit der Aufnahme von Asylbewerbern trifft man hier auch auf die Gegenwehr einiger Bürger. Was also tun? Transparenz schaffen, meinen zwei junge Mittweidaer. Ihre Facebook-Seite „Mittweida heißt Flüchtlinge willkommen“ hat bereits 709 Fans.

medienMITTWEIDA traf Kay (17, Schüler) und Vincent (19, Student) zum Interview. Die beiden sind die Köpfe hinter der Facebook-Seite „Mittweida heißt Flüchtlinge willkommen„. Uns haben sie verraten, warum Asylbewerber eine große Chance für Mittweida sein können und wie verhärtet die Fronten hier wirklich sind.

Alle Interviewantworten sind jeweils als ein gemeinsames Statement des Teams hinter „Mittweida heißt Flüchtlinge willkommen“ zu betrachten.

medienMITTWEIDA: Was hat euch dazu gebracht, die Facebook-Seite „Mittweida heißt Flüchtlinge willkommen“ zu erstellen?

Wir haben uns vorher noch gar nicht gekannt, aber wir hatten über das Internet schon mal Kontakt, weil wir beide politisch interessiert sind. Dann kamen wir auf die Idee, etwas für die Flüchtlinge in Mittweida zu organisieren – wie die Facebook-Seite „Mittweida heißt Flüchtlinge willkommen“. Die Umsetzung ging dann schnell, schon am nächsten Tag haben wir die Seite online gestellt. Es existieren in Mittweida schon zwei Seiten gegen Asyl und wir wollten auch die andere Seite verstärken. Nach einer Woche bekamen wir dann schon einen Anruf, dass Mittweida eine Erstaufnahmestelle bekommt. Herr Bachmann von der Partei „Die Linke“ hat uns kontaktiert und gefragt, ob wir uns die Erstaufnahmestelle nicht mal anschauen wollten.

medienMITTWEIDA: Nach der Ankunft der ersten Asylbewerber in Mittweida gab es ja einen regelrechten Run auf eure Seite. Wie seid ihr damit umgegangen?

„Das Bewusstsein für Asylbewerber war unserer Meinung nach schon da. Es hatte in Mittweida nur noch keine große Verbreitung gefunden.“

Als jedoch sicher war, dass die Stadt Flüchtlinge aufnimmt, haben sich mehr Menschen beteiligt. Darüber haben wir uns gefreut. Wir haben den hohen Zulauf genutzt und versucht, die Hilfe mitzuorganisieren. Besonders mit Professorin Tamara Huhle von der Hochschule und dem Projekt „Zukunftsstadt Mittweida“ hat sich ein gutes Netzwerk aufgebaut.

medienMITTWEIDA: Wie seht ihr die Zusammenarbeit mit der Hochschule, der Stadt und dem DRK?

Die Debatte über Flüchtlinge wird öffentlich geführt und wir bieten dafür eine Plattform. Natürlich überwiegend für Leute, die pro Asyl sind. Wenn es um Kontakte zum DRK oder zu Stadt geht, lief das am Anfang über private Kontakte von uns. Dadurch hat man viele wichtige Informationen etwas eher bekommen – man wusste, wen man ansprechen musste. Mit den anderen Seiten sind wir auch vernetzt.

medienMITTWEIDA: Wie seht ihr allgemein die Stimmung zur Flüchtlingsdebatte in der Stadt?

Eher zurückhaltender. In Mittweida besteht zu dem Thema eine große Distanz, weil mit Fremden noch kaum Kontakt bestand.

medienMITTWEIDA: Wie geht ihr mit Asylgegnern auf eurer Facebookseite um?

Wir lassen Diskussionen ausnahmslos zu, diskutieren dann auch oft mit unseren eigenen Accounts mit. Wir haben auch private Nachrichten von Kritikern erhalten. Wenn diese sachlich sind, entsteht nicht selten ein Dialog und wir tauschen Argumente aus. Öffentlich auf unserer Seite haben wir noch keine Kommentare oder sonstiges gelöscht.

medienMITTWEIDA: Meint ihr, die Stadt kann die Herausforderung mit der Erstaufnahmestelle und dem geplanten Asylbewerberheim stemmen?

Wir denken, diese Aufgabe tut der Stadt gut. Auf der einen Seite wollen viele Flüchtlinge nicht in Mittweida bleiben, da viele von ihnen Familie in anderen Städten haben.

„Auf der anderen Seite ist es eine Chance für Mittweida, Bewohner zu halten und neue begrüßen zu können. Flüchtlinge können eine große Bereicherung sein und Mittweida langfristig offener machen.“

medienMITTWEIDA: Welche Erfahrungen habt ihr privat im Rahmen der Flüchtlingsdebatte gemacht?

In einem Flüchtlingsheim zu helfen war definitiv eine positive Erfahrung, weil man eine komplett andere Sicht auf die Dinge bekommt. Ganz interessant war auch die Unterhaltung mit einem tunesischen Flüchtling aus Chemnitz. In Tunesien gab es eine Revolution und er hat für das alte Regime gearbeitet. Unter dem neuen Regime und der Bedrohung hatten er und seine Familie keine Chance, ein normales Leben zu führen. Eigentlich ein Land, was als „sicheres Urlaubsland“ gilt.

„Das ist einfach paradox. Manche Leute denken, nur weil man in diese Länder in den Urlaub fährt, ist dort alles super und den Menschen geht es gut.“

Urlauber halten sich jedoch in Gegenden auf, in denen sie innenpolitische Probleme nicht mitbekommen.

medienMITTWEIDA: Wie seht ihr die mediale Berichterstattung in Deutschland?

Ich würde mir wünschen, dass mehr über Fakten berichtet wird, von denen man auch wirklich weiß, dass es Fakten sind.

Wie kann ich mich für die Flüchtlinge in Mittweida engagieren?

 

Geld- und Sachspenden werden immer noch dringend benötigt. Nähere Infos dazu gibt’s hier.

Oder lieber selbst mitanpacken?

Im Informationszentrum T9 am Technikumplatz könnt ihr euch in einer Ehrenamtsbörse registrieren.

 

Interview: Johannes Pursche. Screenshot: Mittweida heißt Flüchtlinge willkommen. Bearbeitung: Christine Wolf.