Blinde Menschen erleben Zeitungen und Zeitschriften ganz anders.

Blinde Menschen erleben Zeitungen und Zeitschriften ganz anders.

Für viele gehört sie zum Frühstück wie Brötchen und Kaffee: Die Zeitung. Für Menschen, deren Sehfähigkeit stark eingeschränkt ist oder die blind sind, ist das so nicht möglich. Aber auch für sie gibt es die Tageszeitung und Zeitschriften, wie wir sie kennen – nur eben zum Hören.

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Hinweis: Dieser Artikel ist auch als Hörversion verfügbar.

Heiko Kunert ist blind, trotzdem liest er Zeitung. Gut, vielleicht ist „Lesen“ nicht das richtige Wort: Er hört Zeitungen und das fernab von Radio oder Fernsehen. Einige Zeitungen wie beispielsweise der „Weser Kurier“ bieten ein spezielles Angebot für Blinde und Sehgeschädigte an. Dabei werden einzelne Artikel bis hin zu großen Teilen der jeweiligen Ausgabe von professionellen Sprechern eingelesen. „Lange Zeit waren Hörzeitungen einer von wenigen Wegen, auch an ausführlichere journalistische Beiträge heranzukommen“, sagt Kunert, der neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg auch eine PR-Agentur betreibt. Er nutzt das Angebot seit ungefähr 25 Jahren. „Blinde Menschen konnten sonst nur auf das Radio und die TV-Tonspur zurückgreifen und auf das sehr geringe Angebot von Blindenschrift-Zeitschriften.“ Diese gibt es zwar noch immer, sie sind jedoch gegenüber den Hörzeitungen, was Aktualität, Produktionskosten und Herstellung betrifft, deutlich im Nachteil. Sie eignen sich eher für monatlich erscheinende Periodika.

Hörzeitungen als Dauerbrenner

Auch wenn viele Informationen schneller über das Internet zugänglich sind, hat das Medium Hörzeitschrift laut Kunert nicht an Beliebtheit verloren: „Hörzeitschriften haben den Vorteil, dass es menschliche Stimmen sind, die den Inhalt vorlesen.“ Gerade bei langen Texten ist das ein entscheidender Vorteil gegenüber synthetisch erzeugten Stimmen. Wie sie etwa von Apples Dienst „VoiceOver“ angeboten werden. Trotzdem wird dieser als große Unterstützung angesehen. Das bestätigt auch Hans-Günter Funke, Vorstandsmitglied des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes Sachsen e.V. Für ihn ist ein solcher Service „eine Revolution in der Hilfsmittelwelt, denn normalerweise laufen wir der technischen Entwicklung hinterher.“

Auch er nutzt neben „VoiceOver“ Hörzeitungsangebote und schätzt vor allem ihre Qualität. Durch ein spezielles Format namens „DAISY“ (Digital Accessible Information System) lässt sich nicht nur die Qualität der Sprachausgabe erhöhen, es bietet auch ähnliche Vorteile wie ein Buch. So lassen sich beispielsweise frei wählbare Lesezeichen verwenden und auch die Navigation von Seite zu Seite ist möglich. Zudem benötigt dieses Format deutlich weniger Speicherplatz als eine herkömmliche mp3-Datei.

„DAISY“ als Zukunftsformat

Für Funke öffnen sich damit sogar neue Geschäftsmodelle, die sich nicht allein auf Menschen mit Sehbehinderungen erstrecken. Auch für Hörbücher ist das „DAISY“-Format gut geeignet, erste Verlage nutzen es bereits. Allen, die „DAISY“ selber einmal ausprobieren wollen, empfiehlt Funke die Seite der Deutschen Zentralbücherei für Blinde. Dort lässt sich der Player kostenlos herunterladen.

Allerdings hat dieses Format bisher auch einen Nachteil. Reine „DAISY“-Abspielgeräte sind momentan mit einem Preis ab 200 Euro noch ziemlich teuer. Potential sieht Funke daher vor allem in wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen. Mit einer Integration eines solchen Abspielgerätes in Laptops und Computer könnte man einen großen Schritt nach vorn machen.

Nachrichten via Telefon

Neben diesen Abspielgeräten bieten verschiedene Zeitungen noch eine andere Möglichkeit, die Hörangebote in Anspruch zu nehmen. Unter gesonderten Festnetzrufnummern kann man sich einzelne Teile über das Telefon anhören. Dieser Service ist, abgesehen von eventuell anfallenden Telefonkosten, für Abokunden meist kostenlos. „Vor allem für ältere Menschen, die im Umgang mit Computern und Technik weniger versiert sind, besteht hier noch Ausbaupotential.“, meint Hans-Günter Funke.

Für ein barrierefreieres Morgen

Die Zukunft allerdings ist mobil, und so wünscht er sich einen weiteren Ausbau von Diensten wie „VoiceOver“, um den Zugang zu Informationen und Lektüre für Blinde und Sehbehinderte noch einfacher zu gestalten. Er regt an, Barrieren abzubauen und sich auch aus technischer Sicht näher mit dem Thema zu beschäftigen. So ist zum Beispiel eine Hörzeitungs-Kiosk-App denkbar, aber leider noch nicht umgesetzt. Heiko Kunert hat ebenfalls Verbesserungsvorschläge für das bestehende Hörzeitungsangebot. Er wünscht sich den Audiotext auch noch als TXT-, HTML-, PDF- oder Braille-Kurzschrift-Version auf der CD. „Da könnten die Anbieter von Hörzeitschriften oft noch mehr aus dem Potential rausholen, statt nur Texte aufzulesen“, glaubt Kunert.

Für eine barrierefreie Zukunft sprechen sich beide aus. Heiko Kuhnert sieht gerade dank der technischen Entwicklungen gute Chancen dafür: „Eigentlich denke ich, dass blinde Menschen Zugang zu allen Medien haben sollten. Zumindest mit digitalen Lösungen dürfte das kein Problem sein.“

Weitere Informationen:

Text: Theres Grieger. Bild: David Mönch