Am 7. Januar 2015 verübten zwei maskierte Männer mit Sturmgewehren einen Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris. Laut Medienberichten verloren rund ein Dutzend Menschen ihr Leben. Während die Attentäter flüchteten, schrien sie: „Wir haben den Propheten gerächt.“ und “Allahu Akbar.” Die Brüder wollten wahrscheinlich Vergeltung üben, da die Zeitschrift zuvor Karikaturen über den islamischen Propheten Mohammed veröffentlicht hatte. Doch muss Satire wehtun, muss Satire schmerzen?

Der Anschlag auf die Mitarbeiter der Zeitschrift “Charlie Hebdo” war, bis zu den Anschlägen der vergangenen Woche in Paris, der schwerste Anschlag in Frankreich seit dem Massaker von 1961. Weltweit solidarisierte man sich mit „Charlie Hebdo“. Millionen Menschen nahmen an Trauermärschen teil. Darunter 44 Staats- und Regierungschefs. Der Slogan „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) wurde zum Symbol der Freiheit und der Furchtlosigkeit. Über soziale Netzwerke und darüber hinaus bekundeten Menschen aus aller Welt ihre Anteilnahme und standen gemeinsam für mehr Toleranz ein.

#PrayforParis

Die erste Talkrunde des zweiten Kongresstages eröffnete der Rektor der Hochschule Mittweida, Prof. Dr. Ludwig Hilmer. Er bezog sich dabei auf die Terroranschläge des 13. November in Paris. Prof. Dr. Hilmer fand verurteilende Worte für die Attentate und bekundete Solidarität gegenüber der Opfer: “Das war kein Angriff des Morgenlandes auf das Abendland, es war die Umsetzung einer schrecklichen Ideologie.” Die Hochschule selbst wurde gestern mit den Farben der Trikolore beleuchtet.

Doch auch weltweit ist eine riesige Anteilnahme zu sehen und zu spüren. So sieht man beispielsweise auf Facebook unzählige Profilbilder, die mit einem Transparent der französischen Nationalflagge überzogen sind. Schnell entwickelte sich ein klares Symbol, welches die Bestürzung und den Mut gegenüber des Terrors darstellt. Es handelt sich um ein Symbol, welches in Anlehnung an das PEACE-Zeichen in seiner Mitte den Eiffelturm trägt. Aber auch still gedenken die Menschen in anderen Ländern den Opfern von Paris. In den Medien sah man Muslime mit Plakaten auf den Straßen stehen. Ihre Botschaft #NotInMyName soll klar ausdrücken, dass der Islam nicht gleichbedeutend mit Terrorismus aufgefasst werden soll.

In der Talkrunde wurde über „Charlie Hebdo“ und das Thema der Meinungsfreiheit diskutiert. Zu Gast waren der französische Journalist und Filmemacher Daniel Leconte und Alan Rosenthal, derzeit Professor an der „Hebrew University of Jerusalem“.

Rektor Prof. Dr. phil. Ludwig Hilmer fand bewegende Worte zu den Anschlägen in Paris.

Rektor Prof. Dr. phil. Ludwig Hilmer fand bewegende Worte zu den Anschlägen in Paris.

“Ich würde lieber stehend sterben, als kniend zu leben”

Professor Peter Gottschalk moderierte und leitete die Talkrunde und forderte die Besucher sofort auf, aktiv teilzunehmen: “Just stop playing with your smartphones. Do something analogue: paint or scribble a cartoon!” Unter den Sitzen fand man Stift und Papier, die Zuschauer sollten Karikaturen zeichnen, wozu sich ein kleiner Teil des Publikums motivieren lassen hat. Gezeigt wurden auch Karikaturen von Charlie Hebdo selbst, oftmals provozierend und schmerzend. Trotz Kritik und Drohungen wurden diese Karikaturen veröffentlicht.

“Je préfère mourir debout que vivre à genoux.”, was übersetzt so viel bedeutet wie “Ich würde lieber stehend sterben, als kniend zu leben.” Ein Zitat, welches zum Nachdenken anregt und unglaublich mutig klingt. Es kommt von dem Mann, der wie viele andere am 7. Januar 2015 ums Leben kam: Stéphane Charbonnier, dem ehemaligen Chefredakteur Charlie Hebdos.

„Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden“

Der französische Filmemacher Daniel Leconte sprach anschließend als erster Gastreferent über das Filmemachen mit, über und nach “Charlie”. Die Zuschauer durften einen Ausschnitt seines Dokumentarfilms “C‘est dur d‘être aimé par des cons” sehen. Dieser zeigt, wie dänische Karikaturisten trotz heftigem Widerstand Karikaturen über den Propheten Mohammed veröffentlichen. Unterstützt werden sie durch eine Satirezeitschrift aus Frankreich: Charlie Hebdo. Die Redaktion von Charlie wird beim Karikieren gefilmt und lacht, als sie die Karikatur eines weinenden Mohammeds sieht. In Großbuchstaben darüber: “Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden.” Die Botschaft von Lecontes Film ist klar: Jeder hat das Recht, Gott zu karikieren und niemand darf sich aus Angst vor Terror selbst zensieren oder zensiert werden.

Leconte selbst kritisiert stark die Haltung einiger intellektuellen Eliten wie der Universitäten. Er kann die Stimmen nicht verstehen, die nach dem Anschlag auf “Charlie Hebdo” im Januar die Redaktion für ihr eigenes Schicksal verantwortlich machten und die Muslime als die eigentlichen Opfer darstellten. Statt als nationale Einheit zusammenzuhalten, spaltete sich Frankreich in “Je suis Charlie” und “Je ne suis pas Charlie” auf. Die dennoch große Solidarität mit dem Magazin nach dem Anschlag, auch auf den Straßen, erklärte Daniel Leconte mit Emotionen. Er sagte weiterführend: “But beyond the emotion the French realised the ability to laugh at everything and the freedom to don’t agree with everything Charlie Hebdo does. But they like that they exist.” Der Standpunkt des französischen Filmemachers ist klar: Man tötet nicht wegen einer einfachen Karikatur.

“They went to the street for one simple reason: you don’t kill for a simple cartoon.”

Zu den Anschlägen in Paris vergangene Woche fand Daniel Leconte auch einige Worte. Dieses Mal stehen alle vereint zusammen gegen den Terror. Denn dieses Mal attackierten die Attentäter keine bestimmte Gruppe, sondern jeden, egal welcher Hautfarbe, Geschlecht oder Religion.

Ich sage, was ich will!

Als zweiter Sprecher äußerte sich Professor Alan Rosenthal über die Problematik der Blasphemie als Grund des Anschlags auf “Charlie”. Für ihn hat Meinungsfreiheit klare Grenzen: Keine Verbreitung von Morddrohungen, keine Gefährdung von nationaler Sicherheit und von Kindern und Jugendlichen. Blasphemie gehört nicht dazu. Für ihn verhindert die Verhöhnung Gottes jegliche Möglichkeit, Religion zu kritisieren. Dass Meinungsfreiheit auch verletzen kann, zeigt Rosenthals Beispiel, als der Iran aufrief, Karikaturen zum Holocaust zu zeichnen. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Er selbst lebt seine Ideale vor. Ihn, als Jude, stört es natürlich, wenn nächstes Jahr die Propagandaschrift “Mein Kampf” frei verfügbar ist. Trotzdem bleibt er gelassen: “But it’s free speech. Why not?”

Vor allem die in den Vereinigten Staaten gelebte politische Korrektheit ist ihm ein Dorn im Auge. Warum soll man statt Lady “Gentlewomen” sagen? Weil es verletzen kann? Rosenthal stellt fest: “The freedom of speech we all believe in, is not as free as we like it to be.”

Professor Alan Rosenthal diskutierte über die Bedeutung der Meinungsfreiheit.

Professor Alan Rosenthal diskutierte über die Bedeutung der Meinungsfreiheit.

Meinungsfreiheit: Ja! Gewalt: Nein!

Am Ende waren sich alle einig. Satire und Meinungsfreiheit darf schmerzen. Für Daniel Leconte und Alan Rosenthal ist Satire und Kritik ein Mittel gegen To­ta­li­ta­ris­mus und religiösen Terror.

“ Yes, we may not like it, but you dont take out a life”, fasste Professor Rosenthal zusammen.

Man mag es nicht mögen, sogar hassen, aber Gewalt oder der Aufruf dazu ist zu verurteilen.

Übrigens: Zum Schluss durften auch die Zuschauer ihre gezeichneten Karikaturen auf der Bühne präsentieren. Ganz ohne Zensur und Angst.

Text: Tan Trung Le & Christin Müller. Beitragsbilder: Laura Wirth.