Sexistische Feministinnen

3. November 2019

Cover der EMMA. Titelbild: Anton Baranenko

Die feministische Zeitschrift EMMA hat in einer neuen Rubrik den „Sexist Man Alive“ gewählt. Angelehnt an eine Auszeichnung für den Mann, der am besten aussieht, gibt es nun eine für den Mann, der am sexistischsten ist. Der erste Preisträger ist der Rapper Kollegah. Schade, dass die Auszeichnung nur für Männer ist, denn die Autorinnen liefern mit ihrem Beitrag direkt selbst eine Bewerbung für den Preis ab.

Die konkreten Vorwürfe der Zeitschrift werden direkt am Anfang klar formuliert. So heißt es an Kollegah gerichtet: „Keiner ist so sexistisch, so homophob und so antisemitisch wie du.“ Eine Auseinandersetzung mit den Vorwürfen ist hier nicht sinnvoll, weil die Zeitschrift gar keine Debatte entfachen will. Sie will, so kann man den angriffslustigen Text jedenfalls lesen, nur mal draufhauen, auf den dieses Jahr von Skandalen gebeutelten Rapper. Das wäre auch okay, der Rapper bietet mit seinen teils sexistischen Texten genug Angriffsfläche, wenn die EMMA dabei nicht selbst ins Fettnäpfchen treten und an ihren eigenen Ansprüchen scheitern würde.

Foto: Anton Baranenko

Frontalangriff auf den Rapper

Zuerst verhunzt die EMMA voller Polemik die Religion des Rappers: Kollegah beschrieb in zahlreichen Interviews, dass er in seiner Jugend den Koran gelesen habe. Das und seine anschließende Konvertierung zum Islam hätten ihm durch eine dunkle Phase geholfen: Die EMMA äußert sich so darüber: „Denn nach deiner katholischen Kindheit im Hunsrück bist du mit 15 zum Islam konvertiert. Wie das? Dein neuer Stiefvater ist Algerier ‚und da lag der Koran bei uns zuhaus rum.’ Folge: Erleuchtung!“ Des Weiteren heißt es in dem Text durch die Blume, dass es sich bei dem Islam um eine frauenfeindliche Religion handle. Konkret: Dein Wort Gottes gebietet ja, dass eine anständige Frau das Haus nicht ohne ihren Mann verlässt.“ Hierbei handelt es sich um die viel verbreitete Annahme, dass der Islam durch gewisse, definitiv frauenfeindliche Aussagen im Koran, in seiner Gesamtheit als frauenfeindlich anzusehen sei. Wer diesem Irrglauben immer noch aufsitzt, sollte mal einen Blick in die Bibel werfen oder dieses Video sehen. Die EMMA bezieht sich dann auf nicht näher genannte Quellen und meint, dass der Rapper eine Verlobte habe, die aber noch nie in der Öffentlichkeit aufgetreten sei. Polemisch wird gefragt: „Wie sie wohl aussieht, deine Verlobte? Ist sie verschleiert? Darfst etwa nur du sie sehen?“

Die EMMA scheitert an den eigenen Ansprüchen

Es ist schon komisch: Die EMMA, die sich selbst als Vorzeigeblatt für die emanzipierte Frau sieht, unterliegt hierbei selbst einem sexistischen Klischee. Denn von selbst geht man davon aus, dass Kollegah der starke Mann im Haus ist, der seiner Verlobten vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen hat und degradiert sie so zu einem Heimchen am Herd. Die Wahrheit dürfte eine andere sein: In einem Song auf seinem neusten Album „Monument“ widmet Kollegah erstmals eine ganze Passage seiner Liebsten. Wer im Song Monument (Outro) genau hinhört, kann keinerlei frauenverachtende Ansätze entdecken. Nur einen Mann, der voller Liebe über die Frau an seiner Seite spricht. Kollegah meint, er kenne keinen Mann, der so viel Herz und Mut habe, wie seine Frau.Klingt nicht nach einem Mann, der seine Verlobte einsperrt! Außerdem rappt Kollegah, dass seine Verlobte ihm sagen würde, er solle ihren letzten Rest Privatsphäre schützen. Weiter sage sie: „Keiner soll ahnen, dass es mich gibt.“

Es gibt also eine Erklärung, warum Kollegas Verlobte nie auf einem roten Teppich zu sehen war. Nicht, weil der Rapper es ihr verbietet, sondern weil sie es so will. Hinter dem, was die EMMA Kollegah als Sexismus auslegen will, steht also eine emanzipierte Frau, die ihren Willen durchgesetzt hat. Ganz im Sinne der EMMA.

Chance vertan!

Das Problem an der ganzen Sache: Es gäbe genug Dinge, die man im Bezug auf Kollegah diskutieren könnte. Der Echo-Skandal, sein Buch und seine Texte liefern genug Diskussionsmaterial. Die EMMA greift allerdings seine Religion und seine Verlobte an und liefert so keinen ernstzunehmenden Debattenbeitrag. Denn statt einer ernsthaften Auseinandersetzung gibt es Polemik, einer ganzen Religion wird Frauenfeindlichkeit unterstellt und man unterliegt im großen Frontalangriff auf den Rapper auch noch selbst einem sexistischen Klischee.
Chance vertan!

Text: Moritz Schloms, Titelbild und Foto: Anton Baranenko