„Seis drum. Wenn wir zwischen Tod durch Verhungern oder einer Kugel in den Kopf zu wählen hätten, dann wäre die Kugel viel schneller.“ Ob Krimi oder Thriller, viele Bücher sind für unschuldige Kinderaugen ungeeignet. Fünfjährige dürfen in einem Buchladen alle ausliegenden Bücher einsehen, jeder Zehnjährige kann sie kaufen und lesen. Ist eine Lizensierung von Büchern nicht schon lange überfällig?

Ich bin von dem Buch so gefesselt, dass ich es gar nicht wieder weglegen kann. Eine Seite nach der anderen verschlinge ich förmlich. Theoretisch sollte ich langsam mal schlafen, es ist schon nachts um halb zwei, aber ich muss einfach wissen, wie es weitergeht. Gedanklich befinde ich mich mitten in der Geschichte: Gemeinsam mit „Katniss“, der Hauptfigur und Erzählerin, stürme ich auf das Füllhorn zu, klettere auf Bäume, erjage mir etwas zu essen. Bin stark und selbstbewusst, doch im nächsten Moment knie ich wieder hilflos neben der sterbenden „Rue“ − die Jüngste aller Tribute.

Das Buch, dass mich so in seinen Bann gezogen hat, trägt den Titel „Die Tribute von Panem“. Es ist nicht nur wegen seines Erfolges und der aktuellen Verfilmung des zweiten Teiles Gesprächsthema. Zusammen mit anderen Werken wie „Feuchtgebiete“ und „Fifty Shades of Grey“ löste das Buch Diskussionen darüber aus, ob es nicht an der Zeit ist, Altersbeschränkungen für Bücher einzuführen. Schließlich gibt es solche Beschränkungen bereits auch für Filme und Computerspiele. Sollten Kinder nicht vor gewalttätigen oder sexuellen Inhalten geschützt werden?

Bilder im Kopf – einprägende Erinnerungen

Auch medienMITTWEIDA ging bereits Anfang Dezember 2013 dieser Frage nach und versuchte − anhand Stephen Kings Klassiker „Shining“ − einen Einblick zu geben, wie sich aus leichtsinniger und kindhafter Neugier bleibende Angstzustände über einen Buchinhalt entwickelten. Egal ob Krimi oder Thriller-Roman: Vor solch eindringlichen Horror-Szenen sollten Kinder und Jugendliche künftig geschützt werden, oder? Ich habe mich erneut auf Recherche begeben und musste bald feststellen, dass Befürworter einer „Buch-FSK“ nicht schwer bis gar nicht zu finden sind. Journalist und Autor Thilo Mischke meint beispielsweise, dass eine Altersbeschränkung für Bücher nicht praktikabel sei: „‚Die Tribute von Panem‘ könnten FSK 18 sein, finden aber eindeutig eine junge Leserschaft.“ Die Problematik „Buch-FSK“ lässt sich zudem auch nicht unmittelbar mit der Bestimmung von Altersfreigaben für Film und Fernsehen vergleichen − erklärt auch Jutta Schirmacher, aktuell Referentin im Bereich Medienkompetenz und Jugendschutz der „Bayerischen Landeszentrale für neue Medien“ (BLM):

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In eine Mord- oder Vergewaltigungs-Szene im Fernsehen kann man versehentlich reinzappen und sofort wieder umschalten. Eine vergleichbare Szene aus einem Buch liest man aber kaum „aus Versehen“. Und auch Bilder, die im Kopf entstehen, sind schlecht zensierbar. Jeder Mensch nimmt Literatur anders wahr und verarbeitet das Gelesene unterschiedlich.

Gefahrenerkennung per Buch-Indizierung

Einige stellen sich jetzt sicherlich die Frage, ob die Autoren ihren Fantasien freien Lauf dürfen und man diese letztendlich auf dem Buchmarkt wiederfindet. Nein. Auch für Bücher gibt es eine Indizierung. Die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BPjM) beschäftigt sich neben Filmen und Computerspielen außerdem mit Büchern und kann diese auf Grund jugendgefährdender Inhalte auf den so genannten „Index“ setzen. Hierbei handelt es sich aber meistens um Literatur, die von vornherein verboten gehört, wie zum Beispiel Schriften mit eindeutig rechtsradikalem Inhalt.

„Shades of Books“ – Wer trägt die Verantwortung?

Oft passiert es, dass Bücher in die falschen Hände gelangen. Neben der Indizierung gibt es jedoch noch keine weiteren Maßnahmen. Warum? Gegen eine Altersbeschränkung bei Büchern spricht beispielsweise, dass die „FSK“ keine staatliche Institution ist, sondern nur eine Eigenkontrolle der Filmlandschaft. Um Kinder in Zukunft vor gewalttätigen oder sexuellen Inhalten zu schützen, sollte die Initiative für eine solche Einrichtung von den Verlagen und Autoren ausgehen. Imke Reuter, Gesamtvertriebsleitung im Verlag „Schwarzkopf“, argumentiert noch mit einem ganz anderen Grund gegen die Zensur von Büchern: „‚FSK‘ kann auch dafür sorgen, dass Eltern darauf vertrauen und sich damit nicht weiter beschäftigen.“ Denn gibt es erst einmal eine Beurteilung von einer souverän und verlässlich wirkenden Organisation, besteht die Gefahr, dass sich die Eltern gar nicht mehr darum kümmern, was die Bettlektüre ihrer Kinder ist.

Bei meiner Recherche bin ich auf zahlreiche Diskussionen in Internet-Foren gestoßen. Dort ist mir eine weitere Kontroll-Institution begegnet: Die Buchhändler. Sie sollten die Bücher kennen, die zum Verkauf angeboten werden und besonders darauf achten, dass vor allem Kinder nur Literatur erwerben, die ihrem Alter angemessen ist. Oftmals sind heutige Buchtitel und -cover so ansprechend gestaltet, dass letztendlich das Aussehen zur Kaufentscheidung führt und nicht der Inhalt. Hinzu kommt, dass aus vielen Klappentexten nicht wirklich ersichtlich ist, worum es in dem Buch geht.

Buch-FSK: Die Lösung der Debatte?

Referentin Schirmacher kann der ganzen Diskussion zum Thema Buch-Indizierung auch etwas Gutes abgewinnen: „Gesellschaftliche Debatten sind eine ganz zeitlose Erscheinung. Aus Sicht des Jugendschutzes sind das wichtige Debatten.“ Es kann also kein Fehler sein, Themen wie Altersbeschränkungen und Indizierungen hin und wieder zur Diskussion zu stellen. Wenn dabei herauskommt, dass an den Gesetzmäßigkeiten nichts geändert werden muss, sei dies schließlich auch ein Ergebnis.

Ich kann ihr dabei nur zustimmen und bin ganz froh darüber, dass die Debatten kein Umdenken bewirken. Eine Indizierung für Bücher würde sicher auch viele Autoren verunsichern. Auf der einen Seite muss provokant und mutig geschrieben werden, um mit den Büchern vor allem noch junge Leserschaft zu begeistern. Auf der anderen Seite würde oft überlegt werden, ob dieser oder jener Satz nicht vielleicht doch einen Schritt zu weit geht. Solange Eltern und Buchhändler weiterhin ein Auge darauf werfen, was in den Kinderzimmern an Literatur in den Regalen steht, wird es wohl vorerst keine ernsten Überlegungen zu einer „Buch-FSK“ geben.

Text: Stefanie Fichte. Audio: Moritz Mauch. Grafik: Philipp List