Mensch sein

Das Leben als „Zwerg“

von | 26. Januar 2024

Als Botschafter geschätzt und als Versuchskaninchen missbraucht - Die Geschichte kleinwüchsiger Menschen.

Heutzutage haben kleinwüchsige Menschen in modernen Gesellschaften die gleichen Rechte und Privilegien wie Menschen mit durchschnittlicher Körpergröße. Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher zeigt aber, dass das leider nicht immer so war. Dieser Beitrag soll einen groben historischen Abriss darüber geben, unter welchen Bedingungen sie früher gelebt haben.

Inklusion vor tausenden von Jahren

Vor über 50.000 Jahren lebten die Neandertaler. Diese Urform des Homo sapiens war bereits in der Lage, Werkzeuge für spezifische Aufgaben herzustellen, zeigten Anzeichen von kultureller Entwicklung, konnten mutmaßlich schon sprechen und waren in der Lage, sich verschiedenen Umgebungen anzupassen. Knochenfunde aus dieser Zeit belegen, dass es auch unter ihnen bereits Urmenschen gab, die zum Teil mit schweren körperlichen Einschränkungen leben mussten. Diese wurden aber keineswegs ausgegrenzt oder gar getötet. Im Gegenteil: In den meisten Fällen blieben sie aktiver Teil ihrer Gruppe und erhielten Unterstützung.

Im alten Ägypten übten kleinwüchsige Menschen normale Jobs aus und waren ebenfalls in der damals existierenden Gesellschaft integriert. Es ging mitunter sogar weit darüber hinaus. Forscher vermuten, dass die Ägypter Kleinwüchsige wegen ihrer körperlichen Besonderheiten als Auszeichnungen der Götter angesehen haben könnten. Demnach gab es sogar verschiedene ägyptische Gottheiten, die auffällig kleine Gestalt hatten und im Falle von Zwergengott Bes bspw. für ihre Schutzwirkung verehrt wurden. Besonders zu Zeiten des Alten Reiches, also von circa 2700 bis 2200 vor Christus,  gibt es Nachweise für Kleinwüchsige in sehr hohen Stellungen. Der Hofbeamte Senep beispielsweise diente dem berühmten Pharao Cheops. Er bekleidete die Position des Leiters der Hofweberei und genoss das Privileg, sich als Freund des Königs bezeichnen zu dürfen. Darüber hinaus fungierte er als Leiter des königlichen Palastes und heiratete außerdem eine Frau mit durchschnittlicher Körpergröße aus gutem Hause. Zu seinen Ehren wurde ebenso eine Skulptur angefertigt, die ihn und seine Familie zeigt. Er wurde in unmittelbarer Nähe der berühmten Pyramiden von Gizeh beerdigt.

Das Ansehen kleinwüchsiger Menschen sank in späteren Epochen allerdings wieder.  Sie entwickelten sich in Ägypten nach der Zeit des Alten Reiches zunehmend zum Spottobjekt und rückten, ähnlich wie es im antiken Rom und Griechenland sowie im Mittelalter gewesen ist, an den Rand der Gesellschaft. Häufig war es ihnen nicht gestattet oder nicht möglich, gängige Berufe auszuüben, also mussten sie versuchen, sich als Gaukler, Bettler oder Hofnarr durchzuschlagen. In diesen Zeiten begannen kleinwüchsige Menschen auch das erste Mal damit, sich als „Missgeburten“ oder „Fehlgeburten“, wie man sie damals bezeichnete, auf Jahrmärkten auszustellen, um so etwas Geld der Schaulustigen zu erbetteln.

Vom Hofnarr zum Diplomaten

In den europäischen Herrschaftshäusern des 15. bis 18. Jahrhunderts war es gang und gäbe, Kleinwüchsige am Hof zu haben. Eva Seemann, vom Deutschen Historischen Institut, erklärte gegenüber dem Spiegel, sie hätten ein ähnliches Ansehen wie im Alten Reich Ägyptens genossen. „Zwerg“ oder „Zwergin“ wäre ein angesehenes Amt mit regelmäßiger Besoldung und bestimmten Rechten und Pflichten gewesen. Seemann führte weiter aus, dass der Wunsch, „Zwerge“ am Hof zu haben, dem Wunsch nach Kuriositäten zu Grunde gelegen hätte. Sie wären vornehmlich zur Attraktion beziehungsweise Belustigung dagewesen, hätten allerdings Privilegien genossen, die weit über die eines einfachen Hofnarren hinausgegangen wären. Ihre Begräbnisse glichen denen gehobener Damen und Herren und ihr Ableben wurde großräumig betrauert. Der 65 cm große „Hofzwerg“ Thomele sprang einst, zur Überraschung der Gäste einer Hochzeit, aus einer Pastete heraus und bekam als Dank für seine Dienste bei Erzherzog Ferdinand dem Zweiten ein eigenes Bildnis über dem Eingang der Kaiserlichen Hofburg in Innsbruck. Laut Seemann ging die Wertschätzung für Kleinwüchsige am Hof sogar so weit, dass sie in vielen Fällen am Hof behalten würden, auch wenn es keine Aufgabe mehr für sie gäbe oder sie dienstunfähig würden. Ihren Ausführungen zufolge waren „Hofzwerge“ häufig sehr eng mit ihren Dienstherren verbunden gewesen. Demnach waren sie ihre Begleitung auf Reisen, wurden als Botschafter eingesetzt oder gingen sogar mit ihnen in Gefangenschaft. Dadurch seien häufig enge Bindungen zwischen den Parteien entstanden, und einige „Hofzwerge“ wurden dementsprechend sogar in den Adelsstand erhoben. Abschließend lässt sich die Situation für kleinwüchsige Menschen vom 15. bis zum 18. Jahrhundert in Europa mit folgender Aussage Seemanns gegenüber dem Spiegel beschreiben: „Die allermeisten litten keine Not, nur wenige lebten in prekären Verhältnissen.“

Attraktion Mensch

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden sogenannte „Freakshows“ zum erschreckenden Erfolgskonzept in der europäischen und amerikanischen Unterhaltungsbranche. Diese Shows stellten Menschen mit physischen oder geistigen Besonderheiten zur Schau, um einen kommerziellen Nutzen daraus zu ziehen. Die sogenannten „Freaks“ führten Kunststücke in Zirkusshows auf, nahmen an Wettbewerben teil, die ihre Andersartigkeit betonten oder wurden schlichtweg in ihrem bloßen Sein den Massen präsentiert. In einem SpiegelArtikel aus dem Jahr 2011 heißt es, dass das Publikum sich an der physischen Andersartigkeit dieser „lebenden Kuriositäten“ im gleichen Maß weidete, wie es auch Schlangenbeschwörern und Schwertschluckern entgegentritt. Es war den Menschen egal ob extrem groß oder klein, beleibt oder dürr, behaart oder gefleckt. Alles was irgendwie anders war, hat sie unterhalten.

Diese Shows waren so lukrativ, dass die Betreiber Agenten quer durch die Welt schickten, um die nächste Attraktion für ihr abartiges Businessmodell zu finden. Trotz aller Widrigkeiten ging es den Menschen mit Behinderungen nicht nur schlecht zu dieser Zeit. In Amerika entstand als Folge der Freak Shows eine Stadt namens „Gibtown“. Eine Stadt, in der normal sein besonders war. Hier lebte der „Riese“ direkt neben der „halben Frau“ oder der „Zwerg“ neben dem „Hummerjungen“. Hier fanden diejenigen ein Zuhause, die sich sonst nirgendwo zuhause fühlten. Die Einwohner konnten sich dort wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben normal fühlen, weil alle anders waren. Die „Freakshows”  waren zudem nicht nur für die Betreiber durchaus lohnenswert, sondern auch die Akteure selbst verdienten zum Teil gutes Geld für die damalige Zeit und einige von ihnen wuchsen tatsächlich sogar zu kleinen Stars heran. Allerdings war das nicht die Regel. Für die meisten Darsteller dieser Shows sah die Realität folgendermaßen aus: Ausbeutung statt Anerkennung. 

Auch „Menschenzoos“, in denen Menschen fremder Nationalitäten den Besuchern zur Schau gestellt wurden, erfreuten sich bis 1958 großer Beliebtheit. Die sogenannte Liliputaner-Stadt, als Unterform dieser entwürdigenden Strukturen, existierte allerdings bis ins Jahr 1996 in der deutschen Gemeinde Hassloch. Dort war es den Besuchern möglich, kleinwüchsige Menschen dabei zu beobachten, wie sie schliefen, aßen oder arbeiteten.

Menschliche Versuchskaninchen

Den Höhepunkt der Grausamkeit erreichte der Umgang mit kleinwüchsigen Menschen in den 30er und 40er Jahren. Während der Herrschaftszeit des NS-Regimes wurde 1933 zunächst ein Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erlassen. Sogenannte „Erbkranke“ wurden demnach systematisch erfasst und anschließend zwangssterilisiert. Davon betroffen waren rund 500.000  Männer und Frauen, die beispielsweise an Taub- oder Blindheit, Epilepsie, „Schwachsinn“, Schizophrenie oder an körperlichen Missbildungen litten. 1939 folgte dann im Rahmen des Euthanasieprogramms der Nazis die maximale Eskalationsstufe dieses Gesetzes. In damals so bezeichneten „Pflegeanstalten“ wurden bis 1945 circa 300.000 kranke und behinderte Menschen gezielt vergiftet und später vergast. Darunter eben auch kleinwüchsige Menschen. 

Eben jenen blieben leider auch nicht die Grausamkeiten des KZs in Auschwitz verwehrt. Die jüdisch-rumänische Artistenfamilie Ovitz wurde 1944 in jenes Konzentrationslager eingeliefert, welches mindestens 1,1 Millionen Menschen das Leben kostete. Der grausame Erstickungstod in einer der Gaskammern blieb ihnen zwar erspart, allerdings fielen sie in die Arme eines Mannes, der unter Häftlingen auch als der „Todesengel“ bekannt war. Joseph Mengele war ab 1943 als Lagerarzt im KZ tätig und erlangte nach dem Zweiten Weltkrieg traurige Berühmtheit durch seine unmenschlichen pseudowissenschaftlichen Experimente, vor allem an Zwillingen. Ziel der Untersuchungen war es, Zusammenhänge zwischen genetischer Veranlagung und der Ausbildung bestimmter physischer und geistiger Merkmale herzustellen.

Die Mitglieder der eingelieferten Familie Ovitz bezeichnete er als „seine sieben Zwerge“, wie Perla, eine von sieben kleinwüchsigen Geschwistern der Familie, gegenüber dem Spiegel berichtete. Perla erzählte, dass er seine grausamen Experimente auch an ihnen durchführte. Sie bekamen brennende Lösungen in ihre Haut gespritzt. Ihnen wurden Zähne und Haare ausgerissen. Sie bekamen Tropfen in ihre Augen, die sie für Stunden erblinden ließen. Ihnen wurde literweise Blut abgezapft, bis sie ohnmächtig wurden. Sie wurden auf Pritschen geschnallt und gynäkologischen Versuchen unterzogen. Und ihnen wurde kochendes Wasser in die Ohren gegossen. Doch im Rahmen all dieser Grausamkeiten entstand irgendwie eine seltsame Bindung zwischen Mengele und „seinen sieben Zwergen“. Er brachte manchmal Geschenke mit oder sang mit ihnen. Er soll sogar gesagt haben, dass er sie mitnehmen würde, sollte er eines Tages einmal gehen, erinnert sich Perla. Letzteres ist aber nie passiert. Mengele flüchtete im Januar 1945 als das KZ kurz vor der Befreiung stand, ohne ein Wort zu sagen.

Kurzkommentar des Autors

Was wir daraus lernen sollten

Die historische Betrachtung verdeutlicht, dass Kleinwüchsige in verschiedenen Epochen zumindest temporär Anerkennung erfahren haben. Allerdings ist das nur ein Bruchteil. Die meisten Seiten der Geschichtsbücher sind gefüllt mit Verspottung und Qual. Diese vergangenen Ereignisse sollten als Mahnmal dafür dienen, was nie wieder geschehen darf. Wir sind dazu aufgerufen, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um eine Gesellschaft zu schaffen, in der jeder Mensch unabhängig von körperlichen Merkmalen, Größe oder Herkunft gleichermaßen geschätzt und geachtet wird.

Konkret heißt das, bestehende Barrieren und Vorurteile abzubauen, Inklusion aktiv zu fördern und bewusst gegen Diskriminierung vorzugehen. Es erfordert von uns, den Blick auf die individuellen Fähigkeiten eines Menschen zu lenken, anstatt sich auf äußere Merkmale zu fixieren. Dieser Appell sollte uns leiten, eine Gesellschaft zu gestalten, in der Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern als Bereicherung betrachtet wird. Es ist an der Zeit, die Vergangenheit als Lehre zu nutzen und gemeinsam eine Zukunft zu schaffen, die von Respekt, Wertschätzung und Gleichberechtigung geprägt ist

Text: Moritz Stech, Titelbild: Jack Delano (gemeinfrei), 1941

<h3>Moritz Stech</h3>

Moritz Stech

ist 21 Jahre alt und studiert derzeit Medienmanagement im 5. Semester an der Hochschule Mittweida. Er engagiert sich seit dem Wintersemester 2023/2024 im Team Bild.