Selbstexperiment

Per Smartphone zum Einstein?

von | 25. Dezember 2020

Bildung statt Bananenbrot – mit Apps clever durch den Lockdown.

Das Jahr 2020 und die damit einhergehenden Corona-Lockdown-Phasen haben den einen oder anderen zu neuen, teils außergewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen inspiriert. So waren Puzzles fast ebenso begehrt wie Klopapier und auch das Backen von Bananenbroten avancierte zu einer der Lieblingsbeschäftigungen der jungen Instagram-Nutzer. Wenn auch du genug hast von Corona-Langeweile und deine Zeit lieber in etwas Sinnvolles investieren möchtest, wofür du nicht mal deine eigenen vier Wände verlassen musst, dann aufgepasst. Denn die Lösung ist so simpel wie nah. Das Smartphone. 

Laut einer Studie, im Auftrag von Telefonica Deutschland, verbringt mehr als ein Viertel der 18- bis 29-Jährigen mehr als vier Stunden pro Tag am Smartphone. Wieso diese Zeit also nicht effektiv nutzen und den grauen Zellen etwas Gutes tun? 

Bildungs-Apps gibt es wie Sand am Meer, aber welche taugen wirklich etwas? Wie teuer ist die Bildung via Smartphone und wie viel meiner kostbaren Zeit muss ich für das Lernen aufbringen? Diese und viele weitere Fragen werde ich mir in einem dreiwöchigen Selbstexperiment stellen. In dieser Zeit werde ich die Apps Duolingo, Blinkist und Memorado auf Herz und Nieren testen.

Eine Onlinebibliothek für Lesefaule

Das ist Blinkist. Das Berliner Unternehmen hat 2012 eine Marktlücke erkannt und mit ihrer Wissens-App gefüllt. Diese soll dicke Sachbücher nicht nur verständlicher machen, sondern auch erheblich kürzen. Das Modell ist so simpel wie gut. Echte Fachexperten, teilweise Doktoranden, Unternehmensexperten oder Coaches, fassen dicke Wälzer zusammen und brechen sie auf ihre Kernaussagen, „sogenannte Blinks“, herunter. So soll es den rund 16 Millionen Nutzern ermöglicht werden, den Inhalt von mehr als 4000 Sachbüchern aus 27 Genres zu erfassen: von Geschichte über Börse bis hin zu Liebe und Sex. Wobei Wissen in gerade mal 15 Minuten vermittelt werden soll. Noch nie war es, meiner Meinung nach, so einfach und schnell, ein universal informierter Mensch zu werden. Doch was kostet die Onlinebibliothek für die Hosentasche? Für Blinkist Premium zahlt der Nutzer 79,99 Euro jährlich, beziehungsweise 12,99 Euro im Monats-Abo. Im Paket enthalten sind neben dem unbegrenzten Zugang zu allen Titeln unter anderem auch die Audioversionen in Hörbuchqualität sowie die Möglichkeit, die App für eigene Notizen und Anmerkungen mit Evernote zu synchronisieren. Wer sich erst einmal selbst einen Eindruck verschaffen möchte, hat zudem zwei weitere Möglichkeiten. Zum einen das Probeabo, welches eine Woche kostenlosen Premium Zugang ermöglicht, zum anderen das kostenfreie Basic-Modell. Hierbei bekommt der angemeldete Nutzer jeden Tag die Möglichkeit, einen ausgewählten Titel der Redaktion zu lesen oder auch zu hören. Für einige Nutzer, mit wenig Zeit, scheint diese Variante auszureichen, glaubt man den entsprechenden App Store Bewertungen.

Auf dem Weg zum universal informierten Studenten

Heute beginnt mein Selbstexperiment. In den kommenden sieben Tagen werde ich täglich circa 30 Minuten mit dem Konsum von komprimierter Fachliteratur verbringen. „Eine Welt voller Wissen und Inspiration wartet auf dich.“ Das verspricht die Website und dies sind auch meine Erwartungen. Aufgrund der übersichtlichen Einteilung in drei Menüpunkte fällt mein erster Eindruck positiv aus. Im Startmenü finde ich zunächst allerhand Empfehlungen sowie die beliebtesten Titel. Dabei sticht mir „Becoming“, die Biografie von Michelle Obama, direkt ins Auge. Mit nur einem Klick wird der Titel zu meiner Liste hinzugefügt. Im zweiten Menüpunkt „Entdecken“,  finde ich eine Auflistung aller 27 Kategorien. Die Vielzahl und hohe Varianz überraschen mich positiv. Nachdem ich mich einige Minuten durch verschiedenste Genres geklickt habe, füllt sich meine Liste immer mehr mit Werken über Politik, Geschichte und menschlicher Psychologie. Auch einige Ratgeber wecken mein Interesse. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich die Hälfte dieser Bücher schon immer lesen. Und wenn ich noch ehrlicher bin, hätte ich das nie gemacht. Obwohl Sachbücher bislang nicht zu meinem bevorzugten Genre gehörten, denke ich, dass die Viertelstunde täglich wirklich jeder haben sollte. Meine ersten Blinks zu „Becoming“ höre ich während des Gemüseschnibbelns. Beim anschließenden Staubsaugen führt mich eine sanfte männliche Stimme durch die politischen Wirrungen im Weißen Haus unter Trump. Schon nach dem ersten Tag bin ich süchtig und es fällt mir schwer, die Kopfhörer beiseite zu legen und die App zu schließen. 

Auch in den kommenden sechs Tagen vergeht mir der Spaß an Blinkist nicht, im Gegenteil: Unter normalen Umständen wäre es mir nie möglich gewesen, mich in kurzer Zeit so vielseitig zu informieren. Und das Beste dabei– ich habe die Hände frei, kann nebenbei Autofahren oder kochen. 

Und letztendlich stecke ich auch meinen Freund an, der genau wie ich dem BlinkistFieber verfällt. Jeden Abend erzählen wir uns von unseren bisherigen Favoriten. Ganz oben auf meiner Liste stehen die Blinks zu „I’m a Nurse“ von Franziska Böhler und Jarka Kobsova. Darin erzählt Böhler aus ihrem Alltag als Krankenschwester und macht auf viele Missstände aufmerksam. Letztendlich gibt es keinen Titel, der mir nicht gefällt. Selbst an den Blinks zu Alexandra Reinwarths Bestseller „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“ habe ich nichts auszusetzen. Obwohl ich das Buch in voller Länge kurz vor meinem Test gelesen hatte, habe ich nicht den Eindruck, dass etwas Wichtiges fehlt. Nicht mal auf den humoristischen Stil der Autorin muss man verzichten. 

Außerdem gefallen mir die vielseitigen Möglichkeiten. So kann ich die Blinks lesen, in Hörbuchqualität anhören oder aber im Text Unterstreichungen vornehmen. Am meisten gefallen mir eindeutig die Zusammenfassungen, welche stets auf den letzten Blink folgen und den essentiellen Inhalt der einzelnen Kapitel wiedergeben. Auf diese Weise kann sich das Gesagte noch besser in meinem Gehirn manifestieren. 

Blinkist bietet die Auswahl von über 4000 Titeln aus 27 Kategorien. Bild: Screenshot Blinkist

Top oder Flop?

Die Bewertungen im App Store sprechen für sich. Bei rund 55.500 Rezensionen wird die App mit 4,7 Sternen benotet. Und auch ich bin nach meinem abgeschlossenen Test so begeistert, dass ich das Jahresabo Premium ohne mit der Wimper zu zucken abschließe. Hier stimmt einfach alles, Preis-Leistung top, Inhalte top, Präsentation top. Wer ohne viel Aufwand in eine Welt voller Inspiration und Wissen abtauchen möchte, ist hier genau richtig.

Werbeversprechen eingehalten, volle Punktzahl.
⭐⭐⭐⭐⭐

Der Sprachlehrer für die Hosentasche

Mittlerweile hat etwa jeder zehnte Smartphone-Nutzer weltweit diese App installiert.
33 Sprachen stehen dem englischsprachigen Nutzer hier zur Verfügung, darunter auch zwei fiktionale Sprachen, Klingonisch und Valyrisch. Mehr Amerikaner lernen mit dieser App eine Sprache, als im öffentlichen Schulsystem.
Die Rede ist von Duolingo. Mit rund 300 Millionen Nutzern ist sie die am meisten gedownloadete Bildungs-App der Welt. Für den vollumfänglichen, werbefreien Sprachunterricht zahlt der User 87,99 Euro jährlich. Die Free-Version ist dagegen kostenfrei zugänglich. Doch ist es wirklich möglich, mit nur 30 Minuten Aufwand pro Tag eine neue Sprache via App zu lernen? Ich mache den Test. Bei der Auswahl meiner Wunschsprache stehe ich direkt vor dem ersten Problem. Gerade einmal drei Sprachen werden für den deutschsprachigen Nutzer angeboten. Da ich weder Spanisch noch Französisch lernen möchte und sich mein Englisch bereits sehen lassen kann, entscheide ich mich für einen Kurs mit Englisch als Ausgangssprache. Die nächsten sieben Tage werde ich also Italienisch lernen. Vorkenntnisse null, Motivation hundert.

Molto bene?

Mein erster Eindruck ist auch hier sehr gut. Das Interface ist intuitiv und das Design durchdacht. Auch gefällt mir die strukturierte Aufteilung in 90 verschiedene Kurse mit individuellen Inhalten, von Basics über Phrasen und grammatikalische Strukturen, bis hin zu Politik und Business Vokabeln. Auf spielerische Weise absolviere ich die ersten Lektionen und lerne dabei die grammatikalischen Grundregeln und fundamentale Vokabeln. Später wird verlangt, ganze Sätze frei zu übersetzen und auch auf die Aussprache wird zunehmend mehr Wert gelegt. Dabei wird man immer wieder von der App an die Hand genommen und unterstützt. So kann man beispielsweise vor jeder Lektion Tipps abrufen und sich innerhalb der Übungen Hilfestellungen anzeigen lassen, wenn man mal nicht mehr weiterweiß. Macht man dann doch mal einen Fehler, wird einem ein Herz abgezogen. Im Großen und Ganzen fällt mir das tägliche Lernen leicht und bereitet mir viel Spaß, allerdings bin ich an Tag drei so genervt von den ständigen Unterbrechungen durch die fünf aufgebrauchten Herzen, dass ich mir die kostenfreie Testversion des Pro-Modells zulege. Obwohl sich jeweils ein Herz alle fünf Stunden erneuert, unterbricht dies mein Lernerlebnis ständig. Zu den Funktionen des Pro-Modells gehören neben den unbegrenzten Herzen, auch an den eigenen Fortschritt angepasste Sprachtests sowie ein werbefreies Lernerlebnis. Anders als bei Blinkist und Memorado, sind hier aber alle essentiellen Funktionen auch im Free Modell zugänglich, was unter anderem erklären würde, wieso Duolingo eine so enorme Menge an Nutzern vorweisen kann.

Am Ende meiner Testwoche bin ich tatsächlich in der Lage, einige Brocken Italienisch frei zu sprechen und noch mehr zu verstehen. Ein super Gefühl. Und obwohl ich im Großen und Ganzen zufrieden bin, habe ich auch einige Kritikpunkte, die mich davon abhalten, mein Geld auszugeben. Zum einen sind manche Übungssätze so abstrakt und konstruiert, dass ich den Kopf schütteln muss. So lautet eine Übersetzung beispielsweise: „Der Mann isst seine Pizza und eine Katze.” Meiner Meinung nach sind solche verwirrenden Formulierungen hier fehl am Platz. Zum anderen habe ich eine spanisch-sprechende Freundin gebeten, Duolingo zu testen. Und sie hat mir bestätigt, was ich schon ahnte. Für Fortgeschrittene ist Duolingo nicht geeignet, da die Lektionen nicht über ein Anfängerniveau hinausgehen. Solltest du also auf der Suche nach einer App sein, mit der du dein Schulenglisch aufbessern kannst, würde ich Apple Nutzern eher Climb ans Herz legen. Außerdem bin ich der Ansicht, dass zum Lernen einer Sprache auch tiefgreifende Grammatikkenntnisse gehören und auf diesem Gebiet ist Duolingo eher schwach aufgestellt. Zwar werden grundlegende Schemata zur Verfügung gestellt, aber der Fokus der einzelnen Lektionen liegt leider überwiegend auf Vokabel- Kunde.

Mein Levelfortschritt nach sieben Tagen. Bild: Screenshot Duolingo

Den Hype wirklich wert?

Abschließend denke ich, dass Duolingo sich zwar prima eignet, um spielerisch eine neue Sprache zu lernen, aber Fortgeschrittene sich eher nach etwas Anderem umschauen sollten. 

Daher vergebe ich für den Sprachlehrer aus der Hosentasche vier von fünf Sternen.
⭐⭐⭐⭐

Das neue Dr. Kawashimas Gehirnjogging? 

Fast jedem dürfte dieser bekannte Nintendo-Titel ein Begriff sein. Auf spielerische Weise werden hier die grauen Zellen angeregt und trainiert. Das gleiche Prinzip liegt der App Memorado zugrunde. Mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: man benötigt keine externe Spielekonsole. Alles, was man für das Training braucht, ist das eigene Smartphone und etwas Grips. In sieben Kategorien werden 40 Minispiele angeboten, welche beispielsweise die Konzentration fördern, das Gedächtnis anregen oder das logische Verständnis schulen sollen. Außerdem gilt es einen täglichen Test zu absolvieren, bei dem man sein Können unter Beweis stellen muss. Der Haken daran? In der kostenlosen Version der App ist nur eine Handvoll von Spielen freigeschaltet. Für das volle Gehirnjogging-Erlebnis wird der Nutzer zur Kasse gebeten. Dabei hat er die Wahl zwischen 15 Euro für ein dreimonatiges Abo oder einmaligen 44 Euro.

Fitnessstudio für den Kopf 

Für meinen Test entscheide ich mich auch hier für das siebentägige Probeabo.
Gleich zu Beginn fällt mir auf, dass Memorado, neben dem klassischen Gehirnjogging, auch zwei weitere Funktionen anbietet. Im „Relax Bereich” soll der Nutzer lernen, zu meditieren und im Schlaflabor stehen ihm unter anderem Einschlafübungen und Klanglandschaften zur Verfügung. Ich lasse diese beiden Bereiche in meinem Test allerdings aus. Darüber hinaus wird man beim Starten der App dazu aufgefordert auszuwählen, in welchen Bereichen man sich verbessern möchte. Ich wähle Gedächtnis und Konzentration aus. Darauf folgt ein IQ-Test. Dieser besteht aus zwölf Fragen und dauert keine zehn Minuten. Mein Ergebnis: 114, überdurchschnittlich. Die App verspricht mir, diese Leistung noch zu verbessern. Am Ende meines Experiments werde ich den Test wiederholen und so viel kann ich schon verraten, das Ergebnis wird mich überraschen.

Die Minispiele beziehungsweise Übungen wirken auf mich durchdacht und basieren laut Website auf klinischen Studien und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Bereits bekannt sind mir Spiele wie „Memory”, „Mahjongg” und „Verwirrende Farben”.  Aber auch viele andere Minispiele warten hier darauf, entdeckt zu werden, beispielsweise Rechenaufgaben und Reaktionstraining. Im Laufe meines Tests probiere ich jedes Spiel mindestens einmal und merke schnell, dass sich feste Favoriten herauskristallisieren, die ich immer wieder spiele. Andere Spiele, die mir schwerer fallen, ignoriere ich weitestgehend. Ein Fehler, wie sich herausstellt. In den täglichen Tests wird man nämlich mit jeweils einem Spiel aus fünf ausgewählten Kategorien konfrontiert und sollte daher alle im Vorfeld üben. Ein, wie ich finde, schlauer Schachzug der Entwickler. Zusätzlich motivierend ist der Vergleich mit anderen Nutzern, welche denselben Test absolvierten. Negativ aufgefallen ist mir dagegen der Schwierigkeitsgrad dieser Tests, da dieser scheinbar nicht an den eigenen Fortschritt angepasst wird. Oftmals waren die Tests viel schwieriger als die Übungen, was ähnlich frustrierend ist wie damals im Matheunterricht. 

Eine Auswahl von 40 Minispielen in sieben Kategorien in der Premium Version. Bild: Screenshot Geist Memorado

Must-have oder nice to have? 

Ich selbst bin auf die App gestoßen, weil mir häufiger die Werbung im App Store angezeigt wurde, denn Memorado hat das Gütesiegel „von Apple empfohlen“. Und auch die Nutzer scheinen überzeugt zu sein. 4,5 Sterne erhält die App bei rund 15.500 Bewertungen. 

Und obwohl mein zweiter IQ-Test nach sieben Tagen tatsächlich ein überraschendes Ergebnis (von 114 auf 120) liefert, kann die App mich leider nicht genug überzeugen. Die Minispiele finde ich zwar teilweise interessant, aber der nicht angepasste Schwierigkeitsgrad frustriert mich zu sehr, um letztendlich Geld in das Produkt zu investieren. Wäre das kostenlose Angebot größer, hätte Memorado mich als Langzeitnutzer gewonnen, aber so landet das Fitnessstudio fürs Gehirn bei mir leider im virtuellen Papierkorb.

Drei von fünf Sternen für die App aus der Kategorie „nice to have“.
⭐⭐⭐

Text: Anna Koutsidis Bilder: Screenshots Blinkist, Duolingo, Memorado

<h3>Anna Koutsidis</h3>

Anna Koutsidis

ist 20 Jahre alt und studiert derzeit im dritten Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA engagiert sie sich als Assistentin der Ressortleitung Gesellschaft.