„Ich habe erkannt, dass ich handeln muss – und du auch!“

von | 24. Mai 2019

Beim Containern werden Lebensmittel aus den Mülltonnen der Supermärkte gerettet. Titelbild: Susan Jahnke

Rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen laut WWF in Deutschland jährlich im Müll. Währenddessen hungern laut Welthungerhilfe mehr als 800 Millionen Menschen weltweit. Im Beitrag zum Thema Lebensmittelverschwendung könnt ihr mehr zu den Hintergründen erfahren.

Im Kampf gegen diese Verschwendung gibt es Menschen, die regelmäßig in die Mülltonnen der Supermärkte tauchen – so auch Franziska (Name von der Redaktion geändert). Sie rettet Lebensmittel aus dem Müll, die eigentlich noch gut und teilweise nicht einmal abgelaufen sind. Einen kleinen Haken gibt es daran allerdings: In Deutschland ist Containern, wie es umgangssprachlich genannt wird, verboten. Wird man erwischt, kann das strafrechtliche Folgen nach sich ziehen.

medienMITTWEIDA wollte mehr über das Thema erfahren und hat mit der Nürnbergerin gesprochen. Uns hat sie erzählt, welche Gedanken ihr beim Containern durch den Kopf gehen und was sie von unserer Gesellschaft im Kampf gegen diese Misswirtschaft erwartet.

Warum hast du dich dafür entschieden, weggeworfenes Essen aus Mülltonnen zu retten?

Franziska: Seit einem halben Jahr gehe ich jetzt regelmäßig ein- bis zweimal die Woche containern. Dazu entschieden habe ich mich aus Respekt vor dem Leben und dem Prozess der Schöpfung. Ich finde es ist ein absolutes Unding, die Natur und deren Lebewesen so auszubeuten. Mir ist es wichtig, den Lebensmitteln noch Wertschätzung entgegenzubringen, indem ich sie aus dem Müll rette.

Wenn du bei deinen Container Aktionen die Lebensmittel aus den Tonnen holst, was geht dir dabei durch den Kopf?

Franziska: Ich bin oft traurig und entsetzt, wenn ich sehe, wie viel und was weggeschmissen wird. Einmal habe ich sogar geweint. Auf der anderen Seite freue ich mich darüber, dass ich die Lebensmittel noch retten kann. 

Hast du Angst davor, erwischt zu werden, da das Containern in Deutschland strafrechtlich verfolgt wird?

Franziska: Die Angst habe ich jedes Mal. Ich halte mir aber immer vor Augen, warum ich es mache und dass es meine Aufgabe ist, das zu tun. Ich wurde schon einmal erwischt und es hatte keine Folgen. Wir haben sogar Zuspruch bekommen.

Ich finde es schlimm, dass so viel weggeschmissen wird. Das ist meiner Meinung nach die eigentliche Straftat. Leute erniedrigen sich dazu, in Mülltonnen zu wühlen, um Essen zu retten. Dass das dann auch noch rechtlich verfolgt wird, dafür fehlen mir fast die Worte. Meiner Meinung nach ist es eine absolute Ehrensache und sollte sogar gefördert werden, aber auf keinen Fall verboten sein.

 

Gibt es beim Containern eine bestimmte Vorgehensweise?

Franziska: Am besten ist es zu zweit oder zu dritt mit einem großen Auto, genügend Taschen und Kisten. Außerdem braucht man Taschenlampen, Handschuhe und auch ein wenig Zeit. Ab 22 Uhr ist es optimal. Kommt auf den Supermarkt an. Man muss nicht mitten in der Nacht gehen. Wichtig ist es auch, kein Chaos zu hinterlassen und nichts zu beschädigen. Bei Begegnungen immer freundlich bleiben und erklären, warum man das macht.

Du ernährst dich vegan. Gibst du auch beim Containern darauf acht, nur vegane Produkte aus der Tonne zu retten?

Franziska: Ich container alles und verteile es dann an Freunde und Bekannte, von denen ich weiß, dass sie es essen. Mein Vater ist Metzger und er bekommt dann auch mal Schinken. Zur Not esse ich vegetarische Dinge auch selbst. Es ist mir sehr wichtig, dass die Tiere nicht umsonst gelitten haben, indem ihre Produkte dann auch noch im Müll landen.

Man könnte vermuten, containertes Essen könnte verdorben sein. Hattest du schon einmal eine unangenehme Erfahrung mit containertem Essen?

Franziska: Ich habe mir noch nie den Magen verdorben und auch von anderen habe ich noch nie etwas Schlechtes zum containerten Essen gehört. Wichtig ist es, sich einfach auf seine menschlichen Sinne zu verlassen. So kann man ganz einfach untersuchen, was man noch essen und verarbeiten kann. Von Obst und Gemüse können problemlos auch Druckstellen oder ähnliches weggeschnitten werden.

Statt das Containern für dich zu behalten, postest du öffentlich auf Instagram von deiner Ausbeute beim „Mülltauchen“. Warum lässt du dies bewusst an die Öffentlichkeit?

Franziska: Ich möchte das Essen nicht für mich behalten und mich daran bereichern. Mir ist es sehr wichtig, auf diese Missstände aufmerksam zu machen und so viele Menschen wie es nur geht zu erreichen. Das geht am besten über das Internet. Ich zeige hier auch gerne, wie ich die Lebensmittel noch zubereite, um zu verdeutlichen, wie wunderbar das Essen aus den Mülltonnen noch ist.

Was erwartest du von unserer Gesellschaft und der Politik, damit es in Zukunft gar nicht mehr dazu kommt, dass massenhaft Lebensmittel im Müll landen?

Franziska: Die Gesellschaft sollte achtsamer und bewusster einkaufen, Ansprüche ändern, sich für das Thema einsetzen und nicht einfach ignorieren. Denn es geht uns alle etwas an. Der Politik geht es meiner Meinung nach nicht um das Wohl von unserem Planeten und dessen Mitbewohnern, sondern nur um Profit. Diese Grundhaltung sollte sich dringend ändern. Containern sollte erlaubt sein und unterstützt werden. Foodsharing der Supermärkte sollte Pflicht sein.

 

Was können wir als Konsumenten deiner Meinung nach tun, um dem Überfluss und der Wegwerfgesellschaft entgegenzuwirken?

Franziska: Was bereits hilft, ist Foodsharing unter Freunden oder Nachbarn, bewusstes Planen und Einkaufen und auf das Thema aufmerksam zu machen. Ebenso wie gezielt Obst und Gemüse zu kaufen, das nicht mehr so perfekt aussieht oder Produkte, die nah am Mindesthaltbarkeitsdatum sind.

 

Inwieweit hat das Containern dein Leben verändert?

Franziska: Durch das Containern habe ich ein komplett neues Weltbild entwickelt. Zum einen bin ich entsetzt, wütend und traurig darüber, in was für einer Welt ich lebe, in der es Orte gibt, wo Menschen verhungern und sterben, weil sie nichts zu essen haben und ausgebeutet werden. In der es Tiere gibt, die ein qualvolles Leben führen und dann voller Leid sterben müssen. All das, weil es an anderen Orten auf dieser Welt Menschen gibt, die sich an diesem Leid bereichern und dann wertvolle Lebensmittel vor lauter Überfluss einfach in den Müll schmeißen. Kann das sein? Durch das Containern ist mir diese furchtbare Tatsache noch einmal verdeutlicht worden. Mir war klar: Ich muss etwas tun! Ich habe angefangen die Lebensmittel zu schätzen und ein großes Bewusstsein zu entwickeln. Ich fing an, die Gesetze und die Gesellschaft zu hinterfragen. Ich habe erkannt, dass ich handeln muss – und du auch! Es ist meine und deine Verantwortung, sich dafür einzusetzen, dass sich etwas zum Guten verändert in dieser Welt. Und zwar genau jetzt!

 

Text und Titelbild: Susan Jahnke