Couchkritik im April

von | 30. April 2019

Frauenpower im April, Fotos: HBO | Netflix | Jeff Weddell/Netflix | Johan Paulin/ Netflix, Montage: Lena von Heydebreck

Unterschiedlicher könnte die Serien-Auswahl im April nicht ausfallen: Auf den ersten Blick haben eine naive Teenie-Hexe, eine Psychologie studierende Domina, eine vermeintliche Mörderin und der Krieg um einen eisernen Thron wenig gemeinsam. Obwohl sich die Serien sowohl in Qualität als auch im Genre stark unterscheiden, finden sich inhaltlich doch stets Gemeinsamkeiten: Jeder Charakter kämpft – gegen Verurteilung, eine unausweichliche Prophezeiung, Trauma oder eine Armee aus Untoten.

Quicksand – Staffel 1 – seit 05. April auf Netflix

Eine Tasse mit der Aufschrift „Bester Papa der Welt“ liegt zerbrochen auf dem Boden. Blut vermischt sich mit dem verschütteten Kaffee. Die Kamera fährt über rot gesprenkelte Schultische. Handys klingeln. Regungslose Körper liegen in Lachen aus Blut. So schockierend beginnt die schwedische Serie Quicksand – Im Traum kannst du nicht lügen (orig. Störst av allt), die auf dem gleichnamigen Roman der Autorin Malin Persson Giolito basiert. Inmitten dieser Szenerie sitzt weinend und doch gefühlskalt die 18-jährige Maja Norberg, bevor sie von der Polizei festgenommen wird. Sie ist die Einzige, die die Begebenheiten im Klassenraum der Eliteschule unversehrt überstanden hat und wird daher des Mordes beschuldigt. Durch Verhöre, Erinnerungsfetzen und Rückblenden entschlüsselt die Netflix– Eigenproduktion mit steigender Spannung Stück für Stück, ob Maja wirklich schuldig ist. Die Serie ist dabei stark auf ihre Protagonistin fokussiert, erzählt ausschließlich aus ihrer Perspektive und lässt anderen Charakteren wenig Raum, sich zu entfalten. Das ist aber auch nicht notwendig, da Hanna Ardéhn der Serie und ihrer Rolle das Leben einhaucht. Von verstört teilnahmsloser Emotionslosigkeit bis zu mitreißenden Gefühlsausbrüchen erlebt der Zuschauer ein junges Mädchen in einer sehr misslichen Lage und kann sich der fesselnden, tragischen Atmosphäre kaum entziehen. Die Krimiserie regt durch ihre brisanten Themen stark zum Nachdenken an, ohne dabei plakativ zu werden und der eigentlichen Geschichte ihren Raum zu nehmen. Besonders in der Gerichtsverhandlung weiß der Plot der Serie, die Emotionen ihrer Zuschauer zu lenken. Das Misstrauen, das der potentiellen Mörderin entgegengebracht wird, scheint angesichts der Situation zwar berechtigt, löst beim bereits mehr wissenden Zuschauer aber lediglich Wut über diese ungerechte Behandlung aus. Die Serie lebt von ihrer monoperspektivischen Erzählweise und schafft dadurch eine starke Verbindung zu Majas Gefühlswelt. Insgesamt ist Netflix damit eine bewegende und fesselnde, erste schwedische Eigenproduktion gelungen, die ähnliches Aufrüttel-Potential besitzt wie Tote Mädchen lügen nicht.

Chilling Adventures of Sabrina – Part 2 – seit 05. April auf Netflix

Erzwungen, widersprüchlich und wenig überzeugend startet Chilling Adventures of Sabrina in die dunklere Hälfte der ersten Staffel. Nachdem der erste Teil noch als interessante, düstere Variante der Geschichte um die 16-jährigen Halbhexe Sabrina Spellman durchging, zeigt sich nun die Schattenseite der Neuauflage. Nachdem sich Sabrina ihrem Hexendasein und dem dunklen Lord vollständig verschrieben hat, kämpft sie neben banalen Teenagerproblemen darum, ihre menschliche und damit gute Seite nicht vollends zu verlieren. Trotz überzeugender schauspielerischer Leistung seitens Kiernan Shipka ist der Charakter Sabrina Spellman derart inkonsistent konstruiert, dass sie beim Zuschauer meist nur lästige Genervtheit auslöst. Krampfhaft versucht die Serie, starke Frauenbilder zu präsentieren, die sich im nächsten Moment als naiv und hilflos herausstellen. An der Spitze dieser Problematik steht Sabrina selbst, die durch ihren Status als Hauptcharakter selbstverständlich immer mit allem, egal wie hirnrissig und fatal ihre Entscheidungen auch sein mögen, letztlich Erfolg hat. Generell arbeitet die Serie sehr plakativ in einem Gut-und-Böse-Schema, wobei stets gegen die Unterwerfung des weiblichen Geschlechts angekämpft wird. Die scheinbare Intention, Feminismus, Transgender-Thematiken und Homosexualität darzustellen, um eine gewisse Offenheit beim Publikum zu erzielen, mag ja löblich sein, wirkt allerdings zu erzwungen und schlicht unauthentisch. So beispielsweise auch bei der Darstellung der altrömischen Festlichkeit Luperkalien, in der als Wölfe verkleidete Jungen, Mädchen in roten Mänteln jagen. In Chilling Adventures of Sabrina jagen selbstverständlich die Mädchen. Gespickt mit Teenie-Liebesdrama und qualitativ schlechten Animationen bleibt der Serie nur noch ihre gut aufgebaute Spannung, die den Zuschauer trotz der Genervtheit zum Weiterschauen animieren kann. Übrig bleibt eine Teenie-Fantasy-Serie, die aufgrund von scheinbar grenzenloser Naivität des Hauptcharakters für eine ältere Zielgruppe ungeeignet und für eine jüngere Zielgruppe teils zu düster und brutal scheint. Auch der Ausblick auf die Ereignisse der kommenden Staffel, die bereits bestätigt wurde, macht weiterhin einen sehr einfältigen Eindruck.

Bonding – Staffel 1 – seit 24. April auf Netflix

Seit Fifty Shades of Grey ist BDSM kaum noch als Tabuthema zu bezeichnen. Nun ist auch Netflix mit seiner Mini-Serie Bonding auf den schon fast dem Mainstream verfallenen Zug aufgesprungen. Die Psychologie-Studentin Tiff (Zoe Levin) arbeitet nebenberuflich als Domina und stellt ihren schwulen besten Freund Pete (Brendan Scannell) aus Highschool-Zeiten als Assistenten an. In insgesamt sieben 15-minütigen Folgen gibt die Comedy-Serie einen lockeren, erfrischenden Einblick in ausgefallene, sexuelle Vorlieben. Grundtenor ist dabei vor allem Befreiung von Scham und Selbstakzeptanz. Mit einem guten Maß an Humor und knackigen Pointen wandert die Serie auf dem schmalen Grat, die sensible Thematik nicht ins Lächerliche zu ziehen. Trotz stereotypischer Charaktere und einer schlechtsitzenden Lack-Corsage hat die Serie sehr viel Charme und macht schlicht Spaß. Der aufklärende Charakter ist im Gegensatz zu Fifty Shades of Grey zwar authentischer angelegt, verfehlt an manchen Stellen allerdings trotzdem sein Ziel: Sinnlichkeit und Erotik sind in der Serie völlig unauffindbar. Zudem widersprechen Aussagen wie „wenn ich dir erzählen würde, was wir gleich tun werden, würdest du es nicht tun“ eindeutig dem BDSM-Grundsatz der Einvernehmlichkeit und stellt die Thematik damit fehlerhaft dar. Viel reizvoller als die BDSM-Schale ist allerdings eh der eigentliche Kern der Serie: Die Freundschaft von Tiff und Pete, sowie die Entwicklung der beiden Charaktere. In so kurzer Zeit überhaupt eine Charakterentwicklung auf beiden Seiten zu vollziehen, ist beachtlich. Die Figuren treiben ihre Entwicklung gegenseitig voran und intensivieren dabei ihre Freundschaft. Auch wenn den Folgen ein paar Minuten mehr Länge nicht geschadet hätten, ist Bonding eine kurzweilige, aber interessante und vor allem charmante Serie geworden, die Lust auf mehr macht.

Game of Thrones – Staffel 8 – seit 15. April auf Sky

Überall schreien Menschen sich Befehle zu. Alle begeben sich an ihre vorgesehenen Positionen. Es ist laut, hektisch und doch ruhig. Die Kamera bewegt sich langsam in einer eindrucksvollen Plansequenz  (meint eine choreografierte Sequenz, die in einer einzelnen Einstellung gedreht wurde, Anm. d. Red.) durch das Geschehen. Die Spannung steigt. Ungewissheit steht bevor. Der Kampf um den Eisernen Thron von Westeros geht in die letzte Runde: Seit acht Jahren begeistert die Serie Game of Thrones schon ihre Fans und findet mit ihrer achten Staffel nun ein unerwünschtes Ende. Mit viel Ruhe und Liebe zum Detail nimmt sich die Serie auf ihren letzten Metern, trotz einer begrenzten Länge von nur sechs Episoden, die Zeit, in das Geschehen einzuführen. Sie schafft Raum, ihre Charaktere noch einmal glänzen zu lassen und Szenen auszuspielen, auf die der Zuschauer lange gehofft hat. Nach einer soliden, klassischen Exposition kommt die Serie auch schon zu ihrem ersten Höhepunkt: Die Schlacht um Winterfell steht bevor. Mit gewohnt hochwertiger Optik, einmaliger Spannung und extravaganten Inszenierungen begeistert Miguel Sapochnik, der bereits bei den kampflastigen Episoden „Hartheim“ und „Die Schlacht der Bastarde“ in den vergangenen Staffeln erfolgreich Regie geführt hat, ein weiteres Mal sein Können. Auch wenn die Schlachtszenen zu den eindrucksvollsten der Fernsehgeschichte gehören, ist Game of Thrones weit mehr als imposant aussehendes Gemetzel. Die Szenen halten ihre Spannung vor allem durch ihr fesselndes Storytelling und die vielschichtigen, interessanten Charaktere, die mit viel Zeit und Liebe aufgebaut wurden. Daher rührt auch die starke Emotionalität, die in vielen Momenten der Serie ihre unvergleichliche Qualität zu Vorschein bringt und auch in dieser Staffel mit Sicherheit noch viele Tränen kosten wird. Hinter dem Fantasy-Spektakel, das oft stumpf als Blut, Sex und Drachen zusammengefasst wird, stecken eigentlich gut geschriebene Dialoge, unerwartete Wendungen und beeindruckende CGI-Arbeit (CGI = computer generated image, Anm. d. Red.). Nichtdestotrotz sind teils ausgeprägte Brutalität, bemerkenswert animierte Drachen und mit der Zeit immer harmlosere Sex-Szenen Bestandteil der Serie und machen sie zu einem unberechenbaren, schockierenden, mitreißenden Fantasy-Abenteuer. Game of Thrones kann inzwischen sicher als Meilenstein in der Seriengeschichte bezeichnet werden, den man einfach gesehen haben muss – auch wenn man kein Fan von blutigen Fantasy-Geschichten ist.

Text: Lena von Heydebreck, Fotos: HBO | Netflix | Jeff Weddell/Netflix | Johan Paulin/Netflix , Montage: Lena von Heydebreck