Couchkritik im Mai

von | 31. Mai 2019

Vier Serien und eine Frage: Was bewegt die Gesellschaft? Fotos Credits: © SWR/Pierre Marsaut | Adam Rose/Netflix | Courtesy of Netflix | Seacia Pavao/Netflix. Montage: Lena von Heydebreck

Was wäre, wenn die Gesellschaft sich von ihren Moralvorstellungen lösen würde und keiner mehr für Ordnung und Struktur sorgt? Was würde passieren? Genau dieser Frage müssen sich Rasmus Andersen (Lucas Lynggaard Tønnesen) aus The Rain, Allie Pressman (Kathryn Newton) aus The Society, Hélène (Sylvie Testud) aus Eden und Anne Montgomery (Renée Zellweger) aus What/If stellen. Denn sie alle versuchen krampfhaft die Kontrolle über die Ereignisse in ihrem Leben zu behalten. Doch das ist nicht immer so einfach.  

The Society – Staffel 1 – seit 10. Mai auf Netflix

Ein Bus mit einer Gruppe von hormongesteuerten Teenagern ist auf Klassenfahrt. Doch sie haben ein Ziel, das sie nie erreichen sollen. Denn wenn die Teenager aus der kleinen Stadt West Ham den Bus wieder verlassen, steht ihnen ein großes soziales Experiment bevor. Was klingt wie ein schlechter Horrorfilm oder eine weitere Serie vom Fließband, beweist nach den ersten Folgen, dass sie weitaus mehr ist.

In der Coming-of-Age-Serie The Society dreht sich alles um die kleine Stadt West Ham. Sie wird von einem unerträglichen Gestank heimgesucht, deshalb beschließt die örtliche High School einen Teil der Schüler zu evakuieren. Allie Pressman (Kathryn Newton), Campbell Eliot (Christopher Gray) und Gordie (Jose Julian) sind nur drei der rund 200 Schüler, die mit dem Bus in den Nationalpark fahren, um dem Gestank zu entgehen. Wegen einer Straßensperrung kehrt der Busfahrer um und bringt sie zurück. Doch in der Stadt ist keiner mehr. Keine Erwachsenen, kein Internet, kein Entkommen. Sie sind allein und lernen schnell, dass ihre Kindheit jetzt vorbei ist.

Zwischen Chaos und Zivilisation

Die Serie weist inhaltlich Parallelen zum Klassiker Herr der Fliegen von William Golding auf. Denn die Jugendlichen lernen schnell, dass eine neue Zivilisation nicht ohne Probleme entsteht. Jede Entscheidung, die die Bewohner von West Ham treffen, ist durch Instinkte wie Angst, Hunger, Liebe und Neid motiviert. Und so befindet sich die ach so hoch entwickelte Gesellschaft von New Ham, wie sie die Stadt nennen, sozial gesehen wieder im Mittelalter. Plötzlich müssen sie selbst entscheiden, wie sich ihr Zusammenleben gestalten soll. Wer stellt Regeln auf und warum? Und was passiert, wenn gegen diese Regeln verstoßen wird? Die Serie steckt voller tiefgründiger Botschaften, die die Handlung untermalen und zum Nachdenken anregen. Automatisch fängt man an sich zu fragen, wie man selbst entschieden und gehandelt hätte. The Society nimmt den Zuschauer bei jedem Schritt mit, so sind alle Entscheidungen nachvollziehbar und fühlen sich begründet und natürlich an, als wäre man selbst in den Prozess involviert.

Erzwungene Vielfalt

Diversität in der Gesellschaft ist ein Aspekt, der in der aktuellen Film- und Serienbranche groß geschrieben wird. Und das ist auch gut so, wenn aber krampfhaft versucht wird, Vielfalt abzubilden, kann das auch schnell ins Gegenteil umschlagen. Besonders, wenn man eine Reihe von Klischees bedient. The Society bewegt sich hier auf einem schmalen Grat. Denn der Name The Society impliziert den Gedanken einer diversen Gesellschaft, doch es werden teilweise einfach plakativ Stereotype abgearbeitet. So wirkt es als hätte man versucht, einen Punkt von der Checkliste abzuhaken und nicht, als wolle man wirklich ein buntes Bild der Gesellschaft malen: Homosexuell? Check. Farbig? Check. Asiate? Check. Übergewichtig? Check. So wird man einer vielseitigen Gesellschaft leider nicht gerecht.  

Doch abgesehen davon, ist die Umsetzung sehr beeindruckend. Denn The Society hat mit rund 15 Hauptcharakteren und nur zehn Folgen ein straffes Programm und trotzdem hat man das Gefühl, dass jeder Charakter genügend Screentime bekommt, um ihn kennen zu lernen und eine Entwicklung zu sehen. Im Laufe der Serie verbinden sich die einzelnen Fäden der Figuren zu einem großen Netz. Besonders interessant sind Figuren wie Campbell Eliot (Christopher Gray), der seinen Hang zu masochistischen Methoden in der neuen Struktur perfekt ausleben kann, um andere zu manipulieren und zu quälen. Er bringt eine interessante Dynamik in die Geschichte.

The Society erinnert optisch an Riverdale und Pretty Little Liars. Doch obwohl die Serie visuell nicht besonders innovativ ist, ist der Inhalt umso interessanter, denn der hat durchaus eine gewisse Tragweite und Tiefe. The Society hat  keinesfalls ein neues Konzept und trotzdem ist sie durch die Charaktere und Storyline sehenswert.

The Rain– 2.Staffel- seit 17.Mai auf Netflix

Düster, impulsiv und leider vorhersehbar – Die zweite Staffel der skandinavischen Thriller-Serie The Rain hält nicht das was sie verspricht.

Nachdem der Virus im Regen fast alle Menschen in Skandinavien ausgerottet hat, befinden sich Simone Andersen (Alba August), Rasmus Andersen (Lucas Lynggaard Tønnesen) und ihre Freunde auf der Flucht vor der Organisation Apollon. Denn Rasmus ist Patient Null. Er trägt das Virus in sich und könnte der Schlüssel für ein Heilmittel sein, doch Simone vertraut Apollon nicht und beschließt ihrem Bruder auf eigene Faust zu helfen. Auf der Suche nach Hilfe gelangen sie an eine Gruppe von Wissenschaftlern, die von Apollon abgeschirmt versuchen, ein Heilmittel zu entwickeln. Nur sie könnten Rasmus helfen. Doch alle unterschätzen die Gefahr, die von Rasmus ausgeht.

Zwischen Realität und Fantasie

Nach dem Erfolg der ersten Staffel waren die Erwartungen  für die zweite hoch. Optisch schließt sich diese auch nahtlos an die hochwertig produzierte erste Staffel an. Denn die Serie überzeugt mit einem düsteren, kalten Look, der perfekt die dystopische aber nicht unrealistische Stimmung einfängt. Auch die Maske und das Makeup ist minimalistisch und realistisch gehalten, was die Glaubwürdigkeit der Serie ungemein steigert. Besonders schön anzusehen sind die dezent eingesetzten VFX (visual effects), die genutzt wurden um den Virus zu visualisieren. Er wird als schwarzer Nebel dargestellt und wirkt fast schon wie ein denkendes, agierendes Lebewesen. Diese Umsetzung passt sehr gut zu der interessanten Symbiose, die Rasmus und der Virus eingehen.

Rettung erwünscht

Und genau diese sonderbare Beziehung steht auch im Mittelpunkt der zweiten Staffel. In der ersten Staffel war der Fokuspunkt der Erzählung, die einzelnen Figuren zu illustrieren, ihren Bezug zu der Epidemie zu zeigen und die Beziehungen zwischen den Figuren aufzubauen. Die zweite Staffel konzentriert sich verstärkt auf Rasmus und den Virus. Doch leider kann dieser Aspekt  die Handlung nicht tragen. Rasmus Entscheidungen und Aktionen sind übersteigert und so impulsiv, dass er weder Sympathie noch Mitgefühl weckt. Er wirkt wie ein Kind in der Trotzphase. Mag sein, dass dies beabsichtigt ist und den Konflikt mit seiner Identität und dem Virus deutlich machen soll, aber ein Hauptcharakter, der nicht mal das Mitgefühl der Zuschauer wecken kann, ist eine schlechte Idee. Und da können auch die anderen Charaktere nur noch wenig retten. Denn interessante und komplexe Figuren wie Lea (Jessica Dinnage) oder Jean (Sonny Lindberg) haben weniger Screentime als ihnen zusteht. Jedoch gibt es auch eine erfreuliche Ergänzung des Cast – Sarah (Clara Rosager). Sie sorgt mit eine Prise Ironie und Geheimnis für die nötige Portion Spannung, die die Serie dringend braucht.  

Doch trotz neuer spannender Figuren ist die zweite Staffel im Gesamten deutlich schwächer als die erste. Da reicht dann auch die tolle Optik nicht aus, um die inhaltlichen Schwächen zu kaschieren. So ist die zweite Staffel von The Rain sehenswert für alle die ein Fan der ersten waren, es ist aber keinesfalls eine Serie für die extra Popcorn gemacht werden muss.  

What/If – 1.Staffel – seit 24. Mai auf Netflix

Warum gibt es Moral und was passiert, wenn man sich entscheidet den Regeln nicht mehr zu folgen. Lisa Donovan (Jane Levy), eine Frau mit den höchsten moralischen Vorstellungen, trifft auf Anne Montgomery (Renée Zellweger) eine Frau, die ihre komplett abgelegt hat.

Seit Lisa Donovans kleine Schwester an Krebs gestorben ist, hat sie sich der Forschung nach einem Heilmittel verpflichtet. Mit ihrem Start-up Unternehmen Emigen will sie eine Lösung finden, Medikamente an die Gene von einzelnen Patienten anzupassen, so sollen sie besser wirken. Doch Lisa  steht vor dem finanziellen Bankrott, denn niemand will in ihr Unternehmen investieren, bis Anne Montgomery auftaucht. Eine Geschäftsfrau und Investorin, die für ihre Rigorosität bekannt ist. Sie macht Lisa und ihrem Mann Sean (Blake Jenner) ein zweifelhaftes aber verlockendes Angebot. Mit der Entscheidung es anzunehmen, lösen Lisa und Sean eine Lawine aus, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Was ist Moral?

Allein dieses Grundszenario bietet ein  starkes, erzählerisches Gefälle, sodass es für eine spannende Serie nicht mehr viel bräuchte. Doch neben diesem interessanten Konflikt spuken in der Netflix-Eigenproduktion What/If leider auch wenig interessante Nebengeschichten herum, die vom eigentlichen Potential der Geschichte ablenken. Der verbindende Punkt, zwischen den einzelnen Erzählsträngen ist die Moral, beziehungsweise wie sie die Entscheidungen der Charaktere beeinflusst. Nur Anne Montgomery gespielt von Reneé Zellweger hat sich von den gesellschaftlichen Ansprüchen an ihr Handeln befreit.

Der Matrjoschka Effekt

So haben wir die Bridget Jones-Darstellerin Renée Zellweger auch noch nie gesehen. Denn ihre Rolle als Anne Montgomery hat eigentlich nichts mit der tollpatschigen, liebenswerten Bridget Jones aus Schokolade zum Frühstück gemeinsam. Kaltherzig, berechnend und höchst intelligent. Eine unnahbare Person. Doch auch Anne Montgomery mehr als nur eine glatte, bemalte Oberfläche. Obwohl in den ersten Folgen noch nicht viel über ihre Vergangenheit bekannt wird, ist abzusehen, dass ihr Handeln nicht nur durch Geld und persönlichen Ehrgeiz motiviert ist. Auch auf Lisa Donovan ist der Einfluss von Anne deutlich zu spüren. Die ungleiche Beziehung der beiden starken Frauen ist das Highlight der Serie.

Doch die Nebengeschichten lassen What/If aussehen wie eine Soap-Opera aus den 90ern. Sequenzen wie Flashbacks, sind zwar hilfreich für die Verknüpfung der aktuellen Handlung mit der Vergangenheit, sehen aber durch Weichzeichner und Überblendungen überholt aus. Die Anthologie-Serie besticht durch die interessante Storyline und vielschichtige Figuren, die eine Entwicklung aufzeigen. Besonders die feinen Nuancen, die Renée Zellweger in ihr Schauspiel einfließen lässt, machen die Serie sehenswert.

Eden – seit dem 2.Mai auf ARTE und ARD

Erstarrt steht Florian Henning (Bruno Alexander) knietief im Wasser, das Eis läuft ihm die Hand herunter, während rund 20 Flüchtlinge aus dem Boot springen und ans rettende Ufer der griechischen Insel Chios eilen. Mit einem größeren Kontrast könnte eine Serie kaum einsteigen.

Dieses Szenario ist der Knotenpunkt, der Ereignisse und Schicksale, die in der ARTE-Serie Eden verknüpfen werden. Denn die Serie findet wieder zu den ursprünglichen Wurzeln eines Mini-Serien Formats zurück: komplexe, internationale Zusammenhänge auf einer menschlichen Ebene zu erzählen. In diesem Fall hat sich der französische Regisseur und Drehbuchautor Dominik Molls mit der Flüchtlingsthematik auseinandergesetzt und beleuchtet diese aus verschiedenen Perspektiven.

Eine Gemeinsamkeit

Amare (Joshua Edoze) und Daniel (Alexandros Asse-Longovitis) – zwei geflüchtete Brüder, die nicht wissen, ob sie bleiben oder weiterziehen wollen. Familie Henning, die nach den Ereignissen am Strand von Chios einen Flüchtling aufnimmt. Alexandros (Theo Alexander), der Wärter eines Flüchtlingslagers, der mit Schuldgefühlen kämpft. Hélène (Sylvie Testud) eine Frau, die wirtschaftliches Kapital in den Flüchtlingen sieht. Und noch viele andere. Jeder von ihnen ist auf seine Weise  von der Flüchtlingskrise betroffen. Eden ist ein ambitioniertes Projekt, das sicher leicht hätte  schief gehen können. Dass ist es aber nicht, denn die Serie hat gar nicht den Anspruch große Probleme zu lösen und das politische Fadennetz zu durchtrennen. Sie versucht lediglich auf nahbarer Ebene Geschichten von Menschen zu erzählen, die betroffen sind – und das sind im Grunde alle. Deshalb sind auch die verschiedenen Perspektiven so gewählt. Natürlich ist das Handeln der Figuren an manchen Stellen plakativ und glattgebügelt, aber es ist immer noch ein Unterhaltungsformat und kein Lehrfilm.

Europäische Realität

Trotzdem nimmt der Zuschauer aus der Serie sehr viel mit. Er begreift Schicksale und versteht besser, welche Motivationen hinter Verhaltensweisen stecken könnten. Er bekommt einen Einblick in die Leben, die einem sonst meist fremd bleiben. Besonders empfehlenswert ist es, die Serie im Originalton (mit Untertitel) zu sehen, da dort alle Figuren in ihrer Muttersprache sprechen und nicht wie in der deutschen Fassung mit akzentfreiem Deutsch. Die Sprachverwirrung bildet genau die europäische Realität ab. Und so schwingt in Eden auf vielen Ebenen ein kritischer Subtext mit, der nicht außer Acht gelassen werden kann.

Obwohl über jede einzelne Geschichte ein eigener Film gedreht werden könnte, erfahren wir jedoch genug über die Figuren, um mit ihnen zu fühlen und ihre Handlungen nachzuvollziehen. Denn die Charaktere, die die Geschichte zum Leben erwecken sind, weder utopisch noch überzogen. Sie sind so nah an der Realität, wie es in einem fiktionalen Stück nur möglich ist.

Die Bildsprache vermittelt durch gedeckte, helle Farben ein skandinavisches Flair, der an eine Ikea-Werbung erinnert. Er bildet einen interessanten Kontrast zu den teilweise makaberen Handlungen und Konversationen. Die Serie ist ein kleiner Insider-Tipp für alle, die auf Mini-Serien stehen und sich mit der Flüchtlingsthematik auf einer anderen Ebene beschäftigen wollen.

Text: Julia Scholl, Foto Credits: © SWR/Pierre Marsaut | Adam Rose/Netflix | Courtesy of Netflix | Seacia Pavao/Netflix. Montage: Lena von Heydebreck