Der Weg zum Auslandssemester

von | 2. August 2019

Der Weg ins Auslandssemester ist einfacher als meist gedacht. Bild: Christin Post

Die Anzahl deutscher Studierender, die einen Auslandsaufenthalt während ihres Studiums absolvieren, hat sich in den letzten 20 Jahren fast verdreifacht. Laut einer Studie der EU Kommission, die sich mit den Auswirkungen des ERASMUS+-Programms auf die Hochschulbildung beschäftigt, haben diese Auslandsaufenthalte äußerst positive Effekte auf die persönliche und berufliche Entwicklung der Teilnehmenden. 

Über ERASMUS+

Das ERASMUS+-Programm fördert seit 1987 Auslandsaufenthalte und Praktika und gilt somit als ältestes Bildungsprogramm der Europäischen Union (EU). Laut der deutschen Bundesregierung ist ERASMUS+ das weltweit größte Förderprogramm für Aufenthalte im Ausland. Zwischen 1987 und 2017 wurden rund 4,4 Millionen Studierende unterstützt.

„Ich würde jedem empfehlen, ein Auslandssemester zu machen. Die Gewinne sind deutlich größer als das, was man investiert oder in der Zeit verlieren kann.” So beendet Philipp, der über das ERASMUS+-Programm zwei Semester in Tampere, Finnland verbracht hat, sein Interview mit medienMITTWEIDA. An der Hochschule Mittweida studiert er Energie- und Umweltmanagement und schreibt gerade seine Bachelorarbeit. Über seine Zeit in Finnland sagt er, dass er durch den sehr praxis- und projektorientierten Unterricht seine interkulturellen Kompetenzen stärken konnte. Das verdanke er den Projekten, die oftmals mit Studierenden verschiedenster Nationalitäten durchgeführt worden wären. Ebenso habe er seine Anpassungsfähigkeit und Flexibilität verbessern können. Diese Beobachtungen passen sehr gut zu denen, der Studie der EU Kommission. Fähigkeiten, die für ein Beschäftigungsverhältnis beispielsweise relevant seien, wären Flexibilität, Kreativität, Problemlösungsfähigkeit, Kommunikation und kritisches Denken.    

Ehemalige ERASMUS+-Teilnehmende haben Verbesserungen in folgenden Fähigkeiten wahrgenommen. Grafik: Alexander Grau, Quelle: EU Kommission

Trotz der Vielzahl an Vorteilen, die ein Auslandssemester mit sich bringt, scheint es ebenso viele Ängste oder Vorbehalte ihnen gegenüber zu geben. Der Studie der EU Kommission zufolge, wären persönliche Beziehungen oder familiäre, finanzielle und organisatorische Gründe die Hauptbarrieren, die einem Auslandsaufenthalt im Weg stünden. „Oftmals scheitert es auch einfach am Selbstvertrauen, weil die Leute denken, ihr Englisch wäre zu schlecht”, fügt Frau Worbs-Reichenbach dem hinzu. Sie arbeitet im International Office der Hochschule Mittweida. Darüber hinaus sagt sie: „Ich merke auch, dass nach wie vor ein Informationsdefizit zu dem Thema herrscht. Es gibt tatsächlich noch viele Leute, die davon nie etwas gehört haben oder nur am Rande. Manche haben auch falsche Vorstellungen, dass es nur für bestimmte Zielgruppen oder Studienrichtungen gedacht ist.” 

Wer kann am ERASMUS+-Programm teilnehmen?

Die ERASMUS+-Förderung steht Studierenden aller Hochschularten und Fachrichtungen zu. Eine Einschreibung an einer deutschen Universität oder Hochschule sowie ein deutscher Pass oder eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland zählen als Bewerbungskriterien. Der Studienaufenthalt muss mindestens drei und darf höchstens zwölf Monate dauern. Diese Zeiträume zählen jeweils für das Bachelor- und das Masterstudium, sowie für die Promotion. Studierende, die bereits ihre Zeiträume ausgeschöpft haben, dürfen sich nicht erneut bewerben. Des Weiteren sei es gut, wenn man das Niveau A2-B1 des entsprechenden Ziellandes sprechen könne, um sich vor allem im Alltag unterhalten zu können, so Frau Worbs-Reichenbach. Sie fügt dem hinzu, dass es ihr wichtig sei, dass die Studierenden wüssten, dass ein Auslandssemester grundlegend für jeden möglich sei.

Wie verläuft die Planung?

Es gibt mehrere Optionen, wie ein Auslandssemester organisiert werden kann. Zum einen kann es an einer ausländischen Partnerhochschule der eigenen Hochschule absolviert werden. Hierfür sollte das ERASMUS+-Programm genutzt werden. Der Vorteil dabei ist, dass die Anerkennung der im Ausland erbrachten Leistungen recht unkompliziert vonstatten geht und da International Office bei den Vorbereitungen hilft. 

Eine weitere Möglichkeit ist die selbstständige Organisation. Dabei wird der Aufenthalt selbst geplant und  deshalb sollte schon rund anderthalb Jahre vorher damit begonnen werden. 

Darüber hinaus kann man auch einen Studiengang wählen, der einen Auslandsaufenthalt integriert hat. Hierbei haben die Studierenden sowohl an einer deutschen, als auch an einer ausländischen Hochschule Veranstaltungen. Einige Studiengänge bieten dabei auch Doppelabschlüsse an, welche allerdings sehr gute Sprachkenntnisse voraussetzen. Der Vorteil dabei ist, dass der Aufenthalt im Ausland ein fester Bestandteil ist und somit sowohl die Organisation als auch die Anerkennung besser funktionieren. 

„Da ich gern in einem englischsprachigen Land studieren wollte, hab ich mich erstmal in diese Richtung informiert, was da möglich ist”, sagt Philipp. „Wenn die Studierenden eine Auswahl getroffen haben oder mit einer konkreten Vorstellung ankommen, dann schauen wir gemeinsam, welche Voraussetzungen fachlicher und sprachlicher Art es vor Ort gibt”, erklärt Frau Worbs-Reichenbach. Danach werde gemeinsam Schritt für Schritt eine organisatorische Reihenfolge abgearbeitet. Der Studierende bekommt ein Learning Agreement, was er auszufüllen hat. Dieses beinhaltet eine Auflistung der Kurse und Seminare, die im Ausland belegt und angerechnet werden sollen. Am Ende wird es von beiden Hochschulen und dem Studierenden unterschrieben. „Das Learning Agreement ließ sich echt einfach ausfüllen, man muss sich aber gut mit dem Modulkatalog beschäftigen und schauen, welche Module man wirklich belegen will”, sagt Philipp dazu. Danach bekommt der Studierende einen Letter of Acceptance von der Gasthochschule zugesandt, der im International Office abgegeben werden muss. Im Anschluss wird das Grant Agreement geschlossen, welches die vertragliche Förderungsgrundlage für den Auslandsaufenthalt ist. Philipp sagt zu dem Prozess, dass es recht einfach gewesen sei, weil ihm alle Dokumente, die auszufüllen waren, zugesandt wurden und er sie nur ausfüllen musste. Sobald er aber Fragen hatte, wurde ihm dabei auch im International Office der Hochschule weitergeholfen. 

Wie kann das Auslandssemester finanziert werden? 

Als ERASMUS+-Teilnehmender kann ein monatlicher Fördersatz von mindestens 330 und maximal 450 Euro bezogen werden. Die Förderhöhe hängt davon ab, in welcher der drei Ländergruppen die Gasthochschule ansässig ist. Darüber hinaus bietet das ERASUMUS+-Programm auch den Vorteil, dass es keine Studiengebühren für entsendete Studierende der Partnerhochschule gibt. ERASMUS+-Förderungen werden immer direkt an der Hochschule beantragt und können mit BAföG und Deutschlandstipendien kombiniert werden. Auch Auslands-BAföG ist eine Möglichkeit, um seinen Auslandsaufenthalt zu finanzieren. Grundlegend wird dies bei Studienaufenthalten von mindestens drei Monaten bis zu einem Jahr gezahlt. In der EU und der Schweiz können sogar ganze Studienverläufe damit finanziert werden. Auslands-BAföG kann auch gezahlt werden, wenn es in Deutschland nicht bezogen werden kann. Das kann auf mögliche höhere Kosten durch den Auslandsaufenthalt zurückgeführt werden. Dabei handelt es sich dann zu einer Hälfte um einen Zuschuss und zur anderen Hälfte um ein zinsloses Staatsdarlehen. Wichtig ist, dass Anträge zum Auslands-BAföG mindestens sechs Monate vor Beginn des geplanten Aufenthaltes gestellt werden. Für die Anträge sind verschiedene kommunale Ämter zuständig. Hier ist eine Auflistung der entsprechenden Ämter.

Als Alternative zum ERASMUS+-Programm bietet der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) auch eine Vielzahl verschiedener Stipendien an. Diese sind teilweise für alle Fächer zugänglich und andere wiederum sind fach- und länderspezifisch. Noch mehr Förderungsorganisationen befinden sich hier. 

Bezüglich der ERASMUS+-Förderung ist Philipp der Meinung, dass es ausreiche, um zu überleben, wenn man allerdings die Region mehr erkunden wolle, so müsse man noch anderweitig Geld verdienen. So wäre es beispielsweise möglich, einen Nebenjob im Ausland anzunehmen. Jedoch sollte man sich davor darüber informieren, ob man eine Arbeitserlaubnis dafür benötigt und ob das Stipendium einen Nebenjob zulässt. 

Wie werden meine erbrachten Leistungen anerkannt? 

Bei der Anrechnung kann es zu Schwierigkeiten kommen, daher sollte vor der Reise geklärt werden, welche Stelle für die Anrechnungs- und Anerkennungsfragen zuständig ist. Darüber hinaus sollte herausgefunden werden, in welcher Form die Studien- und Prüfungsleistungen nachzuweisen sind und was generell anerkannt werden kann. Die Anerkennung verläuft in der Regel bei europäischen Studiengängen und Hochschulpartnerschaften problemlos ab, da die Anerkennungsfragen vertraglich geregelt sind. Für die Anerkennung der Leistungen ist nur die deutsche Hochschule zuständig, an der das Studium nach dem Aufenthalt fortgesetzt wird. Der DAAD hat ein Schaubild zusammengestellt, wie die Anerkennung von Leistungen Schritt für Schritt erfolgt. 

Vorteile vor allem auf persönlicher Ebene

„Ich spreche selbst aus Erfahrung – ich würde jederzeit empfehlen, ins Ausland zu gehen. Es ist nicht nur eine fachliche Bereicherung, sondern vor allem eine persönliche, wenn man feststellt, dass man sich in der ganzen Welt zurechtfindet, wenn man nur aufgeschlossen und bereit ist, mit anderen Leuten in Kontakt zu treten.“

Ulrike Worbs-Reichenbach

Die Studie der EU Kommission hat festgestellt, dass ein Auslandsaufenthalt dazu beitragen kann, dass Studierende die Laufbahn ihrer Karriere verändern und sie ihren persönlichen Zielen besser anpassen. So haben rund 72 Prozent früherer ERASMUS+-Teilnehmenden gesagt, dass sie nach dem Aufenthalt besser wüssten, welchen Karriereweg sie einschlagen wöllten. Rund ein Viertel aller Studierenden haben nach dem Auslandssemester ihren Studienplan geändert. 

 Außerdem haben Studierende darüber berichtet, dass sie Fähigkeiten erlernt und verbessert haben, die eine verbundene Gesellschaft fördern. So gaben 95 Prozent der ehemaligen ERASMUS+-Teilnehmenden an, dass sie sich nach ihrem Aufenthalt besser mit Leuten anderer kultureller Hintergründe verstünden. 93 Prozent gaben auch an, dass sie kulturelle Unterschiede besser in Betracht ziehen könnten, wenn es darum ginge, dass andere Leute anderer Meinung sind oder andere Ideen haben. 

 Zum Abschluss sagte Frau Worbs-Reichenbach noch, dass Studierende, die sich noch nicht sicher seien, ob sie einen Auslandsaufenthalt antreten wollen, sich mit Leuten unterhalten sollen, die bereits im Ausland waren. „Die können ihren Mehrgewinn auf jeden Fall besser rüberbringen, als wenn ich hier nur theoretisch alles erkläre”, fügt sie hinzu. Weitere Informationen und Beratungen können im International Office der Universität oder Hochschule bezogen werden.

Text: Alexander Grau, Titelbild: Christin Post