„Heute fühle ich mich gelb“

von | 6. März 2020

Die Dresdener Frauenkirche an einem sonnigen Tag. Für 90 Prozent der Menschen sieht die Welt so bunt aus wie auf der linken Seite. Für die anderen zehn Prozent erscheint sie schwarz-weiß. Titelbild: Anton Baranenko

Wir werden rot vor Scham, machen blau und jeder kennt das Restaurant mit dem großen gelben M. Um uns in unserer Umwelt zurechtzufinden, nutzen wir Farben. Doch in Johannes’ Welt sind sie unbedeutend – er hat eine Rot-Grün-Blau-Gelb-Sehschwäche. Welche Auswirkungen das für ihn in seinem Alltag und Beruf hat, erzählt uns der 26-jährige Tätowierer im Interview mit medienMITTWEIDA. 

Johannes, würdest du dich, bevor wir darüber reden, wie bunt dein Leben ist, bitte einmal kurz vorstellen?

Johannes K. Beddies: Ich bin Johannes und ich komme aus Leipzig. Diese Stadt hat es mir sehr angetan. Vor allem, weil ich auch schon immer künstlerisch tätig bin. Was auf jeden Fall auch spannend ist, in Bezug auf dieses Farbding. Ich bin nämlich Tätowierer und da werde ich täglich mit dieser ganzen Farbsache konfrontiert.

Wann wurde bei dir festgestellt, dass du eine Farbsehschwäche hast?

Johannes: Das mit der Rot-Grün-Schwäche war eigentlich von Anfang an klar, weil ich schon ab Kindesalter Verwirrungen gezeigt habe. Mein Urgroßvater hatte eine stark ausgeprägte Rot-Grün-Schwäche. Deswegen wurde es auch gleich damit in Zusammenhang gebracht. „Alright, Johannes hat einfach genau das Gleiche, was der Opi auch hat.” Das hat natürlich dazu geführt, dass meine Eltern sich auch nicht ansatzweise Mühe gegeben haben, mich mit Farben zu konfrontieren. Die wollten mich damit, glaube ich, auch einfach nicht stressen. Was ich sehr begrüßt habe. Dadurch hat sich bei mir aber so ein farblicher Analphabetismus ergeben. Alles, was mit Farben zu tun hat, spielt in meinem Kopf keine Rolle. Das ist wie in einem fremden Land mit einer fremden Sprache. Sie umgibt dich überall, aber für dich hat sie keine Bedeutung.

Siehst du mit deiner Rot-Grün-Blau-Gelb-Sehschwäche überhaupt Farben oder nur in Grautönen und Schwarz-Weiß?

Johannes: Nein, ich sehe komplett bunt. Allerdings habe ich auch noch nie durch eure Augen gesehen. Bei mir ist es so, dass sich alle Farben, die sich irgendwie ähneln, vermischen. Mein Lieblingsbeispiel: Früher in der Schule hat jemand etwas Wichtiges an die Tafel mit roter Kreide geschrieben. Für mich stand da nichts. Denn die rote Kreide verschwamm mit dem Hintergrund. Was mir dann das Gefühl gab, dass die komplette Tafel einfach flackert wie ein Bildschirm, der immer wieder leicht an- und ausgeht. Ich sehe schon, dass es verschiedene Farben sind. Teilweise merke ich die Überforderung meines Gehirns in Form von physischen Schmerzen.

Also hast du auch gar keine Vorstellung von Farben?

Johannes: Das ist so ein Ding: Farben lösen in meinem Kopf nichts aus, keine Assoziationen oder andere Gedanken. Ich sehe sie einfach und mein Gehirn schweigt dazu. Dadurch, dass ich Farben auch nicht so richtig verstehe, kann ich sie mir auch nicht richtig erschließen. Also verliere ich schnell das Interesse daran. Denn Farben sind nicht Teil meiner Sprache.

Du sagtest, dass du schon immer künstlerisch tätig warst. Wie hat das bei dir begonnen?

Johannes: Ganz am Anfang war es tatsächlich Musik. Ich hatte schon immer Lust, mich auszudrücken. Das mit dem bildlichen Ausdrücken hat dann erst vor drei Jahren angefangen. Da bin ich durch Indien gereist und mir hat meine Musik sehr gefehlt. Deshalb habe ich versucht, einen neuen In- und Output zugleich zu finden. In Indien beobachtete ich, dass sich extrem viele Leute über Street Art Gehör verschaffen. Dann habe ich angefangen, ganz viel davon zu fotografieren. In Leipzig-Ost, wo ich aufgewachsen bin, umgibt dich das überall. Dort sind die Straßen verfallen und die Wände noch schön bunt. Durch die Fotos bin ich also auf das Bildliche gekommen und irgendwann habe ich dann gedacht, ich zeichne mal was. Letztendlich bin ich dann bei der bildschaffenden Kunst gelandet.

Machst du dir durch deine Kunst deine Welt irgendwie auch bunt?

Johannes: Nein, bunt nicht. Ich habe die Kunst gewählt, um anderen Dämonen zu entkommen, aber nicht, um meiner Farbschwäche zu entkommen. Insofern hat meine Farbschwäche mit meiner Kunst wenig zu tun. Bis auf den Fakt, dass Farben fehlen.

Beim Tätowieren gibt es ja verschiedene Styles, manche mit und manche ohne Farbe. Beschränkst du dich aufgrund deines farbbeeinträchtigenten Sehens auf farblose Styles?

Johannes: Also wenn ich meine Entwürfe mache, sogenannte Wanna-Dos, dann versuche ich, schon immer auf der schwarzen Ebene zu bleiben. Beziehungsweise suche ich mir nur sehr knallige Farben heraus. Zum Beispiel bin ich sehr durch diese ganze Trap-Szene beeinflusst und deswegen sprechen mich Farben an, die schon richtig weh tun im Auge, wie magenta oder lila. Das ist dann für mich interessant. Es muss halt wirklich etwas triggern. Ich mag es, eine kleine Farbe in das Motiv einzubauen, die das ganze nochmal dreht.

Hast du dir jemals überlegt, deine Farbsehschwäche in deiner Kunst zu nutzen?

Johannes: Ich habe darüber schon mal nachgedacht und wurde darauf angesprochen. Ich könnte einfach mal nach Gefühl so ein Landschaftsbild malen. Da hätte ich dann einen pinken Himmel sowie grüne Ähren und das sieht alles total komisch aus. Es könnte halt sein, dass Leute das super interessant fänden und psychedelisch wahrnehmen.

Würde es dich überfordern, Farben sehen zu können?

Johannes: Ich denke schon, da meine Kunst aufgrund der wegfallenden Farben extrem musterbasiert ist. Wenn ich durch die Welt gehe, dann teile ich nicht alles nach Farben und Flächen ein. Ich sehe überall die verschiedenen Strukturen. Das ist für mich so eine Hälfe der visuellen Welt. Wenn jetzt die zweite noch dazu kommen würde, wäre ich wahrscheinlich maßlos überfordert.

Wie genau erschließt du dir deine Welt durch Strukturen und Formen?

Johannes: Das kann man sehr gut an meiner Kunst sehen. Ich mache Blackworks. Momentan arbeite ich gerade mit Negativen. Das bedeutet, ich nehme mir Fotos, die ich dann in Schwarz-Weiß-Flächen umarbeite und daraus entnehme ich wirklich nur die absoluten Kontraste. Es gibt dabei keine Grau-Flächen, das heißt, ich nutze nur schwarze Farbe und die Haut ist dann die weiße Fläche.

Durch die Nutzung von Kontrasten als Stilmittel entfallen Konturlinien, welche unser Gehirn gedanklich ergänzt. Wie genau das funktioniert, kann bei der Betrachtung der abgebildeten Tattoos erkannt werden. Fotos: Johannes Beddies/rogue.186.tattoo

Nehmen wir mal an, du malst ein Bild und findest es ziemlich schön. Dann sagt dir aber jemand, dass du an einer Stelle die falsche Farbe genommen hast. Würde dir das die Kunst kaputt machen oder sagst du, das gehört zu mir?

Johannes: Ich bin ein sehr bildkünstlerischer Mensch. Doch ich dachte, durch meine Farbsehschwäche habe ich in dem Bereich auch nichts verloren. Weshalb ich auch erst vor drei Jahren damit angefangen habe, als ich in Indien war. Vorher hatte ich immer das Gefühl, ich kann das eh nicht. Ich denke ein Auslöser für dieses Ne-du-kannst-es-eh-nicht-Gefühl war, dass ich immer wieder Kontra bekommen habe. Deswegen denke ich, ich hätte auch früher zur Kunst gefunden. Wenn mir nicht dauernd gesagt worden wäre, dass ich etwas falsch ausgemalt habe. Das hat mir ein richtig ungutes Gefühl gegeben. Ich habe auch nie verstanden, warum ich mich an der Realität orientieren sollte. Denn die gibt es ja schon.

Beeinflusst dich deine „falsche“ Wahrnehmung von Farben im Alltag?

Johannes: Der größte Einfluss wäre, dass es öfter Mal zur Sprache kommt. Die meisten Leute fragen dann: „Was ist Farbenblindheit?” oder „Wie kann ich mir eine Rot-Grün-Schwäche vorstellen?” Das ist eben für die Menschen aus meinem Umfeld interessant. Deswegen rede ich oft mit Leuten drüber, aber in meinem Alltag beeinflusst mich das ansonsten überhaupt nicht. Früher hatte meine Farbsehschwäche eindeutig eine dominantere Rolle in meinem Leben. Vor allem beim Shoppen, als ich ungefähr 14 war. Damals hatte ich mir eine, in meinen Augen, graue Hose ausgesucht. Die habe ich meiner Schwester gezeigt und sie hat mich ausgelacht. Denn meine graue Hose war knallgrün. Generell kann ich sagen, je älter ich werde, desto entspannter ist es

Empfindest du es manchmal als vorteilhaft, Farben nicht richtig zu sehen können?

Johannes: Ja, total. Ich bin auch hochsensibel, also mein Gehirn hat wenige oder nicht richtig funktionierende Filter. Würde jetzt noch ein weiterer Komplex an Eindrücken dazukommen, dann wäre ich einfach komplett überfordert. Ich würde nur noch irgendwo mit geschlossenen Augen rumsitzen. Das würde ich definitiv ablehnen.

Findet man bei dir Zuhause dann überhaupt bunte Möbel oder Kleidungsstücke?

Johannes: Das hat sich über die Jahre sehr gewandelt. In meiner Teeniezeit habe ich mir krampfhaft eine Lieblingsfarbe ausgesucht, wie zum Beispiel grün. Dann mussten alle Klamotten sowie Bettwäsche relativ grünlich sein und auch meine Schränke habe ich in der Farbe bemalt. Heute fühle ich mich eigentlich in Holz- und Naturtönen am wohlsten. Ich habe aber auch eine knallgelbe Winterjacke, die ich mit Inbrunst trage. Dabei hinterfrage ich nie, ob ich sie tragen kann. Ich frage mich nur: „Fühle ich mich heute gelb?” Wenn ich mich so fühle, ist mir auch die Reaktion der Leute auf der Straße egal.

Assoziierst du demzufolge in deinem Kopf Farben mit einem Gefühl und gibst ihnen dadurch doch eine gewisse Bedeutung für dich?

Johannes: Bisher habe ich das noch nicht wahrgenommen, dass ich so viele Farbassoziationen in meinem Kopf habe. Ich wüsste auch nicht, wofür ich Farben nutze, außer für Klamotten. Ansonsten versuche ich, mich auch davon fernzuhalten. Es geht für mich nur darum, ob ich es harmonisch finde. Über die Jahre habe ich aber sicherlich mitbekommen, welche Farbe wie in der Gesellschaft wahrgenommen wird.

Würdest du dir einen offeneren Umgang mit dem Thema Farbenblindheit wünschen, beziehungsweise mehr Verständnis?

Johannes: Das Thema Farbenblindheit ist natürlich nicht tabuisiert, aber es betrifft so wenige Menschen, dass es den Großteil nicht interessiert. Die Voraussetzungen sind geschaffen, sich in einer auf Farben basierenden Gesellschaft zurechtzufinden. Dennoch finde ich, dass unsere Gesellschaft generell Nachholbedarf hat was Inklusion angeht. Die Inklusion von farbbeeinträchtigt sehenden Menschen ist gleich null. Ich hatte eine tolle Kunstlehrerin in der Oberstufe, die mich extra eine andere Klausur hat schreiben lassen, aber so etwas gibt es nur selten. Auch meine Eltern können sich bis heute nicht merken, dass ich eine Rot-Grün-Blau-Gelb-Sehschwäche habe. Das scheint alles so sehr auf meinen Kopf begrenzt zu sein, dass es generell noch sehr oft vergessen wird. Dadurch wird mir aber auch immer wieder bewusst, wie wichtig das Kriterium Farbe in eurer Welt ist.

Text: Maren Frömming, Titelbild: Anton Baranenko,
Fotos: Johannes K. Beddies/rogue.186.tattoo